Wolfgang Röhl / 08.06.2019 / 06:13 / 45 / Seite ausdrucken

Besuchen Sie Europa, solange es noch geht!

Frühsommers, wenn wir mindestens mental auf gepackten Koffern sitzen, vollzieht sich ein erstaunlicher Wandel. Nicht länger plagt uns der Gewissenswurm ob der tausende von Kilometern, die wir mit der treuen Dieselkutsche auf der Fahrt gen Nordkapp oder an die Algarve abreißen werden. Wir halten das Smartphone mit dem Mobile Boarding Pass, der uns den Zugang zum Flieger nach San Francisco öffnet, ohne Wimperzucken ans Lesegerät. Und das Klimagequengel des Nachwuchses verstummt ruckartig, sobald wir die Zauberformel sprechen: „Wer hier noch einmal Fridays for Future sagt, bleibt zuhause bei Oma und Opa.“

Alles wird ganz wunderbar, wie in Cliff Richards Urlaubshit „Summer Holiday“ aus fernen, unschuldigen Tagen. Oder, um mit Wilhelm Busch zu sprechen: Froh schlägt das Herz im Reisekittel / vorausgesetzt man hat die Mittel.

Da wird es Zeit für ein alternatives Ständchen aus dem Fahrtenbuch eines Grantelhubers:

Der abendländische Tourismus ist eine der großen nihilistischen Bewegungen, eine der großen westlichen Seuchen, die an bösartiger Wirksamkeit kaum hinter den Epidemien der Mitte und des Ostens zurückbleiben, sie aber an lautloser Heimtücke übertreffen. Die Schwärme dieser Riesenbakterien, Reisende genannt, überziehen die verschiedensten Substanzen mit dem gleichförmig schillernden Thomas-Cook-Schleim, so dass man schließlich zwischen Kairo und Honolulu, zwischen Taormina und Colombo nicht mehr recht unterscheiden kann.

Starker Tobak, nicht wahr. Nachschlag gefällig?

Man muss begreifen, daß das Venedig der sight-seeing-Hennen in die Kategorie der Plunderhaufen Interlaken und Montreux gehört, im Vergleich zu denen Bochum und Nottingham nicht nur solide, sondern geradezu schön erscheinen.

Von wem wohl stammt diese mitreißende Tirade? Hat Michael Klonovsky sie verfasst, in einem kulturpessimistischen Anfall nach etwas zu viel vom fabelhaften Monprivato-Barolo? Schwillt da ein neuer Bocksgesang aus dem Hause Botho Strauß? Haben wir es mit dem frühen Hans Magnus Enzensberger zu tun, Autor des funkelnden Essays „Eine Theorie des Tourismus“ von anno 1958?

Dreimal falsch geraten. Der Tourismusgeißler hörte auf den Namen Gerhard Nebel, ein heute fast vergessener Schriftsteller und Kulturkritiker vom Jahrgang 1903. Der erzkonservative Mensch und Schulmeister brachte seine opulenten Reiseerfahrungen in zahlreiche Betrachtungen ein. Literarischer Ruhm erwuchs ihm einzig wegen eines Briefwechsels mit Ernst Jünger, von Jünger-Adepten hoch gelobt. 

Die Deutschen waren Pioniere bei der Massenmobilmachung

Nebels Urteil über das Toxische des Tourismus stammt aus dem Jahre 1950. Aus einer Ära also, da von einer Epidemie namens Massentourismus noch nicht die Rede sein konnte. Die brach in Deutschland erst aus, als sich in den 1960ern die Massen motorisierten, das Fliegen billiger wurde und die Versandhäuser Neckermann und Quelle Mallorca zur sogenannten Putzfraueninsel demokratisierten. 

