Georg Etscheit / 23.06.2021 / 12:00 / Foto: Pixabay / 39 / Seite ausdrucken

Cancel Cuisine extra: Afrika wird Perpetum

Afrika – Sehnsuchtsland. Nicht Affrika (wie Affe), sondern Aaafrika: Endlose Savannen, magische Sonnenuntergänge, vor denen sich wiegende Giraffenhälse und langsam nach dem letzten, spärlichen Grün der Affenbrotbäume greifende Elefantenrüssel abzeichnen, geheimnisvolle Nächte unterm Sternenzelt, hinter dem man die Unendlichkeit ahnen kann, unheimliche Laute aus dem Busch. Aaafrika ist trotz der üblichen Horrormeldungen vom „schwarzen Kontinent“ immer noch ein Mythos und die Musik zu „Jenseits von Afrika“ in Dolby Surround eine der schönsten Filmmusiken. Eigentlich gehörte der Streifen auf den Index, weil hier ganz offensichtlich der Kolonialismus verklärt wird. Wenigstens stammt der Plot von einer Frau.

Afrika hieß bis vor kurzem ein beliebtes Gebäck der Firma Bahlsen. Es handelt sich um dünne Waffelblättchen, die mit Schokolade überzogen sind. Es gibt sie mit dunklem (Edelbitter) und braunem Überzug (Vollmilch). Mir schmecken die braunen besser, doch ich kaufe immer die dunklen, weil ich weniger davon esse. Ich mag das etwas spartanische Gebäck ohne Firlefanz und fette Füllungen wie „Ohne Gleichen“, ebenfalls aus dem Hause Bahlsen, auch wenn sie allesamt ihre Herkunft aus der Fabrik nicht verhehlen können.

Doch Afrika gibt es nicht mehr, egal ob dunkel oder braun. Afrika heißt jetzt Perpetum. Das klingt nun wirklich überhaupt nicht nach Waffelgebäck mit Schokolade, eher nach einer neuen, trendigen Automarke, ein bisschen wie der „Phaeton“ von VW, den es schon nicht mehr gibt, weil er ein teurer Ladenhüter war. Oder wie der ungenießbare Elektronikkonzern Infineon. Ich esse übrigens keine Chips aus Silizium, wenn, dann hin und wieder Kartoffelchips. Die heißen zum Glück nicht Infineon.

Hurra, ein unbelasteter" Name wurde gefunden

Bahlsen hat sein Traditionsgebäck umbenannt, nachdem sich ein paar Verrückte irgendwo im Internet über den Namen beschwert hatten. Rassismus pur, befanden sie und drohten, Bahlsen an den Pranger zu stellen. Dabei hatten die Schöpfer des Waffel-Namens vor über sechzig Jahren laut Bahlsen-Verlautbarung gar nicht an irgendwelche Buschbewohner gedacht, was damals noch niemanden störte, sondern wollten damit auf das Herkunftsland des Kakaos hinweisen. Heute werde das offenbar nicht mehr wahrgenommen, hieß es. Glauben die Leute, dass Kakao infolge Klimawandels nun auf Island wächst?

Doch weil deutsche Manager nichts mehr fürchten, als dem Zeitgeist hinterherzuhinken, haben sie bei Bahlsen nicht lange gefackelt und auf den nächsten inszenierten Shitstorm gewartet, sondern eine Marketing-Agentur damit beauftragt, einen neuen, „unbelasteten“ Namen für Afrika zu suchen. Bestimmt gab es ein paar Dutzend Meetings mit stundenlangen Powerpoint-Präsentationen. Hochrangige, bestbezahlte Manager (hoffentlich auch Managerinnen) diskutierten mit rauchenden Köpfen Dutzende von Vorschlägen. Am Ende kam Perpetum heraus. Das Kunstwort sei, so das Unternehmen, vom lateinischen Adjektiv perpetuus abgeleitet, was so viel heißt wie „beständig, ewig, dauerhaft“.

