Kultur-Kompass: „Die Deutschen und die Revolution“

Die Deutschen können nicht Revolution? Von wegen! Das zeigt einer der renommiertesten Historiker Deutschlands, Heinrich August Winkler, in seinem neuesten Geschichtsbändchen „Die Deutschen und die Revolution. Eine Geschichte von 1848 bis 1989“. 150 Jahre deutsche Geschichte fasst Winkler dort auf etwa 150 Seiten zusammen. Knapper geht es wohl kaum. Spannender ebenso wenig.

Denn genau die richtigen Ereignisse mit genau den wichtigsten Protagonisten vereint der emeritierte Geschichtsprofessor in seine spannend-unterhaltsame Lektüre. Ganz anders als die zuhauf sich tummelnden, mehrere hundert Seiten langen Geschichtsschinken: Detaillierte Fakten samt eines geforderten langen Atems verdrängen hier allzuoft das gesamte Ganze und die intellektuelle Leichtigkeit. Der Leser sieht sprichwörtlich „den Wald vor lauter Bäumen“ nicht mehr - abgesehen von der verdaulichen Schwerkost, die ihm überfällt.

Nichts davon muss jedoch der Leser des neuen Winkler fürchten. Getreu dem Motto „in der Kürze liegt die Würze“ taucht Winklers Leser in die Zeit der Märzrevolution von 1848 über die deutsche Revolution von 1918/1919 bis hin zur friedlichen Revolution 1989 ein. Kurz, knackig und klug. Mit einem starken Fokus auf die Rolle der Sozialdemokratie. Wer Winkler kennt, weiß: Der ausschließlich einseitig-historische Blickwinkel ist ihm ein Graus. Gesellschaftliche und politische Sachverhalte dürfen bei seinen historischen Betrachtungen nicht fehlen. Der Ganzheit wegen - und ihres möglichst realitätsbezogenen Verständnisses.

So widerlegt Winkler stimmig die These des Tübinger Historikers Rudolf Stadelmann, Deutschland sei ein „Volk ohne Revolution“. Geschenkt: Von der Leidenschaft, vom Pathos der „Grande Nation“ oder der Engländer seien die Deutschen meilenweit entfernt. Jedoch kristallisierte sich eine spezifisch deutsche Form der Revolution heraus.

Mal vorsichtig, wie es der emeritierte Historiker konstatiert: Karl Marx und die Linken sahen den Siegeszug der Revolution nur in einen Weltkrieg münden, deren Todfeind das russische Zarenreich war. Um diesen radikal-unsinnigen Bellizismus zu bändigen, hätten Liberale und Konservative alles in ihrer Macht Mögliche getan, um die Revolution von 1848 zu beenden. Mit Erfolg. Aber mit nicht unerheblichen Kosten verbunden: „Es ist einer der Gründe für die Schwäche der freiheitlichen Traditionen in Deutschland des 20. Jahrhunderts oder, um denselben Sachverhalt anders auszudrücken, für die obrigkeitliche Verformung großer Teile des deutschen Bürgertums oder, noch schärfer, die Brechung des liberalen Selbstbewusstseins.“

Revolution: „von oben“

Diese Mentalität ebnete laut Winkler den Weg für weitere historisch katastrophale Ereignisse. Aber auch für eine weitere deutsche Form der Revolution: „von oben“: Noch vor der deutschen Reichsgründung 1871 regierte Otto von Bismarck entgegen dem Willen der Parlamentsmehrheit in Preußen und annektierte völkerrechtswidrig die Herzogtümer Schleswig und Holstein. Weitaus bekannter ist wohl seine politische Regierungsform mit „Zuckerbrot und Peitsche“. Während er die Verfolgungen von Sozialdemokraten legalisierte („Sozialistengesetz“), führte er etliche soziale Reformen ein.

