Hexen, Glauben, Misanthropen

Von Josef Hueber.

Schön langsam, Freunde konservativer Kulturkritik und der Langsamkeit. Sie bringt nicht nur Gutes mit sich. Häufig ist es besser, sich zu beeilen. Zum Beispiel bei der Entsorgung von Irrtümern. Haben die es sich nämlich erst einmal schön bequem und warm unter der menschlichen Schädeldecke gemacht, vergeht uns die Lust , sie mit widersprechenden Erkenntnissen wieder zu vertreiben. Gewissheiten bringen Ruhe, und ein beruhigter Verstand lässt sich nicht gerne beunruhigen, selbst dann nicht, wenn heilsame Unruhe der Wahrheit Raum verschaffen will.  

Deswegen dauerte es traditionell oft Jahrhunderte, bis vermutetes Wissen, irrtumsbasiert, als Fake Facts entlarvt wurde  und auf dem Müllhaufen pseudowissenschaftlicher Erkenntnisse landete. Man denke etwa an scholastische Debatten über die Anzahl von Sitzplätzen für Engel auf Nadelspitzen oder die Hexenwissenschaft im Mittelalter, die erst im 19. Jahrhundert als vollständig entsorgt gelten durfte. Bei uns.

Heute, mit der faktischen Lichtgeschwindigkeit der Wahrheitssuche und  -findung im Internet, könnte man annehmen, dass Irrtümer nicht mit Langlebigkeit rechnen dürfen. Daraus ließe sich folgerichtig schließen: Bestialische Grausamkeiten, analog den Hexenverbrennungen in finsteren Zeiten, werden schnell unterbunden. Doch ein Blick in die Welt lässt diese Vermutung illusorisch erscheinen. Denn auch heute, im Zeitalter des Internets, werden unschuldige Menschen misshandelt und ermordet. Wie im tiefen Brunnen der Vergangenheit die Abergläubischen Hexen verbrannt haben, so werden heute unter Berufung auf Offenbarungen Unschuldige geköpft. Von Internet-Usern.

Irrtum und Irrsinn: Sie sind offensichtlich sehr eng miteinander verwoben. Die Beseitigung von Irrtümern hat nichts mit dem Internet und dessen schnellem Zugriff auf Wissen zu tun. Quod erat demonstrandum.

Einen Versuch ist’s dennoch wert. Man gebe „ Irrtümer““ in die Suchmaschine ein. Die Seite geo.de bietet an: „Wissenstest – populäre Irrtümer“. Neben einer Reihe von Fragen zum Haarausfall, zum Verzehr von Schokolade und zu Hornissen, taucht die wesentlich interessantere Frage auf, was „Aberglaube, was gesichertes Wissen“ ist.  Man möchte Relevantes erwarten. Doch man bekommt auch hier nur ein Bildungsquiz light, das lediglich  das Niveau von Wer wird Millionär? erklimmt. Möglichkeiten und Grenzen der Wahrheitsfindung, Irrwege durch das Dickicht des Aberglaubens im 21. Jahrhundert – das alles bleibt außen vor.

Die Diskussion über Wahrheit, Irrtum und Nicht-Wissen gilt als beendet

Bemerkenswert, dass die Diskussion über Wahrheit, Irrtum und Nicht-Wissen in den Überlebensfragen unserer Zivilisation und Kultur im öffentlichen Bewusstsein als beendet gilt. Die nur noch von hartnäckigen Wirklichkeitsleugnern bestrittenen Wahrheiten sind hinlänglich bekannt: Unser Turbokapitalismus tötet. Die Kultur des Westens ist nur eine unter mehreren gleichwertigen. Der Klimawandel ist menschengemacht und bewirkt eine tödliche Bedrohung für Mensch und Natur. Das natürliche Gleichgewicht darf nicht gestört werden. Nachhaltigkeit ist das oberste Gebot. Atomkraft und Gentechnik sind zu gefährlich und damit unverantwortbar. Die Ressourcen gehen bald zu Ende. Das E-Auto ist die Zukunft der individuellen Mobilität. Die Energiewende ist der alternativlose  Beitrag zur Rettung des Planeten. Nur Europa garantiert uns Frieden und Wohlstand.

Irrtümer treten auf wie unbezweifelbare Wahrheiten. Ihre öffentlichen Vermittler, ob in Politik, Medien oder in von wirtschaftlichen Interessen gesteuerter Wissenschaft, sind nackte Kaiser ohne Kleider. Sie vertrauen zurecht der Erfahrung , dass die ständige Wiederholung von Irrtümern diese im Bewusstsein des Normalbürgers als Gewissheiten verankert. Mit dieser Erfahrung wurde nicht nur in deutscher Vergangenheit propagandistisch ein Glaube gefestigt, an dem die besonders zähen Gläubigen bis zur Endniederlage festhielten.

Mit der Entsorgung von Irrtümern in überlebenswichtigen Zukunftsfragen ist es deswegen so eine Sache. Die in Diskussionen stets zitierte Wissenschaftsbibel aller wahrheitsresistenten Kämpfer pro Natur und contra Mensch ist ein rekordverdächtiges Dokument  wissenschaftlicher Irrtümer. Die Grenzen des Wachstums, veröffentlicht vom Club of Rome im Jahre 1972,  ist nicht totzukriegen, obwohl es das Buch verdient, in das Guinness Buch der Rekorde unter der Sparte „Irrtümer“ aufgenommen zu werden. Eine derartige Ansammlung von durch die Realität widerlegten Fake Facts dürfte kaum anderswo zu finden sein.

