Georg Etscheit / 17.03.2024 / 14:00 / Foto: Montage Achgut.com / 19 / Seite ausdrucken

Cancel Cuisine: Kopfsalat

Auf vielen Speisekarten taucht gerade ein „ganz besonderes Gericht“: ein Salatkopf im Ganzen, nur mit etwas Dressing verfeinert. Für mich ist ein roh servierter Salat kein Gericht, allenfalls eine Beilage.

Die Umerziehung der Deutschen zu Grünzeug mümmelnden Kaninchen macht Fortschritte. Während der Fleischverzehr 2018 hierzulande noch 61 Kilogramm pro Kopf und Jahr betrug, sank er bis 2022 auf 52 Kilogramm. Neun Prozent der Bevölkerung ernähren sich laut einer Forsa-Umfrage mittlerweile vegetarisch, drei Prozent vegan. 41 Prozent der Befragten bezeichnete sich als Flexitarier, also Menschen, die angeben, nur noch gelegentlich Fleisch zu essen. Die taz, Fachblatt für Volksaufklärung und Pflichtlektüre untergetauchter Linksterroristen, rundete diese 41 Prozent großzügig zu „fast die Hälfte“ auf. 

Aber natürlich ist das immer noch zu viel. Gerade korrigierte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DEG) das Limit für den noch tolerierbaren Fleischkonsum mal wieder kräftig nach unten. Während „Deutschlands wichtigste Ernährungsberater:innen“ (taz) bisher 300 bis 600 Gramm wöchentlich angemessen erschienen, empfiehlt sie von nun an „maximal“ 300 Gramm. 

Das entspricht etwa einem Schnitzel und fünf Scheiben Wurst, was dem auf einem neben dem Artikel posierenden, etwas bleich aussehenden taz-Redakteur aber immer noch nicht genug ist, weil die Tierhaltung 14 Prozent der deutschen Treib­hausgase verursache und „maßgeblich zum Artensterben beitrage“. Außerdem würden „viele“ Nutztiere unter ethisch nicht vertretbaren Bedingungen gehalten. Die Wörtchen „maßgeblich“ und „viele“ sind auch solch nette Aufrundungen, wenn man es mit den Fakten nicht so genau nimmt.

Bunkernahrung für den anstehenden Dritten Weltkrieg

Passend dazu ein Trend, der jüngst in einem Artikel der Welt prominent thematisiert wurde. „Auf vielen Speisekarten“ tauche gerade ein „ganz besonderes Gericht“ auf: ein Salatkopf im Ganzen, nur mit etwas Dressing verfeinert. Etwa im Berliner In-Restaurant „Grill Royal“: „Ohne viel Schnickschnack gibt es dazu entweder eine Vinaigrette aus Essig, Öl und Kräutern oder ein Buttermilch-Dressing mit Orange und Olivenöl. Eine bodenständige Freude und gleichzeitig ein kulinarischer Höhenflug.“ 

Für mich ist ein roh servierter Salat kein Gericht, allenfalls eine Beilage. Und wer in Zusammenhang mit Kopfsalat, ob nun im Ganzen oder in Form einzelner Blätter, von einem kulinarischen Höhenflug spricht, muss schon ziemlich verpeilt sein. Das ist eher Bunkernahrung für den anstehenden Dritten Weltkrieg. Wobei man das Grünzeug vor dem Genuss erst einmal dekontaminieren müsste.

Der einzige Salat, der kalt genossen kulinarische Qualitäten aufweist, das wusste schon Wolfram Siebeck, ist der Feldsalat. Und das auch nur im Winter, wenn diese Salatsorte Saison hat und im Freien geerntet wird. Salat aus dem Gewächshaus, ob Feldsalat, Kopfsalat, Lollo Rosso, Romana, der berüchtigte Eisbergsalat, oder wie die lätscherten Blätter sonst noch heißen, ist notabene fast immer nahezu geschmacklos und auch mehr oder weniger frei von Vitaminen und anderen möglicherweise gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen. 

„Ich will im Restaurant essen, nicht grasen“

Aber auch im Sommer, wenn man Freilandware kaufen kann oder sie aus dem eigenen Garten bezieht, sind die grasigen Blätter, ob grün, gelb oder rötlich, ob glatt, kraus oder gerippt, eine Zumutung. Zumindest wenn nicht Urlaubstimmung den Verzehr einer Insalata mista am Adriastrand in etwas rosigerem Licht erscheinen lässt. Wenn man sich zwecks besserer Verdauung unbedingt Ballaststoffe zuführen möchte, sollte man gleich zu Flohsamen greifen. Zwei Teelöffel in Wasser anrühren, kurz quellen lassen, Nase zuhalten und runter damit.

