Henryk M. Broder / 04.06.2017 / 13:56 / Foto: Tom Koerner / 15 / Seite ausdrucken

Feige? Was soll daran feige sein?

Nach jedem Terror-Anschlag, von Berlin bis London, von Manchester bis Paris, setzt derselbe Automatismus ein. Politiker aller Couleur und Sprecher der Islamverbände erklären, sie seien „in Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen“ und nennen die Täter „feige Mörder“. Heiko Maas twittert: „Erschütternd. Erneut ist Großbritannien Ziel eines feigen Anschlages geworden. Unsere Gedanken sind bei unseren britischen Freunden.“ Der Londoner Rat der Muslime ist „entrüstet und angeekelt von diesen Feiglingen".

Nun ergibt ein Adjektiv immer dann keinen Sinn, wenn auch das gegenteilige Adjektiv sinnlos wäre, das gilt für „feige Morde“ ebenso wie für „brutale Vergewaltigungen“. Kein Mensch nennt einen Mord „mutig“ und eine Vergewaltigung „zärtlich“. Würde er es tun, käme er zuerst in die „heute-show“ des ZDF und dann in die Obhut des BKA.

Warum also werden Terroristen immer wieder als „feige“ bezeichnet? Genügt es nicht, sie Mörder zu nennen?

Ich fürchte, wir haben es mit einer Projektion zu tun. Nach jedem Terroranschlag sehen wir Menschen um ihr Leben rennen, die nur eines wollen: sich in Sicherheit bringen. Eine vollkommen richtige und verständliche Reaktion. Es gibt keine Pflicht zum Heldentum, aber es gibt ein Recht auf Feigheit. Zumal in Gesellschaften, in denen das Recht auf Sicherheit vom Staat garantiert wird.

Der Staat und seine Organe müssen Mut und Stärke zeigen, der Bürger darf feige sein. Und je fortgeschrittener eine Gesellschaft ist, desto mehr tendiert sie zur Feigheit, während sie das Heldentum einigen wenigen überlässt, die für ihre „Zivilcourage“ ausgezeichnet werden. Wie der Münchner Bürger, der von drei Jugendlichen an einer S-Bahn-Station zu Tode geprügelt wurde, nachdem er in eine Auseinandersetzung eingegriffen hatte. Hätte er sich feige verhalten, würde er heute noch leben.

Dennoch mag sich niemand damit rühmen, feige zu sein, und überlässt das Attribut den Terroristen. Die aber sind nicht feige, sie sind ausgesprochen mutig, sie setzen ihre Leben ein – nicht obwohl, sondern weil sie genau wissen, dass sie sterben werden. So etwas als „feige“ zu bezeichnen, zeugt von einer völligen Fehleinschätzung der Terroristen, deren Mentalität Osama bin Laden auf einen Satz gebracht hat. „Ihr liebt das Leben, wir aber lieben den Tod.“

Wir aber, die wir das Leben lieben und den Tod fürchten, betreiben weiter „Prävention“ und „Deeskalation“. Und suchen unbeirrt nach den Ursachen des Terrors in unserer Geschichte und unserer Gegenwart, im Imperialismus und Kolonialismus, in der Armut und der Ausgrenzung. bento, zum Beispiel, die Kinderseite des SPIEGEL, fragt: "Warum wird Großbritannien immer wieder Ziel von Anschlägen?" und antwortet: 

"In Großbritannien gibt es eine große muslimische Community; viele Mitglieder kämpfen mit Diskriminierung, finden keine Arbeit oder bekommen keinen Zugang zu höherer Bildung – jeder dritte Muslim hat gar keine Ausbildung. Britische Muslime sind zudem im Schnitt deutlich ärmer als Nichtmuslime. Das Ergebnis: Entfremdung, Frust, Wut." 

Der nächste Anschlag kommt bestimmt.

