Jesko Matthes / 16.08.2017 / 18:12 / Foto: Pujanak / 10 / Seite ausdrucken

Rechts ist das neue Links

Von Jesko Matthes.

Weitgehend unbeachtet ist eine neue Finte der Linkspartei geblieben, die im Wahlkampf alles, was reaktionär ist, als „rechts“ abstempelt. Eine Abgeordnete der Linkspartei, Halina Wawzyniak, hat pauschal die Protagonisten der DDR als „rechts“ bezeichnet. Insbesondere sei die SED eine „rechte“ Partei gewesen. Aha. Die Sache hat mich dennoch nachdenklich gemacht. Ich bin ein Anhänger der Totalitarismustheorie. Denn welche Möglichkeiten hat schon ein totalitärer Staat, um die fiktive Identität seines Willens mit dem seiner Bürger zu erreichen, als die Parteien gleichzuschalten, Kritiker mundtot zu machen oder ins Gefängnis zu stecken? Entsprechend bin ich auch ein Anhänger der Hufeisentheorie, nach der sich rechter und linker Rand des politischen Spektrums berühren.

Bei AfD und Linkspartei habe ich es schon erlebt; und je „populistischer“ die „Volksparteien“ daher kommen, und das können sie in ihrer Rolle als Feinde des offenen Diskurses sehr gut, umso intensiver sehe ich auch deren autoritäre Versuchungen, und wie sie ihnen durch vorauseilenden Gehorsam erliegen. Daher liebe ich auch Kurt Schumachers Bonmot, die Kommunisten seien rot lackierte Nazis - und das ganz ähnliche Bonmot, das Ignazio Silone zugeschrieben wird, wenn der Faschismus wiederkehre, werde er nicht sagen, er sei der Faschismus, er werde sagen, er sei der Antifaschismus. - Okay, dann ist Heiko Maas also „rechts“...? - Verflixt. Auch er sollte innehalten und verwirrt sein wie ich und einmal darüber nachdenken, was er dem offenen Diskurs gerade antut. Es könnten sehr wohl Tage kommen, da man ihn in die „rechte Ecke“ stellt. Nach Halina Wawzyniak ist die Zeit vielleicht schon da.

Auch ich habe mich schon als junger Mann gefragt, wie Erich Honecker als Antifaschist im Nazi-Knast sitzen konnte, später seine Schließerin heiraten und dann einen Staat mit Stasi und Schießbefehl gründen. Litt er unter dem Stockholm-Syndrom oder hatte er begriffen, dass man einen Staat gegen das Volk nicht anders regieren kann? Das alles kam mir irgendwie pervers vor und – sehr wohl „reaktionär“. Aber nicht „rechts“.

Nach Halina Wawzyniaks Diktion waren Lenin, Stalin, Honecker, Breschnew, Castro und selbst der arme Karl Marx „rechts“, und die Machthaber Chinas und Nordkoreas sind es noch heute. Selbst Heiko Maas könnte es also sein. Damit wäscht sich die Linke rein von ihren eigenen Wurzeln: Wieder einmal soll alles, was böse und gewalttätig und „populistisch“ ist, rechts verortet werden.

Nein. So einfach kommt mir die Linke nicht davon. Ihre Protagonisten sind es, die totalitär gehandelt haben, die Verbrechen auf dem Kerbholz haben, die Millionen haben verhungern lassen wie Stalin, die Ungarn 1956 und die Tschechoslowakei 1968 überfallen und mundtot gemacht haben, die jede Opposition ins Gefängnis, ins Exil oder in den Tod getrieben haben. Das war nicht „rechts“, es war links. Diese linke Ideologie ist es, die, ebenso wie die rechte, sich selbst dafür zur Rechtfertigung genommen hat, ihren Weg in eine angeblich bessere Zukunft, die nie gekommen ist, eine Zukunft, von der mich heute wieder „Linke“ (sind sie denn wirklich „Linke“ in ihrer eigenen Sicht?) überzeugen wollen.

Als Konservativer kann ich daher nicht anders, als mich über Halina Wawzyniak zu amüsieren, die auf das Resultat blickt, aber die Wurzeln ignorieren und nach „rechts“ abdrängen möchte, mich am besten gleich mit. Da sieht sie Heiko Maas verdächtig ähnlich.

Wie schön sich Bild an Bildchen reiht. Uns steht ein „Verklärter Herbst“ ins Haus: Das geht in Ruh und Schweigen unter. Nein: Ernst Jandl hat es längst noch klassischer formuliert:

lichtung. / manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein Illtum!

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HaJo Wolf / 17.08.2017

Ich schließe mich dem Wunsch von Leser Grail an!

Karin Adler / 17.08.2017

Ein im Großen und Ganzen guter Artikel. Den Hinweis auf die AfD allerdings fand ich überflüssig, wie das inzwischen abgenudelte “populistisch”. Muss ein kritischer Artikel über die Linke legitimiert werden, indem man - ohne jeden Beleg oder einen Bezug - mal kurz in einem Satz die AfD diskreditiert? Wo ist die AfD ein Feind des offenen Diskurses? Warum erliegt sie autoritären Versuchungen? Weiß ja jeder, oder? Steht ja in den Gazetten und leider nun auch hier. Der Beweis wird erbracht mit einem Link, der zu dem Artikel mit dem gelöschten Video auf Youtube führt. Hat die AfD damit irgendetwas zu tun? Warum wird sie hier genannt unter dem Aspekt des vorauseilenden Gehorsam? AfD-ler und deren Befürworter sind doch selbst von Löschaktionen mehrheitlich betroffen. Die AfD ist für Volksabstimmungen nach Schweizer Vorbild. Was bitte ist daran autoritär? Die AfD hätte gern einen offenen Diskurs. Andere Parteien und auch das GEZ-zwangsfinanzierte Volksverdummungsfernsehn lassen das nicht zu. Sie sind es, die sich den offenen Diskurs nicht zutrauen, weil sie den Argumenten der AfD nicht viel entgegenzusetzen haben. So stellt sich z. B. gerade Frauke Petry auch sehr unangenehmen Fragen von Gegnern der Partei und erhält nicht, wie z.B. Angela Merkel bei Youtube gestern nur weichgespülte Fragen. Erstmal denken, bevor man einen solchen, unwahren Satz formuliert.

