Liebe Leserin, lieber Leser,
ich möchte Ihnen heute etwas ans Herz legen. Es ist - und ich sage bewusst Es - die neue Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT mit einer sensationellen Titelgeschichte: Welches Geschlecht habe ich? Auf der Titelseite sehen Sie zwei Personen, vermutlich einen Mann und eine Frau, die in die eigenen Hosen schauen und dabei Gesichter machen, als hätten sie etwas verloren. Nanu, wo ist es denn hin? Eben war es noch da. Dazu schreibt der Chefredakteur der ZEIT, Giovanni di Lorenzo, diese Sätze:
Liebe Leserin, lieber Leser,
etwa zwei Millionen Deutsche wollen sich nicht festlegen lassen, ob sie Mann oder Frau sind. Vehement kämpfen sie um ihre Anerkennung. Dabei geht es um Deutungshoheit, Sprachregelungen und um gegenseitiges Verständnis. Das ZEITmagazin beschreibt eine der hitzigsten Debatten, die das Land derzeit führt. Und im Ressort Z erklärt ZEIT-Redakteur Raoul Löbbert, warum Gender Studies kein Minderheitenprogramm sein sollten.
Bitte, machen Sie sich darüber nicht lustig. Und verkneifen Sie sich die Frage, woher die Info kommt, dass zwei Millionen Deutsche sich nicht festlegen lassen wollen, ob sie Mann oder Frau sind. Bei einer Population von 80 Millionen wären das immerhin 2,5 Prozent der Bevölkerung. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass 20 Millionen Deutsche Mitglied im ADAC sind, wobei schon das Wort "Mitglied" in diesem Zusammenhang vollkommen deplatziert und irreführend ist, andererseits ist es eine ganze Menge, nämlich das Sechsfache der isländischen Bevölkerung.
Aber auf die Zahl allein kommt es nicht an. Es ist die uralte Frage: Wer bin ich? Und warum? Was hat sich Gott gedacht, als er mich erschuf? Und warum bin ich nicht gefragt worden, was ich sein möchte? Mann oder Frau? Katze oder Hund? Tulpe oder Kaktus?
Es ist, da hat Giovanni di Lorenzo recht, in der Tat eine der hitzigsten Debatten, die das Land derzeit führt, viel hitziger als das Land über die Folgen der unkontrollierten Zuwanderung debattiert, über den Terror, die Zukunft der EU, die Beziehungen zu den USA, die Digitalisierung, die Kosten des G20-Gipfels und die Frage, was aus Martin Schulz werden soll, falls er es doch nicht schafft, Kanzler zu werden. Es ist die Mutter aller Fragen: Frau oder Mann?
Ich habe mir diese Frage schon gestellt, als ich - lang, lang ist es her - gelegentlich auf den Fluren der ZEIT wandelte. Die Menschen, die ich dort traf, kamen mir so seltsam geschlechtslos vor - von Theo Sommer abgesehen. Man konnte sie kaum voneinander unterscheiden. Die Debatten, die das Land damals führte, waren auch sehr hitzig, es ging um den Ladenschluss, die Pendlerpauschale und die Eigenheimzulage. Das liegt alles weit hinter uns. Jetzt geht es um Uni-Sex-Toiletten und Gendersstudies. Um Anerkennung, Deutungshoheit, Sprachregelungen. - Also kaufen Sie sich die neue ZEIT! ZEIT lesen ist der Dritte Weg zwischen Frausein und Mannsein.

Die Überschrift erinnert an die unselige Bundeswehrzeit,"Ich bin kein Mensch, ich bin kein Tier, ich bin ein Panzergrenadier". Vielleicht kommt ja der smarte Herr di Lorenzo bei den Gender Studien noch zur gleichen Erkenntnis wie seinerzeit bei der Flüchtlingskrise, wo er selbstkritisch anmerkte, dass die Realität medial falsch dargestellt wird.
Sehr geehrter Herr Broder, lange, séhr lange trieb mich die existenzielle Frage um "was bin ich", jetzt erst durch Ihren aufklärerischen Artikel kann ich diese Frage endgültig, und zu meiner vollsten Zufriedenheit endgültig für mich beantworten; ja, ich bin eine Tulpe!
Der Übergang zwischen männlich und weiblich dürfte in der Tat fließend sein, wie alles in der Natur. Ab und zu sieht man sie doch, wenn man in der U-Bahn von seinem Smartphone aufschaut: der Blick fällt auf die Person drüben in der Ecke, und man rätselt die ganze Zeit, ist das nun eine alte Frau oder ein junger Mann? Unser Unterscheiden zwischen Mann und Frau ist nur ein grobes Raster, das der Natur nicht gerecht wird, auch wenn die meisten Menschen sich eindeutig zuordnen lassen. Auf Spiegel-TV gab es mal eine Doku über dieses Thema. Dort hieß es, bei Neugeborenen greifen die Ärzte schnell mal eben zum Skalpell, um in unklaren Fällen nachzuhelfen. Ein Tabuthema, das weder Ärzte noch Eltern oder die Betroffenen selbst gerne thematisieren. Eine interessante Materie, überbewerten muss man es nicht, aber warum muss man es verleugnen? Hier ähneln die Genderismuskritiker erstaunlicherweise ein bisschen den Moslems, deren mittelalterliche Weltsicht sie selbst gerne (zu Recht) kritisieren.
Das tut doch nur noch weh. Spätrömische Dekadenz, wurde schon im Film "Das Leben des Brian" satirisch bearbeitet.
Herr di Lorenzo begrüsst die Leserin zuerst. Sollte es nicht bei dieser "hitzigen" Debatte besser "Liebe Lesende" heissen.Um ihre köstlichen Vergleiche,lieber Herr Broder, fortzuführen - hier mein Vorschlag. Liebe Trinkende, zwei Millionen Biergemischgeniessende wollen sich nicht festlegen lassen, ob sie lieber Bier oder Limonade ....Ist es in diesem Zusammenhang nicht besser diese unsäglichen Familien-, Kinder-,Frauen- und Herrenfrisören verschwinden zu lassen und sie Genderfrisöre zu nennen. Das selbe gilt dann auch für Ärzte - Genderärzte, Schuhe- Genderschuhe, Männer-und Frauentage - Gendertage etc.
Was an dieser Debatte auffällt: das ungeheuer hohe Bedürfnis nach gesellschaftlicher Begeisterung für die eigene Selbstdefinition. Es reicht nicht, dass ich mich selbst als Mann, Frau, Homo, Bi, usw. usf. akzeptiere; es reicht auch kaum, dass die Gesellschaft das akzeptiert; nein: alle anderen sollen alle absolut begeistert sein, wenn ich ihnen mit meiner jeweiligen Sexualität ins Gesicht springe. Dies zeigt ein enormes Ausmaß an narzisstischer Bedürftigkeit. Eine solche narzisstische Bedürftigkeit lässt sich aber durch gesellschaftliche Begeisterung nicht heilen; sie kann nur durch Selbstakzeptanz geheilt werden. Daran scheint es zu allererst zu mangeln.
Interessant, auf was für Themen die "Leitmedien" verfallen, um ihren Auflagen- und Bedeutungsschwund zu kompensieren. Und dabei ist das Thema "Gender" nun wirklich nichts, was eine/n noch aus dem Sessel reissen könnte. Gähn!