Kolja Zydatiss / 23.04.2021 / 06:15 / Foto: shuets udono / 49 / Seite ausdrucken

Ausgestoßene der Woche: Buchhaus, Damenhygiene, Eiernockerln…

Der brutalste aktuelle Fall von Cancel Culture zuerst: Unbekannte schlugen in der Nacht vom 18. zum 19. April im Buchhaus Loschwitz in Dresden das Schaufenster ein und warfen eine mit Pyrotechnik und Säure gefüllte Flasche in den Laden. Das 2015 und 2016 mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnete Geschäft wird von Susanne Dagen betrieben, die für die Freien Wähler im Stadtrat von Dresden sitzt. Mit Lesungsformaten wie „Aufgeblättert. Zugeschlagen – Mit Rechten lesen“, einer vorübergehenden Mitgliedschaft im Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung und ihrer Herausgeberschaft der Buchreihe „Exil“, in der Teils der sogenannten Neuen Rechten zugerechnete Autoren zu Wort kommen, stand Dagen immer wieder im Fokus Linksextremer. Das Erscheinen einer Essaysammlung von Monika Maron in der Reihe Exil führte 2020 zum Rausschmiss der Autorin bei ihrem Stammverlag S. Fischer.

„Der Angriff von heute Nacht trägt eine bestimmte Handschrift“erklärt Vera Lengsfeld„Buttersäure wird von der Antifa gegen Gastronomen und Hausbesitzer eingesetzt, um gegen ‚Gentrifizierung‘ zu ‚protestieren‘. Buttersäure wird von der Haut schnell resorbiert und kann schwere Verätzungen von Haut, Augen (Erblindungsgefahr!) und Schleimhäuten verursachen. Inhalation der Dämpfe kann zu schweren Irritationen der Atmungsorgane führen. […] Das Perfide ist, dass sich die Wohnung der Familie im selben Gebäude befindet. Die Tochter wachte nachts von Lärm der eingeschlagenen Scheiben auf und sah noch eine Stichflamme.“

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz schreibt in einer Stellungnahme„Erfreulicherweise kam [bei dem Anschlag] keine Person zu Schaden. Der materielle Schaden ist jedoch noch nicht absehbar, da der hartnäckige Buttersäure-Gestank gravierende Rückwirkungen auf den Geschäftsbetrieb wie auch die Verkäuflichkeit der Ware haben wird. Dies ist offenbar die Art wie sich politische Linke [sic] in diesem Land den Austausch von Argumenten vorstellt.“

Damenhygieneartikel diskret entsorgen

Mit „einer heftigen Welle an Hass, Mobbing und Gewaltandrohungen, bis hin zu Morddrohungen“ und Attacken und Beschimpfungen auf offener Straße hatten diese Woche die Gründer des Unternehmens „Pinky Gloves“, Eugen Raimkulow und Andre Ritterswürden, zu kämpfen. Die „Pinky Gloves“, für die die beiden Männer in der Fernsehshow „Höhle der Löwen“ einen „Deal“, also einen Investor, gewinnen konnten, sollen dazu dienen, ein wie auch immer geartetes Frauenproblem zu lösen. Sie ermöglichen es, Damenhygieneartikel in dem Handschuh als blicksicherer Müllbeutel diskret wegzuwerfen. „Sexistisch“, „überflüssig“, „umweltschädlich“, waren einige der zivileren und sachlicheren Einschätzungen dieser Produktidee im Netz.

„Wir hatten zu keinem Zeitpunkt vor, jemanden zu diskreditieren oder einen natürlichen Prozess zu tabuisieren“, schreiben die beiden Jungunternehmer in einem aktuellen Statement unter der Überschrift „Wir hören auf mit #pinkygloves“. „Wir entschuldigen uns bei allen, deren Gefühle und Emotionen verletzt wurden. Wir können nachvollziehen, dass sehr viele darüber verärgert sind. Wir begrüßen nach wie vor, dass eine wichtige Debatte angestoßen wurde, wo die sachliche und konstruktive Debattenkultur hoffentlich wieder die Oberhand gewinnt. […] Bitte hört damit auf, uns, unsere Familien und Unterstützer:innen anzugreifen und zu bedrohen.“