Mit seinem Ausscheiden am 20. März 1890 als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident, begann das Ende des Deutschen Reiches. Die Lust auf Krieg in elitären Kreisen gepaart mit einer außenpolitischen „Selbstauskreisung“ Deutschlands mündeten im Ersten Weltkrieg. Die Niederlage Deutschlands war zugleich der Anfang der Ersten Deutschen Republik. Nach Ansicht Winklers belasteten jedoch zwei Sachverhalte diese junge Republik massiv. Erstens: „Die Geburt der parlamentarischen Demokratie aus der Niederlage erleichterte es der nationalistischen Rechten, das parlamentarische System als Staatsform der westlichen Siegermächte, mithin als ein undeutsches System, und als Folge von ‚linkem‘ Verrat zu diffamieren“. Zweitens: Das nicht ganz geglückte parlamentarische System ermöglichte Milieuparteien, die nicht miteinander regieren konnten und sich ideologisch in ihren eigenen Ideen steigern konnten.

Wohin dieser parlamentarische Konstruktionsfehler führte, zeigt nach Winkler die Geschichte. Politische Parteien, die nicht versuchten gesellschaftliche Probleme gemeinsam zu lösen, sondern ihr ideologisches Parteiprogramm umsetzten: „Die Folge war die Herausbildung von Milieuparteien, die dazu neigten, die Interessen der von ihnen repräsentierten Teile der Gesellschaft ideologisch zu überhöhen“. Auch die Sozialdemokraten hätten es als „Hauptbeschäftigung“ betrachtet, sich von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) abzugrenzen: „Um einen weiteren Rechtsruck im Reich zu verhindern und in Preußen, […] an der Macht zu bleiben und die Kontrolle über die Polizei zu behalten, entschieden sich die Sozialdemokraten, das Minderheitskabinett Brüning fortan zu tolerieren.“ 

Kurzfristig war das durchaus erfolgreich. Langfristig jedoch nicht. In der Folge steigerten sich soziale und wirtschaftliche Konflikte, Radikalisierungen von Parteien und Bürgern waren zu erwarten. „Als Oppositionspartei aber fiel die SPD seit Oktober 1930 aus. Ebenso wie mit der Selbstausschaltung des Reichstags ein halbes Jahr zuvor trug sie durch dieses Faktum dazu bei, den entschiedensten Gegnern der Weimarer Demokratie, in erster Linie der NSDAP, in zweiter der KPD, Wähler zuzuführen.“

Für den renommierten Historiker liegt der Bärenanteil, warum sich der Nationalsozialismus etablieren konnte, beim damaligen Reichspräsidenten, Paul von Hindenburg: „Zu einer Machtübertragung an Hitler, dem Führer der stärksten Partei, war der Reichspräsident zu keiner Zeit gezwungen – sowenig wie er Ende Mai 1932 genötigt war, seinen treuen Unterstützer Brüning zu entlassen, durch den ultrakonservativen Franz von Papen zu ersetzen und damit die gemäßigte, parlamentarisch tolerierte Form des Präsidialregimes durch eine offen antiparlamentarische, autoritäre Form abzulösen“.

"Refolution"?

Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung hatte offenbar auch wenig dagegen. Anderthalb Jahre nach Adolf Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933, ließ Hitler noch am Todestag von Hindenburg die Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers in seine Person vereinen. In einem Plebiszit am 19. August 1934 stimmten 84,3 Prozent der Wahlberechtigten dieser Vereinigung zu. Nota bene: 89,9 Prozent nahmen an dieser Abstimmung teil!

Eben diese nationalsozialistische Machtübernahme könne man als revolutionären Akt begreifen. Die Nationalsozialisten selbst sprachen von der "nationalen Revolution". Und dass einer Revolution ein bis dato unvorstellbar verbrecherisches Regime folgt, ist ja leider kein Einzelfall.

Einen glücklichen Ausgang hatte die Friedliche Revolution von 1989. Aber war sie für eine richtige Revolution nicht zu friedlich? Für die DDR wird der Revolutionscharakter manchmal in Frage gestellt. Ralf Dahrendorf entwickelte beispielsweise den Neologismus „Refolution“: Der Zusammenbruch des sozialistischen Regimes sei eine Kombination aus Revolution und Reformen gewesen. Winkler hingegen betrachtet die Geschehnisse von 1989 als „europäischste Revolution seit 1848“.

Er verweist darauf, wie prägend der Umgang der politischen Lager 1848 mit der ersten deutschen Revolution in dem von Winkler betrachteten Revolutions-Reigen hatte: „Die Linke kriegerisch und die Rechte friedlich: Die Formel wäre zwar einseitig, aber doch weniger falsch als ihre Umkehrung. Der gemäßigte Liberalismus, der die Revolution nie wirklich gewollt hatte, rückte in dem Maß nach rechts, wie die Linke sich radikalisierte; (...)“.

