Tamara Wernli (Archiv) / 04.09.2017 / 11:12 / 10 / Seite ausdrucken

Extrawürste für Schneeflocken

Bitte lehnen Sie sich zurück und lassen Sie wenn nötig ein Schmunzeln zu – aus der Reihe "Absurditäten: Genration Schneeflocke" habe ich wieder einmal ein paar Blüten herausgefiltert. Gemäss dem ehemaligen Oxford-Absolventen und Historiker Dominic Sandbrook wenden übersensible Studenten heute eine neue Praktik an, um sich vor den schlimmen Dingen dieser Welt zu schützen: Sie verlangen nach Spezialbehandlungen.

Zu den skurrilsten seiner Beispiele zählte eine ehemalige Jusstudentin. Sie verklagte die Oxford Universität wegen "Verlust von Einkommen", weil die Universität ihr trotz ihrer "chronischen Angst" eine Spezialbehandlung verweigerte – die junge Dame wollte die Prüfung mit einem Laptop in einem privaten Raum und ablegen. Die Ablehnung habe sie zu einer einjährigen Ausbildungspause genötigt und führte so zum Verlust eines Jahreseinkommens.

Weil sie an "Angst und Depression" leide und "eine wirklich langsame Leserin" sei, wünschte eine ehemalige Studentin des Balliol College in Oxford verlängerte Deadlines. Das College weigerte sich, sie verliess es später. Studenten des Pembroke College in Cambridge verlangten eine Umstellung des Mensa-Menüplans, da Gerichte wie Jamaican Stew oder Tunisian Rice "rassistische Mikroaggressionen" seien.

In Oxford störten sich Studenten an einer kleinen Statue des ehemaligen Politikers und Oxford-Mäzen Cecil Rhodes. Sie formierten sich in einer Protestbewegung um das Denkmal herunterzureissen. Dass die Statue, wie Sandbrook in seinem Daily Mail-Artikel schreibt, hoch über einer Strasse stand, wo sie kaum jemand sehen konnte und ihre Präsenz für Bewohner von Oxford überhaupt keinen Unterschied machte, spielte für die aufgebrachten 20-jährigen keine Rolle. Laut dem Historiker ging es ihnen auch gar nicht um die Bewohner, sondern nur um sich selbst: "Einfach die Strasse entlang zu gehen, in einer der privilegiertesten Bildungsanstalten der Welt, war offenbar genug, um sie zu Tränen zu rühren."

Dieser laut Sandbrook "sehr giftige Narzissmus" kommt bekannterweise aus den USA, konkret aus universitären linksliberalen Kreisen. Kein Wunder also, sind sie dort empörungsmässig (bislang noch) weiter geschult als in Europa: Weil Bücher wie "The Great Gatsby" oder Shakespeare's "The Merchant of Venice" teilweise "anstössig und beleidigend" seien, forderten Studenten für diese literarischen Werke Trigger Warnings (Warnhinweise).

Schwere Zeiten für weisse, männliche, heterosexuelle Professoren

In Yale veranstalteten Hochschüler 2015 eine regelrechte Hexenjagd auf einen Professor, weil er ihre "verletzten Gefühle" angesichts der "beleidigenden Halloween-Kostüme" nicht ernst genommen habe. Als Professor Nicholas Christakis, der bis zu dem Eklat zu den renommiertesten Dozenten in Yale gehörte und als Wissenschaftler und Bestseller-Autor globales Ansehen geniesst, der entrüsteten Gruppe seine Sicht erklären wollte, kreischte eine Studentin unter Tränen: "Warum zum Teufel hast du diesen Job nur angenommen? Du solltest zurücktreten!" Es ginge nicht darum, eine intellektuelle Umgebung auf dem Campus zu schaffen. "Es geht darum, hier ein Zuhause zu schaffen!" Eine andere Studentin schrie: "Wir sterben hier!"

Eigentlich könnte man diese übersensitiven Kinder einfach belächeln, die an ihren Elite-Unis alle Vorzüge dieser Welt auf ihrer Seite haben und dennoch in selbstmitleidiger Empörung schwelgen und die Polizei rufen wollen, wenn sie sich beleidigt fühlen (kein Scherz). Die zu privilegientrunken sind um zu merken, dass es gerade umgekehrt ist, dass es sie sind, die ihre Mitmenschen mobben. Nur haben sie eben Erfolg mit ihrer Masche der Dauerempörung.

Laut dem Zeit Online-Artikel "Die Debatten-Polizei" von 2016 ist Kritik an den Studentenprotesten innerhalb amerikanischer Universitäten mittlerweile weitgehend tabu: "Niemand will auf der Seite der Unterdrücker, der privilegierten Mehrheit stehen. Insbesondere weisse, männliche, heterosexuelle Professoren können es sich kaum mehr leisten, die Proteste offen zu kritisieren", schreibt der Autor, der anonym bleiben wollte. Professoren mit Festanstellung seien sich ihres Jobs zwar einigermassen sicher, Ziel einer Hexenjagd möchte dennoch niemand werden.

