Josef Hueber, Gastautor / 28.10.2017 / 17:33 / Foto: taylor dahlin / 11 / Seite ausdrucken

Außer lesen nix gewesen

Von Josef Hueber.

"Es ist leichter, einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil." (Albert Einstein)

Niemand, der in der Realität des 21. Jahrhunderts angekommen ist, kann das bezweifeln: Wissen verdirbt wie Frischware. Das Haltbarkeitsdatum von angeeignetem "Stoff" ist übermorgen bereits abgelaufen. Wen wundert es da, dass Bildungspolitik galoppiert, weil  sie den Anschluss an frisch geerntete Aktualität nicht verpassen will.

Freilich, mit Büchern, pfundweise, mit bedrucktem Papier zwischen Kartondeckeln  als Transporteur  von permanent schon Überholtem  wird man in der  Hetzjagd nach noch nicht verdorbenem Wissen keine PISA-Siege erringen können. Zum Glück pixelt die Lösung des Problems schon vor der Nase. Traditionelle Bücher sind schwer und schwerfällig, das moderne Buch, das der Lernende mit sich führt, ist leichtgewichtig und stets aktuell. Es ist digital und universal. Platz für ein paar Tausend Bücher in wenigen hundert Gramm Hardware.  

Die Rede ist vom digitalen Lesebuch, auch Tablet, oder in der kleineren Ausgabe, Smartphone genannt. Dessen unverzichtbarer Einsatz in der Schulung von Heranwachsenden scheint unwiderlegbar. Überhaupt: Digitalisierung ist das Buzz-Wort, mit dem sich sogar Sitzplätze im Bundestag zurückerobern lassen, wenn man es als zentrales Anliegen seiner Partei im Wahlkampf instrumentalisiert.  Es verbreitet nämlich den Geruch von Überlegenheit und gelungener Zukunft .  

Nimmt es Wunder, dass Lisa Becker in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung behauptet, es sei höchste Zeit, die Einführung von Smartphones im Schulunterricht voranzutreiben? Die Schule, wo Kinder "ohne Elektronik" lernen, hält sie für eine "romantische Vorstellung" von einer heilen Pädagogik jenseits der  "mächtigen digitalen Revolution", aus der die Erwachsenen schnell in die "Realität" zurückfinden sollten. Garniert mit üblicher Lehrerschelte erfahren wir, dass es dazu auf Lehrerseite natürlich nötig ist, sich "einzulassen" auf diese neue Technik.  Den Schülern im Umgang mit ihr auf "Augenhöhe" zu begegnen.  Denn "Lehrer sind selbst wenig geschult."

Das ist der Pferdefuß. Wird er beseitigt, garantiert die Journalistin  "Medienkompetenz" sowie einen "reflektierten Umgang" mit dem Internet. Der Gebrauch des Internets im Unterricht, so die Autorin, führe die Schüler aus der "passiven Rolle" im Unterricht heraus und fördere "selbständiges und kooperatives Lernen". Wenn's wahr ist! (Offensichtlich hat die Autorin ihre Erfahrungen mit Lehrmethoden an ihrem Schreibtisch gesammelt.)

Doch des Digitalen Kern liegt woanders. Im  Digitalisierungstaumel  ignoriert Wissenschaft nicht selten Wissenschaft, wenn sie ihr nicht in den ideologischen Kram passt. Dies machte die Konferenz zur "Zukunft des Lesens" deutlich, zu der sich die Internationale Buchwissenschaftliche Gesellschaft  in München einfand. Henning Lobin, Sprachwissenschaftler und offensichtlich Verfechter digitaler Ubiquität im Ausbildungswesen, versteht nicht, wie man einen Begriff wie "Tiefenlesen" als Argument gegen Pixel-Texte anführen kann. Er  sieht in diesem Argument bei den Digitalskeptikern eine "quasireligiöse Überhöhung" am Werk. Also raus aus den Büchern und rein in die Pixelwelt!

Wo Ideologien herrschen, helfen keine Studien, die beweisen, dass man, vermeintlich vorwärts- und zukunftorientiert, in Wirklichkeit Rückschritte macht. Der spanische Psychologe Ladislao Salmeron zeigte in über 40 Untersuchungen die Mängel digitalen Lesens gegenüber dem gedruckten Wort: Die "mentale Anstrengung" sowie das  "Verständnis" des Gelesenen sind bei bildschirmgefütterterten Rezipienten weitaus geringer als beim Lesen von analogem Druck (Vom haptischen Erlebnis einer betasteten Buchseite, vom schnelleren und gezielteren Umblättern, vom Anstreichen und Hervorheben mit Randbemerkungen ist dabei noch gar nicht die Rede).

Erhärtet wird die Erfahrung sinnvolleren Einsatzes von gedruckten Texten durch eine weitere Studie aus Israel. Das dortige Institute of Technology beauftragte fast ein Dutzend Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen damit, eine Beurteilung des Leseerfolgs im Vergleichs digitaler und analoger Bücher abzugeben (Beispiel hier). Das Ergebnis war eindeutig: Es gab keine Befürwortung digitaler Bücher.

