Aus dem Heldenleben eines deutschen Lehrers (6): Die Anpasser

Der Beamtenstatus des überwiegenden Teils der deutschen Lehrerschaft ist nicht wenigen Bürgern ein Dorn im Auge: Zu offensichtlich ist der Unterschied zwischen Pensionshöhe und Rentenanspruch angestellt Beschäftigter, zu irritierend der Vorteil faktischer Unkündbarkeit, auch bei klarem Versagen in der Berufsausübung. Der Beamtenstatus ist letztlich das, was zu der Gleichsetzung von Lehrern und „faulen Säcken“ führt und von den Betroffenen selbst als Neiddebatte abqualifiziert wird.

Die gewöhnlich angeführten Gegenargumente, wie das Streikverbot oder Notengebung als hoheitliche Aufgabe, können nicht ganz überzeugen, schwerer wiegen schon Faktoren, wie die behördliche Zuweisung des Arbeitsplatzes, der oft nicht einmal dann gewechselt werden kann, wenn er für die persönliche Lebenssituation der Betroffenen eine Zumutung ist oder die „Chemie“ im Kollegium einfach ums Verrecken nicht stimmt.

Überlegungen, was der Beamtenstatus aber sozusagen „psychisch“ oder „sozialpsychologisch“ mit den Amtsträgern – natürlich auch Amtsträgerinnen – macht, sind eher selten. Lehrer sind durchaus auch eine spezielle Form von Beamten. Wenn sich ein Polizist oder ein Staatsanwalt noch vorstellen kann, was auf ihn beruflich zu kommt, dann hat beim Lehrer das Studium oft wenig mit dem tatsächlichen Berufsalltag zu tun, und die Berufseinführung ähnelt mehr einem Domestizierungsvorgang im Sinne einer Rekrutenabrichtung als einer Professionalisierungsmaßnahme.

Der Bachelor ist der Lohn

Ich will hier einmal fiktional (natürlich fließen da eigene Erfahrungen mit ein) einen archetypischen Werdegang vom guten, aber wilden Abiturienten zum beamteten Lehrer zu beschreiben versuchen. Nehmen wir eine/n Schüler/in, wie er/sie nicht selten vorkommt (from now on nur die männliche Form als pars pro toto). Setzen wir voraus, das Abitur sei regulär erreicht worden, nicht mit glänzenden Noten und einigen Defiziten in Mathematik und Naturwissenschaften, und nach einer Ehrenrunde durch Neuseeland oder Australien stelle sich die Frage nach der Wahl des Studienfaches.

Lesen kann der Kandidat und schreiben auch, zwar nicht fehlerfrei, was ihn aber nicht vom Erreichen einer hohen Punktezahl im Abitur abgehalten hat (er hat halt das papageit, was ihm vorgesagt wurde): Also nimmt er Germanistik. Ein Zweitfach muss nun gewählt werden. Vielleicht Geschichte, hat auch mit Lesen zu tun. (Der Ärmste ist sich dessen nicht bewusst, dass er sich zwei Fächer mit maximalem Korrekturaufwand ausgesucht hat). Der Gutste rückt nun mit circa 19 Jahren, ohne weitere Beleckung durch das reale Leben und nach 12 oder 13 Jahren Schule, auf der Bildungspyramide eine Stufe höher. Wehr- und Zivildienst mit ihren Unbilden bleiben ihm heutzutage auch erspart, damit auch die zwangsweise Begegnung mit Prekariat und Unterschicht.

Während des Bachelorstudiums an der Uni gibt’s genau das nicht, was er später bräuchte: solide Überblicksepochen zur Literaturgeschichte und ähnliches für Geschichte. Aber Uni ist Uni, und die Lehrenden können sich nur als Spezialisten profilieren: Also sind eher ein Hauptseminar zum Frauenbild bei Oswald von Wolkenstein (ohne Mittelhochdeutsch natürlich) und eine Vorlesung zur Kolonialgeschichte Sierra Leones zu erwarten. In sieben Semestern muss ein Bafög-Empfänger schließlich auch fertig sein, akademische Freiheiten kann man sich nur bei gesichertem finanziellem Hintergrund leisten. Außerdem geht der quasi schulische Prüfungsstress weiter. Credits müssen gemacht werden, Punkte gesammelt. Dann kommt eine vom Umfang her eher knappe Abschlussarbeit, die, wie denn auch sonst, zusammengegutenbergt wird, und der Bachelor ist der Lohn (was den Schawänen recht ist, ist ihren Küken billig).

