Susanne Baumstark, Gastautorin / 18.07.2017 / 06:07 / Foto: Jim Frost / 7 / Seite ausdrucken

Der Sommer der Blinden

Von Susanne Baumstark.

Die realitätsferne Politik resultiert wesentlich aus der fehlenden Souveränität beim Umgang mit kognitiven Dissonanzen. Hier gibt es ein Kurzvideo zum Begriff. Ein längerer Beitrag von Andreas Püttmann zum Thema erschien 2009 und liest sich wie brandaktuell.

„Typischerweise treten kognitive Dissonanzen auf, wenn neu hinzutretende Erkenntnisse der bislang bestehenden eigenen Meinung widersprechen oder Zusatzinformationen eine Entscheidung als falsch erscheinen lassen“, erklärt der Politikwissenschaftler eingangs. Unangenehme Neuigkeiten werden dann häufig missachtet und passende umso mehr geschätzt. „Theoretisch“ aber könnte man gerade dissonante Nachrichten suchen, „um die Stärke der eigenen Argumente an Gegenpositionen zu messen, differenzierter zu werden“. Das wäre ein „Heraustreten aus dem eigenen Blickwinkel“; allerdings sei dies „den meisten Menschen zu anstrengend“: „Es wird immer Devise einer kleinen Gruppe Intellektueller bleiben, die bewusst die geistige Herausforderung sucht. Die Mehrheit vertraut eher dem eigenen weltanschaulichen ‚Lager‘ und lässt sich lieber von ihm argumentativ ‚munitionieren‘, als sich dem ständigen Widerstreit der Meinungen auszusetzen.“

Kenntnisverweigerung führe aber oft in Katastrophen: „Kognitive Dissonanz ist der Stoff“, aus dem die großen politischen Ideologien und Unterdrückungssysteme gemacht sind. Nicht einmal böse Absichten oder irrige Meinungen ruinierten ein politisches System. Es ist die „Unfähigkeit, eigentlich unbestreitbaren Wahrheiten ins Auge zu schauen“, die kollektiv ins Verderben stürzt: weil das erreichbare Gesellschaftswohl „nur aufgrund einer unbestechlichen, treffsicheren Analyse der Realität definiert werden“ kann. Anstatt zu wissen, was ist, widmeten sich „Polit-Lyriker“ lieber hehren Idealen und mitreißenden Visionen.

Aus dem Vorrang der Ideen vor der Wirklichkeit resultiert etwa dieses: „Da man den Menschen gern ‚gut‘ hätte und deshalb nur als ‚gut‘ zu denken vermag, gilt selbst dem mehrfach rückfälligen Serientäter unser ‚Resozialisierungs‘-Eifer. Die Gefahren für zukünftige weitere Opfer verliert man aus dem Blick.“ Intelligenz schütze übrigens nicht vor Torheit. Das liege daran, dass intelligente Menschen dissonante Informationen schneller erkennen und neutralisieren: „indem sie in gedanklicher Akrobatik und sprachlicher Rabulistik harmonisierende oder abwertende Interpretationen entwickeln, die ihnen ein Bestehen auf ihren vorgefassten Meinungen, fixen Ideen und geschlossenen Weltbildern erlauben. Sie sind nicht umsonst Schöpfer jener Ideologien, die den ‚einfachen Menschen‘ einen Himmel auf Erden versprachen und tatsächlich die Hölle auf Erden errichteten.“

