Jesko Matthes / 27.02.2022 / 16:00 / Foto: Achgut.com / 7 / Seite ausdrucken

Nadja

Eine ebenso romantische wie schwierige Begegnung mit einem kleinen zentralasiatischen Wirbelsturm

Hochsommer 2004. Ich kaufe ein in einem Supermarkt am Rande Hannovers. An der Kasse sitzt eine junge Frau, Mitte zwanzig, lächelnd, schwarzhaarig, dunkelmandeläugig, nie schlecht gelaunt. Ich kaufe so gern dort ein. Wir wechseln einige Worte. Dann ist sie verschwunden. Ich, einmal mehr Single, bin traurig, dass ich sie nicht angesprochen habe.

Spätherbst 2004. Ich habe einen Job als Notarzt, aber inkognito, im Abendanzug, bei einem Konzert. Immer noch Single, gehe ich schon vor der Veranstaltung in einem ganz anderen Supermarkt am anderen Ende Hannovers einkaufen. Zwischen den Regalen pralle ich auf sie. Sie räumt Konservendosen ein. Sie erkennt mich, setzt den Karton ab. Sie zittert. Ihre Augen werden feucht. Sie wirkt klein und zart, und sie flüstert mir zu: „Ich habe dich so vermisst...“

So fing es an. Nadja [Name von meinem Gewissen geändert] war inzwischen zur stellvertretenden Marktleiterin aufgestiegen. „Der härtere Job, verglichen mit Arzt“, sagt sie lachend, eine Zigarette schräg im Mund, in ihrer kleinen, blitzsauberen Küche, mit blitzenden Augen, mit herrlichem russischen Akzent. „Mоё сокровище“, sagt Nadja, „das ist körperliche Arbeit, nicht so ein Akademikerkram.“ Ich lache und nehme vorsichtig ihre schlanke Hand. „Ich habe борщ gekocht“, sagt Nadja. Es schmeckt ausgezeichnet. Ich sagte es ihr – dreimal. Dennoch verfinstert sich ihr Gesicht nach der Mahlzeit: „Was sagt ein Mann?“ – „Es war hervorragend!“ – „Du verstehst keine russische Frau! Ein Mann sagt DANKE.“ – „Nun sei nicht beleidigt, ein deutscher Mann lobt seine Frau, indem er sagt, wie köstlich es schmeckt.“ – „Ist mir egal. Ein russischer Mann DANKT.“ – „Ich bin kein russischer Mann. Bist du eine russische Frau?“ – „Блядь, was geht dich das an! Ich bin Deutsche, aus Kasachstan. Überhaupt: Блядь, woher kommst du?“ – „Beruhige dich. Ich komme aus Berlin.“ – „Das wir 1945 erobert haben.“ – „Ihr deutschen Frauen aus Kasachstan?“ - „Сука блядь! Natürlich, auch die! Hast du nie die Soldatinnen der Roten Armee gesehen? Eine russische Frau steckt drei von euch deutschen Männern in die Tasche!“ – „Klar habe ich sie gesehen, im Film, ich weiß, was sie geleistet haben. Ich liebe Frauen in Uniform, wahnsinnig sexy.“ – [Nadja lacht] „Idiot. Ist gut. Warum sagst du dann nicht einfach danke?“ – „Weil ich genauso stur bin wie du.“ – „Entsetzlich! Lass uns eine rauchen, denn fast hätte ich mich aufgeregt. Ich bin eine RUSSIN.“ – „Aber eine deutsche.“ – [Nadja seufzt und lacht. Sie ist zornig beinahe noch schöner.] „Klar.“