Die Schneeflocken sind die Behördenvorsteher von morgen

Natürlich gibt es auch die anderen Studenten. Jene, die eine Universität als Ort der geistigen Arbeit und der Herausforderung verstehen. Ihr Fokus ist das Lernen, und nicht das Fordern und Zelebrieren eines Lifestyles, der während der nächsten drei bis sechs Jahre möglichst cool und bequem zu sein hat. Angesichts der Vorkommnisse an den Elite-Unis scheint diese Gruppe jedoch zunehmend von der anderen eingeholt zu werden.

Ein Weltuntergang ist das nicht. Nur, die Schneeflocken-Studenten von heute sind vermutlich die Politiker und Behördenvorsteher von morgen (nicht die CEO's, dafür sind sie wohl nicht leistungsfähig genug). Sie werden dann Meinungen von Mitarbeitern, die nicht in ihre Weltsicht passen, diskreditieren. Sie werden an jeder Ecke Diskriminierung ausmachen, Rassismus, Sexismus auch. Und deshalb Safe Spaces so gross wie Kirchen bauen. Sie werden Leute einstellen aufgrund von Quoten und nicht aufgrund von Leistung und Verdienst. Sie werden das Opfersystem pflegen und weiterentwickeln. Sie werden es als Sieg der sozialen Gerechtigkeit über eine böse, patriarchalisch geprägte Gesellschaft zelebrieren.

Es gibt da dieses berühmte Zitat von Otto von Bismark, der für viele als einer der grössten Staatsmänner des 19. Jahrhunderts gilt. Von Bismark sprach damit zwar das Geld an, aber es lässt sich auch auf die Wertekultur der soeben beschriebenen Studentengeneration münzen:

"Die erste Generation verdient das Geld,

die zweite verwaltet das Vermögen,

die dritte studiert Kunstgeschichte

und die vierte verkommt vollends." (Übrigens: Nichts gegen Kunstgeschichte).

Schmunzeln Sie noch immer?

Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung. Tamara Wernli arbeitet als freiberufliche Moderatorin und als Kolumnistin. In ihrer Rubrik „Tamaras Welt“ schreibt sie wöchentlich über Gesellschaftsthemen. Folgen Sie ihren täglichen Wortmeldungen auch auf Twitter.  Ihre Kolumne gibt es  auch als Videobotschaft, man kann sie auf ihrem YouTube-Kanal abonnieren.

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Leserpost (10)
Marcel Seiler / 04.09.2017

Es ist gut, im Zeitalter der Frühdekadenz zu leben: die Vorfahren haben die harte Arbeit gemacht, darauf kann man sich ausruhen und in seinen Gelüsten schwelgen. (Die Spätdekadenz ist nicht mehr ganz so schön: dort stört dann der immer stärkere Fäulnisgeruch das sinnliche Erleben.) Die Schneeflöckchen aber (ein Anglizismus, früher hätte man Mimöschen gesagt), in der Frühdekadenz lebend, müssen sich und uns offenbar diesen angenehmen Zustand zerstören. Denn es passt nicht zusammen: Frühdekadenz *und* die Schuldgefühle einer protestantischen Arbeitsethik, Schuldgefühle, die entweder die Schneeflocken selbst haben oder mit denen sie ihre Umwelt manipulieren.

Thomas Nuszkowski / 04.09.2017

@Volker Kleinophorst: Das fällt mir auch immer wieder auf. Meiner Ansicht nach gibt es deswegen auch keine Matriarchate. Sie sind einfach nicht konkurrenzfähig. Vereinfacht gesagt: Wenn Frauen die Macht übernehmen, dann führt dies direkt in den Kindergarten.

Joe Haeusler / 04.09.2017

Es gibt sie auch hier. Angefangen von den taschengeldfinanzierten “welcome” -JublerInnenaus denn Vorstädten, deren “Einkommen” das einer alleinerziehenden Mutter in der schönen, neuen Hartz-IV-Minijob Welt übersteigt über die DieselallergikerInnen bis zu den steuerfinanzierten genderkorrekten “one-world”-Schaffen-Dasslers, kurz bei unseren postindustriellen Schöpfungskrönchen, mit ihrem Drittmittelfinanzierten Bäuchlein, die ihre Heile-Welt-Utopie in vollster Menschenliebe pflegen und mit Hyperventilation gegen das vermeintlich Pöhse agitieren. Und wenn der Schaum auf dem bestellten Latte-Macchiato nicht die richtige Konsistenz hat, das geht gar nicht.

C. J. Schwede / 04.09.2017

Finde das Verhalten der Generation Schneeflocke einfach nur erschreckend.

Peter Oblomov / 04.09.2017

Die Folgen der vom Feminismus erfolgreich durchgeführten, weitestgehenden Abschaffung des Patriarchats in den westlichen Gesellschaften. Hier ist etwas dramatisch gekippt. Immer öfter in letzter Zeit kommt mir Grönemeyers unendlich naives “Kinder an die Macht” in den Sinn.

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