Heute ringt jeder um Aufmerksamkeit, will ein Star sein wie damals im Hotel Mama, als Quengeleien vor den Schokoriegeln an der Ladenkasse zum Erfolg führten. Keiner will Publikum sein. Mit der Selfie-Kultur wurde die Zellteilung der Ich-Gesellschaft noch beschleunigt.
Die Straßen waren leergefegt, Theater, Kinos und Universitäten geschlossen, gebannt starrten im Januar 1962 knapp 90 Prozent der deutschsprachigen Fernsehzuschauer in ihre klobigen Röhrengeräte. War der Papst zum Islam konvertiert? Waren Außerirdische in St. Moritz gelandet? Nein, gesendet wurde der Krimi-Sechsteiler „Das Halstuch“ von Francis Durbridge.
Da der Fernseher noch kein Massenmedium war, traf man sich bei Nachbarn, Freunden oder Verwandten zum geselligen Mörderraten. Schwarz-weiß waren nicht nur die bewegten Bilder, sondern auch die Ansichten. Man war entweder männlich oder weiblich, katholisch oder protestantisch, Cervelat-Fan oder Steak-Fan.
Heute ist man entweder Fleischesser, Flexitarier, Pescetarier, Vegetarier, Veganer oder Frutarier. Man ist nicht mehr entweder männlich oder weiblich, sondern polysexuell, demisexuell, asexuell, ambisexuell oder autosexuell. Hauptsache anders.
Demonstriert man gegen das Klima, will man nicht Fußsoldat in der Fridays-for-Future-Bewegung sein, sondern gründet eine neue Gruppe mit neuem Namen und klebt an anderen Schauplätzen. Betreibt einer im Museum „Foodwaste“ mit Tomatensuppe, benutzt der Nächste Kartoffelbrei. Hauptsache unverwechselbar und medientauglich. Das sei für eine erfolgreiche „Jagd nach dem nächsten Selfie“ hilfreich, schreibt der ehemalige FFF-Aktivist Clemens Traub. 15 Minuten Ruhm.
Jede radikale Gruppe schärft ihre Konturen, indem sie sich gegen andere abgrenzt und diese anfeindet. Mit dem Untergang der Landeskirchen und des linearen Fernsehens ist gemeinsames Erleben kaum noch möglich. Jeder ist sein eigener Programmdirektor, sein eigener Verleger, und alles, was er anfasst, kann personalisiert werden, von der Kaffeetasse bis zur Fototapete.
Alles soll einmalig sein wie das Individuum selbst. Jeder ringt um Aufmerksamkeit, will ein Star sein wie damals im Hotel Mama, als Quengeleien vor den Schokoriegeln an der Ladenkasse zum Erfolg führten. Keiner will Publikum sein. Mit der Selfie-Kultur wurde die Zellteilung der Ich-Gesellschaft noch beschleunigt.
Trotzdem wollen wir Teil von etwas Größerem sein, aber innerhalb dieser Gruppe unverwechselbar. Sei es auch nur durch ein Tattoo.
Claude Cueni (66) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK, wo dieser Beitrag zuerst erschien. Sein neuester Roman heißt „Dirty Talking“, davor erschienen bei Nagel & Kimche die Romane „Genesis – Pandemie aus dem Eis“ und „Hotel California“.
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@Ludwig Luhmann/„Statt des kindgerechten Wortes “Tattoo„ ziehe ich das kantige und vielgesichtige deutsche Wort “Tätowierung„ vor.“---Danke, sehr scharfsinnig. Werde ich ab sofort auch so handhaben.
Jeder muß selbst herausfinden , wie er
sein politisches „ Sumpffieber “ abschüttelt , ab einem gewissen Alter . Oder auch nicht . Was mir dann völlig wurscht ist . – „ Ich mache keine Regeln für die anderen . “ ( H.M. Enzensberger 1929 – 2022 )
Eben, bei der Post: Eine junge Frau, so um die 18, hält dem Inhaber einen Pullover hin und sagt: „Den möchte ich zurückgeben, der passt nicht.“ Ja, so ist sie, die Jugend von heute… kann grad so bei Amazon bestellen, aber dann versagt auch schon die eine Gehirnzelle… Einzeller halt.
Meine Lieblings-Lügnerin auf Instagram ist eine nach Frankreich ausgewanderte drittklassige TV-Nudel von RTL 2 , die ihrer Fangemeinde das Landleben in einem hässlichen Kaff im Hinterland von Narbonne schmackhaft macht. Sie lebt ihre eigene Seifenoper, hat aber eine beachtliche Anzahl an Followern, die ihr zur Seite stehen, wenn sie nicht weiß, ob sie das Wohnzimmer grün, gelb oder pink malen soll, und die ihrem Star zur Aufmunterung 1000 Küsschen und Klatschhändchen schicken. Das wahre Leben kommt nie vor, sie macht gar ihren Fans schamlos die Nase lang („ich wohne am Meer“, was gar nicht stimmt) und alle hüpfen begeistert und küssen sie mit vielen Herzchen: „Jelena, Du lebst unseren Traum“. Nicht Kommunikation, sondern Neurosen sind das Erfolgsgeheimnis von Social Media.
Mittelmäßige menschliche Massenprodukte, sendungsbewusste Missionare der Mittelmäßigkeit, mit dem Ego von Stars & Sternchen.
Und die Autoren gieren nach Lesern … .
p.s.: Dazu passend werde ich mir gleich mal den Mann auf die Boxen legen, der wegen seiner Gesundheit von Whiskey auf Wodka umgestiegen ist: Lemmy Kilmister (r.i.p.) von Motörhead mit dem Titel „Heroes“ (just for one day)… Original von David Bowie, Kult-Song aus „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“