Erik Lommatzsch, Gastautor / 18.11.2018 / 16:00 / 6 / Seite ausdrucken

Ein Déjà-vu beim „Hofjournal”

War Déjà-vu eigentlich schon einmal Wort des Jahres? Zeit wird es. Denn gegenwärtig erinnert man sich beim Blick auf/in/über Unmengen auch nur im weiteren Sinne politischer „Nachrichten“ oder „Berichte“ immer wieder an die seit längerem Duden-geadelte Existenz dieses wunderschönen Französismus.

In der DDR entstand ab 1985 die historische, mehrteilige Romanverfilmung „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ (von der böse Zungen behaupten, sie sei so aufwendig gewesen, dass die DEFA danach Bankrott angemeldet hätte – sollte dies der Wahrheit entsprechen, hätte es sich wenigstens gelohnt). Gezeichnet werden schöne Bilder, viel fürs Auge, gut besetzte historische Prominenz, und man lernt eine ganze Menge über das intrigante Hof- und Regierungsgebaren des 18. Jahrhunderts.

Völlig ideologiefrei ging es natürlich nicht. An einer der wenigen eher schwächeren, weil platten Stellen des Films erklärt der gerade allmächtig werdende sächsische Minister Brühl seinem Mitarbeiter und Oberspitzel, dem Rat Hennicke (dessen Rolle man auch als Karikatur eines Stasi-Mannes verstehen konnte), wie er mit einer konfiszierten Druckerei zu verfahren gedenkt, in der unbotmäßige Schriften vervielfältigt werden. Der  Besitzer, der von Hennicke gerade dazu erpresst worden war, den Autor ans Messer zu liefern, erhalte, trotz anderweitiger Versprechungen, seine Druckerei nicht wieder. Man setze ihn jedoch zum Geschäftsführer ein. Aus seiner „Klitsche“ solle die „Hofdruckerei“ werden.

Brühl erklärt: „Denkt an die vielen Festprogramme, Einladungen, Speisekarten, Anzeigen. An ein ständiges Hofjournal. Damit verbreiten wir die Ansichten und Nachrichten, die uns dienen.“ Besondere Betonung war auf „uns“ gelegt. Gut, das war die DDR, das musste mit rein. Hinzu kam, dass da auch immer der leise – positive – Verdacht war, dass man das Ganze ja auch um die Ecke denken konnte. Vielleicht war es gerade deshalb so platt, weil die Macher des Films dem zwischentonsensiblen Zuschauer einen Wink geben wollten, und das Gebaren Brühls nicht nur als das eines perfiden Aristokraten aus vergangener Zeit, sondern allgemein als das einer meinungsverordnenden Obrigkeit und der ihr – mehr der weniger freiwillig – folgenden Presse gedeutet werden konnte.

Hofjournale im Überfluss

Obrigkeitsgelenkt im Sinne eines Ministers Brühl, der zu seiner Zeit erst eine Druckerei konfiszieren musste, sind die Medien im heutigen Deutschland nicht. Viel Ungemach und Arbeit hätte er sich sparen können. 300 Jahre später hätte er als Regierender eine große Auswahl von „ständigen Hofjournalen“ vorgefunden, die „Ansichten und Nachrichten, die uns dienen“ drucken. Und ganz freiwillig – der arme Rat Hennicke wäre arbeitslos gewesen.

Beispiele für ein Déjà-vu zum Stichwort „ständiges Hofjournal“ sind Legion. Sofern man diese Berichte überhaupt noch liest, dann wirklich nur noch im Sinne von „Festprogrammen, Einladungen, Speisekarten, Anzeigen“. Etwa die migrantischen Schicksalsgeschichten, bei denen man ohnehin schon Zweifel am Wahrheitsgehalt hat. In der Vor-„Hofjournal“-Epoche der Nachkriegszeit (deren genaue Datierung, besonders bezüglich der Umstände ihres Endes, eine Forschungsaufgabe wäre) waren diese prinzipiellen sachlichen Zweifel im Übrigen kaum verbreitet.

