Deborah Ryszka, Gastautorin / 30.11.2020 / 14:00 / Foto: Scott Lynch / 11 / Seite ausdrucken

Der Fundamentalismus ist unter uns

Identitätspolitik ist zur heiligen Kuh unserer Zeit avanciert. Der Politologe Thomas Meyer zeigt aber, dass diese die Mutter von Islamismus und anderen fundamentalistischen Strömungen ist.

Was haben Teile des Islam und des politisch-korrekten grünen Mainstream gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Während die einen der Tradition huldigen, verachten die anderen jegliche Herkunft. Und doch eint sie etwas: ihre fundamentalistische Identitätspolitik. Während die einen sich als lebendige Feuerwerkskörper in die Luft jagen, möchten die anderen mit eiserner Hand das Chinaböllern verbieten.

Im Kern geht es beiden um das Gleiche: Soziale und politische Machtinteressen beizubehalten und zu erweitern. Eben das zeigt fundiert und schlüssig Thomas Meyer mit seinem Buch „Identitätspolitik“. Zwar bezieht er sich bei seiner Analyse nicht auf die politisch Grünen, seine Erstausgabe erschien bereits im Jahr 2002. Doch auf die Klima-Partei lassen sich seine Befunde problemlos übertragen.

Denn der emeritierte Professor für Politikwissenschaft an der Technischen Universität Dortmund zeigt hervorragend wie soziale, wirtschaftliche, kulturelle und politische Faktoren eine fundamentalistische Identitätspolitik befeuern. Das hat auch seinen Preis. Sein Werk lässt sich nicht leicht zwischen Tür und Angel lesen. Zeit und Muße sollte der Leser mitbringen. Bei „Identitätspolitik“ handelt es sich nicht um eine populärwissenschaftliche Arbeit, sondern um eine wissenschaftliche Analyse. Wer sich die Zeit nimmt, wird belohnt.

Das bedeutet aber nicht, dass Meyers Aussagen mühselig und langatmig mit scharfem Intellekt dechiffriert werden müssen. Vielmehr muss man sich auf den wissenschaftlichen Stil einlassen. Das sind: Wenig Umschreibungen, noch weniger Bilder und wesentlich weniger Humor. Ralf Dahrendorf war schließlich auch kein Unterhaltungsgranate. Aber hat sich der Leser daran gewöhnt, liest sich das Buch schon wesentlich leichter und angenehmer.

Der inhaltliche Zugewinn befeuert diese Leichtigkeit. So zeigt Meyer, dass bereits seit dem 1970er Jahre eine Politisierung der Kultur stattfinde. Diese diene den Parteien dazu die eigene Macht zu erhalten, auszubauen oder zu gewinnen. „Nun erlebt die politische Instrumentalisierung kultureller Unterschiede seit den 1970er-Jahren in allen Teilen der Welt eine ebenso machtvolle Renaissance (...)“. Ihre Konsequenz: ein Freund-Feind-Denken und das Verschwinden wirklicher kultureller Differenzen.

Der Fundamentalismus breite sich so in der Mitte der Gesellschaft aus und werde salonfähig. Um seine Position zu bekräftigen, rekurriert Meyer auf namhafte Theorien. Diese reichen von Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ bis hin zu Manuel Castells‘ „Netzwerktheorie“. Hierbei kritisiert Meyer insbesondere Huntingtons Theorem vom Kampf der Kulturen. Seiner Meinung nach erkläre dieses weniger. Vielmehr sei es Teil der Ursachen, die es zu verstehen versuche.

Das alles, und noch viel mehr, zeigt Meyer nicht nur theoretisch, sondern auch empirisch fundiert auf: Nicht die kulturellen Unterschiede an sich seien schlecht oder gut. Der (politische) Umgang mit ihnen sei das Entscheidende. Wer besser verstehen möchte, warum sich die Fronten inner- und außergesellschaftlich verhärten, kann an Meyers wissenschaftlicher Analyse nicht vorbei. Weil diese so erhellend ist, wünschte man sich eine aktualisierte Fassung. Inklusive der politisch Grünen.

Meyer konstatiert: „Der linke Fundamentalismus scheint fürs Erste erschöpft“. In der aktualisierten Version würde er vermutlich den Aufstieg eines grünen Fundamentalismus beobachten. Weg von der RAF, der Roten Armee Fraktion, hin zur GBF, der Grünen Bürgerlichen Fraktion. Aber vielleicht beschäftigt sich Meyer schon mit solchen und anderen Themen?

Thomas Meyer (2002). „Identitätspolitik. Vom Missbrauch kultureller Unterschiede“. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

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Andreas Rochow / 30.11.2020

Islamismus ist ein Neuwort, das der Verharmlosung des fundamentalen, gewaltbereiten, tödlichen Islam dient und der ideologischen Lüge der Willkommensbeoffenen, wonach der Islam mit dem Islamismus nichts zu tun habe. Es muss ja die propagandistische Argumentation her, dass der Islam zu Deutschland gehört. Diese Propagandalüge ist lebensgefährlich und der Kern des deutschen Kulturvolks hat keine Lust darauf, für die eigenwilligen multikulturelle Willkommensexperimente der Bundeskanzlerin zu sterben. Merkels Agenda ist - schlicht gesagt - himmelschreiend menschenverachtend, denn den Muslimen der Welt ist sie als deutsche Bundeskanzlerin zu nichts verpflichtet. Sie hat dem deutschen Volk zu dienen. Ihre Hobbies und Vorlieben und Macken sind doch reine Privatsache. Merkt das denn keiner in ihrer Partei oder im Bundestag? Was sagt ihr Leibpsychiater dazu, vermutlich ein Moslem?

