Ausgestoßene der Woche: Karnevalsorden und böse Bestseller

Dem CDU-Bezirksbürgermeister von Köln-Chorweiler, Reinhard Zöllner, war bei einer Karnevals-Veranstaltung der Sessionsorden der AfD-Stadtratsfraktion umgehängt worden. Die Grünen lassen jetzt die Kooperation mit der CDU auf Bezirksebene vorerst ruhen.

Einst galt die Kunst des rheinischen Expressionisten August Macke als „entartet“, heute sind Titel einiger Bilder des Malers problembehaftet. Die Städtische Galerie im Lenbachhaus, ein Münchner Kunstmuseum, stößt sich an den Bezeichnungen „Indianer auf Pferden“ und „Reitende Indianer beim Zelt“. Statt die Gemälde aus dem Jahr 1911 umzubenennen, wie es die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden vormachen – da käme dann vielleicht „Menschen und Tiere“ raus – entschied sich das Haus auf den Schildern in der Ausstellung für die Schreibweise „I*******“. Damit könnten auch Isländer gemeint sein. Infotafeln bei den Werken, so Bild, weisen auf „die teilweise herabwürdigenden, sogar rassistischen Elemente des damaligen Zeitgeistes“ hin.

Die Änderung ist wohl schon 2021 erfolgt, aber erst jetzt groß aufgefallen. Laut Museumsdirektor Matthias Mühling entstand sie aus Eigeninitiative des Personals. Mühling wolle nicht, „dass Menschen vor diese Bilder treten und sich dadurch erinnert fühlen, was mit ihren Vorfahren passiert ist“. Was würde der Mann wohl als Leiter eines Geschichtsmuseums tun? Und wie geht er mit Schlachtengemälden in seiner Sammlung um? Mackes in Bonn entstandene Indianermotive sollen ohnehin bald aus der Ausstellung verschwinden, um Platz für andere Bilder zu schaffen.

Jugendsünder

Kurz bevor der Kinderbuchautor Otfried Preußler (Räuber Hotzenplotz) 2013 starb, machte sich der Thienemann Verlag daran, seine Bücher unter die Lupe zu nehmen, weil „die Authentizität des Werks der sprachlichen Weiterentwicklung untergeordnet werden muss“, so der damals zuständige Klaus Willberg. 2019 entfiel dann das Wort „Negerlein“ in Die kleine Hexe. Kurz nach Preußlers Tod wurde das Staatliche Gymnasium Pullach in Otfried-Preußler-Gymnasium umbenannt. Nach gut zehn Jahren will die Schule in der Nähe Münchens wieder zurück zum alten Namen. Allerdings nicht wegen des „Negerleins“, sondern wegen der NS-Vergangenheit des Schriftstellers.

Der Sudetendeutsche war Fähnleinführer bei der Hitlerjugend (HJ) gewesen und hatte mit 17 einen HJ-Jugendroman verfasst. Sein braunes ‚Abenteuer‘ nahm für den 20-Jährigen mit der Kriegsgefangenschaft ein jähes Ende. An der Schule ist man nach jahrelangen Recherchen der Meinung, Preußler habe seine einschlägigen Verstrickungen später nicht hinreichend aufgearbeitet. Die Entscheidung eines Zweckverbands und des bayerischen Kultusministeriums stehen noch aus, Bürgermeister Susanna Tausendfreund (Grüne) will die Umbenennung unterstützen. Des Autors Tochter Susanne Preußler-Bitsch zeigt sich empört: „Hier wird mit wahnsinniger Macht etwas konstruiert und mit drei Jahren jugendlicher Adoleszenz 90 Jahre eines ehrenwerten Lebens versucht klein zutreten“, wird sie von der Süddeutschen Zeitung zitiert. An anderer Stelle lobt sie ihren Vater als „‚Brückenbauer‘, Humanist und Pazifist aus Überzeugung. Seine Jugend im Dritten Reich hat er in seinem Roman „Krabat“ verarbeitet, wo es um Machtmissbrauch und Verführung geht“.

