Roger Letsch / 22.02.2018 / 17:00 / Foto: Pixabay / 13 / Seite ausdrucken

Sind wir nicht alle ein bisschen Banane?

Kolumnistin Margarete Stokowski schreibt in einem Beitrag auf SpOn über den Trend zur „genetischen Astrologie“. Natürlich darf auch der Hinweis auf jene finsteren deutschen Zeiten nicht fehlen, als man die Bevölkerung noch in Arier und Vierteljuden teilte. Sie kann mit der Sache jedenfalls nichts anfangen und vermutet den Kapitalismus als treibende Kraft hinter dieser Art „Herkunftsromantik“:

Zum Sonderpreis von 69 Euro kann man zum Beispiel beim Anbieter “MyHeritage” seine Spucke untersuchen lassen. Man erhält zwei Wattestäbchen, die man eingespeichelt ins Labor schickt. Nach ein paar Wochen gibt es online die Ergebnisse. […] Doch was bringt die Erkenntnis, dass man von einer Dynastie von Apothekern oder Axtmörderinnen abstammt?.

Aber man fragt sich dennoch, warum Menschen Geld ausgeben, um durch Farbflecke auf einer Karte zu erfahren, dass sie zu 50 Prozent Afrikaner und 50 Prozent Osteuropäer sind, wie Thomas Gottschalk dies tat – um sich mit einem Scherz aus der Kategorie „Schwedenstahl-Kruppstahl-Diebstahl”, der vor zehn Jahren höchstens eine 5,5 auf der nach oben offenen Harald-Schmidt-Skala bekommen hätte, gleich ins rassistische Abseits zu begeben. Nun, für Gottschalk (und einige andere auch) darf man vermuten, dass die Erkenntnisse des Tests in etwa soviel Bedeutung haben wie silvesterliches Bleigießen.

Beiseite lassen darf man wohl auch die Erfahrungsberichte der Content-Produzenten von Clickbait-Medien wie der Huffington-Post, die in den Ergebnissen, welche in fast allen Fällen einen wunderbunten Genmix aus aller Herren Länder aufzeigen, den wissenschaftlichen Beweis dafür sehen, „dass Fremdenfeindlichkeit sinnlos ist.“

Auch Frau Stokowski lehnt den ganzen Zinnober ab:

Wer für Menschenrechte und Empathie eine Speichelprobe braucht, bei dem läuft etwas grundlegend falsch. Wenn es nicht maximal fragwürdig erscheint, sich zu soundso viel Prozent auf wissenschaftlich wackelige Art irgendeine Zugehörigkeit zu verpassen und deswegen für die Leute dieser Gruppe jetzt ganz besonders viel Liebe und Verständnis zu haben – oder direkt “durchgemacht” zu haben, was sie erlebt haben –, was ist denn da los?“

Das soll also das Motiv sein? Die eigene Fremdenfeindlichkeit durch einen wissenschaftlichen Beweis zu „therapieren”? Hat sich jemals ein Kind nicht mehr gefürchtet, weil man ihm nachweisen konnte, dass im Schrank kein Monster versteckt sei? Ich glaube, Margarete Stokowski liegt hier meilenweit daneben.

Du bist austauschbar, Europäer, Weltbürger, Soja-Latte-Schlürfer

Der tatsächliche Grund, warum Menschen freiwillig massenhaft Gebrauch von derart dubiosen DNA-Screenings machen, liegt womöglich an einer ganz anderen Stelle: Identität und empfundener Verlust derselben. Es geht nicht darum, sich mit Afrikanern solidarisieren zu „dürfen“ oder vom Leben der Vorfahren als Löwenfutter in der Savanne zu träumen, sondern darum, für sich selbst ein zumindest halbwegs unzerstörbares Fundament zu haben, an dem niemand rütteln kann.

Die Gene lügen nicht und sind auch nicht den Zeitläufen und Moden unterworfen. Denen kann kein Aktivist mit einer politischen Agenda beikommen, um auch noch diese letzte Quelle der eigenen Identität zu relativieren und für obsolet oder gar schlecht zu erklären. Familie, Nationalität, Sprache, Tradition, kulturelle Identität, Bildung… an all das ist mittlerweile die Axt gelegt, all das wird geschreddert, um als Mulch einer urbanen, größeren, besseren, genderfluiden, neutralen europäischen oder internationalen Identität Platz zu machen.