Die Deutschen waren Pioniere bei der Massenmobilmachung der Nachkriegszeit. Die Briten, Erfinder der Pauschalreise, und die chronisch untersonnten Skandinavier folgten erst Jahre später. Nationen wie Italien, Frankreich oder Spanien brauchten noch viel länger, bis sie Gefallen an Touren ins Ausland fanden. Absurd daher die Vorstellung Nebels, bereits fünf Jahre nach Kriegsende sei Europa, seien gar ferne, exotische Regionen vom Tourismus erdrückt worden.

Der Groll darüber, dass sich neben dem Adel („Grand Tour“) und einer wohlhabenden Elite von Bildungsbürgern noch ein paar andere Leute auf der Akropolis oder an den Pyramiden von Gizeh herumzutreiben erfrechten, ist ziemlich alt. Schon 1903 klagte der touristisch sehr aktive Engländer I.A. Shand in einer nostalgischen Abhandlung mit dem Titel „Reisen in der guten alten Zeit“ über den „billigen Reisepöbel“ und die „ungemütliche Masse“, die sich allerorten eingenistet hätten. 

Seine und Nebels Jeremiaden entlarvte Enzensberger als reaktionäre Metaphysik, gespeist aus Ressentiments über den Verlust des Reiseprivilegs. Dass auch Enzensbergers eigene Tourismusschelte im Kern linkselitär und hochgradig verstiegen war – Urlaub als Linsengericht der Herrschenden für die unwissenden Geknechteten, lautete die These –, das steht auf einem anderen Blatt. Wenigstens las sich sein Text großartig, und das tut er noch heute.

Die Welle der Klagen von Touristen über den Tourismus verebbte nicht. Nach dem vorläufigen Untergang der DDR waren es die nach Spanien strebenden Ossis, von denen sich dort schon länger urlaubende Wessis belästigt fanden – so hatten sie sich die Wiedervereinigung denn doch nicht vorgestellt. Und als auch noch Völkerschaften aus der ehemaligen Sowjetunion begannen, bis dato hauptsächlich Westlern vorbehaltene Ferienzentren in Ägypten und der Türkei teilzubelegen, brutal das Buffet zu plündern und trunken durch die Lobby zu torkeln, war Schluss mit lustig. 

Gehörige Empörung seitens russischer Medien

Eine erkennbar satirisch angespitzte Titelgeschichte des „Stern“ aus meiner Tastatur („Die Russen kommen!“) fand reichlich Resonanz, allerdings auch gehörige Empörung seitens russischer Medien. Am Ende verbuchte das Heft die meistverkaufte Auflage des Jahres. Längst hat sich die Russophobie abgekühlt, wohl auch mangels exorbitanter Russen-Reiseströme. Jetzt gibt es andere Befürchtungen, die möglicherweise realistischer sind. Davon später.

Die Komödie „Touristenmassen jammern über den Massentourismus“ hat Tradition. Schon der bodenständige Theodor Fontane (1819 – 1898) staunte: „Alle Welt reist! So gewiß in alten Tagen eine Wetter-Unterhaltung war, so gewiß ist jetzt eine Reise-Unterhaltung. ‚Wo waren Sie in diesem Sommer?’ heißt es von Oktober bis Weihnachten, ‚wohin werden Sie sich nächsten Sommer wenden?’ heißt es von Weihnachten bis Ostern.“ 

Heute dreht die Touri-Konversation sich vornehmlich um Plätze, wo sich angeblich „keine“ oder nur „ganz wenige“ Touris aufhalten. Geheimtipps heiß begehrt! Im Ernst, Reisemagazine verkaufen sich noch immer ganz gut, wenn sie zum hundertsten Mal etwa Das andere Mallorca annoncieren. Doch findet man dieses höchstens in den staubigen Industrievierteln um die Hauptstadt Palma, wo prekäre und kriminelle Szenen nisten. Da kann man gleich in Duisburg Ruhrort bleiben. What you see is what you get, das gilt auch für den Tourismus.