Bei einer in Pullach kürzlich abgehaltenen Veranstaltung waren differenzierte Töne zu hören: Preußler-Biograf Tilman Spreckelsen lobte Die kleine Hexe als anarchisches Gegenstück zur HJ-Propaganda des jugendlichen Schriftstellers, und Thomas von Steinaecker, Regisseur einer Preußler-Doku, sympathisierte mit Gedanken, dass die Schule ihren Namensgeber behalten könnte: „Figuren, die Heilige sind, sind langweilig.“ Schulseitig bleibt es aber bei der Entscheidung.

Die AfD vom Hals halten

Alaaf und Helau! Wir sind mitten in der fünften Jahreszeit, und hatten bisher keine Fälle aus diesem Beritt – anders als im letzten Jahr. Einen kann ich Ihnen aber präsentieren. Aus der Narrenhochburg Köln nämlich, wo viele Organisationen Karnevalsorden verteilen, jede Session mit einem neuen Motiv. Nun wurde ein CDU-Politiker erwischt, wie er einen AfD-Orden trug. Dem Bezirksbürgermeister von Köln-Chorweiler, Reinhard Zöllner, war bei einer närrischen Veranstaltung der Sessionsorden der AfD-Stadtratsfraktion umgehängt worden. Dieser trägt u.a. die Aufschrift – ins Hochdeutsche übertragen – „Das Herz auf dem rechten Fleck!“ Das war von einer Antifagruppierung namens „Köln gegen Rechtsskandalisiert und von Medien aufgegriffen worden – samt Fotobeweis. Außerdem hat ein AfD-Kommunalpolitiker ein Selfie mit Zöllner schießen können. Der CDU-Mann rechtfertigt sich: „Ich gehe von der Bühne runter, die hängen mir diesen Orden um, machen ein Foto und sind weg. Das ging alles so schnell, ich wurde überrumpelt.“

Zöllner habe kurz danach alle Orden ausgezogen und den von der AfD später nicht mehr angelegt. Denn es sei „schrecklich, was diese Leute tun, wir brauchen das nicht“. Später ergänzt er: „Den Orden anzunehmen, war ein dem Augenblick geschuldeter Fehler, für den ich um Nachsicht bitte.“ Den Grünen reicht das nicht. „Dies schadet dem Ansehen des buntesten Stadtbezirks Kölns“, so ihr Fraktionschef in der Chorweiler Bezirksvertretung. Wie bunt es da zugeht, hatten wir erst vor zwei Wochen thematisiert, als es um einen unerwünschten männlichen Vorleser in einer Kita ging. Die Grünen lassen jetzt die Kooperation mit der CDU auf Bezirksebene vorerst ruhen. Das Motto dieser Kölner Karnevalssession lautet übrigens, wiederum ins Hochdeutsche übersetzt: „Was für ein Theater – was für ein Narrenspiel.“ Tusch.

Kein Löwe für die AfD

Karneval endet mit dem Aschermittwoch. Parteien halten da gerne mal zünftige Veranstaltungen mit deftigen Reden ab. In Bergisch Gladbach bei Köln will die AfD keinen Politischen Aschermittwoch, sondern zwei Tage später einen „Populistischen Ascherfreitag“ durchführen. Angekündigt wurden unter anderem Beatrix von Storch und EP-Spitzenkandidat Maximilian Krah. Eine Buchung des Bürgerhauses „Bergischer Löwe“ dafür wurde allerdings abschlägig beschieden. Die Örtlichkeit, die zu 50 Prozent der Stadt gehört, berief eigens eine Gesellschafterversammlung ein, die den Geschäftsführer beauftragte, auf das AfD-Gesuch nicht einzugehen. Das ist rechtlich unter Umständen anders zu bewerten als eine Absage in einer rein städtischen Einrichtung, die verschiedene Parteien gleich behandeln muss. Kenner nennen die Stadt übrigens traditionell Schäbbisch Jläbbisch (= Schäbiges Gladbach). Ein Bürgerhaus in einem anderen Ort des Landkreises fällt als Ersatz flach, die Gemeinde Kürten möchte „sich das ‚Chaos‘ einer großen Gegendemonstration ersparen“.

