Thilo Schneider / 11.03.2019 / 13:49 / Foto: Timo Raab / 34 / Seite ausdrucken

Matussek feiert – und ich war nicht dabei!

Der Kollege Matthias Matussek hat seinen 65sten gefeiert und darf sich nun mit Fug und Recht „alter weißer Mann“ nennen. Das alleine und für sich wäre noch nicht schlimm. Schlimm ist, dass er seine Gästeliste nicht vorher mit Jan Böhmermann (nicht so alter, dafür aber sehr, sehr lustiger Mann, der mal was mit Erdogan hatte) abgesprochen hat, denn die liest sich wie das Who-is-Who der Nationalsozialisten: Emmi Göring, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel und Joseph Goebbels waren zwar nicht eingeladen, aber immerhin Martin MüllerAlexander SmoltczykFranz-Josef WagnerJan FleischhauerErika Steinbach und, vielleicht versehentlich, Reinhold Beckmann.

Also ehemalige Kollegen, Freunde gar, Bekannte, Weggefährten und sonstige. Unter anderem dabei: Mario Müller, der irgendetwas mit der „Identitären Bewegung“ zu tun hat und so unwichtig ist, dass sich unter seinem Namen bei Wikipedia ein schlecht rasierter „Rapper“ aus Hamburg findet. Ob der eingeladen wurde oder nur das Catering vorbeigebracht hat – keine Ahnung, ich weiß es nicht. Das war eine private Geburtstagsfeier und da sollte eigentlich jeder jeden einladen dürfen, den er da gerne sehen mag. Und der ein schönes Danaer-Geschenk mitbringt. Oder auch nicht einladen, wen er nicht sehen mag. Oder gar nicht kennt. Getroffen hat es Jan Böhmermann. Und mich. Was mich ziemlich kalt lässt, obwohl ich gerne Häppchen esse. Aber das kann ich auch in Frankfurt, dazu muss ich nicht nach Hamburg.

Nun gibt es ob des Identitäts-Mario Fragen. Kritische Fragen. Denn jener Mario ist vorbestraft, weil er einst einen Antifa-Aktivisten mit einer Socke – leider gefüllt mit einer Hantelmutter – verprügelt hat. 

Die Fragen kommen vom Feierkomitee der guten Laune unter Vor- und Nachsitz vom guten Jan. Der hakt auf Twitter nach: „1. Hatte die Chefredaktion von DER SPIEGEL vorab Kenntnis von dieser Zusammenkunft und/oder davon, dass mehrere Mitglieder der Redaktion an dieser Feier teilnehmen? 2. Wie bewertet die Chefredaktion des SPIEGEL die Teilnahme seiner Redakteure an der beschriebenen Veranstaltung? 3. Inwieweit ist, nach Ansicht der Chefredaktion des @DerSPIEGEL, das private Erscheinen eines SPIEGEL-Redakteurs bei der beschriebenen "Geburtstagsfeier" mit den journalistischen, ethischen und professionelles Standards des SPIEGEL vereinbar? 4. Gab es in der Vergangenheit andere "Privatveranstaltungen" mit ähnlicher Gästeliste, an denen Redakteurinnen oder Redakteure von @DerSPIEGEL teilgenommen haben oder sind zukünftig welche geplant?“

„Lieber Jan, das geht Dich einen Scheißdreck an“

Ich kann jetzt zwar nicht für den Spiegel antworten, aber ich würde zu 1, 2, 3 und 4 sagen: „Lieber Jan, das geht Dich einen Scheißdreck an.“ Es wäre mir neu, dass Gästelisten privater Natur von Zeitungsredaktionen genehmigt oder sämtlichen Gästen zuerst einmal vorgelegt werden müssen. Oder Jan Böhmermann. Ich wette auch Zehn zu Eins, dass 99 Prozent der Gäste der Schlager-Mario unbekannt war. So gesehen ja eigentlich ein Zeichen gelungener Resozialisierung. Schließlich können in diesem Land ja auch Steinewerfer Außenminister und Steinmeier Bundespräsidenten werden. 

Reinhold Beckmann jedenfalls wird gleich in Sippenmithaftung genommen, denn, man stelle sich DAS mal vor, er hat – Obacht – GESUNGEN! Jawohl. Gesungen. Auf dem Geburtstag von Matthias Matussek. Das tut ihm jetzt leid. Dem Beckmann. Dem Matussek wahrscheinlich auch. Denn, so schreibt der Reinhold auf Facebook

Ich weiß um Matthias Matussek. Auf seinen politischen Irrwegen ist er nach einer Jugend in marxistisch-leninistischen Gruppen mittlerweile bei der Neuen Rechten angekommen… Vor einigen Wochen kam die Einladung zu seinem 65. Geburtstag. Gehst du hin oder bleibst du weg? Ich habe lange überlegt, dann beschlossen meinen Gitarrenkoffer zu nehmen und ihm mein vergiftetes Geschenk mitzubringen, meine Version des Bob Dylan-Klassikers „Things have changed“. Er sollte was zu kauen haben. Schluckbeschwerden bekommen. Ich wollte so meine Widerworte gegen seinen Irrweg setzen…Was mir nicht ganz klar war, in welcher Gesellschaft er da tatsächlich seinen Geburtstag feiern würde. Klar, ich hätte es mir denken können. Ich muss zugeben, ich habe mich da verlaufen, ich hätte dort nicht hingehen sollen. Wir kannten uns ja lange und ich erkannte ihn nicht mehr wieder.“ 

