Susanne Baumstark (Archiv) / 15.06.2020 / 14:45 / 10 / Seite ausdrucken

Die Krise als Studium

In akademischen Netzwerken wird der englischsprachige Master-Studiengang „International Organisations and Crisis Management“ beworben. Er startet im Wintersemester 2020/21 in Jena „Das passende Studium zur Corona-Krise“, meint die FAZ dazu.  Konzipiert haben ihn Rafael Biermann, der in den 1990ern im Referat Politische Analysen des Bundeskanzleramts und im Planungsstab des Bundesverteidigungsministeriums arbeitete, sowie Christian Kreuder-Sonnen, seit Oktober 2019 Juniorprofessor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt internationale Organisationen.

Ziel der Lehrveranstaltung sei es, „Experten mit breitem Krisenwissen für internationale Organisationen, nationale Verwaltungen, für Medien, Industrie und Wissenschaft" auszubilden. Es würde die Arbeit von Regierungen und Nichtregierungsorganisationen, etwa das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen oder die Weltgesundheitsorganisation, untersucht. „Wir bedenken die Möglichkeiten und Grenzen internationalen Krisenhandelns ebenso wie die Versuchungen zum nationalen Alleingang und die Notwendigkeiten internationaler Koordination“, so Kreuder-Sonnen. „Bedacht würden zudem die Legitimitätskrisen, in die Organisationen selbst gerieten, wenn sie einer Krise nicht gerecht würden und reformiert werden müssten.“

Kreuder-Sonnen veröffentlichte übrigens 2013 zusammen mit einer Kollegin den höchst WHO-kritischen Aufsatz „Souverän durch die Krise: Überforderte Staaten und die (Selbst-) Ermächtigung der WHO“. Manche Stellen lesen sich, als seien sie brandaktuell. Auf dieser Seite nur was aus der Schlussbetrachtung: „Am Fall der Schweinegrippe zeigt sich, welche Eigendynamik die Institutionalisierung der Ausnahme entfalten kann.“ Die „praktisch institutionalisierten Ausnahmebefugnisse der WHO“ hätten „den Grundstein für die notstandsartige Reaktion auf die Schweinegrippe 2009“ gelegt. „Die securitization von Infektionskrankheiten und insbesondere SARS hat damit institutionelle Nebenfolgen verursacht, die ihrerseits wieder zu vermehrter Versicherheitlichung und Notstandspolitik geführt haben – und zu einer weiteren Selbstermächtigung der WHO mithilfe einer eigenmächtigen Ausweitung der Pandemie-Definition erst während der ausgerufenen Krise.“

"Rückkehr zum Normalzustand erzwungen"

Das Vorgehen des WHO-Sekretariats sei außerdem intransparent gewesen, die WHO habe sich öffentlicher und staatlicher Kontrolle entzogen. Es kam auch nicht dazu, dass „Hinweise auf Einflussnahmen seitens der Pharmaindustrie, sowohl auf die vorab erstellten Pandemie-Pläne als auch auf das Emergency Committee“, von einer unabhängigen Institution untersucht wurden.  

Auch wenn „bestimmte Bedrohungen die Suspendierung oder Aufweichung der Verfassungsnormalität zugunsten politischen Spielraums in einer Notsituation rechtfertigen“, könnten aber „rechtliche und institutionelle Vorkehrungen getroffen werden, um die Entscheidungssouveränität der Exekutive insofern zu begrenzen als dass eine Rückkehr zum Normalzustand erzwungen und das Ausmaß der Ermächtigung von vornherein beschränkt“ wird, so noch zu diesem Punkt der Analyse. „Im konkreten Fall der Notstandskompetenzen der WHO würde das etwa bedeuten, zunächst ein Grundkriterium konstitutioneller Einhegung zu erfüllen, nämlich die Entscheidungsgewalt über das Vorliegen eines Notstands institutionell von der Entscheidung über die zu treffenden Maßnahmen zu entkoppeln (Gross 2011). Zudem wäre zu prüfen, wie einmal übertragene Ausnahmebefugnisse effektiv kontrolliert und letztlich auch wieder entzogen werden können.“ Später etwa habe das EU-Parlament „im Fall der Schweinegrippe die WHO zur Rechenschaft gezogen und so ein Mindestmaß öffentlicher Aufarbeitung erreicht“. Aus dem Text ließe sich derzeit politisch einiges machen. Aber damals ist ja auch nicht wirklich was passiert. 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Susanne Baumstarks Blog Luftwurzel.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Wolf Hagen / 15.06.2020

