Thilo Schneider / 16.12.2020 / 16:30 / Foto: Timo Raab / 35 / Seite ausdrucken

Quo vadis?

Neulich lustwandelte ich in unserer vorweihnachtlich geschmückten Fußgängerzone des Jahres 2020, als mich's mit heller Stimme ansprach: „He, Sie, was machen Sie hier?“, wollte eine bezopfte und bemaskete junge Dame des örtlichen Sheriff-Schergen-Haufens – genannt Ordnungsamt – von mir wissen. „Ich laufe. Also, jetzt ja nicht mehr, jetzt stehe ich, warum?“, wollte ich zurück wissen. „Warum laufen Sie hier?“, fragte die junge Dame hinter ihrem Mundnasenschutz zurück.

„Weil dies hier eine Fußgängerzone ist. Da darf ich nicht mit dem Auto fahren“, stellte ich verkehrsordentlich korrekt fest. „Nein, ich meine, aus welchem Grund laufen Sie hier?“, hakte die Büttelin der Stadt unbarmherzig nach. Ich überlegte einen Moment. „Für Schwimmen ist hier zu wenig Wasser und fliegen kann ich nicht“, erklärte ich und streckte in Nachahmung einer segelnden Schwalbe die Arme aus: „Sehen Sie? Keinen Millimeter geht es nach oben!“

Bei meiner Gegenüberin wurde etwas Ungeduld bemerkbar: „Nun werden Sie mal nicht frech! Welches Ziel haben Sie?“ „Fett, reich und berühmt zu werden, den ersten und letzten Punkt habe ich aber schon abgehakt oder was meinen Sie?“, fragte ich vorsichtshalber nach. Die Ordnungsamtschikanöse rollte die Augen. „Sie finden sich wohl sehr witzig?“, wurde sie nun etwas persönlicher.

Ich nickte mit dem Kopf, und hätte ich die seltsame Maske nicht getragen, hätte sie mich lächeln sehen. Fand ich tatsächlich. „Wo gehen Sie hin?“, wollte sie jetzt wissen, im verzweifelten Versuch, ihre Frage konkret zu formulieren. „Sind Sie sich darüber im Klaren, dass Sie soeben diese eine Frage gestellt haben, die uns Menschen seit Anbeginn der Zeit beschäftigt? Wo kommen wir her und wo gehen wir hin?“, hob ich unsere kleine Plauderei auf eine philosophische Ebene.

„Verwarngeld wegen grundlosem Aufenthalt in einem Seuchengebiet“

„Sie kriegen jetzt ein Ordnungsgeld“, stellte meine Antipodin fest, „weil Sie mir nicht sagen können, auf welchem Weg Sie sich befinden.“ Dabei zückte sie aus ihrer Werkzeuggürteltasche ein Gerät im Format eines 90er-Jahre-Mobiltelefons. „Doch!“, protestierte ich, „das könnte ich, wenn Sie mich richtig fragen! Und ich habe auch schon eine Menge korrekter Antworten gegeben!“ Sie seufzte: „Okay. Letzte Chance“, sie war konziliant, „was ist Sinn und Zweck Ihres Ganges durch die Fußgängerzone? Gehen Sie zum Arzt, zum Einkaufen, zur Arbeit oder was ist sonst Ihr Grund?“ „Was wäre die korrekte Antwort?“, fragte ich zurück. „Das ist hier kein Quiz“, herrschte Sie mich an. „Muss ich mir eine Möglichkeit aussuchen, oder kann ich alles drei nehmen?“, versuchte ich ein weiteres Mal, die Spielregeln zu klären.

Ein Fahrradfahrer mit Kapuzenpulli, dem wir anscheinend im Weg standen, sauste an uns vorbei, nicht ohne uns beiden Hübschen ein „Ihr Wichser“ aus dem unbedeckten Mund entgegenzuschleudern. „Da, der hatte keine Maske auf“, insistierte ich empört, aber meine Stadtbedienstete mit Pferdeschwanz blieb gelassen. „Um den kümmere ich mich später!“, stellte sie trocken fest. „Aber dann ist er weg“, argumentierte ich aufgeregt, „und wo der hin fährt, wissen Sie auch nicht!“ „Es geht nicht um den Fahrradfahrer“, blieb meine Interviewerin hart, „sondern um Sie!“ Okay. Ich musste mich also konzentrieren. „Was waren die Auswahlmöglichkeiten?“, fragte ich nach und sah sie vor meinem geistigen Auge mit künstlich aufgeblasener Oberweite, überschminktem Mund und gebotoxter Stirn und hörte sie sagen: „Sänd sä: a) auf Wäg zo Arbrbeitt oderr bä) auf Weg zu Einkaufen oderr cä) auf Wäg zo Arrzzt“ und dann musste ich lachen.

