Thilo Schneider / 29.07.2020 / 14:00 / Foto: Timo Raab / 28 / Seite ausdrucken

Die Panorama-Papers

Falls Sie diese Zeilen tatsächlich lesen, dann fragen Sie mich bitte nicht, was ich alles tun musste, damit dieser Artikel erscheint. Nur so viel: Es hat wahnsinnig viel mit Drogen, Alkohol, Drohungen und wirklich verwerflichen Taten zu tun. Das kam so: 

Ich stieß am Morgen des 27. Juli 2020 beschwingt und fröhlich die mit dunklem Leder verkleidete Bürotür meines Achse-Redakteurs in der Relotiusspitze 1 in Hamburg auf, umarmte den überraschten alten weißen Mann und zitierte freudig General Petain nach dem Sieg bei Verdun: „On les à !“ Mein Redakteur, den wir hier alle nur „meinen Redakteur“ nennen (Achse-Autoren sind erschütternd unkreativ und phantasielos) schaute mich verständnislos an. „Wen haben wir?“, wollte er wissen. „Na, die Dings, diese Fernsehmoderatorin, die immer so objektiv und linksbewegt tut! Die gehört in Wahrheit zu einem rechtsextremen Netzwerk. Und ich, ich kann es beweisen!“, erklärte ich und fühlte mich so ein wenig wie Woodward und Bernstein bei der Watergate-Affäre. „Das ist der Pulitzer-Preis!“, schob ich nach, „mindestens aber der Deutsche Reporter Preis UND der Nannen-Preis!“ „Soso“, sagte mein Red trocken und so gar nicht begeistert und putzte seine von meiner Umarmung mit meinem Wangenfett verschmierte Brille, „dann zeig mal, was Du hast, Schneider.“ 

Ich nahm unaufgefordert auf dem Chesterfield-Sessel vor seinem mit grünem Leder intarsierten, schweren Mahagonischreibtisch Platz und wollte gerade nach den kubanischen Zigarren greifen, aber mein Red schlug mir mit seinem Holzlineal auf die Finger. „Erst die Beweise“, forderte er. Ich zog aus meiner mitgebrachten Chinaledermappe die rote Klarsichtfolie mit meinem Beweis heraus und reichte sie dem Herrn über meine schriftstellerische Karriere über den Tisch. Ich ließ dazu IHN aufstehen! Starschreiber können sich das leisten. „Das isser“ verkündete ich und sah mich auf dem Tisch nach einem Zigarrenschneider um. Der Red musterte den Inhalt der Klarsichthülle, und halb erwartete ich, dass er gleich aufspringen, mich freundschaftlich boxen und so etwas wie „das ist eine Bombe! Die komplette Geschichte des NDR, der ARD, ja, der gesamten deutschen Presselandschaft muss umgeschrieben werden!“ sagen würde. Vielleicht mit vor Erschütterung und Rührung feuchten Augen.   

Stattdessen sah er mich nur einfach an. „Was ist das?“, wollte er wissen. „Mein Beweis“, gab ich etwas enttäuscht zurück. „Das ist alles?“, fragte er nach. „Ja. Genügt das nicht?“, fragte ich zurück. Mein Red atmete schwer aus und faltete die Hände über Mund und Nase. „Herr Schneider“, sagte er ruhig, „wie lange kennen wir uns?“ „Etwa drei Jahre“, gab ich wahrheitsgemäß zurück und sah die Einladung zu den Preisverleihungen sich langsam auflösen. Mein Red hatte mich mit „Herr“ angesprochen. Nicht gut. Gar nicht gut… „Drei Jahre“, wiederholte er. „Sie (!) sollten inzwischen wissen, dass wir hier kein Leitmedium und keine öffentliche Anstalt sind, wir müssen also seriös berichten.“ Er hatte in die „Sie“-Form gewechselt. Das war nicht nur gar nicht gut, das war sogar sehr schlecht. 

„Aber stimmt doch!“, verteidigte ich meine Investigativarbeit, „das „Gefällt mir“ sitzt doch da. Immer noch. Kann jeder sehen.“ Mein Red schlug zornig mit den flachen Händen auf den Tisch. „Das ist NICHTS!“, brüllte er, „das ist MÜLL! Damit können wir gar nichts anfangen. Das ist einfach nur DRECK! Bringen Sie mir belastbare Beweise, etwas, das nicht auf Vermutungen, sondern auf handfesten Tatsachen beruht!“ „Sie hat auch einen Vortrag an der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt gehalten“, zog ich einen weiteren Trumpf. „Na und? Die kann Vorträge halten, wo sie will. Wo soll da eine Verbindung oder ein Netzwerk zu rechtsextremen Gruppierungen sein?“, brüllte mein Ex-Red mich zusammen. „In Ingolstadt-Eichstätt gibt es aber einen Kreisverband der AfD!“, piepste ich aus dem plötzlich riesengroßen Sessel. „Außerdem hat die Rechtsextremismusexpertin Natascha Strobl gesagt, dass ein „Like“ unter rechten Twitter-, Instagram- und Facebookpostings ein „öffentliches politisches Bekenntnis“ ist!“, ergänzte ich meine in vielen langen Sekunden von anderen abgeschriebene Recherche. 

