Chaim Noll / 26.02.2021 / 10:00 / Foto: Adrian Cadiz/USAF / 20 / Seite ausdrucken

Israel: Augenöffner Ölpest

In schlechten Zeiten entdecke ich in mir eine Neigung zum Optimismus, die sonst nicht zum Zuge kommt. Eigentlich liebe ich es, Probleme in all ihrer Düsternis und Gefährlichkeit zu betrachten, meine Fantasie ist darin geübt, mir die denkbar schlimmsten Folgen vorzustellen. Seit meiner Jugend in einem kommunistischen Land bin ich trainiert in gnadenloser Problemanalyse: Nur keinen negativen Aspekt übersehen – gerade er könnte die tödliche Gefahr in sich bergen. Das vergangene Jahr, mit Corona-Panik und fortschreitender Erosion der demokratischen Strukturen des Westens, hat mein und vieler anderer Menschen Misstrauen vertieft. Doch nicht selten enthalten desaströse Ereignisse den Keim zu einer Erlösung.

Am vergangenen Wochenende wurde nahe Ashkelon an der israelischen Mittelmeerküste ein siebzehn Meter langer toter Finnwal angetrieben. Erste Untersuchungen des Kadavers zeigten Klumpen von Bitumen in seinen Lungen. Man fand schwarz verschmierte Meeresschildkröten und Seevögel mit verklebtem Gefieder. In den nächsten Tagen sollte sich erweisen, dass der größte Teil der israelischen, vermutlich auch libanesischen Mittelmeerküste – allein auf israelischer Seite 160 Kilometer – von Ölresten verunreinigt ist. In Eile ausgewertete Satellitenbilder zeigten fünfzig Kilometer vor der Küste einen großen schwarzen Fleck, ausgehend von einem der zehn Schiffe, die zu diesem Zeitpunkt die internationale Route zwischen ägyptischer und zypriotisch-europäischer Küste befuhren.

Recherche-freudige Journalisten, die ermitteln wollten, von welchem Schiff genau, wurden durch ein Urteil des Bezirksgerichts Haifa daran gehindert, das eine für sieben Tage gültige gag order („Maulkorb-Verordnung“) über die Untersuchungen verhängte und die Nennung von Namen, Nationalität und anderen Details der betreffenden Schiffe verbot. Keine angenehme Nachricht für Anhänger von Demokratie und freier Meinungsäußerung. Gerade hatte das Feuerwerk der Vermutungen und Spekulationen eingesetzt. Die israelische Umwelt-Aktivistin Leehee Goldenberg von der Organisation Adam, teva ve din (Mensch, Natur und Recht) erinnerte daran, dass neuerdings arabische Öltanker an Israels Küstenlinie entlang fahren dürfen, gemäß der sogenannten Red-Med-Vereinbarung (Red für Red Sea, Med für Mediterranean) zwischen den Golf-Emiraten und der israelischen Eilat Ashkelon Pipeline Company, getroffen im Zuge des von der Trump-Administration ausgehandelten Friedensabkommens zwischen den Golf-Emiraten und Israel, das den Transport von Erdöl vom Golf über Israel nach Europa regelt.

Die problematischen Seiten des viel gefeierten Abkommens

In diesem Sinne gingen die Spekulationen vieler Israelis in Richtung „Umwelt-Terrorismus“, wie etwa ein englischsprachiger Leserbrief in der Zeitung Yediot Acheronot suggerierte: „A foreign interest decided to 'tar and feather' Israel as premeditated act of environmental terrorism“. Der Vorfall erinnerte an das Desaster vom Dezember 2014, als bei einem mysteriösen Schaden an der Pipeline von Eilat nach Ashkelon mehrere Millionen Liter Rohöl ausliefen und einen großen Teil des Evrona-Naturschutzgebiets in der Wüste Negev ruinierten. Die dafür zuständge Eifrat Ashkelon Pipeline Company wurde 2019 zu einer Strafzahlung 26 Millionen Euro verurteilt, die der Revitalisierung der Landschaft zugute kamen. Auch damals vermuteten viele einen Anschlag gegen die durch offenes Wüstengebiet führende Ölleitung. Noch deutlicher zeigt die Ölpest an der Mittelmeerküste die problematischen Seiten des viel gefeierten Abkommens zwischen den arabischen Golf-Staaten und Israel.