Für eine Politkarriere genügt auch ein abgebrochenes Studium

Im Pädagogikmaster dann Historisches, Geschichte der Pädagogik, Reformpädagogik ad usum delphini, Entwicklungspsychologie und Kommunikationstheorie: Weitgehend Bewährtes, ich will hier niemanden mit Namen langweilen. Wissenschaftliche Pädagogik hat mit dem realen Lehrerberuf in der Regel so viel zu tun wie ein Biologiebuch mit Gartenarbeit. Anyway, dann Masterarbeit, wie auch immer.

Die eigentliche Zurichtung erfolgt dann in der Referendariatszeit: Lehrjahre sind keine Herrenjahre, klar. Eigenverantwortlicher Unterricht, ständige Kontrollbesuche, schriftliche Ausarbeitungen und Unterrichtsentwürfe an der Zahl: Ich kenne kaum einen Referendar, der nicht intensiv gelitten hätte, entweder, weil ihm stracks die ungebärdigen Schüler über den Kopf wuchsen, seine Ideale dabei zerplatzten wie Seifenblasen oder weil ihm von den Ausbildern schon mal gezeigt wurde, wo der Hammer hängt.

Wobei das Leiden nicht unbedingt auf einer persönlichen Ebene sein muss, sondern eher strukturell. Spätestens in der Phase dürfte klar sein, dass nach dem Referendariat nicht verbeamtet zu werden, ein definitiver Karrierebruch ist. Und vergessen wir nicht: Es gibt momentan einen eklatanten Mangel an Grundschullehrern, aber im Gymnasialbereich sind, außer für Mint-Absolventen, die Stellen rar.

Und zu was ist ein Lehrer gut, außer für die Schule? Sicher, ich kenne welche, die eine Karriere als Kabarettist (Volker Pispers!, der war allerdings Mathelehrer) eingeschlagen haben, oder sich als Weinhändler oder Rockmusiker durchbringen. Das Gros der Gescheiterten landet aber bei karger Bezahlung bei der Volkshochschule oder in Paukinstituten: Wer will das schon? Oder man wird zumindest vorübergehend zum Grundschullehrer degradiert, da aber ohne die geringste spezifische Ausbildung. Und für eine Politkarriere genügt auch ein abgebrochenes Studium, wie das Leben zeigt.

Kind und Karriere, im Staatsdienst kein Problem

Anpassung ist also die Devise, diese braucht in der Regel nicht erst explizit eingefordert werden. Entweder man ist draußen oder drinnen im System, und Widerworte sind da wenig förderlich. Dieses Draußen oder Drinnen habe ich persönlich in den Jahren, in denen ich „beim Staat“ werkelte, stark empfunden. Drinnen sind die Beamten, draußen die Angestellten, obwohl sie dasselbe machen. Und die draußen wollen rein, eine Erklärung dafür, dass es nicht mehr Widerstand gegen die Ungleichbehandlung gibt, außer den Protestnoten der GEW, die alljährlich kommen wie „Dinner for one“ an Silvester.

Um Missverständnisse auszuräumen: Ich bin nie oder sehr selten von beamteten Kollegen oder Vorgesetzten unfreundlich behandelt worden. Eher wurde ich als Waldorflehrer milde betrachtet  wie ein Okapi im deutschen Wald. Auch da ist das Problem eher strukturell. Ein Beispiel: Ich wurde einmal von meiner Stammschule zu einer benachbarten Schule abgeordnet und wollte wissen, ob mir dafür das recht karge Fahrgeld zustünde. Ich stieß auf einen Katalog von Leistungen, die auf Antrag gewährt werden. Nicht zehn Prozent der Posten waren für Angestellte, das Gros für Beamte im Sinne einer Rundumpamperung, wie „Windelzulage für das dritte Kind bei dienstlich begründetem Umzug“ (Achtung, Satire!!!!). Einen Oberstudienrat im Angestelltenverhältnis habe ich nie getroffen, Oberstudienräte selbst jede Menge. Auch die beliebten Entlastungsstunden hagelten eher mal auf die beamteten Kollegen herab.