Am Pranger steht aktuell auch der französische Mineralwasserkonzern Evian. Das Unternehmen rief am 13. April auf seiner französischen Twitterseite dazu auf, einen seiner Tweets zu teilen, wenn man bereits einen Liter an diesem Tag getrunken habe. Zufällig fiel dieses banale Marketingstatement mit dem Beginn des Fastenmonats Ramadans zusammen, in dem gläubige Muslime von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang weder Flüssigkeit noch Nahrung zu sich nehmen sollen. Auf Twitter verbreitete sich rasant die Unterstellung, Evian habe absichtlich Muslime provozieren wollen. Viele Stimmen warfen dem Konzern Rassismus vor. Evian sah sich dazu genötigt, eine Entschuldigung unter seinem Tweet abzusetzen: „Guten Abend hier ist das Evian-Team, es tut uns leid, dass uns ein solches Missgeschick unterlaufen ist, der Tweet sollte keine Provokation sein!“

Der BR will nun offenbar doch nicht mutig sein

Der Shitstorm und die von vielen Kommentatoren als feige und unnötig bewertete Entschuldigung schlugen hohe Wellen bis in globale Leitmedien wie die Londoner Times. Auch Politiker wie die französische Staatssekretärin für Jugend und Engagement, Sarah El-Haïry, äußerten sich zu dem Fall. (Quellen: Humanistischer PressedienstBerliner Zeitung)

Vor zwei Wochen schrieb ich in dieser Artikelreihe„Der Bayerische Rundfunk (BR) steht zu einem kürzlich gesendeten Sketch des Kabarettisten Helmut Schleich, in dem dieser – schwarz geschminkt und in Militäruniform – in die Rolle der Kunstfigur Maxwell Strauss schlüpfte. Letzterer ist ein autoritärer Machthaber im fiktiven afrikanischen Staat MBongalo und unehelicher Sohn des verstorbenen CSU-Granden Franz Josef Strauß. Stammzuschauern der BR-Sendung SchleichFernsehen ist diese Figur schon seit langem bekannt.“

Wie verschiedene Medien, darunter FAZ und Welt, berichten, hat der BR nun offenbar einen Rückzieher gemacht. „Wir haben uns darauf verständigt, dass Maxwell Strauß nicht mehr auftreten wird“, habe ein BR-Sprecher nach der Sitzung des Aufsichtsgremiums am vergangenen Freitag mitgeteilt. Der Sender habe außerdem eine „interne Werte-Diskussion“ angekündigt. Dazu werde eine spezielle Arbeitsgruppe eingerichtet. Man sehe sich in der Verantwortung, „gegen Stereotype und Herabwürdigungen zu wirken“.

Das sogenannte „Blackfacing“, das Schleich von Kritikern vorgeworfen wird, wurde einst in Minstrel-Shows eingesetzt, um Schwarze stereotyp darzustellen. Der Kabarettist hält dagegen, dass seine Sketche mit dem fiktiven afrikanischen Despoten keinerlei rassistische Intention hätten: „Gerade durch einen erfundenen Sohn Maxwell Strauß zeige ich den Import neokolonialer Strukturen aus dem globalen Norden nach Afrika auf.“

Rufmord-Kampagne einer Journalistin

Wegen der Einladung der Bloggerin und Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall zu einer Online-Diskussionsveranstaltung wurde der humanistisch orientierte Verein Düsseldorfer Aufklärungsdienst vergangene Woche unter erheblichen Druck gesetzt. Eine Redakteurin der Düsseldorfer Internetzeitung report-D versuchte, Frau Herrmann-Marschall zu diskreditieren, u.a. indem sie diese in E-Mails fälschlich als „AfD-nahe Aktivistin“ bezeichnete (die Bloggerin ist SPD-Mitglied) und wahrheitswidrig behauptete, im Zusammenhang mit Herrmann-Marschall gebe es „bereits vor Gericht erstrittene Unterlassungsklagen“.

Die Islamismus-Expertin reagierte auf diesen Vorgang mit einer Strafanzeige gegen die Redakteurin. Die Veranstaltung unter dem Titel „Politischer Islam – Düsseldorfer Organisationen und Netzwerke“ konnte wie geplant am 15. April stattfinden, allerdings mit weniger Diskutanten als ursprünglich geplant, da aufgrund der Rufmord-Kampagne der report-D-Journalistin eine kurzfristige Absage zu verzeichnen war, wie der Humanistische Pressedienst (hpdmitteilt.

