Zeit-Kolumnist Jens Jessen und „Grüffelo“-Schöpfer Axel Scheffler haben sich für den Essayband „Tierleben. Oder: Was sucht der Mensch in der Schöpfung?“ zusammengetan. Texte und Zeichnungen vereinen sich zu einem treffenden Sittenbild menschlicher Schwäche. Schwerelos, sprachlos, fassungslos.
Da wird schamlos kompromittiert, beschuldigt und denunziert. Till Lindemann traf es. Til Schweiger auch. Und nun Hubert Aiwanger. Es ist zum Kopfschütteln. Immer wieder wird das gleiche „Spiel“ gespielt: Ein wütender Mob, der sich blind vor Wut auf seine frisch gekürte persona non grata stürzt. Wie eine Raubkatze. Aus dem Hinterhalt. Mit minimalstem Risiko. Dann: Persona non grata wankt, stürzt, fällt und rehabilitiert sich – im besten Fall. Schon fixiert der Mob seine nächste Beute. Und es geht von vorne los. Das ist zum Fremdschämen. Zugleich wirft es die Frage auf: „Wie kann dieser Mob die sogenannte 'Krone der Schöpfung' sein?“ Die nüchterne Antwort: „Offenbar kann er’s.“
Das jedenfalls zeigt Jens Jessen brillant mit seinem neuen Schriftstück „Tierleben. Oder: Was sucht der Mensch in der Schöpfung?“ Alleine schon die schwarz-weiße Karikatur auf den knallorangen Einband macht Lust auf Mehr: Vorne links am Bordstein ein Gorilla mit verschränkten Armen, hinten rechts auf der Sitzbank ein Mann mit Glatze in gleicher Pose. Es ist zum Schmunzeln. Wenn doch mehr Menschen sich ihrer eigenen, viehischen Natur bewusst wären. Passender hätte Axel Scheffler, der Erfinder des Grüffelo, es nicht illustrieren können.
Und glücklicherweise bleibt es auch nicht das einzige seiner Glanzstücke. Für jedes Essay, das Jessen einem tierischen Artgenossen widmet, erschafft Scheffler eine entsprechende Zeichnung. Etwa wie beim Hamster, wo die ähnliche Essgewohnheit zwischen Hamster und Mensch amüsant karikiert wird: Hier der Griff des Mehlwurms mit zwei Pfoten, dort der Griff der Bockwurst mit zwei Händen. In Zeiten von Selbstbestimmungsgesetz und Mehlwürmern in Nahrungsmitteln für einige vermutlich höchst irritierend, wer hier Mensch, wer hier Hamster sein soll. Für humorlose Zeitgenoss*innen womöglich sexistisch, rassistisch, oder gar rechts.
„Kuscheln mit den Ungeheuern“
Jedenfalls: Es gibt keinen Grund für Jessen, sich textlich hinter Schefflers Zeichnungen verstecken zu müssen. Beide ergänzen sich hervorragend. Hier das treffend gezeichnete Bild, dort das grandios geschriebene Wort. Denn gewohnt routiniert und leichtfüßig spielt Jessen mit der Sprache. Dieses Mal in 43 klitzekleinen Essays. Auf etwas über 140 Seiten. So verbindet Jessen erzählerische Finesse mit feinsinniger Beobachtungsgabe und informativen Fakten.
Wo sonst wird einem die brutale Realität in Deutschlands Kinderzimmern so stilvoll-behutsam vor Augen gehalten? Das ganze „Kuscheln mit den Ungeheuern“ als Akt einer „zärtlichen Unterwerfung“. Angefangen bei der „Plüsch-Hyäne“ bis zu den „Plüsch-Bandwürmern“. Oder die elterliche Obsession für Einhörner? Für Jessen ganz eindeutig ein Reinwaschen der eigenen Sünden, um „sich in einer Figur der reinen Unschuld zu spiegeln“. Oder das Faktum, dass der Zaunkönig nur etwa neun bis elf Zentimeter groß wird, bei einem Körpergewicht von sieben bis elf Gramm?