Wie hilflos Wissenschaft ist, wenn sie dem Mainstream  nicht folgt, zeigte die Entscheidung des israelischen Bildungsministeriums. Man bestand, allen empirisch belegbaren Argumenten zum Trotz, auf der  Einführung digitaler Schulbücher.  Ein Sieg der Realität über die romantische Träumerei von Pädagogik.  

Josef Hueber, Germanist und Anglist, war Leiter der Fachschaft Englisch an einem Gymnasium in Bayern

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Gabriele Klein / 29.10.2017

PS Notiz:  Mein Kindle, er ist schon mehrere Jahre alt, erlaubt das Markieren und Annotieren von Textstellen. Man sollte auch mit pauschalen Schlußfolgerungen hier vorsichtig sein. Zu behaupten dass Handys und PCs dumm machen ist ungefähr so wie die Aussage: Briefkästen machen schlau, (..... weil da Lehrbücher reinpassen….)

Gabriele Klein / 29.10.2017

“Wo Ideologien herrschen, helfen keine Studien, die beweisen, dass man, vermeintlich vorwärts- und zukunftorientiert, in Wirklichkeit Rückschritte macht.” Das Problem mit diesem Satz ist nur, dass mir bislang keine Studie über den Schreibtisch kamwo nicht auch eine Ideologie geherrscht hätte….. ich meine natürlich “streng empirisch”, kein Spielraum bis auf den Inhalt der Definitionen und so…... Was Rückschritt und Fortschritt anlangt so stimme hier Ivanka Trump zu die das PC Wissen bei Jugendlichen ganz oben auf ihrer Prioritätenliste hat.  Der Grund hierfür liegt darin dass ich Im PC letztendlich das Mittel sehe die Schere zwischen Arm und Reich aufzuheben. Es sei an die University of the People erinnert die von einem Israeli gegründet wurde und die es Mittellosen weltweit nun erlaubt, anstatt im Schlepperboot Platz zu nehmen,  sich zu beweisen und sein Schicksal zu ändern. Er muss nur entsprechend in die Pedale treten….......  um sich hernach als Fachkraft in das Land seiner Wahl zu begeben oder im eigenen, meist eigentlich reichen Land, denkt man an Ressourcen, gegen die Gründe der Armut vorzugehen ....  Auch die Hilfsprogramme die sich an Kranke, Benachteiligte, und Behinderte wenden (jeden kann dieses Schicksal übrigens treffen)  leisten unglaubliches. Man sehe sich hier gerade die Israelischen Programme mal etwas genauer an….. Auch, mein elektronisches Wörterbuch im Hintergrund meines Kindle möchte ich nicht mit einem Handwörterbuch tauschen. Den Sinn 10 -15 mal pro Seite zu blättern um Begriffe nachzuschlagen kann ich leider nicht erkennen. Dennoch sollte das gedruckte Wort und die Infrastruktur hierfür nicht verschwinden, denn, wir wissen nicht, was für Zeiten da noch kommen. Von daher werde ich kein einziges meiner Gedruckten Bücher entsorgen.

mike loewe / 29.10.2017

Ob ein guter Text auf Papier gedruckt ist oder digital verfügbar, ändert ja nichts an seiner Qualität. Die Dichte an Qualitätstexten in Büchern ist wegen des Herstellungsaufwandes zwar höher, während in digitalen Medien jeder Hans und Franz ungefiltert Unsinn und Ablenkendes publizieren kann. Das Wissen selbst ist zwar verderblich, aber in Schule oder Uni wird ja nicht nur bloßes Wissen in einen hineingekippt, sondern man lernt auch, Wissen zu akquirieren, zu verstehen und anzuwenden. Dies sind die eigentlich wichtigen Lerninhalte, und sie sind nicht nur zeitlos, sondern auch unabhängig vom Material, aus dem die Wissenskonserven gefertigt sind.

Markus Knust / 28.10.2017

Die viel bessere Variante des digitalen Lesens wird hier nicht genannt, wie so oft: Der E Book Reader. Kein Unterschied mehr zu Papier, Leselicht usw. Und Ablenkung gibt es auch nicht, da die Geräte nur zum lesen taugen, zu nichts weiter. Zwar gibt es einen Browser, aber es ist wahrlich keine Freude, dieses zu bedienen. Reader sind mit Tablets und Smartphones geht eigentlich überhaupt nicht. Ich habe es mit Tablets versucht und fand es furchtbar. Nach 2-3 Stunden abends, tanzten einem im Bett die Lichter vor den geschlossenen Augen, es war sehr unschön. Bei einem Reader entfällt diese unangenehme Störung. Anfangs war ich auch skeptisch, jetzt möchte ich ihn nicht mehr missen. Den einzigen Vorteil. den ich noch bei Holzbüchern sehe: Fachbücher, wo man eine bessere Übersicht hat. Vorteil ist vor allem auch der Platz. Meine Wohnung sah aus wie eine Bücherei und im Keller stapelten sich die Bananen Kartons, randvoll mit den gelesenen Trivial Romanen. Jetzt habe ich meinen Reader. Klein, leicht und praktisch wie ein Buch. Ich möchte auch keinen 1000 Seiten Roman mehr in der Hand halten, ehrlich gesagt. Oder wenn man auf dem Weg zur Arbeit ist und schon auf Seite 990 und den nächsten Wälzer schon einstecken hat.