Was interessiert mich die WHO?! Mir reicht es zu sehen, was in Deutschland und Europa passiert ist. Jeder macht und machte, was er will, die internationale und besonders in Deutschland die länderübergreifende Zusammenarbeit, war eine Katastrophe. Es braucht keinen albernen Studiengang, sondern nur einen Blick in die Geschichtsbücher, um zu erkennen, dass es in Krisenzeiten einen umsichtigen Führer, bzw. Führungsperson braucht, die notfalls auch unpopuläre Entscheidungen trifft und durchsetzt. Polit-Apparatschiks, Wendehälse und Blubberfrösche, wie z.B. Laschet haben bewiesen, dass sie mit Krisen, oder nicht vorhersehbaren Situationen maßlos überfordert sind. Lediglich Söder hat einen halbwegs brauchbaren Eindruck gemacht, der Einäugige unter den Blinden sozusagen. Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Flüchtlingskrise und Corona-Krise, alles endete im Chaos und Merkels Satz “Nun sind sie halt da!” ist dafür symptomatisch. Staatsversagen auf allen Ebenen. Das wird sich noch rächen, nur eine Frage der Zeit, denn die Realität lässt sich zwar beherrschen, nicht aber von unfähigen Ideologen verarschen.

K. Schmidt / 15.06.2020

Ich rechne damit, dass die Absolventen dieses Studienganges eher Krisen auslösen werden als beheben. Ich schlage jungen Leuten eher das “Studium” der Klempnerei vor. Sowas hilft den Menschen. WHO, UN usw. bräuchten zwar dringend Reformen. Damit kann man aber nicht rechnen, so lange demokratieferne Moloche, wie die EU oder China, darin rumrühren.

Thomas Taterka / 15.06.2020

Neu ist für mich, daß man mit gesundheitspolitischem Druck schmutzige Wirtschaftskriege führen kann. Aber das ist natürlich ” Zukunftsmusik “.

Jürgen Fischer / 15.06.2020

Ein weiterer Studiengang der von H. Danisch so schön benannten Geschwätzwissenschaften. Ich würde ja nichtmal was dagegen sagen, wenn am Ende jemand herauskäme, der tatsächlich Krisen analysieren und mit Lösungsvorschlägen aufwarten könnte, die dann auch umgesetzt würden, aber es steht zu befürchten, dass am Ende wieder nur der bewährte Schwätzertyp steht, der zwar in 5 Sprachen runterbeten kann, was die aktuelle Krise ist und wo sie herkommt, und das wars dann. Keine Lösung, keine Fans. Und wir stehen dann da und wissen, was wir auch ohne das akadämliche Geschwafel gewusst hätten, aber Hauptsache, jemand hat dafür kassieren dürfen. Anstatt solche Schwätzkisten “auszubilden” und mit einem Monstergehalt auf die wehrlose Welt loszulassen, wäre es billiger, sie [um eventuelle Gender-Missverständnisse zu vermeiden, das ist ein Plural, kein Femininum!] gleich nach Hartz4 zu schicken. Erspart uns Geschwätz und Steuergeld.

Andi Nöhren / 15.06.2020

Die Uni und auch dieser Studiengang brauchen Geld vom Staat. Deshalb wird auch hier schon bald der bekannte Spruch in die Praxis umgesetzt werden: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“.

Dirk Jungnickel / 15.06.2020

Passt gut zu Deutschland,  pardon,  zu Absurdistan: Anfrage an Sender Jerewan: Stimmt es, dass in einem Land in Mitteleuropa das erste Verfahren wegen Vermummungsverweigerung eröffnet wurde ?  Und hat der Täter tatsächlich eine aufkommende Blockwart - Mentalität beklagt ? Antwort: Es stimmt, und die zuständige Staatsanwaltschaft hat die Anklage um Volksverhetzung erweitert.

T. Weidner / 15.06.2020

Ist es denn - prinzipiell - in der UN anders als in der WHO?

Rudhart M.H. / 15.06.2020

Warum ist damals nichts passiert? Weil es bestimmte Interessen gab und gibt, die verhindern, daß etwas passiert. Die vierte Macht, also die Medien , spielt eine ganz üble Rolle. Sie ist gekauft, durchseucht und vollkommen hilflos Parteien und deren Interessen ausgeliefert. Es wird nur noch Propaganda verbreitet, Wissen und Wissenschaft wird verbogen , vorenthalten und sogar bekämpft. Dazu werden alle Mittel der Korruption eingesetzt. Es gibt keinen Diskurs und einen wissenschaftlichen, auf Fakten bezogenen Streit schon gleich gar nicht. Entweder man akzeptiert dies und beklatscht alle Einfälle der Entscheidung-Kaste oder man ist Leugner , Nazi und Verschwörungstheoretiker. Prima , eine einfache Welt, deshalb aber nicht von vornherein richtig ! Nein, diese Welt ist nicht nur richtig , sie die aller richtigste aller Welten - jedenfalls in den Augen der eigentlichen Verschwörer! Der Tiefe Staat und seine Medien sind die Verschwörer , nicht die anderen, die aus Versehen mal etwas nachgedacht haben!