Auf der Petitionsplattform change.org wurde die Ende März gestartete Online-Petition „Europas Freiheit schützen – Politischen Islam stoppen!“ wegen „Hassrede“ gelöscht. „Seit den Attacken auf Salman Rushdie vor mehr als dreißig Jahren fasst der politische Islam in Europa immer mehr Fuß. Das gefährdet die offenen Gesellschaften unserer liberalen Demokratien. Die jüngsten islamistischen Morde in Frankreich, Deutschland und Österreich fordern unseren entschiedenen Widerspruch“, heißt es in der Einleitung der Petition, die u.a. von Michael Schmidt-SalomonMina AhadiSusanne Schröter und Christa Stolle initiiert wurde. „Wir wollen die Abwehr des islamischen Fundamentalismus nicht mehr den Rechtsextremen überlassen. Wir setzen aus der Mitte der Gesellschaft ein Zeichen dagegen. […] Wir stehen für ein säkulares und freies Europa für alle, die hier leben.“

Ein Widerspruch der Petenten gegen die Löschung blieb erfolglos. „Die betreffende Petition kann so interpretiert werden, dass sie das Tragen von Kopftüchern gleichsetzt mit Gewalt, die von islamistischen Extremisten begangen wird. Daher sah das Policy Team hier den von uns definierten Tatbestand der impliziten Hassrede erfüllt“, teilte change.org mit. (Quelle: hpd) Die Petition wird nun auf openpetition.de gehostet, wo sie weiterhin unterzeichnet werden kann.

Ein Aphorismus von Heinrich Heine als Dauerverstoss

Auf Facebook wird nach wie vor ein Aphorismus von Heinrich Heine („Der Deutsche gleicht dem Sklaven, der seinem Herrn gehorcht ohne Fessel, ohne Peitsche, durch das bloße Wort, ja durch einen Blick. Die Knechtschaft ist in ihm selbst, in seiner Seele; schlimmer als die materielle Sklaverei ist die spiritualisierte. Man muß die Deutschen von innen befreien, von außen hilft nichts.“) offenbar automatisch gelöscht. Diese Woche war es u.a. Achgut.com selbst und der Achgut.com-Autor Stefan Klinkigt, die von Facebook die Mitteilung erhielten, obige Zeilen seien ein Verstoß gegen die „Gemeinschaftsstandards zu Hassrede und Herabwürdigung“. Klinkigt wurde für 24 Stunden, Achgut.com sogar noch länger gesperrt. Vergangene Woche hatte ich in dieser Artikelreihe von dem Stralsunder Kaufmann Dirk Schwarzrock berichtet, der rechtlich gegen die Löschungen seiner Posts mit dem Heine-Zitat und die damit verbundenen Sperrungen seines Accounts vorgehen will.

Letzte Woche schrieb ich auch darüber, dass Twitter versucht, die Verbreitung von Online-Artikeln über das wachsende Luxusimmobilien-Portfolio der „marxistischen“ Black-Lives-Matter-Mitbegründerin Patrisse Khan-Cullors zu unterdrücken. Wie das britische Magazin Spiked berichtet, hat nun auch Facebook damit begonnen, das Teilen solcher Beiträge zu blockieren. Twitter hatte mit seinen „Richtlinien zur Privatsphäre“ argumentiert. Die Begründung von Facebook („Richtlinie zum Schutz der Privatsphäre und persönlicher Daten“) ist nahezu gleichlautend und genauso wenig überzeugend. Die Silicon Valley Oligarchen schließen die Reihen, um ihre liebste kulturrevolutionäre Bewegung zu beschützen. (In Deutschland hat der Rechtsanwalt und Achgut.com-Autor Joachim Nikolaus Steinhöfel Facebook am 16. April wegen der Unterdrückung eines New-York-Post-Beitrags über die Immobiliengeschäfte von Khan-Cullors abgemahnt. Wir dürfen auf die Antwort gespannt sein.)