Holz ist Holz, sagen sich die Protagonisten dieser Ideologie. Alle Menschen seien prinzipiell gleich, ein austauschbarer, steriler Mulch, der eher zufällig hier und da die Erde bedeckt. Du bist austauschbar, Europäer, Weltbürger, Soja-Latte-Schlürfer, AirBnB- und Uber-User und dein Amazon-Account kennt jede deiner internationalen Lieferadressen.

Doch während ein gewachsener Baum Schatten wirft, Leben und Struktur hat, liegt der hölzerne Mulch nur gleichmäßig verteilt auf dem Boden herum, behindert das Wachstum jeder Pflanze und bildet einen Untergrund, auf dem es sich nur sehr unsicher gehen lässt. Dafür sieht es überall schön gleich aus. Doch Menschen definieren sich auch über ihre Unterschiede, sie bilden Familien, Gruppen und Nationen und erst danach internationale Gemeinschaften. 

Du bis zu 50 Prozent Banane

Nimmt man ihnen das alles weg, um sie zu einem allgemeinen, unterschiedslosen globalisierten Etwas zu verrühren, suchen sie sich die Unterscheidungsmerkmale eben auf der molekularen Ebene – hoffend, dass ihnen wenigstens dies als Verankerung in dieser Welt bleibt. Leider werden sie auch in dieser Hoffnung enttäuscht. Weiß die SpOn-Kolumnistin doch, dass Mensch und Banane genetisch zu 50 Prozent identisch sind. Ich werde daran denken, wenn ich das nächste Mal eine Banane gewaltsam aus ihrer Schale hole – und hoffen, dass die metoo-Bewegung daraus keine 50 prozentige sexuelle Belästigung konstruieren wird.

Abweichungen vom kosmopolitischen Graubrot kann ein Millennial nur schwer ertragen. Margarete Stokowski gibt sich auch keine Mühe, ihre Verachtung für Menschen zu verbergen, die ihre Vorstellungswelt von hypernationaler Gleichheit in Beliebigkeit nicht teilen. Jene eher „kleinteiligen” Menschen, die in ihrer Kultur, Herkunft und vielleicht sogar in ihrem Dialekt verhaftet sind, die nicht mithalten können mit den polyglotten Neoeuropäern aus dem Erasmus-Programm, die jeweils einen Koffer in Brüssel, Berlin und Barcelona haben, sind ihr suspekt.

Wer sein Töpfchen Seramis in Form von iPad, Cloud und Bahncard50 immer bei sich trägt, vermisst die heimische Erde nicht, die wegdefiniert und für gestrig erklärt wird. Über verunsicherte Menschen, die – ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein – in einer haltlosen Welt nach Halt suchen, und dafür sogar zu solch obskuren Mitteln wie einem DNA-Test greifen, rümpft „Generation Y” nur das Näschen. Ich stelle diesen Lebensstil nicht in Frage, warum auch. Ein jeder lebe nach seiner Fasson. Aber ihn deshalb für maßgeblich und erstrebenswert halten? Eher nicht.

Rindenmulch vom Welteinheitsgärtner

Bleigießen hat die EU ja mittlerweile verboten, und deshalb wird der eine oder andere wohl auch weiterhin zum Wattestäbchen greifen, um an Silvester was zum Lachen zu haben, oder weil er auf der Suche ist nach Halt in einer Welt, der auch noch die letzten Werte zu entgleiten drohen. Ich für meinen Teil halte es allerdings für sinnvoller, sich von all den Gerechtigkeitsaposteln, Gleichmachern, Nationalitätenabschaffern und Ein-gemeinsames-Europa-Bauern nicht verrückt machen zu lassen, dann braucht man auch keinen DNA-Test, um zu erfahren, woher man kommt.

Ein Blick auf Eltern und Großeltern, ein paar Blicke mehr in Bücher, ein offenes Ohr für Musik und ein ebenso offenes Auge für die Welt sollten da genügen. Denn so selbstverständlich und unstrittig es ist, dass ein guter Wein „Terroir“ hat, spielen auch für den Menschen, seinen Charakter und sein Temperament dessen Zugehörigkeit zu Ort, Sprache, Bildung, Eltern, Familie und viele andere Faktoren eine wichtige Rolle.

Der Mensch braucht „Erde”, um zu einem starken Baum heranzuwachsen, keinen Rindenmulch vom Welteinheitsgärtner. Die internationale Gleichschaltung und Normierung aller Menschen, die von nicht gerade wenigen Politikern heute herbeigesehnt und angestrebt wird, ist nämlich nicht das Ziel der zivilisatorischen Entwicklung – sie wäre ihr drohendes Ende.