Ja. So war das. Der Reinhold nahm seinen Gitarrenkoffer, um seinem Gastgeber mal was zum Kauen und für Schluckbeschwerden zu geben. Wer solche Gäste hat, braucht keine Familienmitglieder mehr. Und dann hat der Reinhold gemerkt, dass er auf der falschen Veranstaltung war. Kommt vor, kommt vor. Das „Kleine Arschloch“ ist ja auch versehentlich aus einer Truckerkneipe geflogen. Der Reinhold hat dann noch nett geplaudert, noch ein paar von den Horsd’œuvre gegessen und war stolz auf seine gelungene Anticover-Kopfwäsche. Und alle haben geklatscht. Als wäre aber das noch nicht genug Beweis, welch finstere Kreise sich da getroffen haben, trug Matthias Matussek (nur weiterlesen, wenn Sie sich vom ersten Schock erholt haben) auch noch eine DACKEL-Krawatte! Wie sie auch Adolf Hi… wie sie auch Alexander Gauland „immer trägt“, so die BILD. Wenn das jetzt nicht…, also, was denn dann bitte? 

Immer, wenn Reinhold Beckmann Bob Dylan singt

Es ist zu schade und zu traurig, dass Claas Relotius nicht mehr spiegelt. Was wäre das für eine hübsche Heimgeschichte geworden: „Immer, wenn Reinhold Beckmann Bob Dylan singt, denkt er an damals, an seinen alten Weggefährten und wie der zum Reichskanzler wurde. Und er fragt sich: „Hätte ich das verhindern können?““ 

Der Fairness halber sei allerdings auch gesagt, dass es dem alten Medienfuchs Matussek Spaß gemacht hat, die Bilder seiner intimen kleinen Veranstaltung öffentlich auf Facebook zu posten und sich selbst so noch einmal abzufeiern. In dem vollen Bewusstsein, was das auslösen wird. Er hat das Stöckchen geworfen, das nun artig von den Haltungsjournalisten apportiert wird. Das ist auch schon ein wenig eine Instrumentalisierung seiner Gäste. Tat das Not? Matthias Matussek ist immer noch „Wer“. Nur wer?

Irgendwie ist „in Rente gehen“ cool. Wenn es einem dann wirklich egal ist, wer einen mag oder nicht mag. Ich würde mir von „Reinhold Beckmann & Band“ jedenfalls in 13 Jahren „Enjoy the silence“ wünschen. Wenn er kommt. Ich schicke ihm auch vorher die Gästeliste. Damit er „um mich weiß“. 

Foto: Timo Raab

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Michael Blum / 12.03.2019

Als Außenstehender verstehe ich es so: Beckmann und Böhmermann mussten sich öffentlich davon distanzieren, von Matussek eingeladen worden zu sein, da ihr Ansehen und ihre berufliche Existenz darunter leiden könnten, dass das Geburtstagskind eine Dackelkrawatte angehabt hatte und so mancher Gast eingeladen war, der in einflussreichen Kreisen als persona non grata gilt. Dass es in Deutschland so weit gekommen ist, dass private Feiern derart zum Gegenstand öffentlicher Erörterung gemacht werden, offenbart den arg bedenklichen Zustand dieses Landes.

B. Busse / 11.03.2019

Herr Beckmann kann beruhigt sein -sicher wird er noch von Haltungsjournalisten wie Frau Reschke, Herrn Kleber oder Frau Slomka zu Häppchen und Wein weiterhin eingeladen werden. Ist ja gerade nochmal gut gegangen.

Belo Zibé / 11.03.2019

Gehst du hin oder bleibst du weg, klemmst du den Kapodaster ins linke oder rechte Nasenloch , auf den 3.Bund der Gitarre,  um Jan Böhmermanns Mund oder gar eine seiner Hirnwindungen?  Fragen über Fragen.

Jens Hennig / 11.03.2019

Ich bin an Vergangenes aus dem Osten erinnert: Meine Mutter hat ihr Abitur im Jahr 1955 abgelegt, folgerichtig war die 25 Jahre Abi Feier im Jahr 1980. Ich war damals 15 Jahre alt, und habe regen Anteil an diesem Treffen genommen, damals war die Elterngeneration noch Vorbild. Einige ehemalige Mitschüler meiner Mutter haben vor 1961 die Zeichen der Zeit erkannt, und ihre Zukunft lieber in Westdeutschland gesucht (und gefunden). Andere Mitschüler haben in der DDR bemerkenswerte Karriere gemacht, über nützliche Randbedingungen kann man damals wie heute spekulieren. (Wobei die Spekulationen wohl ins Schwarze treffen.) Nun waren zu dem Treffen auch ein paar der nun westdeutschen Schulkameraden gekommen, was den Diederich Hässling der Schulklasse zu dem Ausspruch brachte: „Wenn ich gewusst hätte, dass diese Leute auch kommen, dann wäre ich jetzt nicht hier. Das gehörte damals zum Überleben des Untertanen in der Diktatur (des Proletariats). Das gehört heute zum Überleben eines Journalisten in Zeiten freier Presse. Dank an Herrn Beckmann, das nochmals verdeutlicht zu haben.

Dr. Ralph Buitoni / 11.03.2019

Könnten Sie Herr Schneider, vielleicht noch recherchemäßig nachreichen warum der Mario mit einer mutterbewehrten Socke einem Antifanten eine übergebraten hatte? Lag das vielleicht daran, dass der Antifa-Kamerad mit fünf weiteren Kameraden und drei Baseballschlägern die gepflegte Konversation suchte? Die identitäre Bewegung ist ja erklärter- und überzeugtermaßen gegen Gewaltmittel….

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