Ich kann mir kaum vorstellen, wie man einen ganzen Kopfsalat bewältigen soll, eine Riesenportion feuchtes Papier gewissermaßen. Wie zerkleinert man den, ohne auf dem Tisch eine komplette Sauerei anzurichten? Soll man den Strunk mitessen, weil der ja vermutlich ganz besonders gesund ist? „Viel Spaß beim Blättchen knabbern…manche leben auf dem Niveau der Haustiere“, kommentierte eine Welt-Leserin treffend, ein anderer User meinte: „Ich will im Restaurant essen, nicht grasen.“ Daumen nach oben!

Dann doch lieber ein Wagyue-Beef aus Australien, Marmorierungsgrad 7 bis 8, 300 Gramm für 138 Euro, wie es im Grill Royal die Speisekarte ziert, denn bei diesem Laden handelt es sich genau genommen um ein Steakhaus. Vielleicht hat man den Kopfsalat dort ja nur aus dem Grund auf die Karte gesetzt, um der sicher bald regelmäßig anrückenden Klimapolizei eine Veggie-Alternative präsentieren zu können. Die kostet übrigens stattliche zwölf Euro. Da ist das Schüsselchen Speck-Krautsalat für 5,10 Euro, das in einem Gasthof am Englischen Garten in München als Beilage zum Schweinsbraten offeriert wird, fast ein Schnäppchen. Früher gabs den obligatorisch zum Braten ohne Aufpreis, ein Beispiel für versteckte Preiserhöhungen. Aber immer noch besser als Kopfsalat mit oder ohne Fußbad.

Wenn schon, dann Kochsalat

Wenn es unbedingt „grüner“ Salat sein soll, sollte man ihn nicht als Rohkost, sondern als warme Speise servieren. In Österreich einst weit verbreitet war der Kochsalat, eine Spinatalternative. Dazu wird Römersalat (Romana) in sprudelndem Salzwasser weichgekocht, in Eiswasser abgeschreckt  und gut ausgedrückt, bevor man ihn in eine Sauce auf Basis einer Mehlschwitze gibt, die mit Zwiebeln und Knoblauch verfeinert und mit Brühe verlängert wird. Wer möchte, kann noch Erbsen unterrühren. Passt gut zu deftigem Fleisch. 

Auch Radicchio, am besten Radicchio Trevisano, schmeckt am besten, wenn man ihn in etwas Olivenöl schmort oder im Ofen bäckt, weil er dann einen Teil seiner Bitterkeit verliert. Und aus dem banalen, bleichen Chicorée kann man ein sehr schmackhaftes Gratin machen. Aber dazu braucht‘s wieder Sahne und Käse. Veggie-Aposteln schütteln jetzt schon wieder besorgt mit dem Kopf. Aber niemand soll müssen müssen, wenn er nicht will. Wenn man sich weiterhin auf diese Grundbedingung einer freiheitlichen Lebensweise verständigen könnte, kann man von mir aus auch einen ganzen Kopfsalat niedermachen.

 

Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.

Foto: Montage Achgut.com

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Wolfgang Richter-Kirsch / 17.03.2024

Mein liebster Salat ist Wurstsalat. Blattsalat hat den Nährwert von Papier. Akzeptabel ist, richtig beschrieben, Feldsalat im geeigneten Kontext. Den österreichischen Kochsalat werde ich demnächst mal ausprobieren. Sonst noch genießbar: Chicorée, halbiert, mit der Schnittseite nach unten in Olivenöl gebraten mit Fenchelsaat, Korianderkörnern und Bauchspeck (nein, den kann man nicht weglassen). Salve

Wolfgang Feldhus / 17.03.2024

Der Kopfsalat ist absolut unschuldig.E gibt hervorragende Sorten , die ich einfach pur aß, also direkt den Kopf am Acker gepackt und von oben reingebißen. Rehe als Feinschmecker fressen nur Kopfsalat. allses andere verschmähten sie,. Bitterkeit, ein weites Feld, aber Radicchio trevisano , also den echten, als bitter zu bezeichnen zeugt von Unkenntnis. Bitter wäre eine Carde. Salate werden normalerweise im Freiland angebaut, und Kopfsalat komt im Winter höchstens in hervorragnder Qualität aus Italien, dort im geschütztem Anbau erzeugt. Feldsalat scheckt auch im Sommer, er muss nur groß benug sein

Sam Lowry / 17.03.2024

p.s.: Natürlich, so wie ich halt mal bin, habe ich trotzdem mein Bier am Rhein getrunken. Leere Gläser gesammelt und so getan, als wäre ich schon “getestet”. Die waren halt alle zu dumm, um das zu raffen. Aber wichtiger war: Vom Tisch zum Klo: “Maske ÜBER die Nase!!!” Solche Idioten… geht bitte pleite. Besser sofort.

