Uwe Knop, Gastautor / 18.06.2022 / 14:00 / Foto: Fabian Nicolay / 9 / Seite ausdrucken

Ist Corona-Speck bei Kindern ein Mythos?

Eine Forsa-Studie befragte Eltern über etwaige Corona-Gewichtszunahme ihrer Kinder und das Ergebnis lautet, dass 98 Prozent aller Kinder zwischen 3 und 17 Jahren während der Corona-Zeit nicht erheblich dicker geworden sind. Geframt wurde das ganz anders.

Endlich gute Nachrichten. Die Corona-Krise hat nahezu keine Auswirkungen auf die negative Gewichtsentwicklung der 3- bis 17-jährigen Kinder, denn: 98 Prozent der lieben Kleinen sind in den vergangenen zwei Jahren nicht deutlich dicker geworden! So lautet das Kernergebnis einer repräsentativen Umfrage der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und des Else Kröner-Fresenius-Zentrums (EKFZ) für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München [1]. Falls Sie sich jetzt etwas ungläubig fragend erinnern: „Da gab's doch Anfang Juni eine ähnliche Umfrage überall in den Medien, nur die Ergebnisse, die waren mehr als alarmierend …“ – da haben Sie recht. Und wie passt das zusammen? Ganz einfach:

Für die Studie hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa im März und April 2022 insgesamt 1.004 Eltern mit Kindern im Alter von 3–17 Jahren befragt. Dabei sollten die Eltern auch angeben, ob ihr Kind in den letzten zwei Jahren der Pandemie dünner oder dicker geworden ist. Nur zwei Prozent der Eltern gaben an: Mein Kind ist „deutlich dicker“ geworden, 14 Prozent glaubten, der Nachwuchs wurde lediglich „etwas dicker“. Und Simsalabim: Beides zusammen ergibt medienwirksame(re) 16 Prozent – und an diese Schlagzeile erinnern Sie sich: „Jedes sechste Kind in Deutschland ist seit Beginn der Corona-Pandemie dicker geworden!“ Darüber haben nahezu alle Medien in teils „alarmierendem Tenor“ berichtet …

Die absolute Minderheit wird zur Schlagzeile!

Da stellt sich absolut die berechtigte Frage: Warum wurde sich nicht öffentlich darüber gefreut, dass nur zwei Prozent der Kinderchen „deutlich dicker“ und nur ein Prozent „deutlich dünner“ wurden – und mehr als Dreiviertel der Eltern keine sichtbare Gewichtsänderung bei ihren Kindern feststellten? Das sind doch richtig gute Nachrichten, denn: So schlimm die Corona-Pandemie auch war und ist – sie macht(e) die Kinder nicht deutlich dicker! Wunderbar, Wissenschaftler, diesbezüglich bitte einmal kurz entspannt zurücklehnen – und nun kümmert Euch wieder um die wirklich wichtigen Probleme in unserem Land.

Doch stattdessen mahnen die Studienautoren auf Basis der Umfrage Sofortmaßnahmen an, so „eine Besteuerung von Zuckergetränken, Werbeschranken für ungesunde Lebensmittel und eine Stärkung der Adipositas-Therapie, die in Deutschland chronisch unterfinanziert sei“. Unabhängig davon, dass es keine „ungesunden“ Lebensmittel per Definition und generell gibt, was gleich siebenfach ökotrophologisch-institutionell verbrieft ist – was hat all das mit den marginalen zwei Prozent „deutlich dickeren“ Kindern zu tun? Gravierende staatliche Einschnitte wie Steuern und Verbote fordern, weil 98 Prozent der Kinder nicht deutlich dicker geworden sind? Den Zusammenhang muss man nicht verstehen – man kann aber mal darüber nachdenken. Bereits bedenklich hingegen ist, über die „verdrehte Wahrheit und verkehrte Welt“ hinaus, der wissenschaftliche Wert, also die Evidenzkraft (oder besser Evidenzschwäche) dieser Umfrage, denn:

Keine Kiloangabe, keine Grenzwerte, keine Kontrollgruppe, keine Nachprüfbarkeit – mehr Datenlücken als Fakten!

