Vera Lengsfeld / 12.05.2024 / 12:00 / Foto: Imago / 13 / Seite ausdrucken

Harald Martenstein auf Schloss Ettersburg

„Und sind wir auch regiert von Nieten, wir lassen uns das Lachen nicht verbieten“. 

Schloss Ettersburg ist immer eine Reise wert. Nachdem der Musenhof Anna Amalias nach wechselvoller Geschichte – Schaffensort der Dichter und Denker von Goethe und Schiller bis Friedrich Hebbel, Reformgymnasium, Offiziersschule, Bildungsstätte der DDR-Justiz, schließlich Altersheim Ende der 70er Jahre – dem Verfall preisgegeben wurde, auferstand er dank der Bürgerinitiative „Kuratorium Schloss Ettersburg“, die vom legendären Kirchenretter Wulf Bennert mitgegründet wurde, und des Bildungswerkes Bau Hessen-Thüringen aus Ruinen und ist heute wieder ein besonderer Ort.

Das ist nicht nur der herrlichen barocken Anlage und dem wunderbaren Schlosspark mit dem „Pücklerschlag“, initiiert vom berühmten Fürsten zu verdanken, sondern dem außerordentlich interessanten Programm, das die Ettersburg-Stiftung anbietet. Für letzteres ist Dr. Peter Krause zuständig, dessen Ernennung zum Direktor des Ettersburger Schlosses sich als Glücksfall erwies. Ihm ist es zu verdanken, dass die besten Schauspieler, Musiker und Autoren gern nach Ettersburg kommen. Wegen der interessanten Veranstaltungen reist das Publikum nicht nur aus der Nachbarschaft, sondern auch aus Leipzig, Berlin und Frankfurt am Main an.

Anfang Mai war Harald Martenstein zu Gast. Zum fünften Mal, wie er dem Publikum mitteilte. Damit hätte er sich eine Bronzemedaille verdient. Gold bekäme er dann nach dem 25. Mal. Von da an waren die Zuhörer, die den Gewehrsaal bis auf den letzten Platz füllten, auf einen heiteren Abend eingestimmt. Dabei ging es unter dem launigen Titel: „Es wird Nacht Señorita“ um die ernsten Probleme unserer von Humorlosigkeit und Intoleranz geprägten Zeit. Das Gespräch mit Martenstein führte Bernd Hiller, zuletzt aus nichtigen Gründen geschasster Chefredakteur der Thüringer Landeszeitung, seitdem weiterbezahlter Freischaffender.

Schon die Eingangsfrage Hillers legte den Finger auf die Zeitgeist-Wunde: Wieso Martenstein trotz seiner aufmüpfigen Kolumnen, deren eine, die vom Tagesspiegel zensiert wurde, Martenstein mit seinem Stammblatt brechen ließen, immer noch in den „Qualitätsmedien“ präsent sein könnte? Martenstein antwortete, dass er als Anfänger heute keinerlei Chancen hätte, seine Kolumnen zu veröffentlichen. Aber er sei eben schon sehr lange dabei.

Nie als Opfer, sondern mit beneidenswertem Witz

Tatsächlich ist der Mann eine Instanz, deren Ruf nicht so leicht zu erschüttern ist. Vor allem inszeniert er sich nie als Opfer, sondern pariert Angriffe mit beneidenswertem Witz. Das entmachtet seine Gegner. In der Ankündigung der Veranstaltung wurde seine Angstfreiheit hervorgehoben. Das ist nicht falsch, aber seine stärkste Seite ist sein Humor. Wie er es gefunden hätte, als Mario Barth für Zeit-Leser bezeichnet worden zu sein? Phantastisch war die Antwort, allerdings wäre die Zeit dem Vorschlag, sein Honorar auf Barth-Niveau anzuheben, leider nicht gefolgt. Den Anwurf (Bild) Wagner für Bildungsbürger zu sein, lässt er zum Glück für Wagner unkommentiert. 

Nach einer halben Stunde Gespräch, das trotz der ernsten Themen immer wieder vom befreienden Lachen der Zuhörer aufgelockert wurde, schob Martenstein eine Lesung aus seiner nächsten, im Herbst erscheinenden Kolumnensammlung ein. Ob es um die beim Zähneputzen auf einem Bein stehende und zahlreiche Pillen schluckende Nina Ruge ging, den auch im Privatgespräch außerhalb der Hörweite anderer Personen verbissen gendernden Theaterregisseur, oder den von schwärzestem Humor geprägten Vorschlag für Karrierefrauen, ihre Kinder bis zum Erreichen des Pensionsalters immer wieder einzufrieren, nachdem man „quality time“ mit ihnen verbracht hat – der Gewehrsaal dröhnte vor Lachen. Mir fiel dazu ein Satz ein, den ich im vergangenen Sommer bei den Thüringer Schlossfestspielen auf der Bühne gehört hatte: „Und sind wir auch regiert von Nieten, wir lassen uns das Lachen nicht verbieten“. 