Ist nun die definitive Verbeamtung erreicht, dann wird dieser Status natürlich auf keinen Fall aufgegeben, zu deutlich sind die nicht zuletzt finanziellen Vorteile. Manchmal wird angeführt, man würde ja in der freien Wirtschaft deutlich mehr verdienen. Das gilt vielleicht für wenige Kollegen aus dem Mintbereich, aber der Rest der Belegschaft scheint mir für das außerschulische Leben definitiv unbrauchbar. Und für das Gehalt eines beamteten Lehrers muss eine „Omma lange stricken“. Von Vorteilen wie vorbildlich geregelten Babypausen mal abgesehen. In der sogenannten „freien“ Wirtschaft stellt sich gerade für Frauen oft die Frage, ob nun Kinder oder Karriere. Das ist im Staatdienst kein Problem.

Schüler als „(Nicht-)Leistungserbringer“

Nicht zu vergessen bei all den durchaus positiven sozialen Wohltaten: Beamte verhandeln nicht mit einem Arbeitgeber. Beamte verhandeln mit anderen Beamten, in der Regel. Das erklärt manches.

Einmal auf einem sicheren Posten, pendelt sich dann die Arbeitsbelastung auf ein für den einzelnen leistbares Maß ein. Wohlgemerkt: Eigentliche Kreativität ist nicht unbedingt gefragt. Schulbuchverlage stellen für den Lehrplan Material ohne Ende zur Verfügung. Normalerweise bleibt die Arbeits- oder eher nervliche Belastung hoch. Man eilt von Test zu Test, von Termin zu Nachschreibetermin, von Gespräch und Konferenz zu Gespräch und Konferenz, nur um die unabdingbaren administrativen Auflagen zu erfüllen. Die hierarchische Struktur der Schule bleibt, bei aller konkreten Kompetenz und Freundlichkeit der Schulleitungen, eigentlich auch ein pädagogischer Hemmschuh.

Ich habe selten erlebt, dass das Kollektiv der Lehrer, außer informell, sich intensiv mit einem Schüler als Person, nicht als „(Nicht-)Leistungserbringer“ beschäftigt hätte. Bis hin zu Absurditäten wie der Absegnung eines Verweises durch ein ca. 120-köpfiges Gesamtschulkollegium in ein paar Minuten: Alles selbst live mitgemacht. Im Lehrerzimmer derselben Anstalt ging’s auch eher um Pensionsansprüche, Entlastungsstundenverteilung, Beihilfefragen, Kuranträge, Pausenaufsichten und Beförderungen als um Schüler und Zeitgeschehen. Und wenn die hauseigene Büchertauschbörse Schlüsse zuließ, dann streiften dort eher „Wanderhuren“ durch die „Nebel von Avalon“ oder „Wallander“ deprimiert vor sich hin, als dass da die Klassiker rumlagen.

Plant nun ein Beamter seinen weiteren Aufstieg, was sich im Sekundarbereich finanziell durchaus lohnt, dann bleibt ihm ein gewisser Anpassungsdruck erhalten. Irgendwann ist dann das Ziel erreicht: Fachleiter, Schulleiter, Seminarleiter, Ministerium.

Verordnet wird von oben

Fassen wir zusammen: Das Beamtentum begründet in gewisser Weise eine geschlossene, von der Restgesellschaft abgetrennte Kaste. Die gegenwärtige Studienpraxis bereitet auf die tatsächlichen Aufgaben eher schlecht vor, das Referendariat unterdrückt die Entwicklung einer Lehrerpersönlichkeit, die als solche wirken könnte und schafft eine beträchtliche Abhängigkeit von vorgekauten Unterrichtseinheiten. Dauernder Termindruck und Zwang, alles gerichtsfest zu dokumentieren, lässt wenig Raum zu individueller Initiative.