Zum einen basieren die Ergebnisse auf den persönlichen Angaben der Eltern, die auf deren eigener Einschätzung beruhen und in keiner Weise überprüft werden können. Ergo: Niemand weiß, ob es stimmt, was die Eltern sagten. Desweiteren geben weder DAG noch EKFZ eine Auskunft darüber, was konkret „etwas“ und „deutlich“ dicker in Kilogramm oder Gramm bedeutet. „Etwas dicker“ klingt jetzt nicht sonderlich bedrohlich und kann sehr wenig sein. Auch wird aus der Umfrage und der DAG-PR nicht ersichtlich, ab wann die Eltern „etwas“ oder „deutlich“ dicker angeben sollten.

War bis 1 Kilogramm mehr „etwas“ und ab 1,1 Kilogramm „deutlich“ dicker? Oder galt einfach nur die optische Einschätzung, „einmal auf's Kind draufschauen und zurückerinnern an vor zwei Jahren“? Ein Gewichtsbuch zum Nachlesen haben ja sicher die Wenigsten. Das Umfrage-Credo lautet also: Nichts Genaues weiß man nicht, es bleibt diffus-nebulös. Hinzu kommt, jetzt mal wieder wissenschaftlich seriös: Um eine valide Aussage zu treffen, ob die zwei Prozent „deutlich dickere“ Kinder der Pandemiejahre 2020–22 ungewöhnlich viel sind, müsste man eine vorpandemisch gleich befragte Kontrollgruppe zum Vergleich heranziehen, die die Zunahme beispielsweise von 2018–20 zeigt. Dann könnte man vergleichen, also kontrollieren, ob es im diesem Zeitraum weniger oder mehr Dickenzuwachs gab – und damit wüsste man dann, wie die Entwicklung in der Pandemie einzuordnen ist. Aber, welch' Überraschung: Auch diese Kontrollgruppe gibt es nicht.

Alarmierend, alarmierend!

Stattdessen werden die zwei Prozent in DAG-PR wie folgt präsentiert: „Eine Gewichtszunahme in dem Ausmaß wie seit Beginn der Pandemie haben wir zuvor noch nie gesehen. Das ist alarmierend …“ [1]. Auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft legte direkt am gleichen Tag mit gleichem PR-Framing nach: „Die Corona-Kilos werden zu einer schweren Hypothek für eine ganze Generation. Die Ergebnisse der DAG-Elternbefragung sind alarmierend ...“

Und die Moral von der Geschicht'? Genau das ist die Gretchenfrage. Was wird mit einer solchen Kommunikationsstrategie bezweckt, die eine absolute Minderheit in den Fokus konzertiert-„alarmierender“ PR stellt? Wobei auch noch unklar ist, wie konkret und wissenschaftlich belastbar die Ergebnisse eigentlich sind, von evidenzbasiert ganz zu schweigen? Und dann wird auch noch darauf basierend ein ganzer Blumenstrauß staatlicher Restriktionsmaßnahmen wie Steuern und Verbote gefordert! Die Antwort kennen die Verantwortlichen bei DAG und EKFZ sicher am besten …

PS: Valide Daten aus bundesweit repräsentativen Gewichtsmessungen in der  Altersgruppe 3–17 Jahre gibt es in Deutschland aktuell nicht – weder vor noch nach der Pandemie. Gemäß KiGGS-Erhebung des Robert Koch-Instituts aus den Jahren 2014 bis 2017 lag die Quote kindlicher Fettleibigkeit in diesem Alter vor fünf Jahren bei 5,9 Prozent. Gemäß Daten des jährlich erscheinenden DAK-Kinder-Jugendreports liegt die Adipositasquote seit Jahren unverändert gar deutlich niedriger: bei 3,7 Prozent (hohe Repräsentativität für die Gesamtbevölkerung).

 

Uwe Knop, geb. 1972, ist Diplom-Ökotrophologe (Ernährungswissenschaftler) und Medizin-PR-Experte.