„Weißt du“, sagt Nadja im Finstern auf ihrer kleinen Terrasse, „sowas macht mich nervös, das musst du wissen. Wütend. Wir fühlen uns hier als Bürger zweiter Klasse. Ständig kommt ihr Deutschen uns blöd.“ – „Ich bin nicht so. Ich bin nicht блядь.“ – „Was weißt du! Das ist nicht das Gleiche! Ich bin seit 1993 hier. Mein Vater, das Schwein, war Deutscher. Ich pinkel auf sein Grab.“ - „Nadja...“ – „Das verstehst du nicht. Alles, was ich bin, bin ich durch ihn. Nachts um drei hat er mich geweckt, wenn meine Hausaufgaben schlecht waren. Mathe bis sechs Uhr, dann Tschai und Gerstenbrei und ab in die Schule, in [Nadja nennt eine Stadt voller Schwerindustrie]. Wie, kennst du? Warst du also in Geographie besser als ich. Ich wusste nicht, wo Hannover ist. Nur, dass Vater dahin will, weil die Vorfahren von da kamen, vor zweihundertfünfzig Jahren, und dass ich die Schule schaffen muss dafür, denn Deutschland ist hart. Dass er mich schlägt, sonst, weißt du, denn er ist härter. Beides, Russe und Deutscher. Sie haben alles Mögliche gemacht mit uns. Erziehung ist anders in Russland.“ – „Nadja...“ – „Ach, egal. Er hat sein verdammtes Leben versoffen. Aber ich bin hier, das hat er geschafft. Ich liebe meinen Vater! Und ich pinkel auf sein Grab. Das verstehst du nicht.“ – „Ich glaube schon.“ – „Du bist ja völlig verrückt.“ – „Ja. Ich liebe dich.

Russlanddeutsche Silvesterparty

Russlanddeutsche Silvesterparty, es wird 2005. Zweihundert Leute. Ich lerne: Aus einer leeren Wodkaflasche lassen sich noch zehn Tropfen pressen. Es stimmt. Eine leere Wodkaflasche auf dem Tisch bringt Unglück und gehört unter den Tisch, mit der Folge, dass der Kellner eine neue Flasche bringt. Mein Gott! Und gleich nach Mitternacht beginnt sie, die Verbrüderung. Deutsche und russische Schlager wild durcheinander, ausgelassenes Tanzen, die russischen gefallen mir besser. Ich sage es. „Wenigstens hast du Geschmack.“ Auch Irina ist da, eine ebenso schöne Blonde aus Kiew. „Das ist Ukraine“, sagt Nadja. Irina lächelt schüchtern, und prompt spielt es aus den Boxen „Ukraina“, und alle tanzen. „Wir gehören zusammen“, sagt Nadja. Irina sagt nichts.

Morgens um fünf, wieder zu Hause bei Nadja. Irina ist mitgekommen und schweigt. Sven ist auch da, Nadjas Vermieter und einziger Freund. Auch er schweigt. Wir nüchtern langsam aus, bei nur noch zwei oder drei Wodka. „Was denkst du über Politik“, fragt Nadja mich plötzlich. – „Der Kalte Krieg war furchtbar,“ sage ich, „jetzt ist es besser. Ich mag Schewardnadse.“ – „Den Georgier?“ – „Wie Stalin“, lache ich. – „Ich sage dir was: Die Georgier sind alle Verräter, wie Gamsachurdia. Alle. Außer Stalin. Und Beria. Die waren gut.“ – „Stalin war nicht besser als Hitler, und Beria hat er seinen Himmler genannt.“ – „Das weißt du also auch. Du hast trotzdem keine Ahnung! Sie waren gut.“ – „Wie Iwan, der Schreckliche...“ – „Iwan, der Schreckliche, war gut! Er hat uns gegen den Islam verteidigt. Die Zaren waren gut! Lenin war gut. Stalin war gut. Chruschtschow war ganz akzeptabel, gegen die Amerikaner. Breschnew war gut. Andropow war gut. Tschernenko war gut.“ – „Gorbatschow…?“ – „Gorbatschow war eine Katastrophe! Jelzin war gut, aber hat zu viel getrunken, wie wir [lacht], und euch zu viel vertraut. Putin ist gut!“ – „Putin ist ein KGB-Agent aus Dresden.“ – „Darum ist Putin gut! Er kennt euch Deutsche. Putin hat nur einen Traum: Russland und die Russen so treu und so dumm und so gehorsam und so fleißig zu machen wie euch Deutsche. Und Russland wieder groß, so groß wie die Sowjetunion. Wenn wir nicht so schlau, so chaotisch und sentimental und so anarchistisch wären, hätten wir euch Deutsche besiegt, für immer. Nicht nur im Großen Vaterländischen Krieg. Wir hätten euch längst in die Tasche gesteckt! Putin arbeitet dran, da kannst du sicher sein! Und wenn er euch mit russischem Gas und Atomstrom beliefert, dann hat er euch in der Tasche, ihr Idioten. Putin ist nicht schwierig, er ist einfach, und er ist gut! Er ist gut, gut für Russland. Блядь, was gut für euch Deutsche ist… ach, сокровище..., шлюха! Ist mir egal. Ich bin eine Deutsche! Ich bin... eine Russin!“

