Georg Etscheit / 08.10.2021 / 13:29 / 19 / Seite ausdrucken

Kunstgenuss, aber nicht für alle

München investiert derzeit trotz Corona viel Geld in neue Kulturprojekte, heute wird die Isarphilharmonie eröffnet.  Dort gilt die „neue Normalität der 3G-Plus-Regel“. Und damit werden viele Menschen ausgesperrt.

In München wird heute mit viel Prominenz und Trara die neue Isarphilharmonie eröffnet.  Der Konzertsaal mit 1800 Plätzen soll eine Zeitlang die in die Jahre gekommene Philharmonie im Gasteig-Kulturzentrum nahe des Deutschen Museums ersetzen, das in den nächsten Jahren generalsaniert werden soll. Doch dass die Isarphilharmonie anschließend, wie ursprünglich geplant, wieder abgerissen wird, daran glaubt niemand mehr. Denn der Saal, der auf einer recht cool wirkenden Industriebrache direkt an der Stadtautobahn „Mittlerer Ring“ und einem Heizkraftwerk in Rekordzeit von drei Jahren für fast schnäppchenhafte 40 Millionen Euro hochgezogen wurde, kann sich gemäß reichlich verteilten Vorschusslorbeers mit den besten Konzertsälen der Welt messen lassen. Kein geringerer als der japanische Akustikkünstler Yasuhisa Toyota war für die klanglichen Verhältnisse des ganz in schwarz gehaltenen Saales verantwortlich.

München investiert derzeit trotz Corona viel Geld in neue Kulturprojekte. Gerade erst wurde das neue Münchner Volkstheater eröffnet sowie eine ebenfalls neu errichtete Off-Spielstätte für die freie Szene im Kreativquartier „Schwerer Reiter“. Und jetzt also noch ein funkelnagelneuer Konzertsaal, dessen Name sich an die berühmte Hamburger Elbphilharmonie anlehnt. Wenn das kein Coup ist in diesen Zeiten.

Doch leider wird der prächtige Saal zunächst nicht allen Bürgern offenstehen. Denn in der Isarphilharmonie gilt schon am Eröffnungstag die „neue Normalität der 3G-Plus-Regel“, wie in der Münchner Abendzeitung zu lesen war. 3G-Plus ist eine Kategorie, die erst am vergangenen Montag vom bayerischen Kabinett unter Markus Söder beschlossen wurde und bedeutet, dass nur Geimpfte, Genesene und Menschen zu Zutritt zu mit diesem Regime belegten Veranstaltungen haben, die einen negativen PCR-Test vorweisen können.  Im Gegenzug entfällt wegen des angeblich „höheren Schutzniveaus“ die Personenobergrenzen und die Maskenpflicht, die möglicherweise mitverantwortlich ist für den immer noch mäßigen Besuch großer Indoor-Kulturveranstaltungen.  

Ein prohibitives Niveau für Menschen mit geringem Einkommen

Auf der Webseite der Münchner Philharmoniker die Hausherren des neuen Saales sind, heißt es, dass es den Kulturveranstaltern nach dem Willen der Staatsregierung ausdrücklich frei stehe, auch die 2G-Regel anzuwenden. „Von dieser Möglichkeit werden die Münchner Philharmoniker keinen Gebrauch machen, da wir die 3G Plus-Regel für das mildere (sic!) Instrument halten, das gleichzeitig dem Gesundheitsschutz für alle Konzertbesucher*innen voll Rechnung trägt und allen Interessierten den Konzertbesuch ermöglicht.“ 

Das ist leider nur ein Teil der Wahrheit, denn PCR-Tests werden ab dem 11. Oktober kostenpflichtig. Wie viel genau die Nasenstocherei kosten wird, ist unklar. Derzeit erstattet der Bund den Teststationen für einen Schnelltest 11,50 Euro, für einen PCR-Test 43,56 Euro. Dies sind jedoch keine Endverbraucherpreise. Am Frankfurter Flughafen kostet der PCR-Test laut Münchner Merkur 69.- Euro. Wolle man das Ergebnis schon innerhalb von 35 Minuten habe, sind sogar 276.- Euro fällig. Ein Antigen-Schnelltest schlägt dort mit 29.- Euro zu Buche. 

Die Kartenpreise in der Neuen Isarphilharmonie erreichen zwar nicht das Niveau der Salzburger Festspiele oder der Mailänder Scala, sind jedoch auch nicht ohne. Sie liegen in der Reihe der Eröffnungskonzerte zwischen 45 und 72 Euro. Zusammen mit den Kosten für einen PCR-Test erreicht man schnell ein prohibitives Niveau, vor allem für Menschen mit eher geringem Einkommen, insbesondere den jungen Zuschauern, die von den Orchestern wie den Münchner Philharmonikern so intensiv umworben werden. 