Ungeachtet dessen hat die Lehrerkaste doch, vor allem im Gymnasialbereich und obwohl dieser und seine verdünnteren Erscheinungsformen als Gesamt-, Fachober- oder Kollegschule schon von den Schülerzahlen her die eigentliche Hauptschule darstellt, immer noch ein gewisses Elitebewusstsein und ist relativ immun gegen substanzielle Kritik. An den Waldorfschulen, an denen ich arbeitete, wurden pädagogische Grundsatzdiskussionen ständig geführt. Das Kollegium war ja als Leitungsorgan in der Lage, aus seinen Einsichten reale Konsequenzen zum Beispiel bezüglich Stundenverteilung oder Lehrplan zu ziehen. Das geht beim Staat kaum. Verordnet wird von oben.

Lernen lässt sich das Lehren nicht

Was könnte man tun, um die Situation zu verbessern?

– Voraussetzung für ein Lehrerstudium müsste eine bestimmte Praxiserfahrung sein. Freiwilliges soziales Jahr, Bundesfreiwilligendienst, eine Ausbildung, auf jeden Fall nicht von Schule zu Uni zu Schule ohne Unterbrechung.

– Vor dem Studium ein längeres verpflichtendes Praktikum mit der angestrebten Zielaltersgruppe, um schon mal festzustellen, ob die einem liegt, beziehungsweise noch wichtiger, wie diese Gruppe auf die Bewerberperson reagiert. Nur lernen lässt sich das Lehren nicht, da wirken oft schwer definierbare Kräfte. Manche sind einfach grundsätzlich fürs Lehramt nicht geschaffen, und man müsste verhindern, dass sie das erst am Ende des Studiums oder gar in den ersten Berufsjahren feststellen.

Kind im Zentrum, Müll getrennt

Wie ich schon dargestellt habe, sehe ich einen Hauptgrund für das Versagen des Systems Schule in seiner Verrechtlichung, in der die Unterwerfung unter das Beamtensystem nur ein Teil ist. Zu erwarten, dass ein in gewisser Weise verkrustetes System, das sich in vielem selbst genug ist, durch weitere Intervention „von oben“ besser würde, scheint mir typisch deutsch, aber auch unrealistisch. Schule ist, wie der öffentliche Rundfunkt oder die EU-Bürokratie, aber auch der Parlamentsapparat, ein System, das sich selbst erhalten und erweitern will, und es ist auch parasitär. Eine Selbstregulierung von Innen zu erwarten, scheint daher aussichtslos, zumal im „Innern“ des Patienten die Krankheitseinsicht zu fehlen scheint. Schaut man sich die ja überall verfügbaren Internetseiten von Schulen an: Alles paletti und alles in Butter. Kind im Zentrum, Müll getrennt. Noch Fragen also?

Man könnte ja in einem Bild ausdrücken, was wirklich passiert: Schule als sinkende Titanic. Die Reisenden in den unteren Decks drängen nach oben (deshalb auch die hohen Abiturientenzahlen in Berlin und Bremen). Die Mannschaft ist unterbesetzt, die Offiziere auf der Brücke befehlen der Bordkapelle, aufmunternde Lieder zu spielen und verteilen mehrhundertseitige Broschüren zum Verhalten in der Krise (don´t think, just panic). Man hofft auf einen monumentalen und digitalen Rettungsring ums ganze Schiff, der das Absaufen verhindern soll.

Rettungsboote (Privatschulen) stehen bereit, allerdings nur gegen Bezahlung und nur für die Braven. Irgendein Hölderlinsches „Rettendes“ ist nicht in Sicht. Und die nächsten Eisberge sind schon am Horizont. Ganz aktuell aus Bayern, dem Elysium teutonischer Bildung: Der Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) ordnete an: Grundschullehrer müssen pro Woche eine Stunde zusätzlich vorbereiten und unterrichten. Wer ohne Kind einen Antrag auf Teilzeit stellt, muss dennoch mindestens 24 Wochenstunden arbeiten. Sabbatjahre werden gestrichen, vorzeitiger Ruhestand ist erst ab 65.

