Ulrike Stockmann / 23.12.2023 / 14:00 / Foto: Pixabay / 16 / Seite ausdrucken

Der Hessische Rundfunk entdeckt die Pressefreiheit

Laut neuem Koalitionsvertrag soll dem Hessischen Rundfunk das Gendern verboten werden. Der Rundfunkratsvorsitzende ist entsetzt – wo bleibt denn da die Rundfunkfreiheit? Ausgerechnet bei einer Formalität fällt ihm diese plötzlich ein.

Kurz vor Weihnachten musste der Hessische Rundfunk einen herben Schlag verkraften. Denn laut des am Montag unterzeichneten Koalitionsvertrages will die neue schwarz-rote Landesregierung festschreiben, dass „in der öffentlichen Verwaltung sowie weiteren staatlichen und öffentlich-rechtlichen Institutionen (wie Schulen, Universitäten, Rundfunk) auf das Gendern mit Sonderzeichen verzichtet wird“, wie die Welt berichtet. Man wolle sich am Rat für deutsche Rechtschreibung orientieren.

Der HR-Rundfunkratsvorsitzende Harald Freiling gab sich „verwundert“ und pochte auf die Unabhängigkeit der Presse: Es sei „keineswegs Sache der Politik, hier etwas festzulegen. Staatsferne und Rundfunkfreiheit sind auch hier ein hohes Gut“. Dieser Satz strotzt dermaßen vor Ironie, dass man kaum weiß, wo man anfangen soll. Vielleicht damit, dass die öffentlich-rechtlichen Sender seit geraumer Zeit durch regierungskonforme Berichterstattung auffallen und kritische Töne eine absolute Ausnahme darstellen. Und wenn sich doch einmal ein mutiger Redakteur vorwagt, werden derartige Sendungen mitunter nach Erscheinen noch zensiert. Just wurde etwa der gerade veröffentlichte MDR-Beitrag über eine mutmaßliche Verunreinigung der Corona-Impfstoffe kurze Zeit später ohne inhaltliche Gründe aus der Mediathek gelöscht. Vielleicht sogar auf Betreiben der Politik (Achgut berichtete)?

Wie dem auch sei: Nun hat man beim Hessischen Rundfunk also gerade in Sachen Gendersprache den Wert von Rundfunkfreiheit und Staatsferne für sich wiederentdeckt. Nur geht es an diesem Punkt nicht um journalistische Inhalte, sondern um eine Formalität. Genauer gesagt, ist das Bekenntnis zur Gendersprache eine Ablehnung der deutschen Standardsprache beziehungsweise Rechtschreibung. Und dies ist eine Einstellung, die öffentlich-rechtlichen Sendern wirklich nicht vorbehalten bleiben sollte. Vorsitzender Freiling gibt außerdem an, dass es im Hessischen Rundfunkrat zum Gendern mit Sonderzeichen in schriftlicher und gesprochener Kommunikation „ganz unterschiedliche Auffassungen“ gebe, die wiederholt mit den Programmverantwortlichen diskutiert worden seien.

Diese Bekanntgabe wirft nicht gerade ein besseres Licht auf die Angelegenheit. Denn warum gibt es dann auf der Homepage des HR ein Bekenntnis zur „fairen, gendergerechten Sprache“, wenn solches im HR-Rundfunkrat offenbar umstritten ist? Dieses Vorgehen unterstütze „den hr als gemeinwohlorientierter Sender in seinem Programmauftrag“. Außerdem erfährt man, dass im Hessischen Rundfunk bereits seit 2019 gegendert werde, dies sei durch einen Beschluss der Geschäftsleitung vom Januar 2021 auf die bislang noch ausgenommenen Programme ausgeweitet worden. Wie gesagt – nicht gerade ein demokratisches Vorgehen, wenn es im eigenen Rundfunkrat dazu „ganz unterschiedliche Auffassungen“ gibt. Und schon gar nicht, wenn man dem Geschmack der Zuschauer, Hörer und Leser folgen will.

Mehr Macht durch den Markt

Denn eine Umfrage nach der anderen ermittelt, dass die Mehrheit das Gendern ablehnt. Eine im September 2022 vom WDR beauftragte Studie fand heraus, dass in der Berichterstattung Formen wie Genderstern, Doppelpunkt und Gendergap mehrheitlich abgelehnt würden und lediglich die Doppelnennung beider Geschlechter eine Akzeptanz von zwei Dritteln der Befragten fände. Der WDR gab daraufhin an, „im Programm weitgehend auf den gesprochenen Gender-Gap“ zu verzichten.