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Robert Planazs / 04.06.2017

Herr Broder, obwohl ich Ihre Scharfsinnigkeit und Ihre Ansichten mehr als nur teile, gebe ich Ihnen nur bedingt recht. Das kleine Adjektiv “feige”, soll nur eine, wenn man so will, die Steigerung von Mord suggerieren. Auch das Wort “brutal” vor Vergewaltigung, soll die subjektive Bedeutung der Sache “Vergewaltigung darstellen. So und so ähnlich verhält es sich mit mehreren, von der Steigerung ausgeschlossenen Adjektiven. Was kann man z.B. vom sog. Ehrenmord halten. Für mich hat der Mord in keinem Fall etwas ehrenhaftes. Nur im Islam, der dazu genutzt wird, die vollkommende Verblendung durch oder im Namen eines Gottes, der in Wirklichkeit auch keinen Ehrenmord kennt, zumindest bei den christlichen und jüdischen Glaubensrichtungen!!! Ansonsten wünsche ich Ihnen noch ein schönes Pfingstfest und eine schöne Zeit! Gruß Robert Planazs

Bernhard Freiling / 04.06.2017

Eine klare, unmißverständliche, Ausdrucksweise ist der Spiegel eines klaren Geistes. Zumindest versuchte mein Deutschlehrer mir das Mitte der 1960er Jahre zu vermitteln. Wenn ich mal unterstelle, dies sei richtig, dann sitzen heute an sämtlichen Schaltstellen…... der Politik, .....der Medien, .....in den öffentlich rechtlichen Sendeanstalten und sogar in einigen Unternehmen überwiegend nur noch Schwachmaten und Grenzdebile.  “Die Definition des Wahnsinns ist, immer dasselbe zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten”.  Scheint sich aber bis zu unserer agierenden Elite noch nicht rumgesprochen zu haben. Nur anmerkungshalber: Dieses Zitat wird etlichen Prominenten zugeschrieben;  von Benjamin Franklin über Mark Twain bis hin zu Albert Einstein.

Richard Feldmann / 04.06.2017

Einmal mehr ein völlig zutreffender Beitrag! Die sogenannte politische “Elite” ergeht sich wieder einmal in dümmlichen Floskeln anstatt Selbstkritik zu üben und endlich die von ihnen selbst geschaffenen Ursachen abzustellen.

Madelaine Chaproll / 04.06.2017

Falsch! Sie bekommen viel, zu viel Geld, im Vergleich mit dem, was sie, im eigenen Land, verdienen. Das Problem, was Ihr Deutsche nicht wahr nehmen wollen, sind die balkanischen Verhältnisse, die hier von diesen Leuten, mitgebracht haben. Schmutz, die Agressiivität und fehlende Disziplin bei Fahrer, weil nur die Naiven und Dummen können sich vorstellen, dass über Nacht vom Pferdewagen zum Porsche, richtig zivilisiert sein werden kann. Ich komme selber aus Rumänien, und seit Jahren ahne ich, dass diese Invasion hier,  irgendwann die ganze zivilisierte Welt in eine Balkanzone verwandeln werden wird. Wir sind von dort geflohen wegen die primitivsten Weltansichten, heute sehen wir, wie diese hinter uns rollt, und wir wissen morgen nicht wohin auf dieser Welt, weiter Schutz und Sicherheit, finden können. Die globale Welt wird immer barbarischer, während die Politiker ständig pompöse Konferenzen organisieren und die Menschen überall in einem Ratio Schlaf, verfallen sind. Der Schlaf der Ration schafft Monstern, sagte früher Goya, dann wurde das Zitat von französischen Schriftsteller Malreaux, übernommen. Die Monster leben unter uns und dies dank dem Schaf der Ration aller. Madelaine Chaproll Der Spiegel von Globalisierung!

Roland Müller / 04.06.2017

Kein Wunder, dass dabei sowas wie das Netzdurchsetzungsgesetz rauskommt, wenn Maasens Gedanken die ganze Zeit woanders sind.

Paul Alexy / 04.06.2017

Wieder ein Volltreffer, lieber Herr Broder. Danke.

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