Flucht in Tinnitus und Burn-out

Da bleibt nur die Flucht in Tinnitus und Burn-out.

Und wie ist die Lage für Eltern:

„In Berlins Brennpunktbezirken stehen die Einzugsbereiche der Grundschulen nur noch auf dem Papier: Eltern treten die Flucht an, um eine vermeintlich bessere Schule für ihr Kind zu bekommen. So verschärft sich die Trennung von Kindern nach ihrer ethnischen und sozialen Herkunft. Um bis zu 500 Prozent weicht etwa in Kreuzberg die Migrantenquote einer Schule von der Quote eines anderen Einzugsgebiets ab.“ (Tagesspiegel).

Ich schlage für den Vorgang das Wort „Wegschleswigen“ vor. Wer weiß, der weiß schon, was ich meine.

Lesen Sie nächste Woche: Eine eher politische Einordnung der beschriebenen Verrechtlichung und ihrer Ausprägung als Ideologie der „Chancengleichheit“ oder „Gleichheit“ überhaupt.

Teil 1 finden Sie hier.

Teil 2 finden Sie hier.

Teil 3 finden Sie hier.

Teil 4 finden Sie hier.

Teil 5 finden Sie hier.

Foto: Archives New Zealand Flickr CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Jan Kerzel / 11.07.2020

Die Lehrerkaste und ihre Institutionen (Schule, Schulämter, Bildungsbehörden, Lehrervereine und Gewerkschaften) leben vor allem vom Gedöns und vom Getöse. Wichtig ist es, viel Wind an den Problemen vorbei zu machen. Die Profis können das perfekt. Der Schulalltag wird ständig mit Pseudo-Aktivitäten und Mimikry-Verhalten bereichert. Die Lehrerkollegen sind hierbei Zuschauer, aber auch Akteure. Der Heuchler- Quotient ist enorm hoch. Echtes intrinsisches Engagement ist sehr selten anzutreffen. Die Hierarchie fördert und fordert die Anpassung. Der Laden muss ruhig laufen und das produzieren, was gesellschaftlich und politisch gewünscht wird. Alles andere ist sekundär, tertiär und ohne eigentliche Bedeutung. Wer in diesem Beruf einsteigt, der sollte vorab wissen, dass er , bei guter Versorgung, vollständig eingedost wird und unter ständiger Beobachtung steht: Schulleitung, Schulamt, Kollegen, Schüler und v.a. Eltern.

Reinhold Schmidt / 11.07.2020

Ein probates Mittel um einen guten Teil der heutigen Schwierigkeiten in Schulen zu bewältigen, ist einfach eine 40/41 Stunden Präsenz in der Schule, wie von allen andern Beamten auch gefordert. Wenn ich sowieso vor Ort bin, kann ich mich auch mit meinem Beruf beschäftigen (Erfahrungsaustausch, Selbstreflexion, Weiterbildung, Vertretungsregelungen usw.) was auf dem Tennisplatz oder im eigenen Garten nicht zwingend einfacher ist.

Ulrike Russ / 11.07.2020

Wie meistens gibt es auch hier Pro und Contra. Dass die Beamten vom Staat abhängen, hat eine relativ hohe Unabhängigkeit zur Folge und ein korrekt arbeitender Lehrer braucht kaum eine Elternbeschwerde oder handfeste Drohung (“Wir wissen, wo du wohnst”) zu fürchten. Da sieht es bei Angestellten schon etwas anders aus, vor allem an Privatschulen. Hier gilt: “Wer zahlt, bestimmt den Kurs” und nicht wenige Lehrkräfte agieren und bewerten so, wie sie eben müssen, um nicht Missfallen zu erregen. Das ist eine demütigende Situation und wahrscheinlich würden sich ohne Beamtentum zu wenig Personen finden, die den Beruf überhaupt ausüben wollen.

