„Ich würde Hitler erschießen“

Es wurde zwar schon viel über Sophie Scholls Weg in den Widerstand geschrieben, doch Klaus-Rüdiger Mais biographischer Essay verdient dennoch unbedingt Beachtung.

Im Sommer 1946 entdeckte die Cellistin Susanne Hirzel in der Zeitung einen Aufruf von Ricarda Huch, Zeugnisse für ein Buch zum Gedenken der „Heldenmütigen“ zu sammeln, die den Versuch gewagt hatten, das „klug gesicherte Schreckensregiment“ zu stürzen. Die Ulmer Pfarrerstochter Susanne Hirzel, seit 1935 mit der vierzehnjährig gleichaltrigen Sophie Scholl befreundet, war im April 1943 im zweiten „Weiße Rose“-Prozess mit einer halbjährigen Strafe davongekommen. Sie antwortete der Schriftstellerin mit einem langen Brief, in dem sie an den Todesmut ihrer Freundin Sophie Scholl erinnerte. Im Januar 1943 habe ihr Sophie von den Flugblattaktionen ihres Münchner Freundeskreises erzählt. Einer müsse den Mut haben, anzufangen. „Wenn ich Gelegenheit hätte, Hitler zu erschießen, so müßte ich es tun, auch als Mädchen.“ 

Mit Klaus-Rüdiger Mais biographischem Essay zu Sophie Scholl liegt ein Buch vor, das – ungeachtet einiger lässlicher Ungenauigkeiten – inmitten der reichhaltigen „Weiße Rose“-Literatur nicht nur im Gedenkjahr 2023 Beachtung verdient. Auch in diesem Buch geht es um das Grundthema aller Scholl-Biographien: von der anfänglichen Hitler-Begeisterung über Willkürerfahrungen mit der Diktatur hin zum todesmutigen Widerstand. Der Historiker Mai vertieft indes das Thema auf vielschichtige Weise. Da geht es zum einen um die Einordnung des NS-Regimes in dessen historische Bedingungen, zum anderen um die Willkürerfahrungen von „eigensinnigen“ jungen Menschen mit totalitärer Praxis. Das psychologische Motiv verknüpft Mai mit essayistisch weit ausgreifenden Reflexionen über die christlich-religiösen Ressourcen, aus denen die Geschwister und ihre Freunde in Gesprächen, Lektüre – und Sophie in innigem Gebet – schöpften.

Die Atmosphäre Deutschlands in der Endphase der Weimarer Republik illustrieren zwei Zitate. Das eine stammt von dem im italienischen Faschismus verwurzelten Schriftsteller Curzio Malaparte, der anno 1931 beobachtete, dass Hitler sich anschicke, die „gefährliche Rolle des Catilina aufzugeben und die ungefährlichere eines plebiszitären Diktators zu übernehmen.“ Andere Beobachtungen hielt 1931 der französische Sozialist Pierre Viénot in einem Buch „Ungewisses Deutschland“ fest. Er registrierte den Zusammenbruch der bürgerlichen Ordnung sowie einen „krankhaften Hang zur Selbstanalyse“. Er stellte zugleich eine tiefe Verwurzelung der Idee des „Fürsorgestaats“ fest, „der gewiss nicht der bürgerlichen Kultur [angehört]. Hier treten wir in das weite Gebiet des Sozialismus ein.“ 

Die BDM-Führerin 

Es handelte sich um das Verlangen nach Volksgemeinschaft, in der aller Parteienstreit und Klassenschranken überwunden seien. In den „Bünden“ der bürgerlichen Jugendbewegung verschmolzen Naturromantik, Nationalromantik und Sozialromantik. Den Traum von einem „Neuen Reich“ verkündete 1927 der in der bündischen Jugend verehrte Stefan George. Mit derlei Emotionen bewegten sich die „Bünde“ in der Nähe des Nationalsozialismus. Der Jubel über die „Machtergreifung“ Hitlers am 30. Januar 1933 erfasste den jungen Reichswehroffizier Stauffenberg bei einem SA-Aufmarsch in Bamberg. Der spätere NS-Gegner Ernst Forsthoff proklamierte 1933 in seinem Buch „Der totale Staat“: Das bürgerliche Zeitalter wird liquidiert“, für „die Verheißung einer besseren Zukunft“ komme es darauf an, „die letzten Reserven aus dem Volk herauszuholen.“

Inspiriert von ihrem Umfeld – Schule, Kirche und Altersgenossen – teilten die Scholl-Geschwister, obenan die älteste Tochter Inge mit einem Hitler-Bild an der Wand, die nationalen Hochgefühle. Der Ulmer Stadtpfarrer Oehler nannte im Religionsunterricht den Tag von Potsdam (21. März 1933) „ein wunderbares Ereignis“. Inge Scholl konnte es nicht erwarten, dass Bruder Hans mit seinem „Verein“ – dem Jungvolk des Ulmer CVJM – geschlossen in die Hitler-Jugend übertreten würde. Sie selbst avancierte als erste der Geschwister zur BDM-Führerin. 