In den USA bahnt sich ein Rechtsstreit zwischen Twitter und dem konservativen Politaktivisten James O’Keefe an. Letzterer ist Gründer der Enthüllungsplattform Project Veritas, welche mit Recherchemethoden des investigativen Journalismus arbeitet. O’Keefe meint, sein Twitter-Account sei vor wenigen Tagen aus politischen Gründen gesperrt worden. Project Veritas hatte kürzlich mit verdeckter Kamera gedrehte Videos veröffentlicht, in denen Charlie Chester, ein technischer Leiter bei CNN, zuzugeben scheint, dass der Sender „Propaganda“ produziert und aktiv die Wiederwahl Donald Trumps verhindern wollte. Twitter behauptet, O’Keefe sei gesperrt worden, weil er mehrere „fake“ Accounts eingerichtet habe, was gegen die Nutzungsbedingungen verstößt. Ich kann nicht beurteilen, wer in dieser Sache Recht hat, aber die Tatsache, dass O’Keefe bereit ist, Twitter zu verklagen, spricht dafür, dass er die Unrechtmäßigkeit der Sperre belegen kann. (Quellen: ForbesThe Verge)

„Plakat von Corona-Schwurblern“

Auch bei den Grünen gibt es eine Ausgestoßene der Woche. Wie die Westdeutsche Zeitung berichtet, ist die Vize-Bezirksvorsteherin im Stadtbezirk Ost in Mönchengladbach, Mona Aranea, von ihrem Amt zurückgetreten. Gleichzeitig trat die Politikerin aus der Fraktion der Grünen in der Bezirksvertretung Ost aus. Zuvor hatte es eine entsprechende Aufforderung durch den grünen Kreisverband und die grüne Fraktion gegeben.

Aranea tritt seit einigen Wochen regelmäßig bei Demonstrationen und Kundgebungen gegen die Corona-Maßnahmen auf. Sie wendet sich gegen eine „Volkskörperideologie“, mit „Mutti Merkel“ als Kopf, der „für uns alle denkt“, und wirft der Bundesregierung u.a. vor, nicht das Ziel des Infektionsschutzes zu verfolgen, sondern wirtschaftliche „Umverteilung“. Araneas Äußerungen riefen in der Mönchengladbacher Politik heftige Kritik hervor, die nicht auf ihre eigene Partei beschränkt blieb.

Ärger wegen ihrer Meinung zu den Corona-Maßnahmen bekamen diese Woche auch die Betreiber des Schreibwarengeschäfts pro-scriptum in Glienicke/Nordbahn (Brandenburg). Der Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, Lorenz Maroldt, wies auf Twitter (sowie im Tagesspiegel Newsletter Checkpoint) darauf hin, dass die „Partnerfiliale der Post“ ein „Plakat von Corona-Schwurblern“ im Schaufenster aufgehängt habe (gemeint ist ein Plakat „für maskenfreie Schulen“). „Vielen Dank für den Hinweis. Wir nehmen umgehend Kontakt mit dem Partner auf“, reagierte prompt der offizielle Twitter-Account der Deutsche Post DHL Group.

Am 14. April schickten der Epidemiologe Klaus Stöhr (ex-WHO) und Detlev Krüger, früherer Chef-Virologe der Charité, einen Brief an die Fraktionschefs im Bundestag. Darin wurde Kritik am Inzidenzwert als Maß aller Dinge in der Corona-Politik geäußert. Wie BILD später erfuhr, wollte ein weiterer Top-Epidemiologe das Schreiben unterzeichnen, durfte aber nicht. Gérard Krause, Leiter der Abteilung „Epidemiologie“ am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, bekam einen Maulkorb. Begründung des renommierten Instituts: Helmholtz-Forscher sollten sich „seriös und neutral“ äußern, „ohne sich dabei in irgendeiner Weise politisch oder anderweitig vereinnahmen zu lassen“.

Zweierlei Arten von Helmholtz-Wissenschaftlern

Für zwei andere Helmholtz-Wissenschaftler scheint diese Regel allerdings zu gelten. Mit der Virologin Melanie Brinkmann und dem Physiker Michael Meyer-Hermann gehören die beiden prominentesten Forscher des Helmholtz-Instituts zu den Verfassern des sogenannten „NoCovid“-Papiers, das seit Monaten für polarisierende Debatten sorgt. Darin fordern die beiden Wissenschaftler einen Knallhart-Lockdown für Deutschland, um die Inzidenz auf null zu drücken. Der Staat soll dabei mit „Motivationskampagnen“ einen „gesellschaftlichen Konsens“ herstellen. Mit diesem hochpolitischen Engagement scheint das Helmholz-Institut kein Problem zu haben.