Mein Red schäumte wie ein Zimmerspringbrunnen, in den ein Scherzkeks Waschpulver geschüttet hat. „Wir sind hier die „Achse des Guten“, nicht die Rufmörder eines Haltungsmagazins der Öffentlich-Rechtlichen! Wir finanzieren uns über Spenden, nicht über Pflichtbeiträge. Wir können uns weder Verleumdung noch unseriöse Berichterstattung leisten. Dazu zahlen wir unseren Leuten auch zu wenig!“, schrie er mich an. „Aberaber, sie hat es doch getan, sie hat es doch getan…“, wimmerte ich aus dem mich überwältigenden Chesterfield-Sessel. „Das ist mir verdammt egal“, donnerte der Red, „und falls Sie (!) mir je wieder mit einer so dünnen und saudummen Story kommen, dann können Sie (!) sich beim NDR bewerben. Mein Wort darauf. Und jetzt RAUS! Bevor ich ungemütlich werde!“ Ich kroch förmlich zur Türe. „Und Ihren Scheiß nehmen Sie mit“, hörte ich noch, bevor mir meine Klarsichthülle mit dem Beweis an den Kopf flog.  

Also bin ich andere Wege gegangen. Fragen Sie nicht, welche. Es waren keine schönen Wege und es war nicht leicht. Aber Fakt ist nun einmal Fakt und es muss ans Licht: Anja Reschke, die Leiterin der Abteilung Innenpolitik des NDR und Panorama-Chefin, hat auf Twitter am 20.12.2014 einen Beitrag der NPD Bayern mit dem Inhalt „Überall Lügen und Betrug in den "Qualitätsmedien"! Wenn sie keinen "Nazi" finden, dann erfinden sie eben einen....“ mit „Gefällt mir“ markiert. Jetzt komm mir keiner mit Ironie. Das zählt nicht, wo kommen wir denn da hin. Bei der Bundeswehr wäre Hauptfrau Reschke jetzt Geschichte. Gefällt mir.

(Weitere investigativ abgeschriebene Enthüllungen des Autors unter www.politticker.de)

Foto: Timo Raab

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Bechlenberg Archi W. / 29.07.2020

Lieber Kollege Schneider, bei allem Hang zur schonungslosen Ehrlichkeit in der Berichterstattung: die Erwähnung der kubanischen Zigarren dürfte sich ausgesprochen ungünstig auf das zukündtige Spendenaufkommen der Achse auswirken, ähnlich dem Auflagenverlust bei Welt, Spiegel und so weiter. Was bedeutet, dass unsereins jetzt doppelt so viel schreiben muss, um sich am Ende des Jahres wenigstens noch eine Schachtel “Bahndamm Schattenseite” leisten zu können. Wenigstens haben Sie nicht die Batterie steinalter Whiskys erwähnt, die im Gemach des Chefs dort steht, wo in anderen Redaktionen die Journalismuspreise verstauben…

Robert Rudolph / 29.07.2020

Ist doch ‘ne Super-Story, Herr Schneider, leider mit Unhappy-end!

Fritz Maier / 29.07.2020

Manche sind halt Gleicher als andere. Was mich imteressieren würde: Wie kommt man an solche “Datenbankinformationen” (Like und Usernamen)? Sind die Softwareprodukte so löcherig und undicht, dass jeder Nichthacker das einfach so auslesen kann?