Wolf Kull / 30.11.2020

Nur in aller Kürze: Fundamentalismus ist kein Begriff, der zum Islam und der Auslegung des Korans mit den Hadithen passt. Daher ist auch Islamismus kein islamischer Begiff. Huntingtons Buch verwendet im englischen Titel das Wort Clash, was soviel wie Zusammenprall bedeutet (The Clash, die Punkband). Den Begriff bezogen auf den Islam hat übrigens einige Jahre vor der Buchveröffentlichung Bernard Lewis geprägt.

sybille eden / 30.11.2020

Die Politisierung der Kultur fing schon viel früher an. Nämlich schon in den Fünfzigern !  In Paris mit Sartre und in EUtschland in den Sechzigern mit den Studentenprotesten und Dutschke. Man nennt das aber heute “KULTURMARXISMUS”,  denn diese Entwicklung ist ausschließlich von den Linken getragen und gepuscht. Das Buch ist überholt.

W. Kolbe / 30.11.2020

Petra Wilhelmi, richtig dargestellt.  Da gibt es nichts das man schön reden muss. Der ISLAM IST KRANK UND MUSS REFORMIERT WERDEN. NOCH KRÄNKER SIND DIE GRÜNEN. Denen kann niemand MEHR helfen. Hier werden BRÜDER IM GEISTE aufgezeigt. Komisch ist nur dass die meisten aus diesem Milieu, sich von den Menschen aushalten lassen, die sie ja verachten.

Dr. med. Jesko Matthes / 30.11.2020

Das eigentlich Lustige ist doch, dass ich mir jeden dritten Abend auf ARTE was schreiend Identitäres angucken kann. Palästinenser auf der, na, sagen wir mal, Suche nach ihrer Identität. Yanomami-Eingeborene und Aborigines im Kampf um ihre Rechte als Nation. 500 Nations bei der Bewahrung ihrer Rechte als Ureinwohner Nordamerikas. Besorgte Jugendliche, die ihre Bildung fürs Klima opfern, hüpfend und singend oder zeternd und greinend. Vom Tode bedrohte Juden auf der Flucht, aber vor 80 Jahren. People of Colour in Afrika, die sich mühsam des noch älteren kolonialen Erbes entledigen. Danach die unter journalistischer Lebensgefahr gedrehte Doku darüber, wie böse deutsche oder österreichische Identitäre doch glatt auf die Nazi-Idee kommen, sich nicht auf kaltem Wege aus Afrika oder dem Maghreb kolonialisieren und dafür unterdrücken lassen zu wollen. Und zu guter Letzt dieses Kulturkampfes dann eine versöhnliche französische Komödie über die Tochter aus dem gutem Hause Blanc, die einen Black oder Beur als Eheanwärter anschleppt, und bei der sich am Ende alle in den Armen liegen. Und dann sehe ichnoch die ARTE-Nachrichten aus Paris und frage mich, bei welchem meiner Lehrer bei ARTE da auch schon ohne Gewaltanwendung längst der Kopf ab ist.

Robert Schmidt / 30.11.2020

Sicherung der Posten - das treibt die grün-rote Szene eigentlich an. Die Moral, die “Haltung” ist nichts anderes als der Mitgliedsausweis für die Posten in den Ämtern, in den Kulturjobs, in den Medienjobs, in Sozialjobs, in den Mainstream-Parteien. Man ist eine eigene Kaste. Je unerreichbarer die proklamierte Moral, desto besser - es ist wie beim Pfaffen der sagt “Du bist ein Sünder - aaber, wenn Du Dich an mich hältst kann Dir geholfen werden”. Aus dieser Verlogenheit erklärt sich auch, dass sie meist das Gegenteil von dem bewirken, was sie proklamieren: die Bildungsschere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander, die Vermögen klaffen immer weiter auseinander, die Finanzierung aus der Geldpresse belastet vor allem die kleinen, der “Anti-Faschismus” bedeutet diktatorische Meinungszensur, die Umweltbilanz Grün regierter Länder ist besonders schlecht, die Massentierhaltung in Niedersachsen unter Grüner Mitregierung ist keineswegs eingestellt worden, beim VW Skandal hat man mitgedeckt, usw…

Frank Dom / 30.11.2020

Was ist den Grünen und dem Islam gemeinsam? Die “binäre” Codierung in Haram und Halal, bzw schädlich und nachhaltig. Beides wird von religiösen Instanzen gesetzt, die sich jeder Kritik entziehen. Wer widerspricht, wird mehr oder weniger vollumfänglich gecancelt. Spannend wird zu sehen sein, ob die Islamisten mit den Grünen aufräumen (so richtig queer sind die Islamisten ja idR nicht), oder sich ihrer zwecks Camouflage bemächtigen. Die taz: “Coronamaßnahmen in Deutschland - hört auf den Koran.” 15.10.20. Mohamed Ahmjahid

Isabel Kocsis / 30.11.2020

Die Identitätspolitik der Linken ist illusionistisch und verderblich, zielt aber gegen die einheimischen bürgerlichen , traditionell ausgerichteten Schichten,. Gegenüber dem Islam bewirkt sie gar nichts außer Wegsehen. Dieser agiert nach seinen eigenen Regeln und dazu gehören auch regelmäßig auftretende radikale Strömungen, die eventuelle Verwestlichung oder Modernisierung zurück zur Orthodoxie drehen, eben wie heute die Muslimbruderschaft mit ihren terroristischen Ausläufern.

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