Auf Twitter weist der kanadische Physiker Denis Rancourt darauf hin, dass er dauerhaft von dem in Deutschland ansässigen sozialen Netzwerk für Wissenschaftler ResearchGate gesperrt worden ist, und belegt das mit Screenshots. Der Grund: Rancourt hatte auf der Plattform mehrere wissenschaftliche Berichte veröffentlicht, die gegen das Maskentragen und gegen die Corona-Impfungen argumentieren. Das verstößt offenbar gegen die Nutzungsbedingungen, welche Inhalte unterbinden, die „potentiell Schaden verursachen“.

Die schweizerisch-italienische Fernsehmoderatorin und Schauspielerin Michelle Hunziker stand indessen im Mittelpunkt eines mittelschweren Rassismusskandals. In der italienischen Comedy-Sendung „Striscia la notizia“ alberte sie zusammen mit ihrem Co-Moderator Gerry Scotti ein wenig herum. Der Spiegel schreibt dazu: „Es sollte Satire sein, war aber einfach nur Rassismus: Michelle Hunziker hat sich vor laufender Kamera mit Grimassen und Akzent über Chinesen lustig gemacht. Eine Entschuldigung war fällig.“

Hunzikers Kritik und Selbstkritik kam prompt und fiel, wie heute üblich, recht blumig aus. Via Instagram entschuldigte sich die Moderatorin „bei allen Communities, die sie beleidigt“ habe, und für ihre Naivität, die Sensibilität der Menschen nicht in Betracht gezogen zu haben. Zum Glück verändere sich die Welt und sie wolle definitiv daran mitwirken und begrüße die Chance, dazu zu lernen.

Mit Richard Dawkins ist diese Woche auch eine Person unter den Ausgestoßenen der Woche, die immer wieder zum Ziel der Cancel Culture geworden ist. Der englische Verhaltensforscher, Evolutionsbiologe, Autor von Sachbuch-Bestsellern und Gründer der auch in Deutschland aktiven „Richard-Dawkins-Stiftung für Vernunft und Wissenschaft“ wurde z.B. vergangenes Jahr vom Trinity College Dublin ausgeladen. Die Studenten sollten geschützt werden vor der Ansprache einer islamfeindlichen Person, die auch noch fragwürdige Ansichten zu sexueller Nötigung vertrete (ich berichtete in dieser Artikelreihe). Bereits 2017 hatte der linke amerikanische Sender KPFA eine Diskussionsveranstaltung mit Dawkins abgesagt, weil sich einige Hörer über die Einladung des „Islamhassers“ beschwert hatten.

Richard Dawkins "Humanist des Jahres" – gewesen

Nun ist dem meinungsstarken Biologen auch noch der 1996 von der American Humanist Association (AHA) verliehene Preis „Humanist des Jahres“ wieder entzogen worden. Die AHA erklärte: „Leider hat Richard Dawkins in den letzten Jahren mehrfach Aussagen getätigt, in denen er unter dem Vorwand einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung marginalisierte Gruppen erniedrigt hat. Dieses Vorgehen widerspricht humanistischen Werten. In seinen letzten Äußerungen deutet er an, dass die Identitäten von trans Menschen betrügerisch sind. Außerdem attackierte er die Schwarze Identität als eine, die nur angenommen wird, wenn es gerade passt. Seine anschließenden Versuche einer Klarstellung reichen nicht aus und zeigen weder Sensibilität noch Aufrichtigkeit.“

Das Portal queer.de entschlüsselt, was diese etwas kryptische Stellungnahme wohl bedeuten soll: „Anlass für die Aberkennung des Preises war Dawkins Tweet vom 10. April, in dem er trans Menschen mit Rachel Dolezal verglich. Der Hintergrund: Dolezal war bis 2015 Chefin der afroamerikanischen Bürgerrechtsorganisation NAACP in der amerikanischen 200.000-Einwohner-Stadt Spokane und hatte stets behauptet, eine Schwarze zu sein. Sie musste schließlich ihren Hut nehmen, als ihre Eltern der Presse Kinderfotos der Aktivistin gaben, auf denen sie mit sehr heller Hautfarbe und blonden Haaren zu sehen war.“ Dawkins ist erst die zweite Person, der der Preis aberkannt worden ist. 2018 verlor auch Lawrence Krauss, ein bekannter amerikanisch-kanadischer Physiker und Autor, den Titel. Ihm hatten zuvor mehrere Frauen sexuelle Übergriffe vorgeworfen.