Schützenkönig hält Hof

Rheinabwärts geht es vom Karneval zum nächsten Brauchtum, dem Schützenwesen. In dessen Hochburg Neuss, wo eines der weltweit größten Schützenfeste gefeiert wird, amtiert Christoph Heusgen (CDU) als diesjähriger Schützenkönig. Der Spitzendiplomat im Ruhestand und ehemalige außenpolitische Berater von Angela Merkel sitzt der Münchner Sicherheitskonferenz vor, die in einer Woche wieder stattfindet. In dieser Funktion schloss er die AfD von der Konferenzteilnahme aus – zum zweiten Mal. Eigentlich dürfen alle im Bundestag vertretenen Parteien dabei sein. Auch das Bündnis Sahra Wagenknecht lässt er nicht zu, mit dem Argument, dass es nicht als solches ins Parlament eingezogen ist. Und die Werteunion muss sowieso draußen bleiben. Deren Chef Hans-Georg Maaßen erinnert daran, dass die israelische Botschaft Heusgen im Oktober eine „toxisch-naive Sicherheitsexpertise“ bescheinigt hatte. Maaßen: „Keinem anderen Schützenkönig ist das jemals vorgeworfen worden.“

Ausgeladen in Reutlingen

Dirk Spaniel, AfD-Bundestagsabgeordneter, hätte eigentlich am Montag im Reutlinger Johannes-Kepler-Gymnasium sein sollen, um mit Schülern über Politik zu diskutieren – so wie Politiker der anderen Bundestagsfraktionen. Letzte Woche jedoch sagte ihm Schulleiter Thomas Moser ab. Er führt „dieses ominöse Geheimtreffen in Potsdam“ als Grund an. Es gebe „diffuse Ängste“ von Schülern, insbesondere mit Migrationshintergrund. Und: Grünen-MdB Beate Müller-Gemmeke hat offenbar damit gedroht, ihrerseits auf die Teilnahme zu verzichten, wenn ein AfD-Mann kommt. „Das Fass an Bedenken, das ohnehin […] randvoll gefüllt war, wurde durch diesen Anruf […] letzten Endes befeuert“, so Moser zum SWR. Spaniel zufolge war die Absage erfolgt, weil man ihn nicht alleine mit Schülern – in Kleingruppen – reden lassen wollte. Der Schulleiter, so Spaniel sich an die Schüler richtend, „glaubt, dass ihr zu doof seid, ohne den geistigen Beistand von ihm oder anderen Lehrern gute von schlechten Argumenten zu unterscheiden“.

Eingeladen, aber unerwünscht

Zur Eröffnung der Berlinale sind immerhin zwei AfD-Politiker eingeladen, weil Karten an Mitglieder der verschiedenen Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses gehen. Dass Landeschefin Kristin Brinker und ihr Vize Ronald Gläser beim Auftakt des Filmfestivals vorbeischauen könnten, erzürnt aber einige „Filmschaffende“. Einem offenen Brief zufolge werde die Veranstaltung dadurch unsicherer „für Juden, Frauen, Behinderte, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma sowie weitere Gruppen“. Die Berlinale distanziert sich von „rechtsextremem oder rechtspopulistischem Gedankengut“. Drehbuchautorin und Regisseurin Anika Decker allerdings „wünscht [sich] noch deutlichere Signale, die zum Ausdruck bringen, dass diese Gäste nicht erwünscht sind“. Decker – die unter anderem die Drehbücher für zwei Filme von Til Schweiger verfasst hatte, mit dessen Produktionsfirma sie dann im jahrelangen Rechtsstreit lag – erklärt: „Wir haben hart dafür gekämpft, dass es mehr Diversität gibt, und nun wird dies von der AfD infrage gestellt.“ Durch den Ausschluss von Andersdenkenden würde die Veranstaltung bestimmt noch diverser.

