Schichten des Irrsinns

Beizeiten zur Wiedervorlage für künftige Geschichtsschreiber: Das Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer ist seit Dezember auf der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule „überschrieben“. Nach monatelangen bescheuerten Debatten über absurde Vorwürfe von „Sexismus“ und „patriarchaler Kunsttradition“ seitens irrlichternder Gestalten habe man aber mit Hilfe von „politisierter Konzeptkunst“ nicht Schluss gemacht mit dem alten Gedicht, sondern nur eine neue Schicht gebildet: „Aus dem Gedicht davor ist ein Gedicht dahinter geworden“ – „Es ist also gar nicht richtig ausgelöscht. Nur ein bisschen“, schlussfolgert die FAZ:

„Ärgerlich ist daran aber vor allem die nervtötende Angst vor Eindeutigkeit. Noch dazu wird aus der Scheu, Kante zu zeigen, eine vermeintlich künstlerische Tugend gemacht, die den uneingestandenen Irrtum institutionalisiert: Alle fünf Jahre soll das ‚Palimpsest‘ ... erneuert werden. Das passt in die verquere Diskussion, in der die Freude an der Schönheit des Lebens mit Sexismus verwechselt und ein groteskes Missverstehen von Poesie für Emanzipation gehalten wird.“ 

„31.575 Euro und 59 Cent hat die Alice Salomon Hochschule dafür bezahlt“, so Tagesspiegel: „Eine Fassadensanierung sei aufgrund von Rissen im Putz ohnehin notwendig gewesen.“ Ein Leserkommentar dazu: „Ich dachte, die Fassade sei für 31.575 Taler saniert worden. Wie können dann noch alte Buchstaben durchscheinen? Hat man um diese Buchstaben drum herum saniert?“ Wie auch immer, der neue Text der Lyrikerin Barbara Köhler auf der Hochschulfassade lautet nun (in Großbuchstaben): „Sie bewundern sie/bezweifeln sie entscheiden:/sie wird oder werden gross/oder klein geschrieben so/stehen sie vor ihnen/in ihrer Sprache/wünschen sie ihnen/bon dia good luck.“ Das ist jetzt Dichtkunst, an der niemand mehr Anstoß finden kann. Und hier nochmal das Gedicht von Eugen Gomringer: „Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer.“

Paranoide Aktivistinnen

Gomringer (94), der gerade sein Archiv der Schweizerischen Nationalbibliothek übergeben hat, konnte die ganze Debatte nicht verstehen, wie er bei einer Diskussion im Berliner Max-Liebermann-Haus im März letzten Jahres sagte. Der in Deutschland lebende bolivianisch-schweizerische Dichter saß die meiste Zeit über „in fassungslosem Schweigen“ der Prorektorin der Hochschule sowie der Vorsitzenden des Asta unter dem Pseudonym „Frau Roth“ (!) gegenüber, wie die Süddeutsche berichtete: „‘Parolen sind zu vermeiden, das ist der Rahmen, den das Grundgesetz vorgibt oder so.‘ Gomringers Gedicht interpretierte ‚Frau Roth‘ aus ‚sozialarbeiterischer Perspektive‘ und fand folgerichtig in ihm einen versteckten Sexismus, vornehmlich in der Gestalt des im Schlussvers auftretenden ‚Admirador‘. Außerdem sei Avenidas voller Akkusative, welche Frauen und Blumen zu Objekten machten. In Wahrheit handelt es sich um reine Nominative, aber was bedeutet das schon, wenn man sich einmal auf eine diskriminierende Lesart festgelegt hat.“ 

