Henryk M. Broder / 28.06.2017 / 14:03 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 1 / Seite ausdrucken

Dumme Antisemiten am Rande des Nervenzusammenbruchs

Vieles, das in Köln passiert, lässt sich mit der großen Dichte an Brauhäusern rund um den Dom erklären. Und damit, dass "Kölsch", eine Art Bier, das nicht zu Ende gebraut wurde, nicht als Alkohol gilt, aber die gleiche Wirkung zeigt. Hinzu kommt das kölsche Jrundjesetz, das aus 11 Paragrafen besteht, die alle Lebenslagen abdecken.

Dieses kölsche Jrundjesetz gilt natürlich auch für und im WDR. Was Volkswagen für Wolfsburg, Audi für Ingolstadt und Wagner für Bayreuth, das ist der WDR für Köln. Der Heilige Gral der Stadt. Und anders als in normalen Betrieben, in denen das Peter-Prinzip gilt, kommt es im WDR nicht darauf an, die eigene Unfähigkeit zu optimieren; viel wichtiger ist, den Glauben an die eigene Unfehlbarkeit und Unverletzlichkeit zu pflegen. Das fängt beim Intendanten an und hört beim Pförtner noch lange nicht auf.

Und so kam es zu dem Skandal um die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“. Es wurde geschummelt, getrickst und gelogen, zuletzt vom Fernsehdirektor der Anstalt in einem hauseigenen Programm. Derselbe Hierarch ist vor einigen Jahren mit einer "Stellungnahme" aufgefallen, in der er den Rundfunkbeitrag, der von allen Haushalten eingetrieben wird, als eine "Demokratie-Abgabe" bezeichnet hatte, "ein Beitrag für die Funktionsfähigkeit unseres Staatswesens und unserer Gesellschaft".  So isses. Und wenn Gott einen Nebenwohnsitz in Iserlohn hätte, müsste auch Er die "Demokratie-Abgabe" zahlen.

Eine Doku muss "ausgewogen" sein

Wir haben es mit einem Fall von institutionellem Größenwahn zu tun, der in den Medien so vebreitet ist wie Tripper in einem Soldatenpuff. Aber das ist nicht alles. Im Fall der arte/WDR-Doku über Antisemitismus kam noch ein Reflex dazu. So eine Doku muss "ausgewogen" sein! Man kann den Satz so oder so interpretieren. Dass nicht nur Juden, sondern auch Antisemiten zu Wort kommen sollten, um ihre Positionen zu erklären. Oder dass man den Anteil der Juden am Zustandekommen des Antisemitismus darstellen sollte, wie es ein SPIEGEL-Leser einmal getan hat: "2000 Jahre verfolgt - und immer ohne Grund?"

In jedem Fall gibt es ein Bedürfnis, den Antisemitismus so zu definieren, dass man selber damit nichts zu hat. Der Antisemitismus ist ein Problem der Unterschichten, der Ungebildeten, er ist der "Sozialismus der dummen Kerls", wie es August Bebel gesagt haben soll. Zwei biodeutsche Filmemacher, die keine Antisemiten sind, sind eine ungeheure Provokation! Die können doch keinen ausgewogenen Film über Antisemitismus machen!

Ausgewogen hört sich anders an. Wenn zum Beispiel in dem "Faktencheck", der dem Film beigestellt wurde, darauf hingewiesen wird, dass Mahmoud Abbas' Rede vor dem Europa-Parlament (die Martin Schulz "inspirierend" fand) nicht antisemitisch war, weil er nur gesagt hatte, die Israelis würden das Wasser der Palästinenser vergiften, während im antisemitischen Orginal den Juden vorgeworfen wird, sie würden die Brunnen der Christen vergiften. Was für ein gewaltiger Unterschied! (Gerd Buurmann und Stefan Frank haben sich den Faktencheck zur Brust genommen.)

Antisemitismus ist Massenmord und sonst gar nichts

Der WDR hätte sich viel Mühe sparen können, wenn er dem Film anstatt einer verbalen Distanzierung ein Statement des Liedermachers ("Weiches Wasser bricht den Stein"), Ex-Juso und Ex-IM Diether Dehm vorangestellt hätte. Antisemitismus, so der umtriebige MdB der Linkspartei, "ist Massenmord und muss dem Massenmord vorbehalten bleiben, er darf nicht inflationiert werden..."

Das ist das Mauseloch, in das sich die Antisemiten von heute verkriechen. Antisemitismus ist Massenmord, ist Holocaust, ist Auschwitz. Antisemitismus fängt bei sechs Millionen an. Wer noch nicht einmal einen einzigen Juden eigenhändig umgebracht hat, der kann kein Antisemit sein. Norbert Blüm ist kein Antisemit, weil er ein praktzierender Christ ist und Jesus Christus selber ein Semit war. Die Linken können keine Antisemiten sein, weil sie Rosa Luxemburg verehren. Und wenn drei junge Palästinenser losziehen, um eine Synagoge abzufackeln, dann kann ein Gericht ebenfalls "keine Anhaltspunkte für eine antisemitische Tat" erkennen. 

Warum also die ganze Aufregung? Wozu hat der Innenminister einen Un­ab­hän­gi­gen Ex­per­ten­kreis An­ti­se­mi­tis­mus berufen? Weswegen fordert der Zentralrat der Juden einen "Antisemitismus-Beauftragten"?

Vermutich deswegen, weil immer noch eine große Frage unbeantwortet im Raum steht.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Leserpost (1)
Karla Kuhn / 28.06.2017

Das ist ein ganz trauriges Kapitel. Ich hätte mir nicht träumen lassen, daß es wieder zum Thema werden kann, nachdem, was alles passiert ist.

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