Die Fehlberechnungen der Autoren haben dennoch keinen wissenschaftlichen Canossa-Gang bewirkt. Selbst der Faktencheck, etwa im Bereich Knappheit der Ressourcen, hat nicht zur Auflösung des Clubs geführt. Stattdessen lieferten die Römer eine neue Veröffentlichung.

Der aktuelle  Fehlerthesaurus heißt nun „ Ein Prozent ist genug.“ (2016). Dreizehn Forderungen versprechen eine bessere Zukunft, ein besseres Vorwärtskommen mit eingelegtem Rückwärtsgang. Jetzt, so liest man in einer Besprechung der neuesten Apokalypse, hat  der Club ein Rezept ausgearbeitet, das „Ungleichheit reduzieren, Demokratie fördern und den Klimawandel bremsen“ kann. Die Kernformel dazu lautet: Runter mit Wachstum! Rolle rückwärts nach vorn!

Man arbeitet beim Club of Rome  offensichtlich immer noch daran, die Realität mit Computermodellen zu ändern. Es darf nicht sein, dass sie nicht zur Theorie passen will, dass nämlich die Zukunft der Menschheit durch ihr Konsumverhalten dem Untergang entgegen rast. „Die Leitidee ist eine nachhaltige Entwicklung, die die Bedürfnisse der heutigen wie auch der künftigen Generationen an den begrenzten Ressourcen sowie der begrenzten Belastbarkeit unserer Ökosysteme orientiert.“  Auf dem Weg dorthin werden Mehrkindfamilien als schädlich geoutet, Geld soll an kinderarme Paare gegeben und  noch mehr Urlaubstage sollen mit vollem Lohnausgleich gewährt werden.

Die Misanthropen haben immer noch Hochkonjunktur

Dass einer der Autoren bei der Buchvorstellung seine Tochter wegen ihres Ressourcenverbrauchs als das „gefährlichste Tier der Welt“ bezeichnete, entlarvt nicht nur den ökonomischen Unverstand, sondern auch die menschenverachtende Denke hinter den grellen Theorien.

Wie krank gutgläubige und gutmenschliche  Gehirne durch das Trommelfeuer  realitätsferner Ideologien werden können, zeigt Felix Finkbeiner, der, erst 13jährig, gewiss selbstständig, die Organisation „ Plant-for-the-Planet“ gegründet hat. Dass sein Vater, Frithjof Finkbeiner, stellvertretender Präsident der „Deutschen  Gesellschaft Club of Rome“ ist, dürfte keine Rolle dabei gespielt haben. Mit Vorträgen tingelte der Kleine um den Erdball . Die SZ berichtet im Jahr 2014 von 30 Vorträgen im Jahr. Seine optimistische Unheilsbotschaft: „ Alles würde gut“ – wenn, ja wenn man nur genügend Bäume pflanzt und so der Zerstörung der Welt entgegen arbeitet.

Und wie Mozart schon als kleiner Spatz komponierte, hatte unser Mini-Wissenschaftler schon ganz früh, im Grundschulalter, wissenschaftliche Intuitionen. „Es begann 2007 mit einem Referat des neunjährigen Felix Finkbeiner über den Klimawandel. Er verstand, so erzählt er in einem Interview, dass mehr Bäume gut wären, um die Erwärmung der Erde zu stoppen.“ Den Einwand, dass es aber auch Menschen gebe, „die sagen: So schlimm wird das nicht mit der Klimaerwärmung“, konterte der Naseweis: „Ja, viele dieser Leute werden auch von Firmen dafür bezahlt.“

Ein Höhepunkt öffentlicher Wirksamkeit  war erreicht,  als der fremdgesteuerte Bub in der Erlöserkirche in München am 10.3.2013 seine „Thesen“ in einem  Vortrag zur Planetenrettung mit dem Thema „ Alles würde gut“ dem Publikum von der Kanzel herab priesterartig vorplapperte. Die seinen Umweltweisheiten andächtig zuhörenden Gläubigen bezeugten ihre Hochachtung vor dem präpubertären, unabhängigen Denker am Ende mit heftigem Applaus und Standing Ovations.

Ob bei Hexenverbrennungen die Menge üblicherweise auch applaudierte?

Josef Hueber, Germanist und Anglist, war Leiter der Fachschaft Englisch an einem Gymnasium in Bayern.

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Leserpost (2)
Thomas Gandow / 15.05.2017

“Großer Gott, wir loben dich” von Ignaz Franz gibts seit 1771, wenn ich mich richtig erinnere. Das schon bei Hexenverbrennungen gesungen zu haben, würde an Hexerei grenzen. Im Übrigen empfehle ich Walter Benjamins einschlägigen Text zu Hexenprozessen in seiner “Aufklärung für Kinder”.

Heidrun Neidler / 14.05.2017

Sehr geehrter Herr Hueber, Sie stellen am Ende Ihres sehr guten Textes die Frage: “ob bei Hexen- Verbrennungen die Menge üblicherweise auch applaudierte?” Nein, sie sangen “Großer Gott wir loben Dich” während die “Hexe” je nach Windrichtung brannte oder langsam verkohlte!

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