„Sollte Eilat in einen großen Ölhafen verwandelt werden, wäre die ganze Gegend bedroht“, erklärte der frühere Parlaments-Abgeordnete Dov Khenin, der sich für den bislang vernachlässigten Umweltschutz in Israel einsetzt. Die gag order des Bezirksgerichts Haifa vom 22. Februar sollte vermutlich Enthüllungen verhindern, die im Sinne der Annäherung zwischen Israel und den Golfstaaten derzeit politisch unerwünscht sind. Allerdings wurde dieses Urteil bereits am nächsten Tag nach Petitionen israelischer Medien-Organisationen von einem höheren Gericht widerrufen – erstaunlich, wie schnell in Israel die Gerichte arbeiten können, wenn es wirklich drauf ankommt. Dieses Gericht ordnete an, dass zwar die offiziellen Ergebnisse der Untersuchung des israelischen Umwelt-Ministeriums vorerst unter Verschluss zu bleiben hätten, zugleich aber unabhängige, durch „offene Quellen“ vorgenommene Untersuchungen veröffentlicht werden dürfen („While the actual details on the investigation must remain under wraps, findings that could be deduced independently and through open sources can be published“).

Währenddessen sind Reinigungsfirmen, tausende Freiwillige und Einheiten der israelischen Armee mit einer gründlichen Reinigung von 160 Kilometern israelischer Mittelmeerküste beschäftigt. Für das Publikum bleiben die Strände vorerst gesperrt, bitter in den Tagen um das Purim-Fest, da hunderttausende Israelis Ausflüge mit ihren Kindern machen wollen – in diesem Jahr nach wochenlangem „Lockdown“ nötiger denn je. Umweltschutz-Ministerin Gilad Gamliel hat versprochen, die Strände binnen zwei Wochen reinigen zu lassen, und da glücklicherweise in vier Wochen Parlaments-Wahlen anstehen, wird sie keine Mühe scheuen, ihr Versprechen zu halten.

Pressefotos zeigen den Einsatz neuester Technik, die Bemühungen von Spezialisten und weiträumige Maßnahmen. Da nun in großem Umfang moderne Maschinen und Transportmittel eingesetzt werden, kann auch endlich der Müll von Jahrzehnten, der sich im umweltsündigen Israel an den Stränden angesammelt hatte, tausende Plastikteller von Picknicks am Meer, Industrie-Abfälle, entsorgte Kühlschränke, alte Möbel oder Baumüll, beseitigt werden – ein segensreiches Unternehmen. Wer wie ich gern weite Wanderungen in Israels Landschaften macht, kennt die trübsinnigen Details der Vernachlässigung und Verachtung der Umwelt. Ohne die Ölkatastrophe der vergangenen Woche wäre es wahrscheinlich nicht so bald zu diesem Großansatz gekommen, der in Wahrheit seit langem fällig war. So sehe ich meinen Optimismus bestätigt, dass katastrophale Ereignisse positive Folgen haben können. Oder wie es im biblischen Buch Kohelet heißt: Ejn ra bli tov, Es gibt nichts Schlechtes, das nicht auch sein Gutes hätte.

Foto: Adrian Cadiz/USAF via Wikimedia Commons

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Torsten Müsch / 26.02.2021

Wenn ich daran denke, dass vor 40-50 Jahren das Ablassen von Ölrückständen völlig normal war und man somit jeden Urlaub am Mittelmeer auch damit konfrontiert war Teer zu entfernen, so kann man nur zu dem Ergebnis kommen, dass hier was größeres passiert ist . Also mal gucken, ob dort eine Pipeline verläuft, oder irgendwelche Wracks liegen.

E Ekat / 26.02.2021

Damit es wieder richtig gut werden kann, verehrter Herr Noll, muß es zunächst noch sehr viel schlechter werden. Noch sind alle satt. Noch überläßt man das Denken jenen, die sich selbst solcher Fähigkeit rühmen. Gut, es bröckelt schon ein wenig. Aber gemessen an dem, was hier tatsächlich abgewickelt wird ist dies keiner Rede wert. Ich befürchte, daß es Politiker*innen geben könnte, die etwas Gutes anzustreben nur vorgeben, um in der dabei erschlichenen Zeit nichts auszulassen, gerade damit es uns schlecht gehen wird.

Frances Johnson / 26.02.2021

In Israelist demnächst Badeurlaub möglich, in Arabien übrigens auch und vermutlich auch bald in Marokko. Man schaue sich die Länder an, denen solches verwehrt bleiben soll.

A. Ostrovsky / 26.02.2021

Wenn man bei Amazon aus China etwas bestellt, was 6 bis 8 Wochen später ankommen soll, dann aber nicht ankommt, dann gilt das als verloren. Dahinter sollen Schiffsunglücke stecken. So ein Tanker hat nicht mehr Besatzung als ein Containerschiff, Das sind nur ein paar Leute, Kollateralschaden eben. Das gibt es überall, sogar unter Kriegsbericht-Reportern. Aber wenn ein Tanker untergeht, kann es Jahrzehnte dauern, bis das Öl das Meer verschmutzt. Wieso man da in Israel angeblich eine Informationssperre erlässt, welche Schiffe da gerade lang fahren, ist mir nicht verständlich. Warum soll verklumptes Öl etwas mit den gerade dort fahrenden Schiffen zu tun haben?