Welche Beständigkeit soll damit gemeint sein? Die Beständigkeit des Geschmacks und der Rezeptur – Zucker, Weizenmehl, Kakaobutter, Kakaomasse, Magermilchpulver, Molkenerzeugnis (Milch), Butterreinfett, Palmöl, Milchzucker, Emulgator: Lecithine, Vollmilchpulver, Invertzuckersirup, Hühnereigelbpulver, Salz, Aromen, Backtriebmittel: Natriumcarbonate? Die Beständigkeit des Traditionsunternehmens Bahlsen – „Stolz, ein Familienunternehmen zu sein, seit 1889“? Oder die lange Haltbarkeit von Afrika/Perpetum? Die Packungsgröße können sie nicht gemeint haben. Bahlsen hat nämlich im Zuge der Umbenennung und einer flotten Neugestaltung der Verpackung gleich mal kräftig den Inhalt reduziert. Verbraucherschützern zufolge entspricht das einer Preiserhöhung in Höhe von 34 Prozent.

Möge China Bahlsen schlucken

Diese Unverfrorenheit ist für mich schon ein Grund, sämtliche Produkte der Firma Bahlsen im Supermarkt künftig mit dem Einkaufswagen großräumig zu umfahren. Aber noch viel schwerer wiegt für mich die Willfährigkeit der Bahlsen-Eigner und Manager und ihre Angst vor der Meute. Die gleiche Willfährigkeit, die mir auch Produkte der Firma Siemens nachhaltig verleidet hat, seit sich Ex-Siemens-Chef Joe Kaeser der eigentlich Josef Käser heißt, sich vor Annalena Baerbock in den Staub geworfen hat.

Man hätte doch, statt einen jeden Appetit auf schokolierte Waffelblätter erstickenden Kunstnamen auf die Packung zu drucken, darüber nachdenken sollen, ob man nicht auch eine weiße Variante (mit weißer Schokolade) hätte kreieren können, dann wären alle in Afrika auftretenden Hautfarben gleichberechtigt im Sortiment vertreten gewesen. Und beim Biss in die weiße Afrika-Variante hätte der geneigte Konsument sich vorstellen können, einem weißen Rassisten und Kolonialisten den Kopf abzubeißen.

Ich habe übrigens vor Bekanntwerden dieser Posse gar nicht gewusst, dass meine Lieblingswaffeln Afrika heißen. Wenn ich jemanden darum bat, mir doch etwas Gebäck aus dem Supermarkt mitzubringen, sagte ich immer: Bring mir doch bitte die Waffelblätter mit dunkler Schokolade von Bahlsen mit. Ich glaube, dass es vielen Konsumenten genauso ging. Warum also der Zirkus? Aber egal: Es gibt ja diverse Nachahmerprodukte. Sie sind nicht nur wesentlich günstiger, sondern heißen ganz schlicht „Waffelblätter, schokoliert“ oder auch mal Waffelblättchen. Darunter kann man sich etwas vorstellen. Im Zweifelsfall handelt es sich bei der einen oder anderen Handelsmarke ohnehin um genau das gleiche Produkt wie Perpetum aus genau der gleichen Fabrik

Nach dieser Aktion hoffe ich inständig, China möge bei seiner Einkaufstour durch Europa (und Aaafrika!) auch Bahlsen schlucken und alle Kekse nach chinesischen Politikern benennen. „Ohne Gleichen“ würde zu Mao Zedong und Perpetum zu Xi Jinping, dem äußerst beständigen aktuellen Staats- und Parteichef, der die politisch korrekten Kapriolen westlicher Manager gewiss mit einem undurchdringlichen Lächeln quittiert und an der neuen Seidenstraße weiterbaut.

Unter dem Namen Cancel-Cuisine veröffentlicht der Autor eine regelmässige Kolumne auf Achgut.com

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Wolfgang Schlage / 23.06.2021

Bahlsen hat recht. Wenn ich in meiner Verwandtschaft erwähne, dass ich der LKR angehöre, werde ich angesehen, als hätte ich eine übel riechende Krankheit. Ähnliches droht Bahlsen mit einem Keks “Afrika”. Verständlicherweise will Bahlsen dies nicht.

Silvia Orlandi / 23.06.2021

wir haben die Zwangsarbeiter immer gut behandelt…. Nein, ich kaufe keine Bahlsen Produkte. Die Urenkel sind nicht verantwortlich für die Vergangenheit, aber sie sind verantwortlich für ihr blödes, geschichtsvergessenes Geschwätz.