Heiner Hummel / 11.07.2020

Die Stimmen der Lehrer sind schlecht organisiert. Ergo: Sie werden nicht gehört/Ernst genommen (Ausländeranteil, Inklusion, ...) Und sie sind teilweise erbärmlich: Rechtschreibreform, Genderismus. Kein Aufbegehren, keine Revolte, verkommene 68er-Generation halt. Und sie schwimmen in der linksgrünen Mainstream-Denke, trauen sich nicht aufzumucken. Von dort kommt ständig die Forderung nach mehr Bildung. Gemeint ist aber dabei nicht bessere Bildung, sondern lediglich Mehr Geld für eher weniger Bildung. Ich kann das vom Fach Mathematik belegen: Kein einziger Lehrer kann begründen warum Minus mal Minus gleich Plus ist! Kein Schüler lernt wie man einen beliebigen echten Bruch kürzt. Kennen die Lehrer selber nicht mehr den Euklid-Algorithmus sowie die (unendliche) Geometrische Reihe?! Und: Wie berechnet man ohne TR:  Quadratwurzel, 10er-Logarithmus einer Zahl, den Wert von 10 hoch einer beliebigen Kommazahl.Fehlanzeige, Oder: Wie kann man die Steigung einer Geraden erklären, wenn man dazu den 2.Teil des Strahlensatzes braucht, der aber erst später dran kommt!? Oberstufe: Nicht einmal Einser-Abiturienten können das Integral über einen halben Kreisbogen berechnen (so dass die halbe Kreisfläche herauskommen muss)! Stochastik-4-Felder-Tafel: Ich sage den Nachhilfeschülern: Ihr braucht die Aufgabe gar nicht einmal ganz durchlesen, nur herausfinden, was gegeben ist. Damit lassen sich (Schema F) alle 16 Wahrscheinlichkeiten berechnen. Die plastisch unterlegte Story lenkt nur ab. Und dann noch die Digitalisierung: Statt zu lernen wie man Klicks macht sollte man beibringen: Was ist das entscheidend neuartige eines LAN, wass ist peer-to-peer, was ist stimulus,was ist ein MIB, was ist OOP, GUI, OSI-Schichtenmodel, was ist IETF, ITU-T, IEEE., was ist MAC Adresse und was ist OUI, .....

Rudi Knoth / 11.07.2020

Dann war Volker Pispers also ein Lehrer. Dann ist es meiner Meinung kein Wuder, daß er über “gestrandete Urlauber” (der Anbieter ist in Konkurs” so hergezogen hat. Denn er kann sich wohl schwer vorstellen, daß ein Arbeitnehmer im Februar schon seinen Sommerulaub klarmachen muß. Un dann war der Anbieter wohl noch solvent.

Manni Meier / 11.07.2020

Lieber HaJo Wolf, lesen sie sich doch bitte nochmals genau durch, was Sie in ihrem Kommentar geschrieben haben. Sie unterstellen Herrn Geißler einerseits “Was für ein unfassbarer Unsinn! Wenn Sie, Herr Geißler, mit dieser Prämisse unterrichten, dann haben Sie definitiv den falschen Beruf.” Jede weitere ihrer Aussagen unterstützt aber andererseits Geißlers Position.

Wolfgang Kaufmann / 11.07.2020

„dann hat beim Lehrer das Studium oft wenig mit dem tatsächlichen Berufsalltag zu tun“ —  Mehr noch: Ähnlich wie beim Automechaniker oder beim Drucker hat sich in den vergangenen vierzig Jahren das Berufsbild sehr stark geändert. Sind bei den handwerklichen Berufen, die fachlichen Anforderungen durch den elektronischen Fortschritt gestiegen, sind beim Sekundarlehrer die fachlichen Anforderungen immens gefallen; nicht mal mehr die bösen Sekundärtugenden wir korrektes Rechnen, Schreiben, Lesen müssen beherrscht werden, geschweige denn Bruchrechnung, Dreisatz oder die korrekte Beugung fremdsprachlicher Verben. Dafür müssen die Lehrer zunehmend reparieren, was an Integration, Inklusion und Erziehung seitens der Zuständigen unerledigt geblieben ist. Es darf ja keiner ausgegrenzt werden, und gerade Jugendliche machen sich einen Spaß daraus, das System auszureizen. Solange aber mütterliche Lehrkräfte sich beliebig tief bücken, um die Jungs „dort abzuholen wo sie stehen“ oder chillen, prostituiert sich letztlich jede Schule.

