Thilo Schneider / 30.01.2019 / 17:00 / 11 / Seite ausdrucken

Thilo ohne “H”

Früher, also vor drei Monaten, als ich noch jung und naiv war, dachte ich, ein Journalist sollte möglichst objektiv und fair berichten, Standpunkte gegenüber stellen und – wenn schon das nicht ginge, wenigstens einigermaßen sicher in Wort und Schrift sein. Oder wenigstens in Schrift. So ein bisschen. Noch viel früher, so Ende der 70er, als ich in Latein meine ersten Fünfer ablieferte, sagte mein Französischlehrer immer: „Sie tacuisses, philosophus mansisses“, was, wie wir Altgriechen wissen, so viel bedeutet wie „Hättest Du den Mund gehalten, hätte keiner gemerkt, dass Du ein Vollpfosten bist“ (ja, ist etwas frei übersetzt, aber woher habe ich wohl den Fünfer?).

Nun steht ja der Name „Thilo“ gemeinhin für hohe journalistische Standards, zumindest, wenn er mit „h“ geschrieben wird. Ein Thilo ohne Ha ist ein journalistischer Vollpfosten. Denn, so schreibt Tilo Jung, seines Twitter-Verkehrszeichens „freier Chefredakteur“, auf seinem Account: „Als Journalisten haben wir gelernt, Leugnern des menschengemachten Klimawandels medial zu ignorieren, sie lächerlich zu machen und ihnen keine (gleichberechtigte) Plattform zu bieten. Das müssen wir nun auch bei den Feinstaubbelastungsleugnern schaffen!“ Exakt so. Also, nicht ganz exakt so, denn ein Emoticon mit erhobenem Hassprediger-Zeigefinger leitet dieses aufschlussreiche Statement ein.

Nun ist der fe(h)lerbehaftete Tilo weder jung – der Knabe ist immerhin auch schon Ü30 -, noch naiv. Und ich hätte ihm aus thilotischer Solidarität auch seinen Grammatikfehler verziehen und ihm dieses, nennen wir es freundlich, „unkluge Statement“ gerne als Satire durchgehen lassen. Machst Du ja manchmal: Einfach einen Trigger, einen Honeypot, ´raushauen und gucken, wo die Empörungswellen dann an Flachland schlagen.

Nur: Der Tilo meint das wirklich so, wirklich ernst, wie sich im Laufe des Threads herausstellen wird. So schreibt dem lustigen Pfogel beispielsweise der Nordkurier zurück: „Leute lächerlich zu machen und ihnen keine (gleichberechtigte) Plattform zu bieten, ist nicht der Journalismus, den du beim @Nordkurier gelernt hast.“ Gut, vielleicht hat der Tilo das nicht beim Nordkurier gelernt, aber er ist ja entwicklungs- und lernfähig. Prompt schreibt er patzig zurück: „Respekt und Achtung für Klimawandelleugner hab ich bei euch tatsächlich nicht gelernt.“ Das Setzen von Apostrophen, die korrekte schriftliche Anrede oder die richtige Verwendung des Akkusativs auch nicht. Aber ich will nicht kleinlich sein. Auch, wenn es Spaß macht. Immerhin war er beim Nordkurier und nicht beim Spiegel. Da haben die Letztgenannten Glück gehabt. 

Vom Zurückrudern ganz aus der Puste

Ich kenne den Nordkurier nicht und kann nicht beurteilen, was man bei ihm lernt oder nicht lernt, aber entweder hat der nicht-mehr-ganz-so-Junge Tilo nie eine Journalistenschule besucht (sein Wikipedia-Eintrag berichtet von zwei abgebrochenen Studiengängen in Betriebswirtschaft und Jura und von „Tätigkeiten bei Onlineshops wie SpreadshirtZalando und Dailydeal“ „in den Bereichen Kundendienst, Produktmanagement, Produkteinpflege und Marketing“ – also zu Deutsch: harmloser Sachbearbeiter  am Computer und Call-Center-Erklärbär, was per se nichts Ehrenrühriges ist), oder aber Tilo ist einfach die etwas strubbeligere und dämlichere Haltungsschwester von Claas Retilotius, womit wir wieder bei den Thilos ohne Ha wären (und ich endlich wieder einen der verpönten Namenswitze unterbringen konnte).  Unnötig zu sagen, dass dieser Zwergstern am egozentrischen Online-Firmament für seine gar innovativen und objektiven Berichte und Reportagen auch ein paar hübsche Preise erhalten hat. Ich mache es trotzdem. Weil ich es kann. Ich bin ja kein Preisträger. Auf mir steht kein Preis drauf. Ich mache das kostenlos und zum Spaß.