Laut Abendzeitung werden die Münchner Theater „nachziehen“ und auch maskenfreie Veranstaltungen nach 3G Plus-Standard anbieten.  Nur die Bayerische Staatsoper unter ihrem neuen, aus Frankreich nach München gezogenen Intendanten Serge Dorny, bleiben zunächst bei der 3G-Regel inklusive Maskenpflicht. Für Corona-Schnelltests gibt es bislang auf dem Marstallplatz hinter dem Nationaltheater eine eigene Teststation. Das weitere Vorgehen werde man, wie es auf der Webseite des Haues heißt, noch evaluieren. Laut AZ soll es eine Publikumsbefragung geben. Bei einer ähnlichen Befragung in Zürich habe eine Mehrheit der Besucher die Maskenpflicht positiv beurteilt, obwohl gut 91 Prozent der Befragten geimpft oder genesen waren. „Auch ohne feste Regel bleibe es auch Geimpften aus Gründen der Rücksichtnahme und des Selbstschutzes unbenommen, eine Maske zu tragen, weil es hilft, ganz normale Erkältungen zu vermeiden“, lässt der AZ-Journalist die geneigten Leser wissen. 

Sopranistin Elisabeth Kulman sagt ab

Wenn irgendwann nur noch das subjektive Sicherheitsbedürfnis einer verängstigten Bevölkerung Grundlage für staatliche Zwangsmaßnahmen“ sein soll, könnte die neue Normalität noch eine ganze Weile bestehen. Und sie bedeutet auch, dass viele Menschen zwar die öffentliche Kultur über ihre Steuern kräftig mitfinanzieren, deren Früchte aber im Grunde nicht mehr genießen können.

Derweil hat die bekannte österreichische Sopranistin Elisabeth Kulman ihr im Wiener Musikverein geplantes Konzert zum Ende ihrer Bühnenlaufbahn abgesagt. Grund: die dort geltende 2G-Regel. „In so einer Situation zu singen, ist für mich undenkbar, weil es mir den Hals zuschnürt“, sagte die Sängerin laut Austria-Presse-Agentur.  Ein Teilausschluss des Publikums angesichts eines die Menschen verbindenden Mediums wieder Musik, sei für sie unvereinbar mit ihrem Selbstverständnis als Künstlerin. Kulman engagiert sich auch für die faire Bezahlung und angemessene Arbeitsbedingungen, unter anderem in der Initiative art but fair

Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Hausherrin des Musikvereins mit seinem nicht zuletzt aus den dortigen Neujahrskonzerten bekannten Goldenen Saal, bedauerte die Absage. Der Kaufpreis der Tickets werde erstattet.

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Leserpost

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Hans Marner / 08.10.2021

vielen Dank, lieber Herr Etscheit. -Als ich die mail las von unserem Chor- leider nur 2g, -die Pandemiebeauftragte der Uni etc…- und die sich nicht impfen lassen können/wollen, bitten wir schweren Herzens, diesmal leider nicht mitzumachen, wir hoffen aber…-das war schon ein Hammer.  Und langsam gewöhnt man sich daran, dass die Vorahnungen und das Durchspielen, was als nächstes kommt, dann Wirklichkeit wird. Macht Euch stark. Alles Gute und danke.

Hans-Peter Dollhopf / 08.10.2021

So ein weiches Ziel aber auch.

Claudius Pappe / 08.10.2021

Ich werde kein Theater, Konzertsaal, Stadion oder Halle mehr betreten. Gehe nur noch nach Open Air und freien Eintritt zu Stadtfesten. Ich hab zwar noch für Mai 2022 Karten für Symphonic Floyd (geniale 3 Std. Pink Floyd Musik mit über 100 Musikern und Sängern ) aber ob ich da ohne Test reinkomme ?

Wolf Köbele / 08.10.2021

Zeigt mir den unter 35jährigen, der sich aus Solidarität (mit wem überhaupt?) hat impfen lassen! Zeigt mir den unter 65jährigen den Furcht vor schwerer Erkrankung zur Impfung trieb! - Sagt allen, die Ihr trefft: Wäre, wie es jetzt propagiert und mit Gewalt zu erzwingen versucht wird, Gesundheit ansteckend, gäbe es keine Krankheiten mehr. Ich bin gesund, ich bin nicht ansteckend!