Ralf Pöhling / 26.02.2021

Gesellschaftliche Entwicklungen brauchen Zeit und Rückschritte, wie auch grobe Stolperfallen, sind dabei immer einzukalkulieren. So lang sich die neue Situation nicht zu nahezu 100 % gesamtgesellschaftlich auf allen Seiten gefestigt hat, gilt der alte Grundsatz: “Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste”. Man denke an den 06.10.1981. Es braucht nicht viele, um für alle anderen alles wieder zunichte zu machen.

John Smith III / 26.02.2021

Es gibt allerdings auch Schlechtes, das nichts Gutes hat.  Die Zerstörung des Mittelmeeres gehört dazu. Vorwiegend durch Schrottschiffe und Umweltsünden von “failed states”.  Diese Ölpest war sicher nur ein einziger Tanker, der seine versiffte Bilge gereinigt hat.  Schrottkähne fahren im Mittelmeer mehr herum als im kompletten Rest der Welt. Schon wetterbedingt, es ist nämlich ein sehr günstiges Meer.  Und es sind keineswegs “arabische” Tanker, sondern Griechen und Türken.  Deutsche mischen auch mit.  In Sichtweite meines Büros legen sie ab:  Autofrachter mit Gebrauchtwagen für den Libanon und Afrika. Schrott - sowohl die Schiffe als auch die Autos.  Einige haben auch nur Elektroschrott an Bord. Aber Hauptsache wir retten das Klima . (Grüße aus der Dessauer Straße, Hamburg).

Dr. Joachim Fromm / 26.02.2021

@Frau Schönfelder, auch wenn Sie so etwas wie Narrenfreiheit für Ihre Verschwörungstheorien genießen, bitte berücksichtigen Sie, dass es Inserenten gibt, die diese abstrusen Thesen lesen. Mehr Sachlichkeit und weniger Frust, vermutlich aus Enttäuschung darüber, dass Trump nicht mehr agitieren kann. Ein staatsmännisches Verhalten war dem eitlen Buben ohnehin fremd!

Wolfgang Pfeiffer / 26.02.2021

@Stefan Riedel: Die fürchterlichen Verwerfungen und Schäden, die der Lockdown in Deutschland angerichtet hat, könnten (!) auch dem Letzten, der bereit ist zu sehen, zeigen, dass deutsche Politiker ein Problem sind.  Dass letztere über weite Stecken nicht ganz dicht sind, kann man allerdings seit Jahrzehnten wissen, wenn man es denn wissen will - aber klarer als heute war es wohl selten nach 1945: die derzeitige Situation könnte also etwas Positives bewirken ....  Merkel kriegt allmählich Druck. “Bild+” schreibt heute von “Meuterei gegen Merkel”. Vielleicht darf ich ja doch noch einmal ein Fläschchen aufmachen, weil sie, und vielleicht ein paar mehr, einfach abdanken. Also: wie heißt es so schön: die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos .... ;)

Sabine Schönfelder / 26.02.2021

Stefan@Riedel, ganz einfach, seit die deutschen Handlanger des neuen großkapitalistischen Überwachungsstaates à la Gates und Konsorten uns einsperren, soziale Kontakte verbieten, Lebenslust geplant ersticken und mit einer erzwungenen Impfung unsere körperliche Unversehrtheit attackieren, verlieren wir DIE ANGST VOR DEM TOD. Unser einst freies Leben wird zur DASEINSBERECHTIGUNG runtergeregelt, aber nur solange, bis der Impfstoff in ausreichender Menge produziert ist. Danach wird der UNGEIMPFTE auch diesen Status verlieren. Er wird zur gefährlichen Virenschleuder, zur Gefahr für die Menschheit. Man wird in jagen, - digital und denunziatorisch. Er wird sein ohnehin unfreies Leben mit einer letzten Alternativmöglichkeit beenden dürfen: Tod durch Einzelhaft und Isolierung oder Tod bzw. Folgekrankheiten mittels einer regelmäßigen genetischen Manipulation namens Impfung. Lieber Herr Noll, diese angstfreie Grundhaltung eröffnet aber wiederum neue Freiheitsgrade. Wovor soll sich der Mensch noch fürchten? Vor einem digitalen Impfpass der Restaurantbesuche und Reisen verspricht in einer Welt, die nicht einmal den dazu passenden, gefährlichen Dilettantenimpfstoff in ausreichender Menge zur Verfügung stellen kann, mit mittelalterlicher Digitalvernetzung, mit geschlossenen Restaurants, Kulturstätten und EUROPÄISCHEN GRENZEN !!! und einer immerwährenden Maskerade samt menschlichen Kontaktbeschränkungen für NICHTS?Der Pessimist sagt: “Es geht nicht schlimmer!“Der Optimist sagt: „Doch” -

Stefan Riedel / 26.02.2021

@Dr Stefan Lehnhof: Ihr Wort in Gottes Ohr!

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