Henryk M. Broder / 05.12.2021 / 13:00 / Foto: shuets udono / 36 / Seite ausdrucken

Kein Türaufhalten beim WDR

Auch im WDR gibt es inzwischen einen Corona-Krisenstab zu 3G-Kontrollen. Dabei ist die Impfquote im Hause „insgesamt sehr hoch", aber eben nicht so hoch wie die Quote der Alkoholisierten an Weiberfastnacht. Und das ist in Köln ein verbindlicher Richtwert.

Nichts fasziniert mich so sehr wie der Einfallsreichtum der Bürokratie, wozu Bürokraten imstande sind, um das Leben unter ihre Kontrolle zu bringen. Und wenn sie mal scheitern – und sie scheitern fast immer, wenn auch spät –, dann liegt es nicht an den Regeln und Vorschriften, die sie sich abgepresst haben, nein, schuld sind die „Bürgerinnen und Bürger", die sich nicht oder nur halbherzig an diese Regeln und Vorschriften gehalten haben. Und dann werden diese „Notverordnungen" verschärft, die „Schrauben" bzw. die „Zügel" angezogen. 

Brecht irrte, als er das „Einheitsfrontlied" schrieb: Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum hat er Stiefel ins Gesicht nicht gern. Er will unter sich keinen Sklaven seh’n und über sich keinen Herrn.

Das Gegenteil ist der Fall. Eine Mehrzahl der Deutschen ist der Meinung, dass die „derzeit geltenden staatlichen Corona-Maßnahmen härter ausfallen" müssten. So kommen die absurdesten Beschlüsse zustande. Clubs und Discos können auf bleiben, es darf aber nur getrunken und gegessen werden, Tanzen und Knutschen ist untersagt. Das ist so logisch, als würden im Berliner „Artemis"-Begegnungscenter „körpernahe Dienstleistungen" erlaubt sein – aber nur in Form therapeutischer Gespräche.

Ein wahres Meisterstück der Bürokratie ist ein Rundschreiben des Krisenstabes des WDR an „alle MitarbeiterInnen" des Hauses. Betreff: Sonder-Update des Corona-Krisenstabs zu 3G-Kontrollen. Wir dokumentieren es im Wortlaut.

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

in der vergangenen Woche haben wir Sie ausführlich über die neue 3G-Pflicht am Arbeitsplatz informiert. Der Krisenstab hat sich nun auf ein Verfahren verständigt, mit dem wir die 3G-Pflicht kontrollieren können (und damit auch entsprechende gesetzliche Vorgaben erfüllen). Es sieht wie folgt aus:

Falls noch nicht erfolgt, bitten wir Sie, Ihrer Abteilungsleitung schnellstmöglich Ihren Impfstatus mitzuteilen und das entsprechende Zertifikat vorzulegen (hier finden Sie eine Anleitung, wie dies schnell und einfach per FTP-Server geht). Wichtig: Sollten Sie Ihren Status nicht bis Montagvormittag (6.12.) übermittelt haben, gelten Sie automatisch als Nicht-2G.  

Die Ausweise von Mitarbeiter:innen ohne nachgewiesenen 2G-Status werden zum 7.12.2021 deaktiviert. Dies gilt für alle Kartenlesegeräte im WDR inklusive der Tiefgaragen. Wir bitten die betroffenen Mitarbeiter:innen, ihre aktuellen Testnachweise täglich am Empfang Arkaden (für den Standort Köln) bzw. an den Empfängen der Landesstudios vorzulegen. Der Ausweis wird dann innerhalb weniger Minuten für den jeweiligen Tag freigeschaltet.

An den Empfängen, an denen es keine Schleusen oder Kartenlesegeräte gibt, kontrollieren die Empfangsmitarbeiter:innen die Nachweise manuell. Dies gilt auch, wenn Sie über keinen Dienstausweis mit automatischer Zugangsfunktion verfügen. 

Für alle, deren 2G-Status festgestellt ist und die Empfänge ohne automatische Zutrittskontrolle nutzen: Sie haben ab Montag die Möglichkeit, sich im Foyer Vierscheibenhaus bzw. an den Empfängen der Landesstudios eine Plakette abzuholen, die Sie auf Ihren WDR-Ausweis oder Passierschein kleben können. So können Sie sich unkompliziert ausweisen, wenn Sie das Gebäude betreten.

Und: Sollte Ihr 2G-Status versehentlich nicht berücksichtigt worden sein oder erwerben Sie diesen nach dem 7.12., kann Ihr Hausausweis natürlich nachträglich freigeschaltet werden.

Noch ein Hinweis, den wir nur ungerne aussprechen: Theoretisch ist es natürlich möglich, die Regeln durch Türaufhalten, Mitfahren im Aufzug oder andere „kreative Lösungen“ zu umgehen. Bitte verzichten Sie vorerst auf diese nett gemeinten Gesten.