Analfixierte am Werk

Auch eine weit unbedeutendere Oppositionspartei bleibt nicht von Attacken verschont. In Flensburg wurde ein Auto eines Mitglieds der Partei dieBasis mit Kot beschmiert, und mit der Aussage „Brauner Scheißdreck“ sowie der Drohung „Parke lieber nicht mehr hier in der Nähe“ bekritzelt. Dass der Fahrzeughalter der aus den Corona-Protesten hervorgegangenen Kleinpartei angehört, war durch einen großen Logo-Aufkleber an der Tür ersichtlich. Der Basis-Kreisvorsitzende vermutet hinter der Straftat die Antifa und verweist darauf, dass seine Organisation „gar nicht rechts“ sei.

Die Geister, die man rief

Doch sogar die Regierenden kann es treffen. Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) wurde bei einer Veranstaltung in Berlin niedergeschrien und musste offenbar in ein Nebenzimmer fliehen. Die Politikerin wollte eigentlich über „Aufwachsen ohne Armut“ sprechen, wurde aber von Pro-Gaza-Aktivisten massiv gestört – von einem „antisemitischen Mob“, wie der Twitter-Account ÖRR Antisemitismus Watch schreibt. Die Veranstaltung endete vorzeitig.

Kein Mohr in Möhringen

Der Stuttgarter Stadtbezirk Möhringen hat ein neues Wappen. Auf dem alten war unter anderem der Kopf einer schwarzen Person zu sehen. „2020 ist das Möhringer Wappen in die Kritik geraten“, schreibt die Schwäbische Zeitung etwas unbeholfen, „da der Mohr rassistisch ist“. Bei dem rassistischen Mohren soll es sich um eine Frau gehandelt haben, behauptet der Artikel zugleich. Und weiß die Entscheidung richtig einzuordnen: „Der Kampf für Gerechtigkeit und gegen Rassismus hält seit Jahrzehnten an.“ In Schwaben wurde jetzt eine entscheidende Schlacht geschlagen.

Campact gegen Compact

Aus vielen Bahnhofsbuchhandlungen verschwindet die Zeitschrift Compact. Das Magazin von Jürgen Elsässer, dem „missing link zwischen linken Nazis und rechten Autonomen“ (Broder), gilt dem Bundesverfassungsschutz seit 2021 als „gesichert rechtsextreme Bestrebung“. Welchen Wert solche Zuschreibungen noch haben in Zeiten, wo die Behörde auch ihren früheren Chef Hans-Georg Maaßen beobachtet, steht auf einem anderen Blatt. Nicht des geheimdienstlichen Stigmas wegen, sondern aus Anlass der aktuellen Anti-Rechts-Bewegung sortieren Bahnhofsbuchhandelsketten jetzt das den Neuen Rechten und Identitären nahestehende Querfront-Blatt aus. Das berichtet – passenderweise – Correctiv.

Und dann gibt es noch Campact, das gegen das fast genauso geschriebene Magazin eine Online-Petition durchführt. Die Kampagnenorganisation, die sich auch für den Entzug von Björn Höckes Grundrechten einsetzt, verzeichnet 100.000 Petenten, die von den Chefs der einschlägigen Unternehmen ein Ende der „rechten Hetze im Bahnhofsbuchhandel“ verlangen. Die Firmen Valora und Dr. Eckert tun wie geheißen. Zusätzlichen Eifer legt Lagardère Travel Retail an den Tag und verbannt auch andere Printmedien wie die nationalkonservative Junge Freiheit und das libertäre eigentümlich frei aus seinen Regalen. Dem Spiegel fiel allerdings auf, dass diese eine Kette nur davon spricht, die Periodika „aus den Auslagen“ zu entfernen, und spekuliert, sie könnten – versteckt hinter der Ladentheke – erhalten bleiben.