„Du bist vor allem verbittert“, sage ich. – „Ja. Und du verstehst inzwischen zu gut Russisch. Und viel zu gut mich“, sagt Nadja traurig. Und sie fügt hinzu: „Ach, was haben wir schon: Haben wir eine Wahl? Wir sind MENSCHEN. Schluss jetzt. Noch eine rauchen. Und dann ab ins Bett!“

Und so verlor ich mich in den Weiten Russlands, in meinem kleinen zentralasiatischen Wirbelsturm. Nadja hasste diesen Kosenamen, und der Abschied fiel mir schwer, auch wenn er dringend fällig war, denn es gab andere Männer. Und Frauen. Russische. Ich fand das alles irre. Und vollkommen anders, vollkommen ernst. Vergessen habe ich es nie. Ich durfte es begreifen.

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netiquette:

Günter Fuchs / 27.02.2022

Was will der Dichter einem mit dieser Kolumne sagen? Außerdem funktioniert der Link zu “kleinen zentralasiatischen Wirbelsturm. Nadja” nicht!

rei svager / 27.02.2022

hallo jesko, ich danke dir. das hast du WUNDERSCHÖN geschrieben. hallo ACHSE !! bitte schenkt uns mehr POESIE ... oder musik : vladimir vytsofsky…. zbsp

Karsten Dörre / 27.02.2022

“Die schlimmste und gefährlichste Sklaverei ist diejenige, welche von den Menschen deswegen nicht mehr gefühlt wird, weil sie sich daran gewöhnt haben.” - Franz von Holtzendorff

Thorsten Gutmann / 27.02.2022

Begriffen habe ich es nie. Ich darf es vergessen.

Christian Feider / 27.02.2022

ist es verwunderlich,das die Tochter eines Spätaussiedlers verwirrt ist? ich kann mich an die frühen neunziger noch erinnern,mit welcher Überheblichkeit von deutschstämmigen als “russkis” geredt wurde und Sie schlechter als der Döner-Mann an der Ecke behandelt wurden. Und das,obwohl Sie wirklich mehrheitlich zu Deutschland und der deutschen Kultur stehen,wesentlich mehr als der gewöhnliche “Westdeutsch” Aufgewachsene… ich verstehe die Wurzellosigkeit,die Hin-und Her-Gerissenheit und das Gefühl des Nicht-dazu-gehörens sehr wohl. und daraus ergibt sich die Betrachtungsweise der jungen Dame,die,abgelehnt, die natürlich vorhandenen selbstbezogenen Vorteile der russischen Energie-Exporte als Waffe gegen den Westen sehen möchte. Putin war ebenso wie die junge Dame wohl zuerst durchaus offen für west-östliche Kooperation,die der Westen dann aber wiederholt ausgeschlagen hat

giesemann gerhard / 27.02.2022

Ach, hoffentlich kommen sie bald, die kleinen ... Goldschätzchen.

U. Strahl / 27.02.2022

Danke für die kurze Geschichte über ein zerrissenes Universum. Nur wer dieses Rätsel deuten kann, versteht sicherlich auch ein ganz, ganz klein wenig die Russen- und die Deutschen. Was hätten die beiden Völker für eine Chance, wenn sie ehrlich kooperieren würden…und man sie ließe.

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