Sam Lowry / 17.03.2024

Morgen, um 16:30 Uhr: selbstgemachte Calzone… fertisch… wie gesagt, Restaurants, die mich ausgeschlossen haben, bekommen in diesem Leben keinen Cent mehr von mir. Also ALLE! Außerdem: 1 Kaffee, 1 Bier, 8,30 Euro? Könnt Ihr gerne behalten und dann dicht machen…

Fred Burig / 17.03.2024

Wenn immer mehr Veganer/ Vegetarier den schon immer weniger gewordenen Viechern immer mehr das Grünzeug weg fressen, dann fressen die quasi meiner Nahrung die Nahrung weg! How Dare You! MfG

Sirius Bellt / 17.03.2024

Ein Kopfsalat für 12 Euro. Mich würde interessieren, wer sowas bestellt?

Heike Olmes / 17.03.2024

@G.H.Schulze: Stimmt!! Auch gerne unter Kartoffelpüree.

finn waidjuk / 17.03.2024

Ein handelsüblicher Kopfsalat (150 g) enthält: 1,5 g Protein, 0 g Fett, 1,5, g Kohlenhydrate und 60 kJ. Des weiteren 10 mg Vitamin C, und 0,6 mg Eisen und ist geschmacksneutral. Mit anderen Worten, der Verzehr von Kopfsalat ist aus ernährungswissenschaftlicher Sicht Unfug und sollte Schnecken überlassen werden.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Georg Etscheit / 26.05.2024 / 12:00 / 50

Cancel Cuisine: Fleisch und Verdrängung

Um Fleischessern die Verdrängung ihres vermeintlich unmoralischen Tuns zu erschweren, schlägt eine SZ-Redakteurin Schockbilder auf tierischen Produkten vor, ähnlich denen auf Zigarettenschachteln. Ob's hülfe? Die…/ mehr

Georg Etscheit / 19.05.2024 / 12:00 / 11

Cancel Cuisine: Maibock

Laut Statistik verzehrt der Deutsche gerade einmal 300 bis 400 Gramm Wildbret im Jahr. Vielleicht des hohen Preises wegen, vielleicht aus latentem Sozialneid auf jagende Zahnärzte und…/ mehr

Georg Etscheit / 21.04.2024 / 12:00 / 23

Cancel Cuisine: Kräuterküche

Naturverbundene Großstädter meinen, ein Leben im Einklang mit der Schöpfung zu führen, wenn sie sich allerlei wildes Grünzeug aneignen, das früher unter Unkraut lief, um…/ mehr

Georg Etscheit / 10.03.2024 / 12:00 / 29

Cancel Cuisine: Fleischersatz von Bill Gates

Bill Gates investiert Millionen und Milliarden Dollar in Dinge, die ihm wichtig erscheinen. Zum Beispiel in die Landwirtschaft. Und in Fleisch aus dem Drucker. „Ich denke,…/ mehr

Georg Etscheit / 09.03.2024 / 06:15 / 111

Der heimatlose Stammkunde

Der Niedergang der Fachgeschäfte zwingt den Kunden, von Pontius zu Pilatus zu laufen oder selbst zu suchen und dann im Internet zu bestellen. Unlängst hat in…/ mehr

Georg Etscheit / 03.03.2024 / 12:00 / 7

Cancel Cuisine: Spaghetti alle vongole

Ein Abend Italienurlaub lässt sich auch in der heimischen Küche mit Pasta und Venusmuscheln simulieren. Hier steht, wie's geht. Was wäre die Welt ohne Katastrophenszenarien? Klimawandel,…/ mehr

Georg Etscheit / 25.02.2024 / 12:00 / 19

Cancel Cuisine: Über Profigeräte

In Besserverdiener-Haushalten finden sich immer öfter beeindruckende Apparate – von der Kaffeemaschine bis zum Racletteofen. Ich meine, Profigeräte sollten Profis vorbehalten bleiben. „Soll ich dir einen Espresso…/ mehr

Georg Etscheit / 24.02.2024 / 14:00 / 4

Die Schattenseiten des „sanften“ Wintertourismus

In den niedrigen Lagen Oberbayerns stirbt der Skitourismus aus. Wegen immer weniger Schnee zieht die Ski-Karavane einfach daran vorbei. Doch hat sich die Zahl der…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com