In dieser behutsamen, aber pointiert-amüsanten und informativen Manier widmet sich Jessen zum Beispiel dem Meseburger Raben, der nach Aufmerksamkeit lechzt, der besessen-verfressenen Ziege oder dem Teich-Duo des selbstgefälligen Schwans und der intelligenten Ente. Das Essay zu den Gifttieren endet mit der schlagfertigen Sentenz: „Auch Tiere sind nicht alle gleich. Einige sind giftiger.“ Man muss es in dieser Deutlichkeit sagen: Mehr geht einfach nicht. Die Luft nach oben ist stilistisch aufgebraucht.
Obwohl es sich bei der Textsammlung um überarbeitete und aktualisierte Texte aus Jessens Kolumne „Jessens Tierleben“ für die Wochenzeitung „Die ZEIT“ handelt, ist das Büchlein jeden einzelnen Cent wert. Ginge es nach seinem ideellen Wert, würde der Essayband ein Vielfaches kosten müssen. Zugleich wirft es aber die Frage der Fragen auf: „Bei 'Die ZEIT'? Die ZEIT?“ Sei’s drum. Der sprachbegeisterte Leser wird während der Lektüre von „Tierleben“ im siebten Essay-Himmel schweben. Schwerelos, sprachlos, fassungslos.
Denn: In diesem Essay konzentriert sich sprachlich, was der Mensch da draußen sein könnte: ein nach moralischer Integrität, exzellenter Leistung und rationalem Egoismus strebenden Wesen. Kurzum: die „Krone der Schöpfung“ schimmert im „Tierleben“ hervor. Eine wahre Rarität auf dem gegenwärtigen Buchmarkt. Deswegen auch die überschwängliche Leseempfehlung: Unbedingt lesen!
Jessen, Jens / Scheffler, Axel (2023). „Tierleben. Oder: Was sucht der Mensch in der Schöpfung?“. Springe: zu Klampen. Hier bestellbar.

>>Zugleich wirft es die Frage auf: „Wie kann dieser Mob die sogenannte ‚Krone der Schöpfung‘ sein?“ Die nüchterne Antwort: „Offenbar kann er’s.“<< Quatsch, quatsch, quatsch. Der MOB ist der Abschaum. Es gibt aber Ahnlichkeiten mit der Krone der Schöpfung, die sind aber nur äußerlich. Im Grunde ist es kulturtelle Aneignung der menschlichen Art durch verkleidete Kröten. Ich erinnere mich da an Louis Defunés Film mit den Außerirdischen, die immer Öl trinken mussten. Sie sahen aus, wie Menschen, aber an ihren zwanghaften Handlungen waren die verkleideten Außerirdischen zu erkennen. Es ist heute nicht anders. Sie müssen in regelmäßigen Abständen Menschen fressen. Es geht um das Aussaugen der menschlichen Seele. Und ihr ganzes Denken kreist um den unbedingten Zwang, das geheim zu halten. Daran erkennt man sie. Und plötzlich wird auch der Zusammenhang zwischen GWUMP und Böhmermann sichtbar, wenn er um Hilfe schreit, weil er jetzt unter Druck kommt. Es sind die Kinder Satans. Und sie verhalten sich ihrer Art entsprechend. Sie können ja nicht anders. Aber deshalb dürfen wir kein Mitleid mit ihnen haben, denn sie zerstören unsre Welt. Der Konflikt kann nicht durch Verhandlungen gelöst werden. Es gibt nur zwei mögliche Lösungen. Die oder wir.
Als Gott sah, daß ihm der Affe misslungen war, erschuf er den Menschen. Danach gab er das Experimentieren auf (Mark Twain).
Ich bin ja sonst kein Freund der Kontaktschuldtheorie. Aber wer nach dem Untergang der spanischen Armada immer noch bei dem im Text erwähnten unbestritten furchtbaren „Fischblatt“ publiziert hat, der fand seine Schriften wohl sonst nirgends abgedruckt, ohne teuer dafür zu bezahlen. Kann natürlich auch Pech gewesen sein.
Nur das Tier Mensch philosophiert bei der Gestaltung seines Lebensraum über Weltrettung, Klimastopp, Naturgleichgewicht und seine eigenen Nachkommenschaft, die zu blöd, zu dumm und zu faul sei, ihre Lebensräume selbst gestalten und verwalten zu können („nachkommende Generationen solch Welt zu hinterlassen“).
Sie sprechen über Rammstein. Habe ich Sie nicht gewarnt? Willkommen im Kreis der Ritter und Indianer.