Tilos aufschlussreicher Pfogelgesang hat tatsächlich, Stand 29.01.2019, 10:41 Uhr, 845 Kommentare erhalten. Zieht man davon seine trotzig-pöbeligen Antworten ab, so kommt man auf rund 800 Tweets, von denen ihn gefühlt 790 in den Senkel stellen. So war das natürlich nicht gedacht, der Tilo hatte mit Beifallsstürmen und nicht mit einem Shitstorm gerechnet, aber Einen gezwitschert ist nun mal Einen gezwitschert. Und das hat ihm den Hashtag #Haltungsjournalismus beschert.

Das jetzt wiederum findet der Tilo nicht so gut und so macht er, nachdem er erst den Claas gemacht hat, jetzt den Robert (Habeck): „Dieses neue Niveau an Wissenschaftsverleugnung hat mich heute ein bisschen übers Ziel hinaus schießen lassen: Über Menschen möchte ich mich nicht lustig machen, nur über Meinungen & Statements, die zB den Klimawandel oder die Feinstaubschäden anzweifeln...“, schreibt er, während er vom Zurückrudern ganz aus der Puste ist.

Das waren eben einfach Geozentrikleugner 

Ja, „uppsi“, gell? War ja gar nicht so gemeint, gell? „Mausgerutscht“, gell? Kann ja jedem einmal passieren. Also, ehm, es ging gar nicht um Menschen, sondern, ehm ehm, nur über „Meinungen & Statements“, die nicht der eigenen flachen Weltuntergangssicht entsprechen. So war das nämlich, jawohl. Die Inquisition hat damals ja jetzt auch nichts persönlich gegen Galileo Galilei oder Giordano Bruno gehabt. Das waren eben einfach Geozentrikleugner, denen damals die pro- und latifundesten Journalisten und Wissenschaftler einfach „keine (gleichberechtigte) Plattform“ oder „mediale Aufmerksamkeit“ geben wollten, weil sie sozusagen „feststehendes Wissen“ anzweifelten. Gut, ja, ein paar der Kollegen und Kirchenkritiker wurden auf einem damals noch echten Scheiterhaufen verbrannt (ob das nun umweltschädlich oder doch eher umweltfreundlich war, darüber lässt sich trefflich streiten) – aber, wie gesagt, „persönlich“ war das nicht gemeint. Irrlehren sind nun einmal zu bekämpfen! Da kann man nichts machen. 

Wo kämen wir schließlich bei Meinungsfreiheit und Freiheit der Forschung hin? Soll hier jeder dahergelaufene Lungenfacharztdödel oder Klimawissenschaftlerkasper etwa die feststehende und immerwährende Wahrheit „freiberuflicher Chefredakteure und Kundenservicemitarbeiter“ anzweifeln dürfen? Das wäre ja ein endloses Debattieren, während sich die Sonne weiter um die Erde dreht und nichts würde sich auf dieser Weltscheibe je zum Besseren ändern! Journalismus ist, wenn alles bleibt, wie es sein sollte. Und „Meinungen & Statements“ lächerlich gemacht werden. Basta.

Das muss uns mit jedem Häretiker und Kritiker gelingen. Immerhin das hat mein Namensvetter ohne Ha sehr schön herausgearbeitet. Er sollte einen hübschen Journalistenpreis bekommen. Meinetwegen den „Twitter-Spatz am hanfgedrehten Henkerseil“ für die „fröhlichsten Selbstentrübungstweets im Doppelpack“. Darauf erwärme ich mir jetzt erst einmal das Klima mit meinem Benzin-Feuerzeug und zünde mir ein Feinstaub-Zigarillo aus garantiert nicht biologischem Anbau an.

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Rolf Menzen / 30.01.2019

Ich hätte ihn gefragt, was denn ein abgebrochener Student und Kundenservicemitarbeiter (ich denke, zum Chefredakteur hat er sich selbst ernannt) von Wissenschaft versteht, das über die Fähigkeiten und Kenntnisse eines promovierten Facharztes hinausgeht.