Bernhard Krug-Fischer / 08.10.2021

Bei der Kultur scheiden sich ja bekanntlich die Geister. Zu den Preisen kann ich was beitragen. Vor drei Tagen bekam ich die Konzertnews von München. Wenn in der Isarphilharmonie bekannte Künstler oder Orchester auftreten, sind die Preise teilweise auch astronomisch. Beispiel: 19.12.21, Rudolf Buchbinder mit den Wiener Philharmonikern: Karten zwischen 77,40 € und 242,40 €; 17./18.01.22, Staatskapelle Berlin mit Daniel Barenboim,: Karten zwischen 55,40 € und 209,40 €. Da verliert man die Lust auf Konzerte, obwohl ich früher oft im Gasteig war. Da ich nicht geimpft bin, werden Konzertbesuche für mich in Zukunft wohl ausfallen. Ich kann damit leben.

Monique Brodka / 08.10.2021

Tja, in der Deutschen Oper am Rhein gilt ab November die 2 G Regel. Damit hat sich das Problem mit dem Testen erledigt. Solche Häuser besuche ich nicht!

Kurt Müller / 08.10.2021

Wenn eine Testpflicht geschaffen wird, so muss der Staat die Rahmenbedingungen für eine wirtschaftliche Alternative schaffen, damit die Entscheidungsfreiheit erhalten bleibt: 1. die Herstellungskosten des PCR-Test durch Rationalisierung und Verbot von Wucherpreisen soweit senken, dass er für 0,50 verkauft werden könnte, oder 2. eine Alternative wie den vergleichsweise günstigen Antigen-Test zulassen. Wenn aber nur diese PCR-Tests und dann auch noch zum Wucherpreis Pflicht werden, dann ist dies Erpressung und Nötigung. Beides ist Unrecht und strafbar, im Falle von Nötigung ist bereits schon der Versuch strafbar - siege StGB. Abgesehen davon werden es die Menschen umgehen, ein Schwarzmarkt um gefälschte Zertifikate wird wahrscheinlich erblühen. Auch verstehe ich nicht, warum man sich dies Preise für den PCR-Test staatlicherseits überhaupt bieten lässt. Jeder Mist kann für einige Pfennige heutzutage produziert werden, hohe Stückzahlen senken den Preis. Es hätte doch von Anfang an im Interesse der öffentlichen Finanzen liegen müssen, sämtliche Kosten rund um diesen Test zu senken - aktuell kostet er ja wohl 120,-. Das ist von Anfang an eine absolute Unverschämtheit und nicht nachvollziehbar. Zu letzt noch, der Staat kann keine Freiheitsrechte für einzelne Menschen optional “für immer” (nicht geimpft) entziehen. Der Staat gewährt nicht Freiheit (“zurück in die Freiheit impfen”), sondern die Freiheit ist gegeben und ist vom Staat zu beschützen und zu fördern. Die aktuellen Ansätze sind rechtsstaatlich sowieso nicht haltbar, auch wenn es den Anschein demokratischer Legitimation zu haben scheint, und hoffentlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis das alles von Richtern großflächig wieder einkassiert wird. Nicht alles, was demokratisch legitimiert ist, ist rechtsstaatlich auch legal - das wird derzeit oft verwechselt.

A. Iehsenhain / 08.10.2021

Ich schlage Herrn Söder noch die 1G-Minus-Regel vor - für Requien!

Alex Müller / 08.10.2021

Die sogenannte “freiwillige” 2G-Regel ist ein Schachzug, den sich die Stasi nicht besser hätte ausdenken können. Sie schiebt den schwarzen Peter dem Einzelhändler oder Kinobesitzer zu. Dessen wirtschaftliche Notwendigkeiten werden 2G über kurz oder lang durchsetzen, denn wer verzichtet schon auf ein volles Haus ohne Abstands- und Maskenregeln bzw. wieviele Geimpfte bleiben freiwillig mit Abscheu einer 2G-Veranstaltung solidarisch mit den Ungeimpften fern? Sicher die wenigsten. Die “Wahl” des Betreibers ist also keine, nur daß die Politik ihre Hände in Unschuld wäscht. Die wenigsten werden diesem Druck standhalten können, selbst wenn sie im Privaten anderer Meinung sind, schließlich wollen Kredite bedient und Angestellte bezahlt werden.

Frances Johnson / 08.10.2021

Die Lage von dem Schuppen deutet an, dass man Thalkirchen gentrifizieren will. Schließlich hat man nie genug Wohnungen für Familien aus Qatar und Saudi-Arabien, die gern ihren Sommer an der Isar verbringen und das Eine oder Andere in Privatkliniken richten lassen. Sie können dann zu Fuß in den Zoo gehen, wo sich die Frauen und Kinder und ihre Leibwächter gern ergehen. Für Studenten wird dann die Anreise zum Flaucher länger, aber vielleicht kommt ja ein Neo-Covid, und man darf sowieso nicht zum Flaucher.

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