Nach Mallorca kam ich erstmals für eine „Konkret“-Reportage über organisierten Jugendtourismus. In dem Stück ging es hauptsächlich ums Vögeln. Man schrieb das Aufbruchsjahr 1968. Wie die in ihren Hotels halbherzig bewachten Jugendlichen es schafften, des Nachts nach etlichen Lumumba-Cocktails ihr dringlichstes Urlaubsziel zu erreichen, recherchierten mein damaliger Kollege Stefan Aust und ich gewissenhaft.

Danach war ich immer wieder auf der Insel, beruflich und urlaubshalber. Hier konnte man den großen Marsch zum „Strand des kleines Urlaubsglücks“ (Enzensberger) in der Nussschale besichtigen, im Guten wie im Schlechten. 

Irgendwie schien sich Mallorca immer auszupendeln

Nachdem das Franco-Regime ab 1950 den Tourismus aus Devisennot angekurbelt hatte, wurde Mallorca peu à peu fast vollständig abhängig von dieser Einnahmequelle, stieg zugleich zur reichsten Region Spaniens auf. Arbeitsplätze und Landschaftsfraß, billiger Sauftourismus und kostspielige Umweltschutzmaßnahmen, Reichengettos und Bettenburgen, Verprollung und Modernisierung, steigende Kriminalität und kulturelle Aufrüstung – die größte der Balearen hat das ganze Programm durchlaufen. 

Ein „Albtraum“, zu dem der „Spiegel“ sie 1973 samt des ganzen, ihm herzlich widerwärtigen Massentourismus ernannte, wurde sie nie. Weder für die Reisenden noch für die Bereisten. Trotz unfassbarer Zahlen: 1950 empfingen alle Baleareninseln zusammen 100.000 Besucher, ganz überwiegend Festlandsspanier. 2018 kamen allein 13,8 Millionen Ausländer, ein Drittel davon Deutsche. Die meisten landeten auf Mallorcas Flughafen Son Sant Joan, Airport-Kürzel PMI. Ich kenne niemanden, der nicht schon irgendwann einen Aufkleber mit diesem Code am Gepäck hatte.

Mallorca war für mich lange ein Beweis, dass es so etwas wie Overtourism eigentlich nicht geben kann. Gelegentlich erfuhr der Mallorca-Boom ja einen kräftigen Dämpfer. Sei es, weil die Flugpreise stiegen, sei es, weil die Hoteliers und Gastronomen zu raffgierig wurden. Oder, weil günstige Destinationen wie die Türkei der Insel reichlich Touristengut wegnahmen. Irgendwie schien sich Mallorca immer auszupendeln.

Mittlerweile jedoch ist der Übertourismus da, keine Frage. Nicht so sehr auf Mallorca, aber in zahlreichen attraktiven Städten des Kontinents. Venedig ist die Mutter des Phänomens. Dass „alle Welt reist“, und zwar am liebsten nach Venedig, ist für die miserabel verwaltete Lagunenstadt schon seit Jahrzehnten ein Riesenproblem. Immer weniger Einheimische können sich das teuerste Pflaster Italiens als Wohnort leisten, darin den verbliebenen Indigenen der Insel Sylt ähnlich. 

Ein Eintrittsgeld soll Müll und Hektik mindern, die bei 30 Millionen Besuchern im Jahr entstehen. Was mittels sechs Euro (ab 2020) selbstredend unmöglich ist. Und die hochhausgroßen Kreuzfahrtdampfer, die Venedigs legendäre Durchblicke optisch verschandeln, lassen sich mit Peanutgebühren ohnehin nicht vergrämen.

Alle Welt geschlossen an die Spree!

Armes altes Europa! Die Liste der überlaufenen Plätze ist schon jetzt ellenlang. Prag ist längst ein tatsächlicher Albtraum aus amorphen Gaffermassen, Dubrovnik nicht minder. Nach Amsterdam, nie wirklich unterbesucht, sollte heutzutage nur mehr fahren, wer sich auf Open Air-Festivals der Roskilde-Klasse wohlfühlt. 

