Henryk M. Broder / 07.09.2017 / 06:07 / Foto: David Hall / 12 / Seite ausdrucken

Journalisten sind die wahren Terroristen!

Scharen von Psychologen, Soziologen, Kriminologen, Ethnologen, Pädagogen, Verhaltens- und Konfliktforschern mühen sich, dem Phänomen des Terrorismus auf die Spur zu kommen. Was sind die Ursachen? Armut oder Überfluss? Zu strenge oder zu lasche Erziehung? Zu viel oder zu wenig Religion? Und wie soll man den Terrorismus bekämpfen? Mit präventiven Maßnahmen oder strengeren Gesetzen? Mit offenen oder überwachten Grenzen? Mit Bildung und Erziehung oder Abschottung und Ausweisung?

Nun gibt es eine Studie, die alle diese Fragen schlüssig beantwortet. Terrorismus ist das Ergebnis von Journalismus. In einem Bericht der Deutschen Welle heißt es: Wir Journalisten haben mit unserer Berichterstattung die Macht, über das Leben von Menschen zu entscheiden. Genauer: Unsere Beiträge können töten. Und zwar dann, wenn es sich um Berichte über Terroranschläge handelt, mit Bildern der Opfer und der Täter, Spekulationen über Tatmotive und Hintergründe, emotionaler Wortwahl und all das am besten als Aufmacher auf der Titelseite.

Das ist toll! Nicht nur die Klärung der Frage, was zuerst da war, das Ei oder die Henne, sondern auch die Auflösung des Gordischen Knotens. Erstellt wurde die Studie von einem Medienökonom an der University of Western Australia in Perth, der "seit Jahren die symbiotische Beziehung zwischen Medien und Terrorismus" erforscht. Und das, indem er sich mehr als 61.000 Terroranschläge in den Jahren von 1970 bis 2012 in über 200 Ländern angeschaut und mit dem Ausmaß der Berichterstattung in der US-amerikanischen "New York Times" in Verbindung gebracht hat. Das Ergebnis untermauert die Hypothese, dass die Zahl der Terrorattacken mit der intensiven medialen Inszenierung korreliert.

Das ist keine allzu große Überraschung, wenn man bedenkt, dass die NYT, sowohl in ihrer gedruckten wie der digitalen Ausgabe, die tägliche Pflichtlektüre aller praktizierenden und angehenden Terroristen ist. Hier holen sie sich Anregungen, hier tauschen sie Erfahrungen aus. Was dagegen etwas stutzig macht, ist die Behauptung, der Medienökonom aus Perth habe sich mehr als 61.000 Terroranschläge in den Jahren von 1970 bis 2012 in über 200 Ländern angeschaut. 

In über 200 Ländern! Dabei sitzen in den Vereinten Nationen nur 193 Staaten, und das sind praktisch alle, die es gibt. Hinzu kommen noch der Heilige Stuhl und Palästina mit dem Status ständiger Beobachter ohne Stimmrecht. Also großzügig gerechnet: 195 Staaten, daruner auch solche Hot Spots des Terrors wie Andorra, Island, Kiiribati, Nauru, Palau und Tuvalu. In der Studie, die in der September-Ausgabe des Journal of Public Economics veröffentlicht wurde, ist von genau 61.132 Terroranschlägen in 201 Ländern im Laufe von 43 Jahren die Rede.

Angenommen, der Medienökonom aus Perth habe sich alle diese Anschläge tatsächlich angeschaut, also die Berichte über die Fälle gesucht, gefunden, gelesen und ausgewertet und sie dann mit der medialen Inszenierung in der NYT korreliert; angenommen, er habe pro Terror-Anschlag nur drei Stunden gebraucht, was extrem wenig wäre, dann wäre er 183.396 Stunden beschäftigt gewesen, umgerechnet 7.641 Tage oder 21 Jahre - ohne Schlaf- und Essenspausen, ohne ein einziges Mal an die frische Luft oder ins Kino zu gehen. Bei einem Arbeitstag von nur 12 Stunden hätte es 42 Jahre gedauert. Das schafft nicht einmal ein Redakteur oder eine Redakteurin der Deutschen Welle mit Aussicht auf vorgezogenen Ruhestand.

Was ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin der Deutschen Welle dagegen mühelos schafft, ist, uns eine Geschichte von einem Medienökonom aus Perth zu erzählen, der sich mehr als 61.000 Terroranschläge in den Jahren von 1970 bis 2012 in über 200 Ländern angeschaut, sie mit den Berichten in der NYT korreliert hat und dabei zu dem Ergebnis gekommen ist, dass es umso mehr Terroranschläge gibt, je mehr über Terroranschläge berichtet wird, vor allem in der NYT.