Horst Jungsbluth / 17.08.2017

Links ist da, wo der Daumen rechts ist oder noch besser, man sollte die Begriffe “rechts und/oder links” da lassen, wo sie hingehören, nämlich in der StVO, da sie weder bei Einordnung von Verbrechen noch von Politik hilfreich sind. Tatsache ist, dass wir unter einer “rechten” und einer “linken” Diktatur zu leiden hatten, und dass die Zusammensetzung der Tätergruppen identisch war. Auch die Mitgliedszahlen im Verhältnis zur Bevölkerung waren etwa gleich, wobei auffällig ist, dass in einer Diktatur die prägende Partei mehr Mitglieder anzieht, als in einer Demokratie alle Parteien zusammen. Man kann also davon ausgehen, dass eine diktatorischen Partei ob “links oder rechts” zu 95 % die gleichen Menschen anzieht. Der Begriff “rechts” wird zum Zwecke der Diffamierung seit Jahrzehnten verwendet und das geht bis zum “Rock gegen rechts” und diente damals einerseits zur Ablenkung von dem, was die SED in der DDR und ihre Vasallen in der Bundesrepublik an Verbrechen verübt hatten sowie andererseits dazu, sich selbst als “Antifaschist” zu präsentieren. Das ging dann in der BRD soweit, dass man oft gewalttätig gegen “rechts” demonstrierte und gleichzeitig Mao, Gaddafi und andere Massenmörder in peinlichster Form hofierte. In unserem Staat ist der “Kompass” total verloren gegangen, Verwaltung, Justiz, Interessenverbände und die Medien sind vollkommen (wieder einmal) von der Rolle und wollen durch ihren “Infantilismus” nicht bemerken, dass “links und/oder rechts” nunmehr durch den Islamismus angereichert werden.

mike loewe / 17.08.2017

Alles was reaktionär ist, ist rechts, sagen die Linken. Komisch nur, dass sie partout nicht das Reaktionäre im Islam entdecken wollen. Spießig, prüde, faschistoid, gewaltverherrlichend, aber doch nicht rechts? Wie seltsam. Davon abgesehen wird das eindimensionale Gegensatzpaar “links - rechts” der Realität ohnehin in keinster Weise gerecht. Eigentlich weiß es jeder und fühlt es jeder, dass die möglichen politischen Antworten so multidimensional wie die Welt sind, aber seltsamerweise hält man penetrant an diesem Rechts-Links-Modell fest, das in seiner simplifizierenden Plattheit eigentlich noch unterhalb von Vorschulniveau angesiedelt ist.

Martin Landvoigt / 16.08.2017

Es ist ohnehin eine Unterscheidung für Leute des schlichten Gemütes, die lechts-rinks Skala. Um nicht zu sagen, die Böse-gut-Skala, oder die Feind-Freund-Skala, oder die Vernunft-Unvernunft Skala. Die Neue Rechte steht ja für ‘Vive la difference’  und die Linke für ‘Alle sind gleich’: Alle sollten sie Porsche fahren können ... wenn da nur die pöse Realität nicht wäre, und so bleibt es dann beim Trabi für wenige.

Bertram Scharpf / 16.08.2017

Es handelt sich nicht um eine Verwechslung, sondern um einen gut einstudierten Trick. Indem man zur Auswahl stellt, ob nationaler oder internationaler Sozialismus her muß, erweckt man beim Gefragten den Eindruck, diese beiden seien die einzigen Alternativen. Im Rhetorikseminar heißt dieser Trick: „Schlagen Sie immer noch Ihre Frau?“ Egal, ob Sie ja oder nein antworten, Sie sind geliefert.

Leo Lepin / 16.08.2017

Linke, die heute noch vom Sozialismus schwärmen, kommen mir vor wie ewig gestrige. So hat man ja früher Reaktionäre, also Rechte bezeichnet.

K. Steffen / 16.08.2017

Es ist ja so: Wer sich als Feind jedweden Sozialismus darstellt, dem wird von Sozialisten der Vorwurf gemacht, er sei Sozialist: Ein sog. “Nazi”. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, daß Sozialisten so wenig vom Sozialismus verstehen. Wenn dies in bestimmten Konstellationen nicht mit Lebensgefahr verbunden wäre, wäre des Lachens kein Ende.

Wilhelm Grail / 16.08.2017

Sehr gehrter Herr Matthes, als etwas unbedarfter, aber politisch sehr interessierter und vor allem lernbereiter Bürger würde ich von Ihnen gerne erfahren, welches die Berührungspunkte zwischen AfD und der Linkspartei sind. Und wenn es keines großen Aufwandes bedarf, bringen Sie bitte auch einige Belege für die Rolle der AfD „als Feinde des offenen Diskurses“. Mit freundlichen Grüßen

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