Vera Lengsfeld / 01.05.2021 / 16:00 / Foto: André Karwath / 6 / Seite ausdrucken

Ein Kommunist über Hass im Netz

Als ich noch hinter der Mauer saß, bekam ich ab und zu Besuch von westdeutschen Linken, für die ein Tag im Arbeiter- und Bauernstaat eine Art Abenteuerurlaub war. Im Gepäck hatten sie oft Büchlein – ich habe vergessen, von welchen linken Verlagen –, die voll marxistisch-leninistischen Geschwafels waren. Geschrieben waren sie von Spezialisten der Bandwurmsätze, bei denen man am Ende nicht wusste, womit sie begonnen hatten. Ich warf das Zeug weg und war der Überzeugung, dass ich nie wieder auf ähnlichen Wortsalat treffen würde, bis ich das Buch von Marlon Grohn „Hass von oben, Hass von unten“ zugeschickt bekam. Ich hatte es für eine Rezension angefordert, weil ich mir vom Titel neue Erkenntnisse versprach, über ein Phänomen, Hass im Netz, das alle Nutzer der neuen Medien direkt oder indirekt beschäftigt.

Auf Wikipedia firmiert Marlon Grohn als Blogger, der seinen Lesern den Kommunismus nahebringen will. Daraus entstand ein Buch, das 2019 veröffentlicht wurde: „Kommunismus für Erwachsene. Linkes Bewusstsein und die Wirklichkeit des Sozialismus.“

Auch sein neuestes Werk, das „den gesellschaftlichen Umgang mit dem Phänomen Netzhass“ analysieren soll, ist von einem überzeugten Kommunisten geschrieben worden. Von Analyse finde ich allerdings nicht viel, dafür umso mehr von echt marxistischem Hass. Wikipedia fasst den Inhalt so zusammen: „Je nach Belieben fallen die unterschiedlichsten Phänomene wie persönliche Beleidigung, Verleumdung, Wut, Provokation, Kunst, Faschismus oder Klassenkampf unter das 'Hass'-Verdikt.“ „Der Kampf gegen das Symptom Hass“ diene dabei „der Ablenkung von Verhältnissen, die seine Ursache sind.“

„Hass ist ein produktives Gefühl“

Mein Cheflektor vom DDR-Verlag „Neues Leben“ hat das einst in einer Kontroverse mit mir, als ich hasserfüllte Jugendbücher für die Veröffentlichung ablehnte, so zusammengefasst:

„Hass ist ein produktives Gefühl. Es dient dem Klassenkampf. Es ist eine unserer produktivsten Waffen.“ Das ist auch die Quintessenz des Buches von Grohn. Allerdings ist es schwer, die Botschaft aus dem Endlos-Kauderwelsch herauszufiltern. Echte Definitionen findet man nicht, auch nicht, wenn sie in der Überschrift, etwa „Der Begriff des Hasses“ zu erwarten gewesen wären.

Die bürgerliche Konkurrenzgesellschaft erzeuge Spannungen in den Individuen, die durch herkömmliche „Aneignungskonzepte“ wie Religion oder Ideologien nicht mehr aufgelöst werden könnten. Früher gingen die Leute deshalb zu Therapeuten, heute zu Facebook. Grohn hält das für eine produktive Aktion, die konterkariert wird von allen, die sich gegen Hass im Netz äußern. Sascha Lobo, Carolin Emcke, Heiko Maas und Böhmermann von Grohn bekommen ihr Fett weg, es ist aber mühsam, die Philippika zu lesen.

Natürlich werden auch die Rechten nicht vergessen, aber Grohn arbeitet sich eben auch an den Linken ab. Er rühmt nicht nur das französische Revolutionsleid, das die Aristokraten an die Laternen knüpfen will, weist genüßlich auf die Werke von Thomas Bernhard, Klaus Kinski, Christoph Schlingensief hin, die „von persönlichen Beleidigungen nur so triefen“, sondern bringt auch gedruckte Beispiele, wo gehassten Personen ins Gesicht gekotzt werden möchte, oder gar der Tod gewünscht wird. Was bei den oben genannten Leuten unter Kunstfreiheit fällt, kann im Netz nicht falsch sein, oder? Schließlich geht es um „das große Anerkanntwerdenwollen“.