Aber gut, nehmen wir beispielsweise an, die „Berliner Zeitung“ hat die Geschichte von Awed A. faktisch richtig wiedergegeben. Der Eritreer hat mit 23 seine Heimat verlassen und ist nun in Berlin. Er geht täglich ins Fitness-Studio, um sich abzulenken. Seine Frau schickt ihm Handyfotos von den Zwillingstöchtern („mit großen Augen und klaffenden Zahnlücken“). Mit den zweijährigen Kindern sitzt sie in Abu Salim, dem „wohl berüchtigtsten Lager Libyens“ fest. Awed A. ist „zurückhaltend und höflich“, mit „kleinen Narben auf der rechten Wange“. Die Töchter hat er noch nie gesehen, nur über das Handy.

Dann ist der Boden reif für das eigentliche Anliegen des Textes: Familiennachzug, auf den der „anerkannte Flüchtling“ ein „Recht“ hat. Wenn da nur nicht die „bürokratischen Barrieren“ wären. Glücklicherweise hat sich bereits ein SPD-Politiker eingeschaltet, der die Lage verständlich erklärt: „Wie sollen Menschen einen Deutschkurs bestehen, wenn sie ständig auf dem Handy Nachrichten von Bombenanschlägen lesen oder tagelang überhaupt nichts von ihrer Familie hören?“

Wegen „Stress“ und „Kopfschmerzen“ hat Awed A. den B1-Level, der „häufig als Mindestmarke für einen Job genannt wird“, nicht geschafft. Und dann immer das Problem mit den fehlenden Papieren. Darauf weist auch der SPD-Politiker hin: „Wem auf der Flucht der Ausweis abgenommen wurde…, der hat es schwer.“ Ergo: Angesichts derartig erdrückender Geschichten ganz schnell den Nachzug forcieren, dann geht das auch mit B1, und man muss nicht so oft ins Fitness-Studio.

„Je suis chancelière“

Gerade zu einer Zeit, in der Bösartige den schon durchgewunken geglaubten „UN-Migrationspakt“ gelesen haben und dumme Fragen stellen, sind solche Artikel besonders wichtig. Der Schreiber ist zudem von solcher Humanität beseelt, dass er sich die potenziell mögliche Überlegung eines Unmenschen, warum der junge eritreische Vater in der Sicherheit der deutschen Hauptstadt seinen Körper stählt, während die Frau mit zwei Kleinkindern in einem nicht gerade für seine westlichen Standards bekannten nordafrikanischen Staat in ein Lager gesperrt ist, offenbar nicht einmal vorzustellen vermag.

Aber man muss im „Hofjournal“ nicht immer nur die schweren Geschütze auffahren. Pfiffig ist sie, unsere Kanzlerin. Wurde sie doch vor ein paar Tagen von einer 101-jährigen Frau während ihres Frankreich-Besuchs für die Gattin des Staatspräsidenten Macron gehalten. Merkel klärte schlagfertig auf: „Je suis chancelière Allemagne“. So stand es zumindest in der einen oder anderen Zeitung zu lesen. Im Video ist Merkels Französisch nicht ganz zu gut zu verstehen, aber das macht nichts.

Eine polyglotte Sympathieträgerin, die Frau! Übrigens hat Merkel schon einmal „Je suis“ gesagt. Auch so ein Déjá-vu. Da war sie noch „Charlie“ und betrauerte noch Terroropfer der Islamisten – die Macher des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ in Paris im Januar 2015. Aber das ist lange, lange her und führt auch viel zu weit weg von „Festprogrammen, Einladungen, Speisekarten, Anzeigen“ und „Ansichten und Nachrichten, die uns dienen.“

Noch einmal kurz zurück zum Historien-Film „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“. Dort wird der letztlich korrumpierte Druckerei-Besitzer unter anderem auch mit einer „Hofdruckerwürde“ geködert. Solcher Anreize bedarf es in unserer Zeit nicht mehr, das geht ganz von allein.