 

Weitere Quelle

[1] Pressemeldung DAG, 31.05.22: FORSA-UMFRAGE ZEIGT FOLGEN DER CORONA-KRISE FÜR KINDER: GEWICHTSZUNAHME, WENIGER BEWEGUNG, MEHR SÜSSWAREN – JEDES SECHSTE KIND IST DICKER GEWORDEN – konkret Folie 11 der Ergebnispräsentation

Foto: Fabian Nicolay

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Leserpost

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Sam Lowry / 18.06.2022

Ich wiederhole mich: Eine Umfrage bei REWE unter 1.000 Kunden. Falsche Meinung in die Tonne, 500 = 100 % sind für die 4. Impfung. Fertisch, ab…

Frank Stricker / 18.06.2022

Corona-Speck bei Teenagern ? Das müssen die dicken Kinder von Landau gewesen sein (Harald Schmidt).......

U. Sippel / 18.06.2022

Dass alarmiert wird, ist nichts Neues. Dass Kinder in der Coronazeit unter Bewegungsmangel litten, davon bin ich hingegen überzeugt. Ein Nanny-Staat, der vorschreibt, was Kinder zu essen haben, geht gar nicht. Stattdessen sollte einfach mehr für Freizeitangebote gemacht werden. Andererseits: welche “normale” Familie will schon in Ballungsgebieten solche Angebote nutzen…

Sam Lowry / 18.06.2022

Jedenfalls sind sie erheblich dümmer geworden… q.e.d.

R. Lichti / 18.06.2022

3 bis 17 Jahre ist ein Lebensalter, in dem Kinder normalerweise schon kräftig wachsen. Vor dieser Tatsache könnte man die Zahlen in die entgegegesetzte Richtung wunderbar framen (Stil “Bildzeitung”!):  “fünf von sechs Kindern haben während Pandemie das körperliche Wachstum eingestellt!  -  Psychosomatische Entwicklungsstörung? -  Katastrophe für junge Generation!”    Eindeutige Aussagen lassen sich meiner Meinung nach nur machen, wenn man die Kinder in das jeweilige statistische Mittel des Zusammenhangs zwischen Lebensalter, Körpergröße und Gewicht einordnet und Veränderungen von Vorher gegenüber Nachher bewertet.    Grundsätzlich zeigt es aber, dass man mit schwammig ermittelten Zahlen jede gewünschte Schlagzeile von +100 bis -100 erzeugen kann.    Dieses Handwerk beherrscht unser Minister für Angst und Panik perfekt mit seinen Unsinnszahlen von “an und mit” Corona verstorben, Intensivbettenbelegung & Kliniküberlastungen, “post-vaccin syndrom” (Impfschäden) und der Umdeutung der negativen Impfwirksamkeit in eine “dauerhaft hochwirksame, praktisch nebenwirkungsfreie Impfung”.    Auf der anderen Seite: So was lässt sich auch nur mit einer Bevölkerung machen, die zu einem großen Teil mit Logik und den Grundrechenarten auf Kriegsfuß steht und die durch gezieltes Schüren von Angst jedes selbständiges Denken eingestellt hat.

Gerd Quallo / 18.06.2022

Und die Moral von diesem Artikel? Mir sagt der gesunde Menschenverstand, dass angesichts von Gängelung und Isolierung der Kinder zwingend deren Gewicht angestiegen sein muss. Bei dem Schlussfolgerungsgeschwurbel dieses Beitrags kann einem ja schwindlig werden. Vor allem; würde ein gleichgebliebenes Gewicht tatsächlich irgendwas besser machen? Hallo?

Bernhard Maxara / 18.06.2022

Na und? Schließlich genügen 0,004 % der Bevölkerung, die Schupfen haben, zur Stillegung des ganzen Landes…

rolf schwarz / 18.06.2022

So läuft das mit den Umfragen. Eine Mille Leute angerufen. Die Fragestellung ans Anforderungsprofil des Auftraggebers angepasst. Das Ergebnis irgendwie als Repräsentativ für zig Millionen erklärt. Den Rest macht der Auftraggeber mit den Medien passend. Diese Umfrageinstitute sind auch keinen Deut besser als die Faktenchecker. Auch sie brauchen das Geld.

Gabriele Schäfer / 18.06.2022

Ich habe vor ein paar Tagen ein Foto der diesjährigen Kommunionkinder der kath. Pfarrei in unserem Wohnort gesehen. Ehrlich, ich war entsetzt. Lauter dicke kleine „ Bräute“ in gigantischen weißen Kleidern waren da abgebildet. Von sieben Mädchen waren fünf „ zu fett“.

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