Wer die Prozesse von Radikalisierungen besser verstehen möchte, sollte zu Winklers „Die Deutschen und die Revolution“ greifen. Dort steht alles geschrieben. Klipp und klar. Schwarz auf Weiß. Doch auch, wer nur sein historisches Wissen auffrischen möchte, sollte zu Winkler greifen. Geschichte ist selten so kompakt und so spannend verpackt. Daher eine absolute Literaturempfehlung. Nicht nur für Geschichtsinteressierte. 

Heinrich August Winkler, : „Die Deutschen und die Revolution. Eine Geschichte von 1848 bis 1989“. München: C.H. Beck 2023.

Dr. phil. Deborah Ryszka, geb. 1989, Kind politischer Dissidenten aus Polen, interessierte sich zunächst für Philosophie und Soziologie, dann für Kunst und Literatur und studierte Psychologie. Später lehrte sie an verschiedenen Hochschulen und ist seit 2023 Vertretungsprofessorin für Psychologie an einer privaten Hochschule. Zudem schreibt sie regelmäßig Beiträge zu gesellschaftspolitischen Themen und bespricht Bücher.

Foto: Bundesarchiv/Friedrich Gahlbeck CC BY-SA 3.0 devia Wikimedia Commons

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Karl-Heinz Böhnke / 30.10.2023

Nachdem die SPD durch Genehmigung der Kredite ihre Arbeiter und Bauern in den 1. Weltkrieg geschickt hatte, hat sie ihnen ihre Revolution verdorben, indem sie ihre größten Gegner, die Militärs, gegen sie um Hilfe gebeten hat. Wer sich nichts alleine traut, landet leicht im Abseits. So kam es zur eigentlichen Deutschen Revolution, der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Den Größenunterschied zur Französischen Revolution hat schon Heine hellseherisch beschrieben. Zu fürchten ist allerdings, daß sie nach den Zwischenspielen BRD und DDR noch nicht vollendet ist.

Ralf Pöhling / 29.10.2023

Das Problem haben wir noch heute. Es geht nicht um Realpolitik, sondern um den Gewinn und den Erhalt der Ämter. Also um Karrieren. Und das erreicht man nur durch Abgrenzung von und durch Diffamierung der konkurrierenden politischen Parteien. Ein Wettbewerb der Ideen ist das nicht. Eher ein Wettbewerb der Eitelkeiten. Ich sage es immer wieder: Wir brauchen mehr Direkte Demokratie und ein stetiges Ausschleichen des Berufspolitikers aus unserem System. Direkte Demokratie führt zu Sachentscheidungen, nicht zu Personalentscheidungen. Direkter und realpolitischer geht es nicht. Personalentscheidungen hingegen, führen nur zu diesem ewigen kindischen Theater zwischen den Akteuren in den Parlamenten und vor den Wahlstuben, das am Ende nicht zur Lösung der Probleme beiträgt, sondern erst recht zu deren Aufstauen. Man diskutiert nur noch darüber, WER ein Problem lösen soll und nicht, WIE man das Problem lösen könnte. Wer immer noch meint, der Parlamentarismus wäre demokratisch, der ist entweder selbst Berufspolitiker und will seinen Arbeitsplatz nicht verlieren, oder er hat noch kein Parlament von innen gesehen und noch keine Sitzung jemals intensiv aus der Nähe beobachtet.

maciste rufus / 29.10.2023

maciste grüßt euch. spd-politgesülze. feuerbach und lenin wußten es besser! battle on.

Hans Buschmann / 29.10.2023

“1934 stimmten 84,3 Prozent der Wahlberechtigten dieser Vereinigung zu. Nota bene: 89,9 Prozent nahmen an dieser Abstimmung teil!” Das sind Ergebnisse wie in der DDR. Dort haben auch immer 90 oder mehr % der Wähler für die Regierung gestimmt. Wie das in Diktaturen üblich ist. Wie kann man als anerkannter Historiker das als eine freiwillige Zustimmung deklarieren? So’n Quatsch!

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