Püttmanns Rat: „Selbstdisziplin, Ideologiekritik und der Verzicht auf einen Vorrang der Ideen vor der Wirklichkeit sind vonnöten, um das wohltemperierte Klima und die Zukunftskompetenz einer demokratischen Gesellschaft“ zu erhalten. Heute, acht Jahre später, ist von einem wohltemperierten Klima hierzulande nicht mehr viel zu spüren. Die Aggressions- und Gewaltspirale dreht sich täglich schneller, wie aus einigen Vorfällen der letzten Tage in Schorndorf, ReutlingenDortmundMünchen, Hamburg, Bad Pyrmont, Leverkusen, Heidelberg, Rostock, Ladenburg oder in Bad Neuenahr ersichtlich. Realitätsverweigerer werden sich bald gezwungen sehen, ihren bequemen Weg der Dissonanzreduktion, indem sie die Quellen entsprechender Nachrichten verteufeln, aufzugeben und eine Korrektur ihres geschlossenen Weltbildes vorzunehmen. Es fragt sich erneut, was deren Trotz und zeitraubende Trägheit dann schon wieder gekostet haben wird. 

Susanne Baumstark, Jahrgang 1967, ist freie Redakteurin und Diplom-Sozialpädagogin. Dieser Beitrag erschien zuerst aufihrem Blog Luftwurzel hier.

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Leserpost

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Martin Heine / 18.07.2017

Wenn man es genau nimmt, erleben wir gerade schon mindestens den zweiten “Sommer der Blinden”.

Leo Hohensee / 18.07.2017

Ist ja wunderbar. Wenn ich immer nur das Wort Ideologie für die Beschreibung der eigenen Position verwende, ist das alles eingängig. Aber was ist mit einem „Standpunkt“? Hier ein unkritisches Beispiel: ich habe den Standpunkt, eine Hose ist kaputt wenn sie Löcher oder dünne Stellen hat; jetzt kommt aber die Information, solche Hosen werden für Neu verkauft und als chic empfunden. Eine Korrektur meines Standpunktes (meiner Ideologie) nehme ich nicht vor, wohl ist es mir egal wenn Menschen so herum laufen. Eine „Weltbildanpassung“ bei mir erfolgt allenfalls dahingehend, dass ich in Bezug auf meine eigene Bekleidung phlegmatischer werde, und meine Hose noch nicht aussortiere bloß weil sie kaputt ist. Was will ich sagen? So wie es Modeströmungen gibt, so gibt es auch Gesinnungsströmungen (Ideologiewechsel). Und weil ich ja kein Fähnlein sein kann, dass sich ständig dreht, wird ein eigener Widerstreit mit Standpunkten, mit kognitiven Dissonanzen nie enden. In der nicht intelligenzbehafteten Natur regelt sich unangepasstes Fehlverhalten durch „Aussterben“  oder, meinetwegen auch, durch „gefressen werden“. Auch Hochkulturen sind schon unter gegangen! beste Grüße L.H.

Leo Lepin / 18.07.2017

Ein aktuelles Beispiel dazu: Auf Zeit online hiess es zu den Krawallen in Schorndorf, erst später seien “mehrere Menschen mit Migrationshintergrund oder Asylbewerber hinzugekommen”. Hier werden unangenehme Neuigkeiten nicht nur missachtet, sondern zurechtgebogen.

Andreas Huber / 18.07.2017

Eine mögliche Lösung liegt in der Eskalation des Problems. Anders ausgedrückt: Wenn der Mensch keine Probleme hat, schafft er sich welche.

Stefan Bley / 18.07.2017

Ich möchte zu bedenken geben, dass hier nicht nur Blinde am Werk sind, welche an ihren nicht länger aufrecht zu haltenden Ideologien aus vermeintlicher Political Correctness festzuhalten versuchen. Nein, es gibt durchaus zahlreiche Sehende, die die offensichtlichen Mißstände in diesem Land sehr wohl für ihre Zwecke zu nutzen verstehen. Diverse Medienberichte über SPD-Politiker, die als Besitzer kurzfristig erworbener Immobilien durch deren Vermietung an Gemeinden als Flüchtlingsunterkünfte zu Wucherpreisen Kasse gemacht haben, sollen hier mal nur als ein Beispiel dienen. Es gilt wie immer: Cui bono (wem zum Vorteil)?

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