Hallstatt im Salzkammergut, da schlurfen jetzt eine Million Besucher pro Jahr durchs 779-Seelen-Örtchen. Nicht wenige mieten sich ein Dirndl-to-go für Selfies, welche umgehend nach Mumbai oder Tokio gebeamt werden. Verrichten auf den Klos der Privatwohnungen, wenn die offenstehen, schon mal ihre Notdurft. Manche Besucher halten Hallstatt für ein Disneyland.

Von London, Paris, Madrid, Wien oder Salzburg ist zu schweigen. Und die Warteschlangen vor dem Eingang zum Schloss Neuschwanstein erwecken den Eindruck, als streike mal wieder das Sicherheitspersonal am Frankfurter Flughafen.

(Persönliche Anmerkung: Einige Tourismusbeobachter beziehen sogar Berlin in die gefährdete Riege der Überbesuchten ein. Kann ich in keiner Hinsicht nachvollziehen. Weder, dass es so viele Gäste in das Versifftenparadies zieht. Noch, dass die nichtsnutzigste Veranstaltung der Republik schützenswert sein soll. Baut endlich BER fertig! Alle Welt geschlossen an die Spree! Haut auf diese Stadt!)

Dass niemand Touristen mag, auch nicht die Touristen selber, hat meine ehemalige Kollegin Meike Winnemuth in „Geo Saison“ sehr hübsch dargelegt. Sie steigt in ihrem Artikel szenisch ein mit dem Besuch einer berühmten Markthalle, die an der Flaniermeile La Rambla liegt. Zur Hälfte, wenn das denn reicht, ist La Boqueria mittlerweile ein Tummelplatz von Touris. Die dort selten Lebensmittel einkaufen, umso mehr drängeln, glotzen, knipsen, den Betrieb aufhalten. Viele Barceloner meiden die Halle mittlerweile.

Stimmt, es ist grauenhaft geworden

Damit die Marktbeschicker auf ihre Kosten kommen, verfüttern sie mindertolle Tapas an die ungebetenen Gäste, was zumindest ein bisschen Mehrwert generiert. Ich war nach langer Pause wieder in der Boqueria. Stimmt, es ist grauenhaft geworden. Dort und an anderen Ecken der schönen Stadt. Barcelona ist die Bestätigung von Enzensberger Diktum: „Der Tourist zerstört das, was er sucht, indem er es findet.“

Noch deprimierender ein Besuch in Antoni Gaudís Lebensprojekt, die innen fertiggestellte Basilika Sagrada Família, Weltkulturerbe. Nebensaison, doch die wunderbare Kirche war schon voller Smartphone-Hochhalter. Mierda. Auch ein derart genial konstruiertes, lichtdurchflutetes Gewölbe kann dumpfsinnig stimmen, schleust man nur alle halbe Stunde hunderte von Stumpfsinnigen hindurch.

Woher es kommt, dieses Überrennen der schönsten Städte und Stätten? Woran es liegt, dass man nun fast geneigt ist, einem ranzigen alten Tourihasser wie Gerhard  Nebel („gleichförmig schillernder Thomas-Cook-Schleim“) recht zu geben?

Gewiss, man könnte sich länglich abarbeiten an vielen Faktoren, die das besinnungslose Herumreisen noch der Jüngsten und Ahnungsfreisten ermöglichen. Supersparpreise, dank Ryanair, Easyjet, Flixbus & Co. Mit dem nervtötend klackernden Rollenkoffer irgendwo absteigen, wo das Zimmer lachhaft wenig kostet, thanks to airbnb and hostelworld. Ramschreisen sind das, die alles zu Ramsch degradieren. Weil nämlich das, was wenig kostet, in den Augen des Verbrauchers auch nicht viel taugt. So ticken Leute. Ausnahmen von der Regel mögen mir verzeihen.