Bestsellner

Gegen Compact wird selbstverständlich zu Felde geführt, dass der unheimliche alpenländische Wiedergänger Martin Sellner dort schon geschrieben hat. Dessen demnächst erscheinendes Buch Remigration. Ein Vorschlag, das mutmaßlich Geheimpläne enthält, steht hoch in den Amazon-Charts. Amazon gerät aber unter Druck, das Werk nicht zu verkaufen. Man werde bei Erscheinen die Inhalte prüfen, heißt es. Die Buchhandelsketten Thalia und Hugendubel haben Sellner ganz ausgelistet. Denn, so zitiert der österreichische Standard, Thalia „setze sich ‚für Vielfalt, Meinungsfreiheit und Demokratie ein“. Sehr mutig. Man versucht dort, „alle uns durch eigene Recherchen, durch […] Kunden oder Organisationen zur Kenntnis gebrachten Autoren/Bücher zu löschen, die eindeutig rechtsextreme und/oder antisemitische Inhalte verbreiten.“ Löschen macht noch keine Feuerwehr, und was „eindeutig rechtsextrem“ sein soll, erfahren Sie bei einer Verfassungsschutzbehörde Ihres Vertrauens.

Was ist ein „Türke“?

Melanie Hesse aus dem Kreis Paderborn ist seit langem Blutspenderin. Als sie letztes Jahr einen Blutspendebus des DRK-Blutspendedienstes in ihrer Heimat Bad Wünnenberg betrat, rief sie aus: „Oh, lauter Türken hier im Bus!“ Dazu muss man wissen: Die Einwohner des Ortsteils Leiberg gelten seit dem Spätmittelalter als „Türken“, was möglicherweise auf einen Ritter namens Turk zurückgeht. Daraus hat sich sogar der Karnevalsgruß „Türken helau“ entwickelt. Als Hesse vor ein paar Wochen wieder ihren Lebenssaft abgeben wollte, erfuhr sie, dass der Blutspendedienst sie gesperrt hatte – aufgrund ihrer „Wortwahl“ „gegenüber einem nicht deutschstämmigen Mitarbeiter“. Wie der DRK-Blutspendedienst West nach Medienberichten behauptet, „beruhte die Sperrung auf weiteren Aussagen und einem Verhalten, welches von einem unserer Mitarbeiter als persönlich beleidigend empfunden wurde“. Die DRK-Blutspendedienste machen mit dem Verkauf der kostenlos zur Verfügung gestellten Körperflüssigkeit übrigens jedes Jahr hunderte Millionen Euro Umsatz.

Was ist ein „Nazi“?

„Für Demokratie / Gegen Nazis“ prangte auf den Werbeflyern von Edeka Simmel für letzte Woche. Dem Unternehmer Peter Simmel gehören viele Edeka-Supermärkte, allerdings vor allem in Sachsen. Und da war man nicht durchgehend begeistert vom modischen Bekennertum des Einzelhändlers. Sein Gratismut entpuppte sich als nicht ganz so gratis: Ein Shitstorm brach über Simmel los, es kamen unter anderem diverse Mails herein, die zum Beispiel die Ausgrenzung Andersdenkender beklagten. Einem internen Schreiben zufolge mussten Mitarbeiter „sich von unseren Kunden teilweise Beschimpfung oder gar Drohungen anhören“. „Durch den Austausch mit unseren Kunden habe ich gelernt, dass sich viel mehr Menschen mit dem Wort Nazi identifizieren, als ich dachte“, reagierte (der nicht gendernde) Unternehmenschef Simmel. Er zog die Werbung zurück und bedauerte, „dass sich mit meinem Begriff ‚Nazis‘ Menschen angesprochen fühlten, welche mit unserer jetzigen Regierung nicht einverstanden sind“.

In Dresden (wo eine aufblasbare Werbefigur des Unternehmens als „Simmel-Pimmel“ bekannt ist) protestierten die Freien Sachsen gegen die „Nazi-Keule“, indem die Mitwirkenden einer Aktion ihre Einkaufswagen großzügig füllten – und dann einfach in den Gängen stehen ließen. Mit einem Statement versuchte Simmel, die Wogen zu glätten. „Für Demokratie – mit allen!“ heißt es dort. Der aus Bayern Stammende stellt klar, dass er unter Nazis nur „Menschen, welche sich eine Diktatur wie unter Hitlers Zeiten zurückwünschen“, verstehe. Aus Gesprächen habe er mitgenommen, dass vielen „Menschen stinkt, dass wir zu viele Regeln und Bürokratie aufgezwungen bekommen, unser Staatsapparat ständig wächst, […] wir zu viel Zuwanderung von Menschen haben, die sich nicht am Gelingen unseres Landes beteiligen“. Der Unternehmer fragt sich laut, ob „unsere repräsentative Demokratie die Politik und die Menschen zu weit voneinander entfernt“ habe und ob wir mehr direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild bräuchten.