Und die Bild-Zeitung berichtete im Juli:

„In einer INSA-Umfrage für BILD (17. Juni) sprachen sich 52 Prozent der Deutschen gegen die Nutzung der künstlichen Gendersprache aus. 18 Prozent waren dafür, 24 Prozent war das ‚egal‘ und 4 Prozent gaben ‚weiß nicht‘ an.“

Im selben Artikel wurde darauf hingewiesen, dass ARD und ZDF trotz des neuesten Entscheids des deutschen Rechtschreibrates, dass Doppelpunkt, Unterstrich und Sternchen weiterhin nicht zum Kern der deutschen Orthografie gehörten, diese Formen dennoch weiterhin verwenden wollen.

Die öffentlich-rechtlichen Sender behaupten also, im Sinne des Gemeinwohls zu gendern, handeln damit aber gegen den Willen des Publikums. Diese Ignoranz gegenüber ihren „Kunden“ können sie sich freilich leisten, da sie sich durch die zwangsverordneten Rundfunkgebühren finanzieren. In der freien Marktwirtschaft hat man als Leser scheinbar noch etwas mehr Macht. So musste sich kürzlich die gedruckte Ausgabe des Berliner Tagesspiegels von der Gendersprache verabschieden, da dies der häufigste Grund für Print-Abo-Kündigungen gewesen sei (Achgut berichtete).

Gender-Tauwetter?

Achgut-Autorin Sabine Mertens hat bereits zahlreiche genderkritische Beiträge auf unserer Seite veröffentlicht. Vor Kurzem schrieb sie: Einzelne Interessengruppen sind nicht bereit, sich an eigentlich selbstverständliche und bewährte Übereinkünfte zu halten. Feministinnen und Genderlobby, flankiert von Politik, Verwaltung und Medien, insbesondere dem ÖRR, haben die gewachsenen Regeln der deutschen Sprache einseitig aufgekündigt und setzen alles daran, ihren elitären Soziolekt als neuen Standard durchzudrücken.“

Mertens ist die Initiatorin der Hamburger Volksinitiative gegen die Gendersprache in Verwaltung und Bildung. Die erste Hürde des dreistufigen Hamburger Modells (10.000 gültige Unterschriften bis zum 6. August 2023) schaffte die Aktion mühelos. In einer Pressemitteilung Sabine Mertens’ heißt es:Sollte die Bürgerschaft dem erfolgreichen Anliegen der Initiative nicht entsprechen, wird es im Juli 2024 zu einem Volksbegehren kommen. Dann braucht es rund 66.000 gültige Unterschriften (5% der Wahlberechtigten), welche in drei Wochen gesammelt werden müssen (…) Im Herbst 2025 schließt sich dann ein Volksentscheid an, bei dem alle Bürger im Rahmen der Bundestagswahl ihre Stimme für oder gegen das Gendern in Verwaltung und Bildung abgeben können.“

In mehreren Bundesländern sind vergleichbare Aktionen diesem Beispiel gefolgt. Anfang Dezember übergab die Initiative „Stoppt Gendern in Baden-Württemberg“ 14.000 Unterschriften dem Innenministerium. Wie beim Hamburger Modell ist auch dies die erste von drei beziehungsweise vier Stufen. Und auch in der Politik finden sich immer mehr Beschlüsse gegen die Gendersprache in der Verwaltung – etwa durch Anträge in Thüringen Ende letzten Jahres oder in Stralsund Anfang dieses Jahres. Im August verbot Sachsen-Anhalt das Gendern an Schulen – dieses galt in Sachsen schon seit 2021 und wurde ebenfalls im Sommer bekräftigt. Und auch Markus Söder plant ein Gender-Verbot. Da man den Bayrischen Landesvater wohl getrost als Opportunisten vor dem Herren bezeichnen darf, kann man seinem Gespür für den Zeitgeist wohl vertrauen. Es scheint fast, als setze ein Gender-Tauwetter ein. Aber bekanntlich solll man sich nicht zu früh freuen …

 

Ulrike Stockmann, geb. 1991, ist Redakteurin der Achse des Guten. Mehr von ihr finden Sie auf ihrem YouTube-Kanal.