Ulla Schneider / 11.07.2020

@Karla Kuhn: Hallo, ich grüße Sie Frau Kuhn, Beamtentum für Lehrer war schon mal Gesprächsthema in den 70ern/ 80ern. Dann kam die Berechnung der Stunden. Diese sind weitaus mehr als vorgeschrieben. Ich möchte darüber nicht debattieren. Es ist nachgeprüft und jahrelang berechnet worden. Feststellung war, dass aufgrund des Stundendeputats doppelt soviel Lehrer hätten eingestellt werden müssen. Dies geschah in Schweden.  Hier hat man dann schnell den Scwanz eingezogen und die Lehrer Beamte sein lassen. Das war plötzlich billiger. Und streiken war auch nicht mehr drin. Der Schwur auf die Republik sichert ihnen zwar den Arbeitsplatz,  aber er lässt sie auch psychisch darben, mit dauernden Überstunden und miesen Arbeitsplätzen ( unterrichten Sie mal in Kreuzberg oder in anderen niedlichen Orten). Es hat schon was masochistisches.———Meine Wochenarbeitszeit in allem betrug in den Hochzeiten 70 Stunden über Wochen, in der Phase 400 Lernentwicklungsberichte schreiben, und das mit 3 Kindern. Ich habe öfters Eltern eingeladen( faule Lehrer), mich für 3 Tage zu begleiten. Eine hat es 1 1/2 Tag ausgehalten, danach wollten die anderen nicht mehr. Nein, einfach ist das nicht und war es nicht, aber - es gibt, wie auch woanders, ganz schöne nicht kindermögende Schluffis dazwischen, wie in anderen Berufen auch. Besonders schlimm ist es deswegen, weil es die Prägezeit der Kinder ist. @G. Schäfer: Moin! Ja Tanzen hilft, und wie….s. Augustinus .... Mensch lerne tanzen. Auch das wäre eine Abhandlung über das Bewegtsein des Menschen wert. Würde so manchen in seiner tiefenpsychologischen Bedeutung überraschen.

Manni Meier / 11.07.2020

Mein lieber Herr Geißler, lassen sie sich nicht irre machen, von einigen “Alleswissern”, die ihren durch und durch wahren Satz: “Lernen lässt sich das Lehren nicht” anzweifeln. Natürlich kann sich jeder Dösbaddel mit zwei Staatsexamen vor eine Klasse stellen und sagen: “Ich tu Euch jetzt mal dat kleine Ein mal Eins lernen”. Deshalb ist er noch lange kein Lehrer. Zudem sind die Anforderungen in den Fächern substantiell enorm unterschiedlich. Wie oft sind Kollegen aus der Mathe-Fraktion in der Pause zu mir gekommen, wenn sie mal zur Vertretung für einen Deutsch-Kollegen verdonnert wurden, da sie völlig hilflos waren, wenn es um die Vermittlung eines literarischen oder auch nur um die Analyse eines nichtfiktionalen Textes ging. Ohne Buch und (zwei oder drei mögliche) vorgegebene Lösungswege waren sie wie Nichtschwimmer in der Nordsee. Auch recht lustig und einen Beweis für Inkompetenz finde ich, wie einige der Kritiker mit den Begriffen Pädagogik, Didaktik und Methodik herumschmeißen. Es gilt ihr Satz: “Wissenschaftliche Pädagogik hat mit dem realen Lehrerberuf in der Regel so viel zu tun wie ein Biologiebuch mit Gartenarbeit.” Und zum Schluss noch die leicht modifizierte Form meines letzten Leserkommentars: Das Referendariat ist nach meiner Erfahrung dazu da, um aus offenen, lebensbejahenden Jungakademikern staatskonforme, grau-uniformierte Lehrbeamte zu formen. Und zweitens genügend A16 Stellen für karrieregeile aber nicht unbedingt schulalltagstaugliche Fachleiter zu schaffen, die bereit sind diese Aufgabe zu übernehmen.