Die HJ-Begeisterung der jungen Geschwister war Teil des pubertären Ablösungsprozesses vom Elternhaus. Mit dem agnostischen, pazifistisch und antinazistisch gesinnten Vater Robert Scholl geriet insbesondere Hans in einen häuslichen Dauerkonflikt, was indes den engen Familienzusammenhalt, gestärkt durch die pietistisch geprägte Mutter Magdalena Scholl, zu keiner Zeit gefährdete. Die Familie bot Rückhalt an allen Stationen des Wegs in den Widerstand. Zu Recht betont Mai, dass Antisemitismus im Hause der Scholls keinen Platz hatte.

Starker Eigenwille und intellektuelle Neugier zeichnete den draufgängerischen Hans („Feuerkopf“) aus, musische Begabungen und poetische Sensibilität die als „Buben-Mädel“ im BDM zunächst nicht minder engagierte Sophie. Befördert wurden derlei Dispositionen durch die Aspirationen und Ausdrucksformen der Jugendbewegung, wie sie insbesondere in der von Eberhard Koebel (tusk) 1929 gegründeten d.j.1.11. gepflegt wurden. 

Immer wieder „Freiheit“

Die Ideale und Gefühlsmomente der „Bündischen“ beschrieb Susanne Hirzel in dem erwähnten Brief: Letzten Endes ging es um die Freiheit. Diesem Ziel wollten wir unser Leben weihen, hätten jedoch niemandem genauer sagen können, was das ist ‚Freiheit‘“. Die Interpretation liefert Autor Mai: Es war die Gefühlswelt des Sturm und Drang. Dem Buch ist eine Passage aus Jack Kerouacs Beat-Kultbuch „On the Road“ vorangestellt, wo es um die „Verrückten, die verrückt sind aufs Leben“ geht: „Wie nannte man solche jungen Leute in Goethes Deutschland?“ „Freiheit“ schrieb Sophie Scholl zweimal auf die ihr am Tag vor der Hinrichtung ausgehändigte Anklageschrift. „Es lebe die Freiheit!“, rief Hans auf dem Weg zum Schafott. 

Die anfangs noch tolerierten bündischen Tendenzen wurden ab 1936 als „bündische Umtriebe“ verfolgt. Im Gestapo-Verhör im Februar 1943 begründete Sophie ihre Abkehr vom Nationalsozialismus „in erster Linie“ mit ihrer eigenen und ihrer Geschwister Verhaftung „wegen sog. bündischer Umtriebe“ im Herbst 1937. Die „Umtriebe“ wurden mit Anklagen gegen Hans Scholl und Inges Freund Ernst Reden wegen Verstoßes gegen § 175 unterlegt. Mit dem Verweis auf unsichere pubertäre Verhaltensweisen widerlegt Mai den Theologen Robert Zoske, der – zeitgemäß – Hans Scholl für bisexuelle Prägung und Sophie für latent lesbische Neigungen vereinnahmt hat. 

Zum tragenden Motiv des Widerstands wird der christliche Glaube. Als Hans – vor seiner eigenen Festnahme – von der Verhaftung der Geschwister erfährt, bedankt er sich bei seiner Mutter für den Trost in einem „wunderbaren“ Bibelwort. Über Bruder Werners katholischen Freund Otl Aicher, dem die Zulassung zum Abitur verboten wurde, traten die Scholl-Geschwister 1939/40 in die Geisteswelt des französischen Rénouveau catholique und des „Hochland“-Kreises um Carl Muth ein. 

Mai mindert die Bedeutung des Münchner Kreises nicht, wenn er die Geschwister – vor ihrem Henkertod am 22. Februar 1943 nahmen sie das Abendmahl ein – in die protestantische Tradition stellt. Im Unterschied zu Luther auf dem Wormser Reichstag mussten die jungen Menschen in den Tod gehen, weil ihnen in Hitlers Reich eine schützende Hand fehlte. 

Klaus-Rüdiger Mai: Ich würde Hitler erschießen. Sophie Scholls Weg in den Widerstand, Paderborn (Bonifatius Verlag) 2023, 192 Seiten, 18 €

Dieser Text erschien zuerst in der Tagespost.

Foto: Blumberg/looking for Europe/gemeinfrei

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Volker Kleinophorst / 19.02.2023

Wer meint, wenn Hitler erschossen worden wäre, wäre der 2. Weltkrieg ausgefallen, der glaubt auch sonst jeden Quatsch.

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