P.Steigert / 30.01.2019

Diese Gewissheit der Haltungsjournalisten (Grünen, linken Christen, ...), unbedingt Recht zu haben, hat etwas Dystopisches an sich. Wie soll man mit hirnlosen Fanatikern in einer Demokratie zurechkommen. Ob da manche nicht gleich zu den Waffen greifen, wenn die Merkel mal nicht mehr regiert?

Michael Stoll / 30.01.2019

Respekt, ich staune über den Nordkurier. Hat in den letzten 3 Jahren ein leichtes Umdenken stattgefunden? Wieder etwas mehr Journalismus und etwas weniger Haltung/Gesinnung? Schöne Grüße nach Neubrandenburg

Wolf-Dietrich Staebe / 30.01.2019

Ah, noch ein Abschlussloser. Irgendwie scheinen die mittlerweile Deutschland übernommen zu haben. Keine Ahnung von nix, aber zu allem eine feste Meinung. Und: Einwandfreie Haltung! Natürlich nicht beim doppelten Rittberger, sondern bei den gefährdeten Einhörnern!

Dr. Klaus Rocholl / 30.01.2019

Ein Hoch auf die Überlegenheit des Geistes über die Ideologie, Herr Schneider! Auch wenn‘s eigentlich zum Weinen (.... oder zum Gruseln) ist - ich hab mich halb totgelacht!

D. J. Katz / 30.01.2019

Als praktizierender Journalist sage ich neuen Bekannten, die mich nach dem Job fragen, ich würde in einer Peepshow putzen. Das ermöglicht mir gleich eine gewisse Hochachtung. “Freie Chefredakteure” (Sensationell, das kann man sich nicht ausdenken!), wie Tilo oder freie Märchenerzähler wie Claas und Jakob und Heribert, um nur ein paar beliebige zu nennen, haben den Beruf derart in Verruf gebracht, dass man damit ungern identifiziert wird. Wenn man mich dann fragt, ob ich Aufstiegschancen habe, erkläre ich, dass das in der Tat so sei: in drei Jahren bekäme ich eine Bürste. Das zustimmende Nicken sagt mir: Gut geschwindelt.

Werner Geiselhart / 30.01.2019

Der Tilo ohne h sollte bei der Gelegenheit gleich noch die Regierung von seiner Plattform verbannen. Die sind zwar keine Feinstaubleugner, aber, noch schlimmer, Feinstaubförderer. Die staatlich geförderten Holzheizungen sind ähnlich starke Feinstaubproduzenten wie der Kfz-Verkehr, insbesondere konzentrieren sie sich auf das bewohnte Gebiet. Durch die geringere Partikelgröße werden sie auch als gefährlicher eingstuft. Also Tilo ohne h, es gibt noch viel zu tun.

Marc Blenk / 30.01.2019

Lieber Herr Schneider, “Als Journalisten haben wir gelernt, Leugnern des menschengemachten Klimawandels medial zu ignorieren, sie lächerlich zu machen und ihnen keine (gleichberechtigte) Plattform zu bieten.” schreibt der Wunderknabe. Am beachtenswertesten finde ich nicht einmal die gesinnungsgemäße Grundlaussage, sondern das verwendete “wir”,  also “wir Journalisten”, also alle richtigen Journalisten hätten das so gelernt, denken so und handeln so. Bzw. alle Journalisten hätten das, wenn sie überhaupt als echte Journalisten zu betrachten wären, so zu handeln und den verbrecherischen Leugnern keine Plattform zu bieten. Gefälligst. Man sollte dem Mann ein one - way Ticket nach Nordkorea schenken, mit der freundlichen Empfehlung eines Journalistenpreises für das dortige Regime.

Lothar Kempf / 30.01.2019

Es lebe der humoristische, sarkastische, und ironische Aufwärtshaken. Getroffen und versenkt.

Werner Geiselhart / 30.01.2019

Der Tilo ohne h sollte bei der Gelegenheit gleich noch die Regierung von seiner Plattform verbannen. Die sind zwar keine Feinstaubleugner, aber, noch schlimmer, Feinstaubförderer. Die staatlich geförderten Holzheizungen sind ähnlich starke Feinstaubproduzenten wie der Kfz-Verkehr, insbesondere konzentrieren sie sich auf das bewohnte Gebiet. Durch die geringere Partikelgröße werden sie auch als gefährlicher eingstuft. Also Tilo ohne h, es gibt noch viel zu tun.

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