Löschen, sperren, prozessieren

Jörg Kuttig aus Berlin verklagt die Business-Plattform LinkedIn, die zu Microsoft gehört. LinkedIn hatte nämlich immer wieder Beiträge des Unternehmers gelöscht und ihm mehrfach sein Profil gesperrt, wodurch auch mal alle seine Posts verloren gegangen seien. Inhaltlich ging es jeweils um die Corona-Politik, Kuttig zitierte Kritiker von Lockdown, Spritze & Co. Falschinformation habe es seitens der Plattform geheißen, genauere Begründungen vermisste Kuttig. Der Lösch- und Sperransatz von LinkedIn speziell bei dieser Thematik traf auch andere. Kuttig erzählt in einem aktuellen Interview den NachDenkSeiten, dass er bereits mehr als 50.000 Euro für den Gerichtsprozess ausgegeben habe.

Antifa vs. Woke

Über die Auflösung des Arbeitskreises (AK) Antifa an der Uni Halle durch den dortigen Studentenrat berichtete Ihnen mein Vorgänger Kolja Zydatiss im Jahr 2022. Er beschrieb den AK als „freigeistige und dezidiert israelsolidarische Hochschulgruppierung“. Wegen angeblicher „transphober“ Referenten auf einer seiner Veranstaltungen verlor der alteingesessene und rührige AK seinen Status an der Uni. Als AG Antifa (Halle) macht die – wohl im Lager der sogenannten ideologiekritischen Linken zu verordnende – Gruppe außerhalb der Hochschule weiter. Mit Kritik am Postkolonialismus und Slogans wie „Nie wieder Gaza!“ oder „Das Problem ist der Islam“ macht man sich nicht nur Freunde.

Im Sommer 2022 gab es aus Protest gegen die AK-Auflösung eine Besetzungsaktion in Uniräumlichkeiten. Nun ist herausgekommen, wie umfänglich viele Mitglieder des Studentenrats die polizeilichen Ermittlungen hierzu unterstützten – darunter mehrere Stadtratskandidaten der Linkspartei. Die AG dazu: Wer aber nach einem harmlosen und legitimen Protest bei der Polizei alles Mögliche über die Beteiligten zusammenträgt, mit der Polizei Videos analysiert, Dating-Portale nach Fotos durchforstet, private Infos über wiedererkannte Demonstrationsteilnehmer ausplaudert und all seine Informationen der Polizei preisgibt, steht der SED-Tradition näher als es ihrer Nachfolgepartei lieb sein sollte.“ Im AG-Artikel ist unten ein Beitrag von einer linksextremen Website verlinkt, auf den ich aus rechtlichen Gründen nicht direkt verweise. Dort finden sich weitere Informationen und Denunzianten werden (anhand polizeilicher Ermittlungsakten) ihrerseits namentlich benannt, auch solche aus der SPD.

Nur zwei

Wie letzte Woche berichtet, hat der Deutsche Fußballbund (DFB) dem Fußballclub Bayer Leverkusen 18.000 Euro Strafe aufgebrummt, weil Fans im Stadion den Text „Es gibt viele Musikrichtungen, aber nur zwei Geschlechter“ gezeigt hatten. Anhänger zweier Vereine aus dem tiefsten Osten der Republik haben es sich nicht nehmen lassen, darauf zu reagieren. „Es gibt nur einen lächerlichen DFB … und zwei Geschlechter“ zeigten Dynamo-Dresden-Supporter auf einem Plakat. Der Verband ermittelt, der Verein verteidigt das „Stilmittel, um Aufmerksamkeit zu generieren.“ Eine Fangruppe von Energie Cottbus präsentierte am Montagabend den Spruch: „Es gibt nur 2 Geschlechter / Beide verachten den DFB.“

Und so endet der allwöchentliche Überblick des Cancelns, Framens, Empörens, Strafens, Umerziehens, Ausstoßens, Zensierens, Denunzierens, Entlassens, Einschüchterns, Moralisierens, Politisierens, Umwälzens und Kulturkämpfens. Bis nächste Woche!