Klaus Lepinat / 28.10.2017

Hallo Herr Huber, ich denke, Sie beschreiben die Ergebnisse der entsprechenden Studien - hier vor allem die Israelische - etwas einseitig. Im letzten Abschnitt “Conclusions and directions for future research” heißt es u. a.: “However, it is also possible that effective MLR for in-depth learning of texts is a context-dependent habit acquired in the early years at school (see LaRose, 2010). In this case, the contextual cues associated with computerized study environments may be different for individuals who, as schoolchildren, acquired their learning skills on screen in the first place. An examination of media habits as a potential factor underlying the findings is therefore called for.” (MLR ist die Abkürzung für “Metacognitive learning regulation”)

Roland Stolla-Besta / 28.10.2017

Da ich zeit meines Lebens im Verlagswesen tätig gewesen war, bin ich natürlich dem Buch gegenüber voreingenommen. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich, daß etwa auf dem Laptop oder am PC Gelesenes sich nicht in gleichem Maße mir einprägt, wie das in einem Buch Gelesene. Sehr gut auch der Hinweis des Autors auf das haptische Erleben und das Markieren von Textstellen, das beim digitalen Text unmöglich ist. Und noch ein mir wichtiger Aspekt: eine Bibliothek – und sei sie noch so wenig umfangreich – ist Materie gewordener Geist. Dazu fällt mir spontan ein Satz in Günter Grass’ „Blechtrommel“ ein, die ich unlängst nach Jahrzehnten mit Faszination wieder gelesen habe: „Auch schlechte Bücher sind Bücher und darum heilig.“

Herbert Frankel / 28.10.2017

Man suche auf youtube “manfred spitzer digitale demenz” und schaue sich den Vortrag an. Klare Aussage: Handys machen junge Menschen dumm. Keine Handys, Smartphones oder Tablets bis zum Alter von 18 Jahren. Mehr gäbe es nicht zu sagen. Die notwendigen Konsequenzen lägen damit auf der Hand. Aber keinen Politiker interessiert’s. Alle quatschen Parolen wie “mediale / digitale Kompetenz” sinnfrei nach ohne zu wissen, von was sie da reden. Aber das ist ja seit Jahrzehnten nichts neues mehr in der Bananenrepublik D.

reiner fischer / 28.10.2017

Ob Paukanstalten wie in manchen asiatischen Ländern oder (den weiten Entfernungen geschuldet) jahrgangsübergreifende Gemeinschaftsschulen wie in Finnland (beide in PISA gut!) - für den Lernerfolg bedarf es überall auf der Welt genau zweier Dinge: - lernwilliger Schüler und - fähiger Lehrer Der ganze Rest ist zweitrangig. Das klingt banal, übersteigt die Fähigkeiten deutscher Bildungspolitiker aber seit Jahrzehnten.

Andreas Rochow / 28.10.2017

Sie haben recht. Man sollte dem Digitalisierungstaumel konservative, also auf wissenschaftlichen Studien und Erfahrungen beruhenden Argumente entgegenhalten und mutig zum Bücherlesen und zur Handschrift motivieren, neugierig darauf machen und von der Überlegenheit des “analogen” Lesens und Schreibens begeistern. Die befürchtete digitale befürchtete digitale Demenz (Manfred Spitzer) ist in ihrem Vorstadium bei der Generation Lehrstellenbewerber und bei PISA in erschreckender Konsequenz angekommen. Wissenschaft darf sich keinem sonstwie gearteten Mainstream unterwerfen, auch wenn die Tendenz besteht, dieses für politisch korrekt zu halten.

Dr. Ralph Buitoni / 28.10.2017

Falsch, Herr Hueber - wirkliches Wissen veraltet nicht ! Es gibt nur wenige Sachverhalte, die aufgrund neuer Forschungslagen grundsätzlich verworfen und neu formuliert werden müssen. Die meiste Wissensgenerierung betrifft nur eine Erweiterung, oder Nuancierung, oder Neubalancierung bekannter Fakten und Sachverhalte. Und zum Tiefenlesen: dieses ist vor allem bei der Aufnahme von belletristischer Literatur von Relevanz: so es gilt langfristige Gedächtnisgehalte zu bilden. Dieses Wissen veraltet qua Natur sowieso überhaupt nicht - das Orientierungswissen über Weltliteratur bleibt unverändert relevant. Das Lesen von gedruckter Literatur hilft in der Tat bei der Memorierung, so wie das Haptische dabei eine Rolle spielt.

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