Rainer Niersberger / 15.06.2020

Vermutlich wird dann in “Politologie” oder besser Ideologie gelehrt, dass und warum die (Selbst) Ermächtigung der WHO wie aller internationaler Organisationen laut “unserer” Bundeskanzler, der Meisterin in Politologie, absolut notwendig ist. Im Vorgriff auf “one world” und “one world’s government”. Da kann man logisch und demokratisch argumentieren wie der berühmte Weltmeister, die linke Polit mischpoke marschiert schon lange in eine ganz andere Richtung, die weder demokratisch, noch krisenloesungsgeeignet ist. Die Ideologie und das Grosskapital sind es, die den Weg vorgeben. Ein interessantes Fach mit interessanten Lehrern, aber leider voellig fuer die Katz. Uebrigens koennte man auch die Komplexitaetserkenntnisse von Doerner u. a. dazunehmen, an denen Merkel, linke IdeologInnen und das Politpersonal, die Spontanhelfer und Retter von Allem regelmaessig scheitern. Ein Problem (scheinbar) geloest, 2 bis 5 neue(groessere) dafuer erzeugt.

Petra Wilhelmi / 15.06.2020

Die Universitäten haben auch abgewirtschaftet. Dr. crisis intern. arbeitet dann in irgendeiner NGO vom Steuerzahler bezahlt. Wieder ein Schmalspurstudium ohne wirklich Relevanz. Das verbinde man mit Gender und schon weiß man, wer das studieren wird. Das ist doch eigentlich gar kein Studium höchstens eine Fachrichtung eines richtigen Studiums, bei dem man sich noch anstrengen muss, es zu absolvieren.

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Susanne Baumstark / 11.07.2020 / 16:00 / 6

Die Maskerade der Tagesschau

Zur Rede der Bundeskanzlerin im EU-Parlament am 8. Juli anlässlich des Beginns der deutschen EU-Ratspräsidentschaft hat die Tagesschau wieder einen derart schmierigen Hofbericht abgeliefert, dass die hinterlassene Schleimspur sogar…/ mehr

Susanne Baumstark / 29.06.2020 / 06:00 / 82

„Helfer sind tabu”? Die gemanagte Missachtung

Das war schon ein ungewohnt gepfefferter Kommentar von Thomas Berbner in den Tagesthemen am 22. Juni: „Schon vor Stuttgart haben mir Beamte immer wieder berichtet, bei jungen Einwanderern verbreitet…/ mehr

Susanne Baumstark / 25.06.2020 / 10:00 / 14

Yanis Varoufakis und die „Progressive Internationale“

Weitgehend unbemerkt hat sich die post-kapitalistische „Progressive Internationale“ (P.I.) gegründet. „Wir organisieren, mobilisieren und vereinen progressive Kräfte aus der ganzen Welt“, tönt es dort. Themen…/ mehr

Susanne Baumstark / 30.05.2020 / 12:00 / 14

Corona-Arbeitsplatzvernichtung: Von Not und Zynismus

Aus psychologischer Sicht nehmen die Folgen des Lockdowns inzwischen dramatische Ausmaße an. Wie aus einer Anhörung des Tourismusauschusses im Bundestag am Mittwoch hervorgeht, habe man „bereits Suizide…/ mehr

Susanne Baumstark / 23.05.2020 / 10:30 / 14

Mein Briefwechsel mit der Antidiskriminierungsstelle

Meine E-Mail an die Anti-Diskriminierungsstelle: Sehr geehrter Herr Franke,  ich bin seit längerem einigermaßen entsetzt über die regelrechte Stigmatisierungswut, die insbesondere von den etablierten Medien…/ mehr

Susanne Baumstark / 18.05.2020 / 11:30 / 9

Fortschreitend obskur: Die Finanzierung der Parteienstiftungen

Endlich mal eine gute Idee: Der Kandidat für den CDU-Vorsitz, Friedrich Merz, will wegen der Corona-Krise die Ausgaben des Staates überdenken. "Wir sollten nach der…/ mehr

Susanne Baumstark / 06.05.2020 / 11:00 / 12

Corona-App höchst problematisch

Das „Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung“ hat eine Datenschutz-Folgenabschätzung (DSFA) für die geplante Corona-App veröffentlicht. „Wir haben es angesichts der geplanten Corona-Tracing-Systeme mit…/ mehr

Susanne Baumstark / 25.04.2020 / 06:00 / 66

Man darf die Tagesschau auch mal loben

Es ist schon ein paar Tage her, fairerweise gehört es aber festgehalten, dass die Tagesschau ganz ausnahmsweise einer regierungskritischen Kommentierung gerecht wurde. Man siehe dazu den…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com