Da ist aber noch ein Punkt, den die erwähnte Journalistin in ihrem Aufsatz leichtfüßig überspringt (ein Reisemagazin darf nie den leisesten Verdacht des Rassismus nähren): Overtourism ist die notwenige Konsequenz von Globalisierung. Was nämlich den Markusplatz verstopft, die Champs Élysées blockiert, den Verkehr an der Prinsengracht kollabieren lässt, das sind immer öfter Kolonnen aus Fernost. Chinesen, Inder, Koreaner, Japaner und abermals Chinesen. 

Sie haben keine Merkel, keine Grünen. Ihnen gehört die Zukunft

Die reisen, und wie! Wer mal in der Gepäckankunft des Tacoma-Flughafens von Seattle einige Zeit verbringen musste, hat bemerkt: Selbst in diese junge Stadt – keine weltberühmten Bauten, selfiemäßig eher unergiebig – drängt der Orient, als gäbe es was umsonst.

Das wird sich nicht ändern, im Gegenteil. Die Gesetze der Demografie, der Ökonomie und der Physik sind auf Seiten der Asiaten. Sie sind zahlreich, sie haben Geld. Sie haben keine Merkel, keine Grünen. Ihnen gehört die Zukunft. Ob in Bangkok oder Hallstatt, der alte weiße Reisende, sei er männlich, weiblich oder divers, stellt dort schon jetzt die Minderheit. Die nächste Reisewelle, das liegt in der Natur des Fremdenverkehrs, wird Plätze in der zweiten, dritten und vierten Reihe treffen. 

Man klappere also besser rasch ein paar Destinationen ab, bevor es auch da eng wird. Zum Beispiel (Vorschläge nach privatem Gusto) Weimar, Visby, Brügge oder Ypern. Carcasonne, Riga, Ålesund, Bergen, Trondheim, Girona, Bamberg. Edinburgh, Palermo, Caen, Oxford, Salamanca, Cáceres, Palma de Mallorca, Santa Cruz de Tenerife. Bordeaux, Lübeck, Krakau, Uppsala, Rauma, Reykjavík. Thessaloniki, Pula, Máhon, Stavanger, Svendborg, Cork, Ribe, Stade. Valencia, Ljubljana, Bozen, Porto, Split.

Oder Zaragoza? Am Ebro steht die mächtige Basílica del Pilar. Atheisten fallen hier vom Unglauben ab. Und kaum ein Schwein wagt es, in ihren ehrwürdigen Hallen Selfies zu knipsen. Schöne Ferien! 

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Fritz Fuchs / 08.06.2019

Ich hatte Anfang Februar versucht, für Anfang Mai in Lemberg ein Hotelzimmer in Nähe des Stadtzentrums für vier Übernachtungen zu bekommen, es gelang mir nicht. Der Grund, auf den ich erst am Ort stieß: polnischer Heimwehtourismus; wegen des Nationalfeiertags (3. Mai, dieses Jahr am Freitag), waren wahre Menschenmassen, die das verlängerte Wochenende nutzten, in der Stadt unterwegs. Zum alten Lützenhofer Friedhof vom Ende des 18. Jh. wurden die Besucher aus Polen gleich busladungsweise gekarrt, die teils nur neugierig waren, anzutreffen waren aber auch ein paar Deutsche, die (wie meine Frau und ich) Gräber der Familie aufsuchten. Ganz Lemberg strahlt - wie auch das am Grenzfluss San gelegene Przemysl - den von Joseph Roth beschriebenen morbiden Charme des alten Österreich aus, obwohl die Ukrainer, von einigen Fiakern und dem “Wiener Kaffeehaus” abgesehen, alle Spuren der k.u.k. Vergangenheit und der polnisch-jüdisch-deutschen Kultur getilgt haben (der Alte Judenfriedhof aus dem 16. Jh. am jüdischen Krankenhaus wurde noch 1947 völlig verwüstet, nachdem kleinere andere bereits im Kriege geschändet worden waren. Den polnischen Soldatenfriedhof aus den Kämpfen nach WK1 gegen Ruthenen und Russen hatten die Sowjets mit Panzern plattgewalzt, er wurde inzwischen wiederhergerichtet - zum Verfassungstag waren alle Grabkreuze mit der weißroten Banderole umwunden und zeigten vielfach kleine polnische Fähnchen. Lemberg in Galizien, Przemysl und Krakau in Kleinpolen - wunderschöne Städte mit unglaublich vielen Baudenkmälern - sind, wenn man sich mindestens eine Woche für alle drei Zeit nehmen kann, auf jeden Fall eine Reise wert; ich habe noch nirgendwo so viele hilfsbereite, nette, freundliche Leute angetroffen wie in Lemberg, wo Straßenbahnen und Busse keinen Fahrplan kennen: Der Straßenverkehr ist dermaßen chaotisch, dass ein Fahrplan gar nicht einzuhalten wäre. Der Verzicht darauf ist also nur vernünftig. Wizzair fliegt Lemberg an; zurück ging es etappenweise per Zug.