Ilona Grimm / 29.07.2020

Nun habe ich Ihre Enthüllungsgeschichte tatsächlich gelesen und mich scheckig gelacht. Chesterfield-Sessel, mit grünem Leder „intarsierter“ schwerer Mahagoni-Schreibtisch und kubanische Zigarren! Was für ein herrliches Gemälde Ihrer Redaktionsstube. Dazu Ihre „Chinaledermappe“.... Der Link zu dem Vortrag an der kath. Universität funktioniert nicht, aber ich habe Frau Reschke trotzdem gefunden, die sich tapfer auch an der Katholischen Universität Eichstätt für unsere FDGO einsetzt. Und ja, ganz genau, ein „Like“ ist ein öffentliches politisches Bekenntnis, wenn es zum richtigen falschen „Post“ gesendet wird. Zu schade, dass die Achse Ihre Story nicht veröffentlicht hat, aber Frau Reschke hat leider Geld ohne Ende und könnte die Achse ohne Probleme mit mindestens 107 Anzeigen in den Ruin treiben. Deshalb kann ich Ihren Red verstehen. Eine ÖR-Leuchttürmin kann liken, wen und was sie will. Bei einem BW-Offizier ist das selbstredend ganz was Anderes: So ein Mann steht schließlich den ganzen Tag in der Öffentlichkeit und ganz Deutschland verfolgt 24/7, was er sagt, schreibt und tut. So jemanden muss man zurechtstutzen, das versteht sich ja von selbst.——- Sind Sie wieder nüchtern bzw. clean, lieber Herr Schneider?

Max Wedell / 29.07.2020

Ich finde es nicht richtig, den NPD-Like von Anja Reschke zu entproblematisieren. Mit diesem Like hat sie den Ironielike entdeckt und hoffähig gemacht. Der Ironielike wird nach seiner Entdeckung allen möglichen Nazis, von denen es ja in Mitte und am Rand der Gesellschaft nur so wimmelt (also praktisch überall), dazu dienen, die von ihnen präferierten Likes zu verteilen und trotzdem ihre Gesinnung zu tarnen! Künftig kann jeder beim Liken des Unlikebaren Ertappte erklären: “Ach soooo, das war doch nur ein Ironielike! Na ihr wisst schon, wie bei der NPD-Reschke!” Ein wichtiges Arbeitsinstrument der Entnazifizierung wurde geschwächt. Jetzt muß Twitter reagieren und zusätzlich zum Like-Button einen Ironielike-Button einführen, damit die Nazijäger bei der Beurteilung von Likes nicht mehr durcheinanderkommen. Und wenn die Twitterprogrammierer schonmal dabei sind, können sie auch weitere Likebuttons hinzufügen, die mir schon sehr gefehlt haben: Superlike-Button und Nichtwirklichlike-Button, LikenurübermeineLeiche-Button oder LikewieKrätze-Button, SatireLike(DarfAllesLiken)-Button und/oder Like-mbH-Button, LuckyLike-Button oder MitderMausausgerutscht-Likebutton usw. usf. Auch beim Liken sollte es doch mehr Vielfalt geben! Solange es aber nur einen Likebutton gibt, sind Falschbedienungen wie durch die Reschke ein Problem.

Bernd Diefenbach / 29.07.2020

Sehr geehrter Herr Schneider, wenn ich Ihre Artikel lese dünkt mir, dass wir die Leidenschaft mit Philippe Djian(mittlerweile auch ein alter weißer Franzose)teilen, ihre Geschwindigkeit läßt viele Journalisten aussehen wie .... Die im öffentlich rechtlichen sowieso. Die von Ihnen hier überführte Frau Reschke ist zwar in der Sache keinen Artikel wert, aber ein wirklich schönes, da allgemeingültiges Beispiel zwangsgebührenfinanziertem Schönwetterjournalismus, ich will nicht sagen die Frau könne nichts(ich habe z.B. nicht mit ihr in der Küche gestanden) aber neutrale Berichterstattung geht anders. Da ich seit Jahren keine Öffis konsumiere bin ich darauf angewiesen von Zeit zu Zeit bei U-Tube über die Frau zu stolpern, schlimme Sache das.

Sabine Lotus / 29.07.2020

Ach, die ReschkeRestlerampe. Wenn Sie sich den Tag noch so ganz und vollkommen verschönern wollen, hören Sie sich mal Strobls’ (jaujau, die NDR ‘Rechtsextremismusexpertin’ von Muddis Gnaden) liebliches Gesäusel über die schröcklichen Effekte auf ihre lieb gemeinte Hetze im DLF an: “Als Expertin im Fadenkreuz eines Springer-Kolumnisten – Interview mit Natascha Strobl”. So ein aaaarmes Opfer, so unschuldig, daß es quietscht. So, und jetzt kann das arme Opfer Strobl wieder reichweitenstark herumheulen, daß die ‘pöööösen Rechtpopulies’ ihren lieb gemeinten Hetzdreck nicht unkommentiert lassen.

Michael Liebler / 29.07.2020

Bewundernswert woher immer wieder die Kraft kommt sich mit dem real existierenden Wahnsinn humorvoll auseinanderzusetzen. Danke!

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