Zum Glück kümmern sich die Behörden in diesen turbulenten Zeiten um die wirklich wichtigen Dinge. Wie u.a. die Welt mitteilte, hat das Hessische Kultusministerium Lehrer vor dem Zeigen von Mohammed-Karikaturen im Unterricht gewarnt. „Das Zeigen der Mohammed-Karikaturen oder jede bildliche Darstellung des Propheten Mohammeds kann als islamkritisches Verhalten interpretiert werden, das emotionalisierend und unter Umständen auch mobilisierend, wie radikalisierend auf den Empfängerkreis, auch Schülerinnen und Schüler, wirken kann“, so eine E-Mail, die mit Verweis auf eine Anregung durch das Landeskriminalamt (LKA) an alle 1.800 Schulleiter und Schulleiterinnen Hessens geschickt wurde. Erst vor wenigen Wochen wurde ein britischer Religionslehrer suspendiert, weil er Schülern Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte und die muslimische Gemeinde massiv und öffentlichkeitswirksam gegen die Schule vorging (ich berichtete in dieser Artikelreihe). In Belgien geschah Ende 2020 Ähnliches.

Zum Schluss ein Meldung aus dem österreichischen Burgenland, wo man ebenfalls tapfer die Werte der offenen und toleranten Gesellschaft hochhält. Wie der Standard berichtet, hat das Landesgericht Eisenstadt einen Polizisten (und Mitglied der rechtsgerichteten FPÖ) zu zehn Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von 6300 Euro verurteilt. Der Mann soll im Vorjahr an Adolf Hitlers Geburtstag (20. April) ein Foto von dessen angeblicher Lieblingsspeise – Eiernockerln mit grünem Salat – auf Facebook gepostet haben. Das Geschworenengericht wertete dies als einen Verstoß gegen das sogenannte Verbotsgesetz, mit dem 1947 die Entnazifizierung Österreichs gesetzlich geregelt wurde. Der Polizist bestreitet einen Zusammenhang mit Hitlers Geburtstag und spricht von einem Zufall.

Mehr vom Autor dieser wöchentlichen Kolumne Kolja Zydatiss zum Thema Meinungsfreiheit und Debattenkultur lesen Sie im Buch „Cancel Culture: Demokratie in Gefahr“ (Solibro Verlag, 20. März 2021). Bestellbar hier.

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Leserpost

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Sabine Schönfelder / 23.04.2021

Dr.@ Jäger, es ist immer einfach über andere herzuziehen. Auch wenn Liefers kein AFD- Anhänger ist, deshalb hat er trotzdem sein Gesicht gegen die irren, willkürlichen und völlig zwecklosen Coronamaßnahmen hergegeben. Er weiß um den SHIT- Storm, der ihm entgegenschlägt und muß eventuell mit beruflichen Einbußen rechnen. ER HAT SICH engagiert, für das Richtige. Können Sie das von sich selbst auch behaupten? Es ist doch infantile Schwarz- Weiß- Malerei, wenn man eine positive Aktion nur dann gutheißt, wenn derjenige auch sonst in all seinen Vorstellungen mit den eigenen übereinstimmt.

Hans-Peter Dollhopf / 23.04.2021

Die Akteure der Identitätspolitik führen diesen äußerst vielversprechenden wie ebenso verlogenen Stellvertreterkrieg um das Primärziel der Systemüberwindung. Mich wundert aber doch, dass wir immer noch irgendwie da sind! Scheinbar waren wir kein leichtes Opfer, immerhin. Doch Gott weiß, vielleicht haben wir ja unser Delaware-Crossing überhaupt erst noch vor uns? “O sagt, könnt ihr sehen im frühen Licht der Morgendämmerung, was wir so stolz grüßten im letzten Schimmer der Abenddämmerung? Dessen breite Streifen und helle Sterne die gefahrvollen Kämpfe hindurch über den Wällen, die wir bewachten, so stattlich wehten? Und der Raketen grelles, rotes Licht, die in der Luft explodierenden Bomben, bewiesen die Nacht hindurch, dass unsere Flagge noch da war. Oh sagt, weht dieses sternenbesetzte Banner noch immer über dem Land der Freien und der Heimat der Tapferen?”