„Bourgeois-Ideologie zum erbitterten Hass-Bekämpfer geworden“

Grohns Sprache ist am jungen Marx geschult. Wie bei seinem Vorbild wimmelt es bei Grohn von Fäkalbegriffen, Gehirnfäule, Idiotie und so weiter, immer bezogen auf diejenigen, die laut Grohn die falsche Meinung haben, etwa wie Lobo nicht erkennen, dass „das Recht auf Hass“ oben liegt. „Die unten sollen zusehen, wie sie qua Mitleiderheischungen, Bittstellungen, Moralisierungen, Unterwürfigkeiten und anderen Angeboten des versöhnlerischen Klassenfriedens zurechtkommen … Nicht nur, dass die alteingesessenen Fanatiker der Höflichkeitshuberei von oben die Trolle, die sie stören, einfach blockieren oder ignorieren. Indem Gegner oder einfach irgendwelche Deppen als menschenverachtende Hassende dargestellt werden können, leuchtet der eigene Heiligenschein der Güte um so heller.“

Denn es gibt nicht, wie Lobo und Emcke meinen, ein Klima, das Hass erzeugt, sondern nur eins, dass den von oben erzeugten Hass widerspiegelt. Dies wäre Konzept. „Die Bourgeois-Ideologie (Redakteur bei Springer, taz, Professor, Politiker usw.) ist zum erbitterten Hass-Bekämpfer geworden, weil er die zum Mob gemachten benötigt, um sich von ihnen absetzen zu können, weil sonst offenbar würde, wie sehr er ihnen in seinen Affekten gleicht.“

Die sozialen Medien seien längst Rollenspiele, jeder nimmt seine Rolle ein, aber es soll nur noch Gute geben. Durch Nettigkeit wird die Wahrheitsfindung abgeschafft – hier hat das kommunistische Huhn ein wahres Korn gefunden – „die Wirklichkeit wird entwirklicht … Man braucht keine Eingriffe von oben mehr, wenn alle das tun, was sie tun sollen, also: nett sein.“

Die Trolle sind heute das, was früher die Kasper, Teufel, Clowns und Hexen oder eben die Klassenkämpfer waren. In diesem Sinne: Trolle und Hater aller Länder vereinigt euch! Ihr habt nichts zu verlieren, als eure Ketten, aber die Netzmacht zu gewinnen!

„Hass von oben, Hass von unten“ von Marlon Grohn, 2021, Berlin: Das Neue Berlin. Hier bestellbar.

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Leserpost

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Boris Kotchoubey / 01.05.2021

Vielleicht zum ersten Mal bin ich mit Frau lengsfeld definitiv nicht einverstanden. Das Buch habe ich nicht gelesen, vielleicht ist es wirklich schlecht geschrieben, aber mir geht es nicht um die Literatur, sondern um die Kernaussage. Ja, Hass ist das produktive Gefühl. Weder die amerikanische noch die französische Revolution wären ohne Hass gegen die britische Regierung bzw. gegen die Aristokratie möglich. Streiche den Hass aus der Geschichte - wir würden jetzt immer noch im Feudalismus leben. Es ist wahrscheinlich einfacher, die Notwendigkeit des Hasses zu begreifen, wenn wir das Wort durch “Zorn” ersetzen. Denn kein Psychologe kann je klar zwischen Hass uns Zorn unterscheiden. Aber der Urmensch, der auf seinen hirnfaulen (zit. Grohn) Häuptlich, welcher die Benutzung der Steinaxt verbot, zornig war und diesem den Schädel mit ebendieser Axt brach, machte den ersten Schritt in die menschliche Zukunft.

Uwe Schäfer / 01.05.2021

Besonders lustig finde ich immer wenn solche Kasper, die den Kommunismus nie selbst erlebt haben, davon träumen und noch dazu anderen anpreisen. Der feine Herr sollte mal ohne Rückfahrkarte, von hier mitgenommenes, Kontakte nach außen und jegliche Privilegien, für fünf Jahre seine Kenntnisse in Nordkorea erweitern. Danach würde ich mich sehr gerne mit ihm unterhalten. Ich habe bereits das Privileg genießen dürfen in einer kommunistischen Diktatur zu leben.