Dieser Beitrag erschien auch auf Roger Letschs Blog Unbesorgt.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (13)
Viola Heyer / 22.02.2018

Es ist ein Trauerspiel, dass die Achse sich mit den Ergüssen von Stokowski beschäftigt. Wegen solcher Frauen, die ausschließlich ihre feministische Agenda verfolgen und Andersdenkende verächtlich machen, lese ich SpiegelOnline nicht mehr. Bitte verzichten sie in Zukunft darauf solch intellektuell und vor allem moralisch arg limitierte Personen aufzuwerten. Diese Aktivistinnen drehen sich nur im Kreis und begreifen nicht, dass sie es uns Frauen damit viel schwerer machen. Was soll aus einem jungen Mann werden, der solche Einlassungen liest? Er wird seiner Männlichkeit beraubt und das ist für jede Gesellschaft das Todesurteil!

Karla Kuhn / 22.02.2018

Da bleibt mir buchstäblich die Spucke weg.

Bernd Ackermann / 22.02.2018

Was kommt wohl dabei heraus wenn ich bei MyHeritage den Speichel meines Hundes untersuchen lasse? Dass er SPD-Mitglied ist? Ach, halt - ich hab ja gar keinen Hund. Also besteht da keine Gefahr, nochmal Glück gehabt. Die “Gen Y” erlebe ich jeden Tag bei der Arbeit, das ist teilweise surreal, als ob man in einer anderen Welt lebt. Sollen sie, solange sie mir meine Welt lassen.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Roger Letsch / 22.09.2018 / 12:00 / 31

Journalist, Abteilung Staatsausputzer

Wenn es noch so etwas wie Meinungsfreiheit gibt im Land, dann gehören dazu drei Aspekte. Die Freiheit, eine Meinung zu haben, sie gefahrlos äußern zu…/ mehr

Roger Letsch / 17.09.2018 / 14:00 / 31

Der Kohleausstieg als Einstieg in das Notstromaggregat

Ich bin kein Fan der Braunkohle. Die Tagebaue mit ihrem Landschaftsverbrauch, den zurückbleibenden Mondlandschaften, der schmutzigen Verbrennung, dem geringen Wirkungsgrad … es spricht nicht viel für…/ mehr

Roger Letsch / 16.09.2018 / 12:00 / 8

Zehn Jahre Lehman-Pleite

Was eigentlich genau vor zehn Jahren begann, wie Claus Kleber am 14.9.2018 im Heute-Journal (ab 14:28 min) verkündete, steht wohl bis heute nicht so genau fest. Finanzkrise, Bankenkrise,…/ mehr

Roger Letsch / 14.09.2018 / 10:30 / 36

Das verschleuderte Gemeingut – ein Nachtrag zu Gerd Held

Von Gerd Held finden sie auf achgut.com eine treffende Analyse dessen, was wirklich hinter dem von der Migrationskrise ausgelösten Unwohlsein, dem allgemeinen Grummeln, Murren und den Protesten…/ mehr

Roger Letsch / 05.09.2018 / 11:00 / 35

„WirSindMehr“ ist ein gefährliches Argument

Hashtags erzählen keine Geschichte, sie erklären nichts. Hashtags sind Verkürzungen und zugleich Scheiterhaufen, auf die jeder sein Hölzchen werfen darf, solange es nur gut brennt.…/ mehr

Roger Letsch / 02.09.2018 / 06:25 / 116

Chemnitz und die verrutschte Wahrnehmung

Seit Tagen versuche ich, in der Causa Chemnitz einige sinnvolle und zusammenhängende Gedanken zusammenzuschreiben und muss doch immer wieder verwerfen und neu ansetzen. Vor allem,…/ mehr

Roger Letsch / 29.08.2018 / 16:00 / 24

Rotkäppchen und die böse 40-Stunden-Woche

„Vision für 2036“ heißt die Artikelserie, in der T-Online das Spitzenpersonal deutscher Parteien bittet, in die Kristallkugel der eigenen Erwartungen zu blicken. Die Idee ist…/ mehr

Roger Letsch / 19.08.2018 / 15:00 / 17

Vorsicht Westpresse!

Bis vor wenigen Jahren kam die Schweiz in unseren Medien deutlich häufiger vor als heute. Bevor sie Ort der Begehrlichkeiten deutscher Finanzminister und Steuerfahnder wurde,…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com