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Leserpost

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Jochen Schmid / 18.11.2018

„Der Sozi ist nicht grundsätzlich dumm, er hat nur sehr viel Pech beim nachdenken“. Alfred Tetzlaff (Philosoph)

Dirk Jungnickel / 18.11.2018

Was “Sachsens Glanz und Preußens Gloria” betrifft gäbe es Einiges anzumerken. Nur dies: Es handelte sich nicht um eine DEFA - sondern eine Fernsehproduktion, die als Auftrag von der DEFA produziert wurde. Völlig unsinnig ist insofern das Gerücht, dass die DEFA beinahe Bankrott angemeldet hätte. Bei den staatlichen Filmproduktionen konnte in der “DDR” ohnehin niemand Bankrott gehen, auch wenn die Kinos leer blieben. Der Mehrteiler war deshalb so üppig ausgestattet , weil er von Beginn an für den Verkauf an den Westen vorgesehen war. Als Devisenbringer. Was hier in die Hennicke - Episode hinein interpretiert wird, ist - mit Verlaub - dreimal um die krumme Ecke gedacht.  Die Machart war damals schon reichlich antiquiert. Interessant vielleicht noch, dass die Ausstrahlung in der “DDR” bis über ein Jahr nach Fertigstellung auf Honeckers persönliche Weisung hinausgezogen wurde - nicht etwa wegen verkappter Anspielungen - sondern weil einige vor und hinter der Kamera Mitwirkende,  die das A.- u.  B-Paradies verlassen hatten, nicht mehr über die Bildschirme flimmern sollten.

Robert Bauer / 18.11.2018

“Hofdruckerwürden” gibt es im freiesten Deutschland aller Zeiten zuhauf: Bambi, Echo, Bundesfilmpreis, Preise für Zivilcourage, Rechercheverbünde, Empfehlungen von Steinmeier und was dergleichen Narreteien mehr sind, wobei die echte, unverfälschte und adelnde Würde in dieser Demokratie die Erwähnung im Verfassungsschutzbericht darstellt - ein Zeichen für Reinheit und Qualität.

Emmanuel Precht / 18.11.2018

Ich wünsch dem SPD Politiker die im Nachbarhaus “neu Hinzugekommenen” an den Hals. Oder die von Gegenüber in die Nachbarhaus. Ich fordere die Wiedereinführung der Residenzpflicht für alle Verantwortlichen. Gesetze sowie Vorschriften für die schon länger hier Lebenden machen und es sich im Rotweigürtel gut gehen lassen wie die Maden im Speck. Dieser Dreck muss weg. Da würde sich schnell was ändern, wenn dem achso vergötterten Nachwuchs das 3. Mal im Monat (im besten Fall) die Augen blau gehauen wären oder der Dame des Hauses die prüfende Hand in den Schritt gefasst hätte. Wenn er morgen im Hof die gebraucten Kondome, Binden oder vollgekoteten Babywindeln findet, oder Mamas Liebling die ins Haus schleppt und fragt: Mama, was ist das? Wohlan…

Jan Globel / 18.11.2018

In Olpe wollten vor paar Jahren Alb. kostenlos ins Fitnessstudio-der Chef sagte natürlich das dies nicht gehe daraufhin bekam er einen Anruf von einem Amt oder sonstwem und es wurde gesagt das dies doch rassistisch sei! Der Chef sagte kein Problem wenn sie ZAHLEN! Ne das wollte man dann doch nicht…

T. Johannson / 18.11.2018

Was für ein Elend, man hat es also in den Sudan geschafft aber kein Geld mehr. Und ohne eine Puseratze steigt man in den Flieger um in die Türkei zu gelangen? Und läßt Frau und Kinder zurück? Was für ein mutiger Mann! Also Geschichten gibt es, so was aber auch. Ist klar, da muß man als SPD-Mann natürlich sofort helfend eingreifen. Man man Leute, was hat so einer bloß für Seren getrunken? Oder bin ich nicht gläubig genug?

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