„Was ist so witzig?“, wollte meine mutmaßliche Verwarnerin irritiert wissen. „Nichts“, behielt ich meine Gedanken bei mir, „aber keine der obigen Möglichkeiten ist zutreffend.“ „In diesem Fall“, sie schwenkte ihre Autotelefongerätschaft vor mir her, „muss ich Ihnen leider ein Verwarngeld wegen grundlosem und damit unerlaubtem Aufenthalt in einem Seuchengebiet ausstellen.“ Und ich hatte das Gefühl, dass das Wort „leider“ gelogen war und es ihr eine tiefe innere Befriedigung verschaffte, mir ein Ticket zu verpassen. „Nein, das müssen Sie nicht“, entgegnete ich, „es sei denn, Sie beherrschen das Tastaturschreiben!“

Sie wirkte irritiert. „Was meinen Sie damit“, wollte sie wissen. „Dass ich, wenn Sie mir eine Verwarnung geben, ich gegen Sie eine Dienstaufsichtsbeschwerde in die Wege leiten werde, Frau …“, ich sah auf ihre Brust, auf der ihr Name stand, „… Frau Mesenkampp.“ „Das können Sie ruhig machen“, erwiderte sie kalt wie ein Eiswürfel auf Pluto, „aber das wird nichts bringen.“ „Vielleicht ja, vielleicht nein“, sagte ich, „aber in jedem Fall dürfen Sie dann im Büro hocken und eine Stellungnahme schreiben, was Sie im Zweifingersuchsystem jede Menge Zeit kostet und jede Menge Frust erzeugen wird!“

„Und warum sagen Sie das nicht gleich?“

Frau Mesenkampp mit Doppel-P legte den Pferdezopf und damit ihren Kopf schief und dachte nach: „Wissen Sie was? Wenn Sie mir den wahren Grund für Ihren Gang verraten, dann sehe ich von einer Anzeige ab und belasse es bei einer mündlichen Verwarnung …“ Das klang nach einem Angebot. „Der Grund meines Ganges auf den auch von meinen Steuergeldern bezahlten Gehwegplatten dieser so gut wie menschenleeren Flaniermeile ist folgender: Ich habe soeben beim Arzt Nahrungsergänzungsmittel für mein Geschäft gekauft, wodurch ich alle drei genannten Gründe für mein berechtigtes Wandeln hier erfüllt hätte, wäre ich auf dem Hinwege gewesen. Aber …“, ich hob die Stimme und den rechten Zeigefinger, um meinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, „es kommt noch besser:

Da es bei meinem Arzt kein Dimensionsportal gibt, erfülle ich nun keinen der genannten Gründe, denn ich befinde mich auf dem Weg zu meinem Kraftfahrzeug, um nach Hause zu gelangen, wo ich freudig die Türe hinter mir schließen und mit einer weiteren Person meines Haushalts traut zusammen sein werde.“

„Und warum sagen Sie das nicht gleich?“, fragte Frau Mesenkampp und ließ ihr Verwarngerät wieder im Gürtel verschwinden. „Weil, oh Angestellte der Stadt, Sie mich exakt dies nicht gefragt haben und ich tatsächlich der Meinung bin, dass das Sie oder den Staat in einer Fußgängerzone, in der ich mich trotz klirrender Kälte mit einer Gesichtsmaske, die meine Brille beschlagen lässt, aufhalte, schlicht nichts angeht. Deswegen! Weil wir nicht im Kindergarten sind! Ich wünsche frohe Weihnachten!“ Und dann ging ich, bevor sie es sich anders überlegen würde.    