Volker Seitz / 23.06.2021

Nachtrag zu meinem ersten Kommentar: Onuegbu erläuterte, was für ihn Rassismus ist und berichtete daraufhin von einer skurrilen Situation in seinem Lokal, in der sich zwei Gäste bei ihm wegen des Restaurant-Namens beschwerten. Ein schwarzer Mann und seine weiße Frau bestanden darauf, den Chef zu sprechen. Als sich Onuegbu vorstellte, glaubten sie ihm nicht und verlangten abermals nach dem Boss. (Er sagte dies in der Talkshow „Hart aber Fair“ am 5.10.2020)

Rolf Mainz / 23.06.2021

Die Grossindustrie (samt Handel, Politik und Medien) hängt ihr Fähnchen stets in den Wind. Im Dritten Reich gab es - allen Ernstes - Rauchwaren der Marke “Antisemit”, heute haben sich die Vorzeichen lediglich umgekehrt, das Prinzip ist jedoch genau dasselbe. Und die Deutschen sind stets an der Spitze solcher “Bewegungen” anzutreffen - getreu der Devise “ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode”...

Volker Seitz / 23.06.2021

In Bonn (Kaufhof und Rewe) werden die Restbestände von AFRIKA mit nicht reduzierten Inhalt noch verkauft. Ich habe gleich mehrere Packungen zum Verschenken an afrikanische Freunde erworben. (Sie haben mit dem Namen selbstverständlich kein Problem). Natürlich werde ich künftig Produkte einer so willfährigen Firma wie Bahlsen meiden. Der Gastronom Andrew Onuegbu (der aus Nigeria/Biafra stammt) erzählt eine entlarvende und witzige Geschichte. Herr Onuegbu hat 2005 in Kiel sein Restaurant „Zum Mohrenkopf“ genannt, weil der Begriff „Mohrenkopf“ im Mittelalter positiv konnotiert gewesen sei und als Auszeichnung für gute Küche galt. Das ist ein gezielter Verstoß gegen die political correctness als Marketing-Idee. Im Gegensatz zu einem weißen Geschäftsinhaber kann man ihm keinen Rassismus vorwerfen. Er wehrt sich dagegen, dass die Weißen den Schwarzen vorschreiben möchten, wann diese sich betroffen zu fühlen haben. „Wir brauchen keine Weißen, die uns erzählen, wer uns kränkt.“ Er verkörpert unverfälscht das Naturell vieler mir bekannter Afrikaner. Der witzige Unternehmer hat gesundes Selbstvertrauen und nimmt von deutschen empörten Menschen keine Ratschläge zum Thema Rassismus an. BAHLSEN sollte eher auf ihn hören als auf eine Minderheit von Jakobinern. Die Kampagne macht nicht bei Keksen halt. Ihr liegt ein langfristiger, mit maoistischen Taktiken geführter Kampf zugrunde. Josef Käser wird es gefallen.

Wolfgang Schmidt / 23.06.2021

Perpetum („beständig, ewig, dauerhaft“) ist ein subversiver Hinweis auf das Geschäftsmodell der auslösenden (N)GO. Also vielleicht hat sich zumindest einer Manager bei der Nameswahl ganz böse amüsiert. Aber selbst wenn - Bahlsen ist damit ebenfalls auf meiner persönlichen cancel list gelandet. Ich unterstütze dieses Geschäftsmodell nämlich auch nicht.

Axel Gojowy / 23.06.2021

Nachdem nun Afrika umbenannt wurde habe ich als braver Mitmacher meinen bisher gehüteten Schulatlas weggeschmissen.  Unsicher bin ich, ob die N….r jetzt Perpetianer genannt werden müssen - wer kann helfen

Ricardo Sanchis / 23.06.2021

Früher hätte man die Idioten einfach ausgelacht. Heute aber sieht es so aus: Eine kleine radikale ( und hirntote ) Minderheit bestimmt über die Mehrheitsgesellschaft, flankiert und im wesentlichen gestützt von einer nahezu gleichgeschalteten Presse und den zwangsfinanzierten Rundfunk. Wenn wir unsere freiheitlich demokratische Grundordnung wieder herstellen wollen, müssen wir in Erster Linie beim Rundfunk anfangen!!!!

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