Für „süddeutsche“ Angewohnheiten zur Abwechslung mal nicht schlecht, diese Beobachtungen; bis auf die vermutete Folgerichtigkeit der sozialarbeiterischen Perspektive. Folgerichtig wäre gewesen, den paranoiden Aktivistinnen, die sich wie einst die traditionell hemmungslosen Nazis (Sebastian Haffner) anschicken das Kulturleben zu überwachen, therapeutische Hilfe anzuempfehlen. Tatsächlich ist die Grenze zum Fanatismus bereits erreicht, wie ein Farbanschlag auf eine Hausfassade in Bielefeld zeigt, wo „Avenidas“ seit einiger Zeit aufgemalt ist. Die zuvor erwähnte FAZ titelte den Beitrag: „Ende der Debatte?“ Davon ist hoffentlich nicht auszugehen. Es stünde dringend an zu erörtern, wie es soweit kommen konnte, dass sich eine Hochschulleitung von halbgebildeten Spinnerinnen in solche Untiefen treiben lässt.  

Dieser Beitrag erscheiint auch auf Susanne Baumstarks „Luftwurzel"

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Leserpost

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Andreas Rochow / 10.02.2019

@ Alma Ruth - Als Psychiater und Neurologe muss ich den Ruf nach meiner Profession in aller Entschiedenheit zurückweisen. Selbst wenn der Irrsinn fröhliche Urständ feiert, kann und darf ein Psychiater nur tätig werden, wenn der Patient leidet und selbst fachärztliche Hilfe erbittet. Im Auge des Irrsinnigen ist leider der Therapeut oft der böse Eindringling in die Wahnwelt. Erst das von einem Richter erkannte Hinzutreten von Fremd- und Selbstgefährdung macht das Wirken eines Psychiaters auch gegen den Willen des/der Irrsinnigen möglich. Extrem-Feminismus gehört nicht zu den Sachverhalten, die als Selbst- und Fremdgefährdung anerkannt werden.

Mike Schmidt / 10.02.2019

Die Bunte Republik ist in Wahrheit die größte offene Anstalt der Welt. Die wenigen psychiatrischen Fachkräfte haben aufgrund der Masse der Psychosen allerdings keine Chance auch nur irgendetwas zu ändern. Es bleibt, die Krankheitsverläufe - die durchaus fatal enden können - akribisch zu dokumentieren. Aber da haben sie ja Erfahrung, die schon länger dort wohnenden.

Dr. Gerhard Giesemann / 10.02.2019

Ist inzwischen der Nominativ dem Akkusativ sein Feind? Alle Ankläger sollten das wissen, denn sie stehen selbst im Nominativ. Porca miseria.

alma Ruth / 10.02.2019

Wo sind die Psychiater und/oder Psychotherapeuten, die D von dem sich immer mehr verbreitenden Wahnsinn heilen kann? Ihn zumindest stoppen. Wo man hinschaut sind lauter Ahnungslose, um nicht zu sagen: Ungebildete, führende Personen. Politiker, Medienmacher, Kirchenleute etc.. Es gibt natürlich Ausnahmen, nur viel zu wenige. Und/oder nicht so laut. Das Gedicht von Eugen Gomringer finde ich wunderschön. Für mich hat es die Stimmung einer -leider! - versunkenen Welt. Eine versunkene Welt, in der vieles nicht gut, um nicht zu sagen, schlecht war, aber manches doch besser als heute. Ich nehme an, wenn unsere Welt versunken ist, unsere Nachfolger werden das Gleiche von unserer Zeit auch sagen. lg alma Ruth

Kai Nissen / 10.02.2019

Mamma Mia! Dass das in unserem grenzenlos offenen und toleranten Land, wo es nur so von Dschungelcamp, GNTM, Bachelor, Bachelorette, Adam sucht Eva, etc. wimmelt, möglich ist! Zensur! Wofür? Für so ein “sexistisches” Gedichtchen?! Was für eine Wohlstandsverwahrlosung! Diese Feministinnen tun mir irgendwie leid. Die haben’s auch schwer im Leben: Wenn autochtone Männer sich für sie interessieren, dann ist das “Metoo”; aber wenn kein Schwein sich für diese dynamischen Geschöpfe interessiert, dann, ja was dann?! Dann wird so ein Gedichtchen aus einer bestimmten Sorte Frust zum Feindbild erklärt und bekämpft!!!...

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