Frances Johnson / 08.06.2019

Es ist tatsächlich so, dass man Gebäude und Ausstellungsstücke inzwischen im Internet besser betrachten kann. Ansonsten empfiehlt sich eine ausgedehnte Frühmorgenrunde, dann Hotelzimmer, die nächste Runde erst, wenn sich der Gewohnheitsesser zum Dinner versammelt, statt Dinner Souper. Die omnipräsenten Knipsgeräte der Japaner und Chinesen nehmen diesen jegliche Möglichkiet, sich später selbst zu erinnern und servieren ihnen Erinnerungsphotos, die mit dem meisten im Netz nicht mithalten können. Man wundert sich. Was Venedig betrifft, muss es sich auch um Misswirtschaft handeln, denn die überfüllten Fähren mit Spitzenpreisen, die mich dort zum notorischen Läufer gemacht haben, müssten an sich die Stadt am Laufen halten. Schlimmer als die Massen dort finde ich die Ramschbuden überall, ganz besonders am Canale di San Marco. Immerhin kriegt man Regencapes dort, sonst aber nur Schrott, alles bedruckt, vom Becher bis zum Shirt. Falls die Chinesen das kaufen und mitnehmen, tragen sie vermutlich Eulen nach Athen. Man sollte das alles mit Humor betrachten, schafft solches aber nicht, weil einen an der drängelnden Masse mit leerem Gesicht vor allem stört, dass man die ganze Zeit an Einsteins Zitat über das Universum denken muss.

armin wacker / 08.06.2019

Ich will auch noch nach Mallorca, wenn die Insel bis dahin noch nicht dem Klimawandel zum Opfer gefallen ist.

Chr. Kühn / 08.06.2019

Ich habe ueber drei Jahre verteilt Deutschland mit dem Rad erfahren (Achtung: doppeldeutiger Wortwitz!) und dabei das ganze Land umrundet. 75% davon vor dem Herbst 2015, habe also mein Heimatland groesstenteils fast noch “unverdorben” gesehen. War am suedlichsten, westlichsten, noerdlichsten, oestlichten, mittigsten und tiefstem Punkt, nur der hoechste fehlt noch (diesen dann zu Fuss). Diese Tour ist mein “happy place”, und wird es angesichts der Zukunft von D-Land wohl fuer immer bleiben. Vivat Germania, pereat Merkel!

Gottfried Meier / 08.06.2019

Wenn wir nicht mehr reisen dürfen wegen dem CO2, haben die Chinesen und die Japsen wenigstens mehr Platz in den ganzen schönen Touri-Orten.