 

Ein Archiv der Cancel Culture in Deutschland mit Personenregister finden Sie unter www.cancelculture.de. Um auch weniger prominente Betroffene aufnehmen zu können, sind die Betreiber der Website auf Hinweise angewiesen. Schreiben Sie ihnen gerne unter cancelculture@freiblickinstitut.de.

Foto: Superbass, CC BY-SA 3.0, Link

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Leserpost

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Franklin Meissner / 09.02.2024

Ist das peinlich! Linksspießer überall ! Ich hätte nie gedacht, daß es in Deutschland so viele Analfixierte Besenstielträger gibt. Müssen sie ja auch! Ansonsten; Ohne Rückgrat keine Haltung!

Wolfgang Richter / 09.02.2024

@ Gerhard Schmidt - “pardon, Simmel vom EDEKA so schön formuliert?” Ist ja nicht gerade ein typisch sächsischer Name. Es gab mal in Köln einen Peter Simmel als Marktbetreiber, bis dort alles “dicht” gemacht wurde. “Kölner” Sozialisierung würde auch das an den “Mainstream der selbst ernannten Guten ” angepaßte Verhalten erklären.

Wolfgang Richter / 09.02.2024

“Bei einer in Pullach kürzlich abgehaltenen Veranstaltung waren differenzierte Töne zu hören: ” - Pullach ?? Manchmal schreibt das Leben schon putzige Geschichten. War da in Pullach nicht etwas mit einer “Organisation Gehlen” ? Aber sicher hatten deren “Betreiber” im Gegensatz zum gerügten Herrn Preußler keine “Lebensgeschichte” und “Verwicklung” aus der voran gegangenen 12jährigen Periode zu verarbeiten, gar zu bereuen.

W. Renner / 09.02.2024

Ich fürchte, dat sind Kamele.

Ulla Schneider / 09.02.2024

@Sabine Heinrich, guten Abend. Die Reaktion des ‘Kollegen’ Moser ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, weil er noch keine Arbeitsblätter hinsichtlich des Verhaltens gegenüber der Afd hat. Sie wissen doch, unsere Kollegen machen nix ohne Rückversicherung, dreimalige Absicherung und Zuspruch. Die würden auch nackt durch die Gegend laufen, wenn es einen Sinn für die Weltrettung in vorgeschriebener Denkrichtung gäbe. Allerdings nur auf schriftl. Befehl. - Es hat sich nix geändert, statt geprügelt wird geistig maltretiert. MfG.

Sam Lowry / 09.02.2024

Zur Erklärung: Wenn ich meinen schwerstbehinderten Vermieter zum Arzt oder ins Krankenhaus fahren muss und vorher erstmal die Reifen wieder aufpumpen, dann muss er doch unnötig ein halbe Stunde länger leiden. Oder wie sehen Sie das, Herr Steinhöfel? Das fällt doch sicher unter Notwehr…

Sam Lowry / 09.02.2024

Ich stoße hiermit aus: Die “Sachbeschädiger und vorsätzlichen Körperverletzer”, die nachts an SUV´s die Luft aus den Reifen lassen. Angeblich kann die Justiz nichts dagegen tun. Also? Ich habe eine Kamera auf das Auto gerichtet. Wenn einer dieser Hirntoten meint, er müsse da nachts an den Rädern rumfummeln, dann wird mein dicker Knüppel aber ganz sicher etwas machen können…

Zdenek Wagner / 09.02.2024

Der Deutsche ist schon wieder auf dem besten Wege sein Land zu zerstören und findet sich dabei noch toll und edel - und der Rest der Welt lacht, oder hasst ihn. Der hässliche Deutsche ist wieder da, nur diesmal mit rot-grünen Socken, statt in braunen Hemden. Schade, was war das 1969, als ich hier ankam, noch für ein tolles Land! Es ist zum Heulen!!! Wer hilft diesem Land? W E R ? ? ?

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