Peter Günther / 11.07.2020

Schöner Artikel mit einem ganz persönlichen Déja vu: Mein Lehramtsstudium brach ich in den 1970ern ab, nachdem ich mich in Geschichte ein Semester lang mit der Frage auseinandersetzen musste, ob die Münzprägungen am Ende der römischen Republik Hinweise darauf lieferten, dass Julius Caesar es auf die Kaiserwürde abgesehen hatte. Die Frage wurde auch diesmal, wie schon in den vergangenen 2000 Jahren, nicht endgültig geklärt. In Germanistik wurde meine Seminararbeit von einem damals schon altlinken Dozenten verrissen, weil ich ein Werk von Hermann Hesse nicht als “kleinbürgerlichen Eskapismus” einstufen mochte. Der sinnlose Zwang zum kleinen Latinum gab mir dann den Rest. Von den Pädagogikveranstaltungen fange ich gar nicht erst an. Weil es wohl doch so etwas wie Karma gibt, bin ich jetzt mit einer Lehrerin verheiratet, die diese Heldensaga vermutlich ebenfalls unterschreiben könnte.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Hubert Geißler, Gastautor / 19.09.2020 / 10:00 / 8

Aus dem Heldenleben eines Lehrers (16): Was tun?

„Was tun?“, würde Lenin gefragt haben. Wo eine Zukunftsperspektive entworfen werden soll, vielleicht erst einmal eine Auflistung dessen, was ohnehin passiert. Auf der beamteten Lehrerseite…/ mehr

Hubert Geißler, Gastautor / 16.09.2020 / 14:00 / 17

Warten in der Welle des Wahns

Vielleicht zum Beginn eine kurze Erklärung, wie ich zu dem Thema gekommen bin. In der kleinen Gemeinde in Hohenlohe, wo ich bisher wohnte, gab’s auf…/ mehr

Hubert Geißler, Gastautor / 12.09.2020 / 10:00 / 12

Aus dem Heldenleben eines Lehrers (15): Mit Mama nach Malle

Wissenschaftlich von „Geist“ zu sprechen, wirkt heutzutage doch schon äußerst angestaubt. Maximal Philosophiestudenten kämpfen noch mit Hegels „Weltgeist“ oder mit dessen „Phänomenologie“, und in der…/ mehr

Hubert Geißler, Gastautor / 05.09.2020 / 11:00 / 9

Aus dem Heldenleben eines Lehrers (14): Auf Klassenfahrt

„Mein schönstes Ferienerlebnis‘“, so lautete in längst vergangenen Epochen das Standardaufsatzthema nach den Sommerferien, und ich möchte heute mal etwas Analoges dazu beitragen. Klassenfahrten, sogenannte…/ mehr

Hubert Geißler, Gastautor / 03.09.2020 / 16:00 / 8

Corona: Und Gott schenke uns Religionsfrieden!

Man kann auch unfreiwillig reisen: Nicht nur beruflich, auch persönliche Umstände können einen in die Ferne treiben. Vor kurzem bin ich nach Bamberg umgezogen: Der…/ mehr

Hubert Geißler, Gastautor / 29.08.2020 / 17:00 / 4

Aus dem Heldenleben eines Lehrers (13): Vom Sprechen

Ich möchte hier mal mit einer der häufigsten Lehrerfragen beginnen, nämlich: „Wo waren wir stehen geblieben?“ Hanseatisch mit korrektem „st“ ausgesprochen, gibt das auf jeden Fall…/ mehr

Hubert Geißler, Gastautor / 22.08.2020 / 10:00 / 26

Aus dem Heldenleben eines Lehrers (12): Schulversagen und Geigen

Ich erlaube mir hier mal, auf einen der bekannteren Kritiker unseres Schulsystems hinzuweisen, den FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube. Sein Buch „Ist die Schule zu blöd für…/ mehr

Hubert Geißler, Gastautor / 15.08.2020 / 10:00 / 29

Aus dem Heldenleben eines deutschen Lehrers (11): Gelobt sei Boris Johnson

Vorweg eine historische Überlegung. Es dürfte kaum bestritten werden, dass der Zeitraum von circa 1800 bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, zumindest in…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com