Bilder mit Eisbär

Um die Attraktivität zu erhöhen, steckte er einen hitzebeständigen Angestellten in ein schneeweißes Eisbärenkostüm und schickte ihn zusammen mit einem Fotografen vor den Eingang. Den Hype ausgelöst hatte der Berliner Zoo in den 1920er Jahren.

Der kleine Junge erschrak zu Tode. Ein zotteliger Eisbär von zwei Meter Länge hatte seine riesigen Pranken auf seine Schultern gelegt. Er schrie, doch seine Eltern lachten ihn aus. Sie befahlen ihrem Sohn, endlich stillzuhalten, damit der Fotograf an der Strandpromenade Ostseebad ein unverwackeltes Bild schießen konnte. 

Heute findet man ab und zu auf Flohmärkten vereinzelt Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen Touristen mit einem Eisbären posieren. Die Unbekannten im Eisbärenkostüm sitzen auf Motorrädern, posieren mit US-Soldaten, schieben Kinderwagen, stehen stramm neben Geschäftsleuten in feinem Tuch oder herzen Frauen in Badeanzügen in einer zweideutig frivolen Art, die heute eine hysterische Bärenjagd auslösen würde. 

Den Hype ausgelöst hatte der Berliner Zoo in den 1920er Jahren. Um die Attraktivität zu erhöhen, steckte er einen hitzebeständigen Angestellten in ein schneeweißes Eisbärenkostüm und schickte ihn zusammen mit einem Fotografen vor den Eingang. Heute kann man in den Niederlassungen von Madame Tussauds in London, New York oder Shanghai mit Albert Einstein, Queen Elisabeth oder Dwayne Johnson posieren. Damals waren solche Erinnerungsfotos so außergewöhnlich, dass daraus ein Geschäft wurde. Eingespielte Duos traten an Jahrmärkten auf und sicherten sich damit ein gutes Einkommen. Ein Fotoshooting kostete mehr, als ein Arbeiter in der Stunde verdiente. 

Nie das Ende von allem

Ende der Sechziger Jahre besaßen immer mehr Menschen einen eigenen Fotoapparat, Kameras aus Fernost eroberten den Massenmarkt, das Schwitzen im Eisbärenkostüm hatte ein Ende. Die Fotografen suchten sich neue Sujets, denn „auf toten Pferden kann man nicht reiten“. Wer die Weisheit der Dakota-Indianer nicht beherzigte, den bestrafte das Leben. Kostümierte Maskottchen wurden im Fußball, in Disneyparks und vor Fast-Food-Ketten gebräuchlich, aber die Zeit der Eisbären war endgültig vorbei. 

Der technische Fortschritt beendet sowohl die kleinen als auch die großen Hypes, die der Zeitgeist ausscheidet. Er lässt Branchen sterben und neue entstehen. Das Ende von etwas ist nie das Ende von allem. Die Eisbären sind verschwunden, der Drang nach dem „besonderen Foto“ ist geblieben. Im Selfiezeitalter ist jeder sein eigener Eisbär.

 

Claude Cueni (66) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK, wo dieser Beitrag zuerst erschien. Zuletzt erschienen bei Nagel & Kimche die Romane „Genesis – Pandemie aus dem Eis“ und „Hotel California“.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Leserpost

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Stanley Milgram / 29.03.2022

Am Wochenende wirds kalt. Und ich hoffe, dass die Doitschen frieren werden, um erkennen zu können, welchen Wahnsinn sie gewählt haben. Ich friere gerne für die Erkenntnis der eigenen Dummheit…

Karla Kuhn / 29.03.2022

Den “hitzebeständigen Angestellten” wird mit Sicherheit der “KLIMAWANDEL”  große Freude bereiten.  Allerdings sollte die ROTE Regierung lieber die “KÄLTEBESTÄNDIGEN UNTERTANEN” suchen, denen kann dann auf Dauer die Heizung gesperrt werden. Aber vielleicht mutieren die “Hitzebeständigen” in paar Hundert Jahren zu den “Kältebeständigen?” A. Ostrovsky,  “Oder gibt es da Merkmale, die man aus dem Stammbaum ablesen kann?” Wahrscheinlich aber vorher muß das im CORONA IMPFZERTIFIKAT festgehalten werden. “G-G-H”

A. Ostrovsky / 29.03.2022

“... steckte er einen hitzebeständigen Angestellten in ein schneeweißes Eisbärenkostüm ...” Wie wird den heute grundrechtskonform die Hitzebeständigkeit von Mitarbeitern ermittelt? Doch nicht etwa so, wie heute die Resilienz gegenüber Spike-Proteinen? Man müsste ja jeden Mitarbeiter in ein Eisbärenkostüm stecken, um daraus zu ermitteln, wer der Hitzebeständigste ist. Oder gibt es da Merkmale, die man aus derm Stammbaum ablesen kann? Heute würde man eine KI an das Data Warehouse anschließen und die Hitze nur simulieren, aber das ging doch damals noch gar nicht.

Hans Reinhardt / 29.03.2022

Schade, dass man hier keine Bilder posten kann; ich habe noch ein Foto meiner Eltern wie sie mit einem Eisbär posieren. Als Kind fand ich dieses Foto unglaublich spannend. Solche Fotos sind aber noch in einem weiteren Sinn wichtige Zeitzeugnisse, mein Vater (Schreinermeister) trug einen zweireihigen Anzug, ein weißes Hemd und eine Kravatte, meine Mutter (Hausfrau) ein schickes Kostüm. Anständig angezogene Leute in der Öffentlichkeit sind fast so selten geworden wie Männer im Eisbärenkostüm.

Ludwig Luhmann / 29.03.2022

“Das Ende von etwas ist nie das Ende von allem.” - Auf die Berliner 1920er Jahre folgten die Berliner 1930er Jahre, die viel Neues brachten. Auch die 1940er Berliner Jahre brachten tatsächlich sehr viel Neues. Vielleicht bringen die 2020er Jahre für manche das langersehnte “Ende von allem”? Irgendwo in Russland sitzt ein Bär, der die Schnauze von seiner Psychosuppe im Hirn voll hat. Der will vielleicht nicht alleine in die Hölle fahren? Ein allerletztes besonderes überbelichtetes Photo vielleicht?

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