Dr. R. Möller / 23.04.2021

Mich erinnert das alles an die Hexenverfolgung im Mittelalter. Die „Verfolger“ lebten ihre krankhaften Triebe aus und kannten kein Grenzen. Letztendlich haben sie alles und jeden verfolgt und damit den Bogen überspannt. Hoffen wir nur. Daß es dieses Mal nicht so lange dauert bis die Ankläger angeklagt werden.

K-Bucher / 23.04.2021

Nun ja ich denke das der Eiernockerl Adolf Heutzutage schon längst vom Vegetarier zum Döner (macht schöner ) Fresser mutiert wäre ....Weil für Plötzliche Sinneswandel war Er eh immer zu haben wie dieses Original Zitat beweist : „Der Mohammedanismus könnte mich noch für den Himmel begeistern“,

Petra Wilhelmi / 23.04.2021

Das wirklich Schlimme an der Liste ist, dass sich nach solchen Diffamierungen, die Diffamierten dann noch entschuldigen. Man sollte seine Würde schon gegen diese ideologischen Soziopathen verteidigen. Pikant ist m.E. die Löschung des Heine-Zitates als Hassrede. Der Kreis schließt. Er, der Zensierte im 19. Jahrhundert, dessen Werke im 20. Jahrhundert vom Hitler-Faschismus den Flammen übergeben wurde, wird nun in der uns aufgedrückten weltweiten Diktatur der Geldelite wiederum geschmäht und sein Werk auf etwas anderer Art verbrannt. Willkommen im neuen Faschismus, im grün angestrichenen Faschismus.

Stefan Riedel / 23.04.2021

...“Vor zwei Wochen schrieb ich in dieser Artikelreihe: „Der Bayerische Rundfunk (BR) steht zu einem kürzlich gesendeten Sketch des Kabarettisten Helmut Schleich,”... auch der BR “schleicht”  angesichts des SA- Aufgebots von dannen.

Peter Panter / 23.04.2021

Wir brauchen mehr Beispiele von Personen, die sich nicht einschüchtern lassen von einer neomarxister Kulturelite und den MSM. Es ist nicht einfach der cancel culture zu widerstehen und für seine freie Meinung einzutreten. Aber es müssten mehr Besipiele gesammelt werden wo freie Meinungsäußerung stattfindet gegen den Widerstand der Empörten, der Gutmenschen, der politisch Korrekten und der politisch medialen Elite. Das würde vielleicht auch andere ermutigen sich für freie Meinungsäußerung und gesunden Menschenvertand einzusetzen.

Kopp, Harald / 23.04.2021

Ich wähle grün - in der Hoffnung, daß den Leuten spätestens in ein paar Jahren ein Licht aufgeht. Hoffentlich ist es dann nicht schon zu spät und die einzig wirkliche Oppositionspartei noch nicht verboten. Lieber eine Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.

Fred Burig / 23.04.2021

@HaJo Wolf: “Ich bin ein friedlicher, freiheitsliebender Mensch, aber inzwischen auch bereit, ALLE MITTEL einzusetzen, damit der Terror aufhört.”......Dem schließe ich mich vorbehaltlos an und glaube, dass wir schon lange nicht mehr die “Einzigen” sind. Selbst bei uns um die Ecke - Annaberg- Buchholz - kommen immer mehr Menschen zur Demo gegen diese Menschenschinder- Regierung. Das bestätigt je wohl meine Einschätzung! MfG

Fred Burig / 23.04.2021

Die sogenannten “Ausgestoßenen” sollten sich als etwas “Besonderes” verstehen. Gerade wenn es heute um Glaubwürdigkeit geht sind sie es, denen man zum gesunden Menschenverstand auch noch eine Portion Zivilcourage anmerkt. Am Beispiel des Uwe Steimle wird verständlich, dass Kunstschaffende - welche couragiert und engagiert sind -  auch ohne die “Duldung” der Mainstream- Medien zurechtkommen. Nicht zuletzt genießen sie dadurch auch besonderen Respekt unter Gleichgesinnten und haben in solchen „windigen Zeiten“ eine gewisse “Vorbildwirkung” für den Teil der Bevölkerung, welcher sich auch nicht verbiegen oder verblöden lässt. MfG

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