(Weitere frucht- und furchtlose Diskussionen des Autors auch unter www.politticker.de)  

 

Von Thilo Schneider ist soeben in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro.

Foto: Timo Raab

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Thomas Dornheck / 16.12.2020

Flick dich ins Knie, du kleine ..., wäre etwas schneller gewesen, Herr Schneider!  ;-)  —Die Tussi vom Ordnungsamt verhält sich verfassungswidrig und wenn die Tussi etwas Grips hätte, dann wüßte der Pferdeschwanz das auch.  :-D —Bleiben Sie standhaft, Herr Schneider, frohe Weihnachten für Sie!!

Paul Siemons / 16.12.2020

Noch immer jemand der Meinung, Blockwarte, Auskunftspersonen und Abschnittsbevollmächtigte gehörten der deutschen Vergangenheit an?

Christel Beltermann / 16.12.2020

Herrlich, Herr Schneider! Der einzige Weg, mit diesen humorbefreiten Wichtigtuern umzugehen.

Udo Kemmerling / 16.12.2020

Das wirklich Verstörende an dieser Geschichte ist, dass sie sich so abspielen könnte…

Udo Lange / 16.12.2020

Herr Schneider, Herr Schneider… Sie hatten großes Glück! Aufgrund derer bayerischen Notlage wäre auch das standrechtliche Erschießen anstelle eines Strafzettels eine Option gewesen. Um die Inzidenzzahl politisch korrekt zu halten, werden die Projektile vorher übrigens in ein Töpfchen mit Corona getunkt.

Dietmar Herrmann / 16.12.2020

Es ist gar nicht mal zum Lachen : in einem Telefonat berichtete mir meine Schwester heute, sie habe weit draußen in der Vorstadt-Tristesse der Halbgarenstadt Bielefeld im Vorbeigehen auf ein Plakat an einer menschenleeren Bushaltestelle gesehen, als mit quietschenden Bremsen eine Ordnungsamtlimousine neben ihr zum Stehen kam , aus der sich drei phantasieuniformierte Brechmänner (wahrhaft zum Vomittieren) entleerten und sie anherrschten , das ihr Verhalten ein mit 150 Silberlingen strafbewehrtes Vergehen sei. Irgendwie konnte sie die geifernden Vollpfosten downtalken und heiler Haut entweichen, war aber nachvollziehbar angefressen vom besten Doofland aller Zeiten.

Roland Müller / 16.12.2020

In einem Seuchengebiet darf man sich nur aufhalten, wenn es der oberste Sowjet für zwingend erforderlich erachtet. Vor allem dann, wenn das Gebiet mit Hirnbrand verseucht ist und die Feuerwehr noch keinen geeigneten Impfstoff erfunden hat.

Christina M. Kerpen / 16.12.2020

Eine herrliche Satire, wenn es denn nicht, traurig aber wahr, den derzeitigen Gegebenheiten in diesem Lande, dessen Bürgerin zu sein ich mich mittlerweile maßlos schäme, entspräche. Nach einigen, ähnlich argen Vorfällen, die ich am eigenen Leib erleben musste, habe ich immer ein kleines schwarzes Büchlein bei mir, in welchem ein Druckbleistift steckt (nicht dass plötzlich die Kulimine streikt), welches ich bei den mittlerweile zum Alltag gehörenden absurden Ordnungsamtstätigkeiten zählenden Attacken gegen unbescholtene Bürger sofort zücke,  ganz wichtig aufschlage, nach dem Datum frage, demonstrativ auf die Uhr schaue und dann verlange: “Ihren Namen und ihre Dienstbezeichnung (hä?) bitte, den Namen Ihres Dienstvorgesetzten und ihre Dienststelle. Und dann hätte ich gerne noch die Rechtsgrundlage (oh weia), aufgrund derer sie meinen, mich hier verwarnen zu wollen.” Dann merke ich schon den inneren Rückzug meines Gegenübers, woraufhin ich noch einmal energisch nach dem Namen frage oder, so ein Bapperl an der Jacke diesen nennt, ihn mir sofort, unter Aussprechen desselben, notiere und murmele: “Dienstbezeichnung nicht genannt”, während ich weiterschreibe. Meinen Namen will dann keiner mehr wissen, aber ich erkenne an der Panik in den Augen die Frage: ‘Verdammt, was will die mit meinem Namen?’ Tja, so ist das, wenn eine Hausfrau, die ansonsten nur den ruhenden Verkehr beobachten kann, sich plötzlich dem nicht ganz einfachen Verwaltungsrecht gegenübersieht. Übrigens, ich habe gegen so einen Parksündererwischer bereits ein Verfahren einleiten lassen, weil ich wegen eines drohenden Kreislaufkollapses meine Maske abgesetzt habe und der Vollpfosten meinte, er müsse mir deswegen eine Verwarnung zukommen lassen. (Leider hat meine nachbarliche Blockwartin mit Stasivergangenheit durch Nennung meines Namens und meiner Adresse versucht, sich in ein glänzendes Licht zu stellen. Mein Anwalt hat auch gegen sie ein Verfahren angestrengt.)