Ralf Pöhling / 01.05.2021

Das Problem bei der Internettrollerei ist doch, dass sie andauernd politisiert wird, wo sie in den seltensten Fällen wirklich politisch ist. Wenn z.B. unter einem Youtube Video nicht über den Inhalt des Videos diskutiert wird, sondern über die “dicken Wurstfinger” des sich dort präsentierenden Redners (ich habe solche ungehobelten Auswüchse tausende Mal gesehen), dann erübrigt sich dazu jede Form der ernsten Auseinandersetzung. Man muss es mal auf den Punkt bringen: Der Großteil der unzivilisierten Welt bekommt mit dem Internet plötzlich ein Forum und kotzt sich dort ohne Rücksicht auf Verluste aus. Früher war das nicht möglich, da man nicht so einfach ins Fernsehen kam und damit der kleine Trottel von nebenan auch kein Airplay bekam. Heute ist das anders. Und da wird oftmals etwas hineingedeutet, was da gar nicht drin ist. Als alter Netzhase der ersten Stunde gehe ich davon aus, dass ein erheblicher Teil, wenn nicht der Großteil aller Kommentare im Netz zu bestimmten politischen Themen nicht ehrlich ist und entweder der fragwürdig lustigen Provokation (Neudeutsch: “Lulz”) dient, oder das Gegenteil von dem beabsichtigen soll, was da transportiert wird, denn das Netz ist randvoll mit gefakten Identitäten, die eine politische “Gesinnung” vorgeben, die sie gar nicht haben. Die meisten gefakten Kommentare von angeblichen “Rechten” erkennt man sofort am Duktus. Echte Rechte benehmen sich nicht wie Linke, die nur so tun, als wären sie rechts. Der meiste “Hass” der im Netz ausgekotzt wird, ist keiner. Das ist entweder dumme Trollerei oder Schauspielerei. Teils sogar gut organisiert. Um vorzutäuschen, dass man die Gesellschaft nur damit vor den “bösen Rechten” bewahren kann, indem man den Kommunismus einführt. Nebenbei: Malron Grohn ist 1984 geboren. Was nicht nur zufällig an Orwell erinnert, sondern auch belegt, dass er den Kommunismus in voller Ausprägung selbst nie erlebt hat und deshalb nicht weiß, was er da verteidigt.

Wilfried Cremer / 01.05.2021

Liebe Frau Lengsfeld, wenn ich fäkal lese, denke ich immer an Phaeton — und die Bischöfin. k und t beißen sich zwar, aber als Bindeglied springt dann Defätismus ein. Gesegneten Sonntag!

A. Ostrovsky / 01.05.2021

Gehirnfäule und Idiotie sind keine Fäkalbegriffe, sondern schwere Erkrankungen, die endemisch werden können und dann zum Tode führen, meistens zum Tod der Anderen. Und soll ich wirklich glauben, dass Marx jung war? Ein böser alter weißer Mann, soll jung gewesen sein? In Kreuzberg, die Karl-Marx-Straße habe ich vor 30 Jahren des erste und das letzte Mal gesehen und habe damals darüber nachgedacht, ob man sie in Korl-Murks-Strosse umbenennen sollte, so sehr war ich gegen das Preußische eingenommen. Marx war doch Preuße und hat eigentlich nur unter dem Liebesentzug der Preußen gelitten. Statt sich für ein Grosz-Preuszen von der Maas bis an die Memel einzusetzen hat er den Proletarier erfunden, so wie vereinsamte Kinder einen imaginären Freund erfinden. Und Siggi Freud war damals noch nicht so weit, dass er ihm hätte helfen können.

Wolfgang Heinrich Scharff / 01.05.2021

Übers Dunkel des Internetzes führt ein Weg ins Licht der Macht. Wenn wir, die wir wir sind, unsere Stimme erheben, wird auch die Mauer der betonstalinistischen “Political Korrektheit” fallen! Dafür aber müssen wir, die wir wir sind, posten: Right or wrong, my country! Besser noch: right or wrong, my opinion! Auf ins Licht der opinion-Leadership! Danke, Vera (lateinisch nicht umsonst: “die (einzig) Wahre”)!

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