Es gibt die University of Western Australia in Perth wirklich. Auch den Medienökonom und seine Studie gibt es. Er hat sie übrigens im Jahre 2014 schon einmal veröffentlicht, als Discussion Paper No. 8497 unter den Fittichen des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit in Bonn, allerdings nur für den Zeitraum von 1998  bis 2012. Schon damals kam er zu dem Ergebnis, mediale Aufmerksamkeit nach einem Anschlag erhöhe die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Anschlag im betroffenen Land innerhab von sieben Tagen und sie verkürze die Abstände zwischen den Anschlägen. Media attention of any terror attack is both predictive of the likelihood of another strike in the affected country within seven days’ time and of a reduced interval until the next attack. 

Es wäre spannend zu erfahren, woran der Medienökonom inzwischen arbeitet. Vielleicht an einer Studie über den Zusammenhang von Erdbeben mit der Berichterstattung über Erdbeben. Oder wie die Berichterstattung über grippale Infekte die Ausbreitung von Grippeviren befördert. Die Deutsche Welle wird es uns wissen lassen.

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Leserpost (12)
mike loewe / 08.09.2017

Dieser Artikel, im Gegensatz zu den meisten anderen von Herrn Broder, bietet mir leider wenig bis gar nichts. Die Anzahl der Länder der Welt variiert je nach Betrachtungsweise. Google hilft: “Die Anzahl der von den Vereinten Nationen anerkannten Staaten beträgt derzeit 194… Das “CIA World Factbook” gibt hingegen eine Anzahl von 267 “Einheiten” an, da hier z. B. die Staaten des British Commonwealth mit ihren vielen Inseln getrennt betrachtet werden.” Die Sache mit dem “Anschauen” von Terroranschlägen dürfte ein typischer Übersetzungsfehler sein, denn das englische “to look at” bedeutet nicht unbedingt ein dreistündiges Anschauen jedes einzelnen Falles, sondern ein Untersuchen der Gesamtheit.

Stephan Lüno / 08.09.2017

Das erinnert mich an Schrödingers Katze, die Quantentheorie des Journalismus, wahrscheinlich wird irgendwas nur durch das darüber Berichten überhaupt Wirklichkeit mit allen Folgen!

Winfried Sautter / 08.09.2017

Die Medien erschaffen die Wirklichkeit - welch megalomane Vorstellung !

Caroline Neufert / 07.09.2017

*** Ohne die Studie gelesen zu haben. *** Geht es heutzutage im Journalismus nicht fast ausschliesslich um Aufmerksamkeit ? Die wenigsten verfolgen noch das hehre Ziel der Information. Die Journalisten bieten mit ihren wenig recherchierten, sich wiederholenden, reißerisch aufgemachten, oftmals aufgebauschten Meldungen, die idealen Multiplikatoren zur Verbreitung und zur Bekanntmachung von terroristischen Aktivitäten. Ein Terrorist tötet auf Befehl, sucht dabei (im Gegensatz zum Soldaten) aber die Öffentlichkeit. Warum gibt es “Bekennerschreiben” ? Warum werden diese veröffentlicht ? Damit gibt man denjenigen die Öffentlichkeit, die sie brauchen zur Rekrutierung, zur Bestätigung, Rechtfertigung etc. Warum gibt es selten Terror in medial “unterversorgten” Gegenden wie Nordkorea ;-) ? Der Schrecken wird kaum bekannt, so dass die Bevölkerung kaum eingeschüchtert und Regierungen genötigt werden können. Was wäre wohl, hätte man über Berlin nicht in dieser Form berichtet ? Beim letzten Busunglück auf der A9 starben mehr Menschen - war aber keine Sondersendung wert. Es wäre schön und hilfreich, würden Medien verantwortungsvoller und qualitätsbewusster arbeiten. Sie kennen es doch von sich selbst. Bei dem Artikel, für den Sie die größte Resonanz bekommen, legen Sie nach ;-) Tja. Mathematik und Analyse: jeden Tag 12 Std von 1970 - 2012 ist machbar und mit Kollegen und neuerdings Big Data Analytics ganz einfach - kein Hexenwerk.

Nadine Helmdach / 07.09.2017

Und nicht vergessen! Pitcairn Island - dort leben heute noch Scharen von Nachkommen der berühmten Bounty-Meuterer.

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