Klaus Renner / 08.06.2019

Lieber Wolfgang Röhl, ich duze dich, weil wir es, Jahrgang 47, schon im Caféd Heyderich oder in der Begu-Bar taten. Wie immer erfreut mich deine sprachliche Virtuosität und dein Wortwitz. Heute allerdings muss ich dir widersprechen, deine satirischen Sticheleien gehen zu weit. Du empfiehlst unsere gemeinsame Heimatstadt Stade tatsächlich als besuchenswerte Destination, das ist doch nicht ernst gemeint. Stade ist touristisch bis zur Unkenntlich heruntergekommen. Der frische, maritime Wind bläst einem 24 Stunden lang ein ach so cooles Moin, Moin ins Ohr, Prinz-Heinrich-Mütze ist Pflicht, das Fischerhemd sowieso, besonders authentisch mit rotem Halstuch. Plattdütsch Amtssprache. Authentisch sein, das ist Stades Anspruch. Aber hinter jeder falschen Fachwerkfassade, spürt man, dass die Stadt dem nicht gerecht wird. Das Stadtmarketing bettelte solange, bis das Innenministerium in Hannover entnervt aufgab und der Stadt 2009 das touristische Zusatzpfund „Hansestadt“ genehmigte, mit der die Stadt nun nach 400 Jahren wuchert. Zur Begründung hieß es, „wegen seines Charakters als Seehafenstadt“. In Hannover ist man geografisch und auch sonst nicht sonderlich auf der Höhe. Innehalten, zur Ruhe kommen, das möchte die Tourismus GmbH dem Besucher nicht zumuten. Höhepunkt, der dem Tiefpunkt gleicht, ist eine Gondelfahrt auf dem mittelalterlichen Burggraben. Der Gondoliere, mit dem schönen venezianischen Namen Uwe Kunze, singt wahrscheinlich “Ick heff mol en Hamburger Veermaster sehn …”. Stand-up-Paddling, Tidenkieker, Shantychor-Festival, Opernball, Hochzeitsmessen, Altstadtlauf, Radler- und Skatertag, Craft Beer & Gourmet-Festival, Wein-Tasting - die Stadt lässt nichts aus. Und gibt damit ihre Idividualität auf und verliert ein unverwechselbares Gesicht. Aber ich bin wohl nur ein alternder, enttäuschter Liebhaber, der seine Geliebte aus Jugendtagen immer mal wieder besucht und nicht einsehen will, dass sie sich so verändert hat, so unecht, so künstlich geworden ist.

Chr. Kühn / 08.06.2019

Grantlhuber…ohne “e” zwischen dem “t” und dem “l”. Wos sandn Sie, Herr Roehl, etwa a Preiss?!

Caroline Neufert / 08.06.2019

Danke, Ihnen auch erholsamen Urlaub ... ich mach es umgekehrt, ich fliege nächste Woche zu Chinesen und Mongolen, um das Social Credit System mir anzuschauen und zwingend Fleisch zu essen :-). Und Saragossa, gut beobachtet, ging mir ähnlich ;-).

Stefan Riedel / 08.06.2019

Kleine Gehässsigkeit. Bamberg! Ich empfehle das Kreiswehrersatzamt (bin ich gemustert worden, gibt es nicht mehr?).  50 km weiter nördlich ist auch nicht schlecht.

Dietrich Herrmann / 08.06.2019

Ich war vorige Woche in Potsdam unterwegs. Kann nur bestätigen, was hier geschrieben wird. Asiatische Massen mit unbeweglichen Gesichtern und leerem Blick begaffen hauptsächlich die Gebäude ohne dabei wirklich etwas zu verstehen. Gott sei Dank interessieren die sich Null für die herrliche Umgebung und Landschaft, sodass bspw. auf Rundfahrtschiffen kein Asiat zu sehen ist. Wird sicher noch lange so bleiben.  Diese Touristenklientel prahlt mit ihren Selfies nur bei Freunden, Bekannten und Verwandten zu Hause, das ist deren Sinn und Zweck des Reisens.—-  Und sehr gut ist, auch noch festzustellen, man sieht sie nicht an den Seestränden und in den Bergen. Das werden hoffentlich noch lange die Refugien der Einheimischen in Sachen Urlaub bleiben.

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