Karl Mistelberger / 16.12.2020

„Ihr Wichser“ aus dem Mund eines Radfahrers ist kein schlechter Witz sondern scheint eher der Normalfall zu sein. Vor zwei Wochen leuchtete mir in stockfinsterer Nacht einer seiner Kollegen mit dem aufgeblendeten LED-Scheinwerfer ins Gesicht und brüllte : “Schau ned so bled, du Arschloch.”

Chr. Kühn / 16.12.2020

Ich hätte nach dem “Werden Sie nicht frech!” nach Bud-Spencer-Manier geantwortet.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Thilo Schneider / 09.05.2021 / 12:00 / 20

Kraft durch Franziska

Vergessen Sie CO2-Zertifikate, Lockdowns, mehr Lockdowns und noch mehr Lockdowns, Feld-, Wald- und Wiesensterben, Bienensterben, Sterbensterben, Pferdebremse, Mietpreisbremse und Schuldendeckel und umgekehrt, Vogelschredderanlagen, Steuerbelastungen und…/ mehr

Thilo Schneider / 06.05.2021 / 11:00 / 24

Germany in a Coffee-Mug

Falls Sie sich je gefragt haben, liebe Lesende und Leidende, warum angesichts der Impf- und Umweltbeschlüsse von Regierung und Bundesverfassungsgericht die Bürger nicht massenweise auf…/ mehr

Thilo Schneider / 29.04.2021 / 17:00 / 43

„Verletzt und allein“ oder Ursel in Ankara

Stellen Sie sich vor, Sie sind Chefin eines der größten und potentesten Wirtschaftsräume der Welt. Stellen Sie sich weiter vor, Sie haben eine Einladung von…/ mehr

Thilo Schneider / 24.04.2021 / 13:00 / 95

Ganz im Ernst: Was ist mit Euch allen los?

Zum ersten Mal in meinem Leben empfinde ich Scham. Scham für meine Mitbürger und deren regelrecht überbordende Dummheit. Wenn Corona ein weltweiter Intelligenztest ist, dann…/ mehr

Thilo Schneider / 27.03.2021 / 06:25 / 78

Endlich Blockwart

Ich hatte früher, so in den Dreißigern, mal die Idee, ab 67 am Fenster zu hängen, Falschparker aufzuschreiben und jeden anzupöbeln, der sein Radl in…/ mehr

Thilo Schneider / 26.03.2021 / 06:05 / 122

Ich bin nicht raus

Am 23. März 2007 brachte die iranische Marine in internationalen Gewässern ein britisches Kriegsschiff auf und nahm 15 Besatzungsmitglieder gefangen. Nach deren Freilassung wurde der…/ mehr

Thilo Schneider / 22.03.2021 / 16:00 / 11

Ein Fest jüdischen Lebens

In Zeiten von Corona, in denen eh niemand wenigstens auch nur nach Mecklenburg-Vorpommern fährt, lohnt sich gelegentlich der Blick in die virtuellen Museen dieses Landes.…/ mehr

Thilo Schneider / 10.03.2021 / 06:15 / 201

Schlechte Aussichten für Peter und Hanka

Peter Dpunkt und Hanka Gpunkt wohnen in Berlin-Pankow. Dort haben sie sich 2007 ein hübsches kleines Reihenhäuschen im Grünen gebaut. Und weil der Peter, der…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com