Uns ist bewusst, dass die täglichen Testnachweise und die Zugangskontrollen für die Betroffenen mit einem erheblichen Aufwand verbunden sind. Der WDR ist aber aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen verpflichtet, die Einhaltung des 3G-Status zu kontrollieren und zu dokumentieren. Auch wenn die Impfquote im WDR insgesamt sehr hoch ist, möchten wir zudem alles tun, um den bestmöglichen Schutz aller Mitarbeiter:innen zu gewährleisten. Wir bitten Sie daher, das Verfahren solidarisch mitzutragen und bedanken uns schon jetzt für Ihre Kooperation.

Beste Grüße

PS: Am besten finde ich den Hinweis, man und frau sollten „kreative Lösungen" nicht mal in Erwägung ziehen und auf „nett gemeinte Gesten" wie „Türaufhalten" verzichten. Ja, wenn die Bürokratie Amok läuft, muss jedes Mauseloch versiegelt werden. 

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Leserpost

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Ottmar Zittlau / 06.12.2021

@Hamann Nun, die Sache ist klar: Reine Schikane und stetiger Aufbau von Druck!! Ich frage mich nur, was als Nächstes kommt, vielleicht verliert der normale Antigentest seine Gültigkeit? Vielleicht muss mindestens ein PCR-Test alle 24 Stunden erfolgen? (Die Testlabore schaffen diese Frist natürlich nicht!) Es werden also noch merkwürdige und sinnlose Maßnahmen erfolgen. P.S. Sind in Ihrer Behörde eigentlich schon die “Tests unter Videoaufsicht” verboten worden? Es gibt da Online-Ärzte, die nach 5-10 Minuten ein Testzertifikat zum Ausdrucken bereitstellen! Klagen sollen allerdings auch schon laufen!

Thomas Müller / 05.12.2021

Ich würde fast wetten, dass Buhrow und/oder andere Schranzen nicht geimpft sind, aber die Hausausweise weiterhin gültig bleiben.

Reinhard Westphal / 05.12.2021

Den Hinweis auf Unterlassung „kreativer Lösungen“ finde ich eher überflüssig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass beim Staatssender WDR noch Mitarbeiter*innen mit kreativem Potential beschäftigt sind. Wenn doch, sollten sie dem zuständigen Apparatschik gemeldet werden.

Ottmar Zittlau / 05.12.2021

Tür aufhalten bei Automatiktüren? Der ÖRR hat doch sicherlich alle baurechtlichen Vorgaben zur Barrierefreiheit eingehalten, oder?

A. Hamann / 05.12.2021

Der Wortlaut ist fast wie aus unserem Haus (Behörde). Die gespritzten Kollegen bekommen einen großen roten Aufkleber auf den Mitarbeiterausweis mit einer nur ihm zugeordneten Nummer. Ab morgen werden diese Karten dann auch wieder für die Nebeneingänge in der Tiefgarage freigeschaltet. Alle anderen müssen immer durch den Haupteingang und den Test zeigen. Also der geimpfte Kollege,  der gerade Urlaub im Ausland gemacht hat oder auf einer größeren Veranstaltung war, darf ungetestet in das Gebäude. Macht wirklich alles Sinn. Warum merkt das eigentlich keiner? Bin gespannt,  ab wann ich dann gar nicht mehr ins Gebäude darf. Als ob da das große Vergnügen wartet, es ist halt Arbeit.  Und dafür nun die Schikane des täglichen Tests. Der Vorteil ist, man trifft im Vorfeld in der Warteschlange der Apotheke schon nette Leute. Und bei der Arbeit erkennt man nun ja jetzt auch ganz klar,  wer geimpft ist und wer nicht. Datenschutz?  Was ist das?

Bernd Meyer / 05.12.2021

Was soll das sein? Der Souvenir-Shop der wiedervereinigten Bundesrepublik? Da bestelle ich mir doch lieber ein paar achgut-Kappen. Bestellung folgt in Kürze.

Dr Stefan Lehnhoff / 05.12.2021

Wer will in den WDR? Wer will in die Hölle? Fragen über Fragen!

Angelika Meier / 05.12.2021

Würde ich weinen, wenn die Enteignungsregeln von Kommunisten andere Kommunisten treffen würden? Habe ich Mitleid mit WDR Mitarbeitern?

Jonas Jäger / 05.12.2021

Deutsche Grammatik gendern, um keine Gefühle zu verletzen und ein totalitäres System mittragen.

Hans Reinhardt / 05.12.2021

Ich würde ja den ungeimpften Mitarbeitern vorschlagen einfach einen gelben Schein zu schicken anstatt eine Tageskarte zu lösen. Aber wer würde die, im Gegensatz zu den Heil- und Pflegeberufen, schon vermissen? Schon blöd, wenn man eigentlich nur für die Anwesenheit bezahlt wird.

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