Im Herbst kauft jeder, der diesen Abend erlebt hat, das neue Buch von Martenstein, da bin ich sicher. Solange es alte weiße Männer wie ihn gibt, ist Deutschland nicht verloren.

Vera Lengsfeldgeboren 1952 in Thüringen ist eine Politikerin und Publizistin. Sie war Bürgerrechtlerin und Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Von 1990 bis 2005 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages zunächst bis 1996 für Bündnis 90/Die Grünen, ab 1996 für die CDU. Seitdem betätigt sie sich als freischaffende Autorin. 2008 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.

Foto: Imago

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Elena Georgi / 12.05.2024

@Volker Kleinophorst: Völlig richtig. Satanischer Okkultismus mit Ritualmord auf der Bühne (Irland), Gay-Sex-Choreografie mit ziemlich offensichtlichen Simulationen (UK), ein nackter Hintern (Finnland), Männer in Stringcorsage aus Lack (Spanien), biologische Männer als Frau verkleidet (Schweiz, Australien)...das ist kein zufälliges Festival von bekloppten Freaks, das ist eine Agenda, weltweit ausgestrahlt mit höchsten Einschaltquoten.

Thomas Szabó / 12.05.2024

Wikipedia: Als Hauptargument gegen Harald Martenstein wird zu Felde geführt, dass er ein “alter weißer Mann” ist. Heiko Werning, Stefan Niggemeier werfen ihm seine Hautfarbe vor. Ich denke das sagt alles über den geistigen Zustand der intellektuellen Elite Deutschlands.

Enthor Grundbacken / 12.05.2024

Herr Martenstein ist ein seriöser Mensch. Und ein sehr guter Journalist gleich dazu. Was soll ich sagen? Er ist eben ein ‚alter weißer Mann‘.

Michael Anton / 12.05.2024

Martenstein trifft oft auf ungewöhnliche Art ins Schwarze. Im Februar 22 ist seine Kolumne gelöscht worden, worin er sich zu Maßnahmenkritikern äußert und in welcher Weise das Tragen von Judensternen auf Demos zu bewerten ist. Ein heikler Punkt. Herr Martenstein hob hervor, daß an dem Vorfall nichts ästhetisch ist, leider ist die Kolumne nicht zugänglich, die auch zum Zerwürfnis mit dem Tagesspiegel führte. Coronamaßnahmen geschichtlich einordnen ist ein schweres Unterfangen. Ausgelöst von XI, der 54 Millionen in den sofortigen Lockdown schickte und nach und nach etliche Länder sich in ein militärisch straffes WHO inspiriertes Regiment verwickelten, wobei deutsche Politiker sich täglich überboten, Vorschriften für Kritiker vorzuschlagen, ja selbst ihnen das Einkaufen verbieten wollten, so sie der segensreichen, nebenwirkungsfreien Spritze entsagten. Am selben Tag wurde weltweit von einer Pandemie der Ungeimpften geprochen, ein beispielloser Fall von Impf-Apartheid. Die Opferanmaßung auszusprechen, die pietätlos gegenüber Überlebenden der Nazibarbarei ist, war durchaus geboten, aber sich allgemein auf Geschmacklosigkeit zu berufen, ist ein zu stark erweiterungsfähiger Tatbestand und damit ist die Sache nicht gegessen. Wer solche Überlegungen abwürgt, will bloß Deutungshoheit aufrechterhalten. Hier hat sich nicht Habermasens Zwang des besseren Arguments durchgesetzt, sondern die Coronasache hat weithin das Potential, Positionen über den Haufen zu werfen, die Jahrzehnte als festgezurrt galten. Der Staat hat sich über eine Allgemeinverfügung Rechte angeheischt, die sämtlich Elemente totalitärer Herrschaft entsprachen und hat etwa gemeinsames Singen mit 500€ Ordnungsgeld belegt. Für die Gründung von Hans und Sophie Scholl Liedertafeln hatte der Gesetzgeber noch kein Ordnungsgeld festgesetzt, es wäre wohl von der Tiefe der Schuld her zu einem unbezahlbaren Ereignis geworden.

Rolf Lindner / 12.05.2024

Brilliant, wie immer, doch es kommt noch schlimmer. Zeichen sich mehren, die Idioten sich wehren mit Händen und Füßen, die Macht einzubüßen. Wollen mit Gewalt den Machterhalt. Der Widerstand wächst, kennen nicht den Text aus der heiligen Schrift, der heut’ noch zutrifft: MENE MENE TEKEL UPHARSIN.

Gabriele Klein / 12.05.2024

Vielen Dank f. Hinweis. Hab mir die kurzen audio clips auf Radioeins zum Thema Gaza angehört. Besser kann man das nicht auf den Punkt bringen.

Bernd Oberegger / 12.05.2024

Schon Helmut Kohl sagte, bezugnehmend auf Regierungen und Parteien, entscheidend ist, was hinten rauskommt.

j. heini / 12.05.2024

wurde seien Angstfreiheit: Geschrieben mit zu heißer Feder?

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