Foto: Pixabay

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Bertram Scharpf / 23.12.2023

Das Gendersternchen ist die logische Fortsetzung der Rechtschreib-„Reform”. Man muß die Axt viel weiter unten ansetzen, sonst hören diese Leute nie auf.

Dirk Rosenboom / 23.12.2023

Was passiert, wenn unbelehrbare, quasireligiöse Eiferer merken, daß sie mit ihren Positionen nicht mehr gewinnen können, hat uns unter anderem 750 Jahre Geschichte und Kultur gekostet; da sollte man doch vorher Einhalt gebieten und die Menschen hierzulande mit gesundem Menschenverstand bewaffnen, den es ja noch zu geben scheint. Mal sehen, wie sich die spätrömisch anmutende Dekadenz des Teiles der hiesigen Bevölkerung, die in ihren gentrifizierten Ghettos zumeist öffentlich-rechtlich besoldet und bar jeder finanzieller Verantwortung sitzt und in ihren sinnentleerten Leben permanent neue Stellvertreterkriege für Minderheiten führt, die das, mit Verlaub, einen Scheißdreck interessiert, noch entwickelt. Bin gespannt. Allen eine besinnliche und hoffnungsfrohe Weihnachtszeit !

Karl Vogel / 23.12.2023

Der HR ist ein Minderheitensender, er sendet in Stottersprache für die Denkstotterer. Wenn das mit den Zwangsgebühren nicht wäre, könnte man ihm sogar mit einem gewissen Wohlwollen begegnen: Ist doch verdienstvoll, dass auch dem Eingeschränkten etwas geboten wird. Beispiel?: “Die Hauptstadt von Burkina Faso? Vier von sieben Todsünden aufzählen? Führerschein erst beim dritten Anlauf geschafft? Weiße Socken am Fuß? Torte ins Gesicht? Kenn ich, weiß ich, hab ich, will ich, deshalb nehmt mich als Kandidaten für “strassenstars”!” O-Ton HR - der Sender von Depp:°!Innen für Depp!*Innen…

Gerald Schwetlik / 23.12.2023

Es ist diesen woken Fritzen egal, was die Menschen denken und wollen. Dieses intolerante besserwisserische Denken ist die Wurzel allen Übels! Diejenigen, die immer über Gleichheit und Gerechtigkeit schwafeln, sind die, die genau das nur wollen, wenn ausschliesslich Gefügige und Genehme an der Aktion teilnehmen. Alles wird kategorisiert und eingeteilt, Pronomen, Identität, Ethnie alles super wichtig anstatt vollkommen wumpe , wie es in einer frei denkenden toleranten Gesellschaft zu sein hätte.

Karsten Dörre / 23.12.2023

@Gerd Vogel, “Wer weiss noch das “Weib” das Gegenstück zu “Mann” ist?” - So steinalt bin ich nicht. Ich weiss aber, dass Weib ein böses und weiblich ein gutes Wort sind.

Dr. Günter Crecelius / 23.12.2023

Wer oder was qualifiziert denn diesen komischen Freiling zum Vorsitzenden des Rundfunkrates des hessischen Rundfunks? Wie ist er überhaupt an diese Pfründe gekommen? Laut Wikipedia ist der Herr Vertreter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. AHA, also wohl ‘Lehrer’. War da nicht etwas mit katastrophalen Kenntnisdefiziten in deutschen Schulen? Bei solchen Lehrern nicht zu verwundern.

Fred Burig / 23.12.2023

@Dr. Joachim Lucas :”... Wenn der Staatsfunk abgeschafft worden ist,  können diese IntendantenInnen gerne weiter privat im Stuhlkreis über den Genderquatsch diskutieren, von mir aus bis an ihr Lebensende.” .... oder bis sie den Stuhl nicht mehr halten können vor lauter Entzückung ob ihrer standhaften “Haltung” ! MfG

Georg Andreas Crivitz / 23.12.2023

Mir gefällt der Ausdruck »Gender-Verbot« nicht. Das klingt so nach Sprachpolizei. Besser wäre es, von einem GEBOT zu sprechen, nämlich dem Gebot, in grammatisch und orthographisch korrekter Sprache zu kommunizieren. Für Behörden und öffentliche Anstalten sollte das eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein; zumal die »gendergerechte Sprache« ihren Ursprung eindeutig im linken und linksextremen politischen Spektrum hat und von daher ihre Anwendung ohnehin gegen das Neutralitätsgebot verstößt.

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