Quentin Quencher / 30.11.2017 / 06:02 / Foto: Altas Green / 12 / Seite ausdrucken

Ein Migrant kommt selten allein – ein Erfahrungs-Bericht

Es war kein Zufall dass ich in Stuttgart landete, obwohl ich zu dieser Stadt keinerlei Bezug hatte. 1983 war das, als ich per Ausreiseantrag mit meiner damaligen Familie die DDR verlassen konnte. Zwei Freunde von mir, aus unserer Oppositionellengruppe, welche wiederum hauptsächlich aus der Jungen Gemeinde meines Jahrgangs hervorging, hatten schon vor uns die Zone verlassen und lebten hier. Allerdings war der Weg in den Südwesten nicht so selbstverständlich, die erste Option war der Niederrhein, eine nette Stadt Namens Kevelaer, auch als Wallfahrtsort bekannt, stand oben an.

Eine Patentante von mir war hier zu Hause, eigentlich war sie eine Cousine meiner Mutter und in dem gleichen schlesischen Städtchen wie sie geboren. Sie hatte schon eine Wohnung für mich und meine Familie besorgt, viel besser hätte der Neubeginn eigentlich kaum sein können.

Dennoch entschieden wir uns für Stuttgart, gingen den Weg über das Notaufnahmelager in Gießen, danach die Landesaufnahmestelle in Rastatt, um dann in einer Wohnunterkunft für Flüchtlinge in Ostfildern zu landen. Dort teilten wir, also meine damalige Frau, ich und drei Kinder (zwei Jungs, vier und drei Jahre alt, sowie eine einjährige Tochter), eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit einer deutschstämmigen Familie aus Rumänien.

Dabei hatte sich meine Patentante alle Mühe gegeben, uns ihre Heimat schmackhaft zu machen. Führte uns zum Römerkastell nach Xanten, oder einer Burg in Kleve, irgendwo da las ich auf einem Hinweisschild etwas über D’Alembert und Diderot, woraufhin ich die Tante mit einem Monolog über die Enzyklopädisten nervte.

Die Kumpels waren schon in Stuttgart

Ernsthaft kamen nur diese beiden Orte in Betracht, Niederrhein und Großraum Stuttgart, um im Westen sesshaft zu werden. Freilich hatten wir Informationen über viele Städte im ganzen Land, dennoch kamen diese nicht in die engere Wahl. Warum? Ganz einfach, bei den Bevorzugten gab es Kontakte, denen ich vertraute, Informationen aus erster Hand und Menschen, von denen ich annahm, dass sie meine Empfindungen in der neuen Umgebung verstehen.

Stuttgart wurde es dann, weil die Kumpels schon hier waren und sie uns näher standen als die Tante. Wir konnten von ihren Erfahrungen profitieren, sie kannten die entscheidenden Unterschiede und konnten uns vor Fettnäpfchen warnen, oder Schlimmerem.

Es waren also die Menschen, denen wir folgten, sie waren für uns so was wie Frontiers, also Personen, die sich in zwei Kulturkreisen auskannten, sie sind sozusagen die Einwanderer der ersten Generation. Diese Personen wirken immer wie Magnete auf andere Menschen, solchen, die sich der Überlegung hingeben ihr persönlich örtlich gebundenes Leben zu verändern. Ob der Anlass dieser Veränderung eine Flucht ist oder nur der Wunsch nach Verbesserung der Lebenssituation, spielt dabei keine große Rolle.

"Frontier" als globales Phänomen

Natürlich denken wir beim Begriff "Frontier" sofort an die Besiedlung Nordamerikas, an die Trapper und Siedler, die den Westen des Kontinents erschlossen. Das faszinierende an dieser vor allem von Frederick Jackson Turner entwickelten These ist, dass nicht staatliches Handeln oder ein großer Plan für die Erschließung von Räumen und Ressorcen notwendig sind, sondern diese Vorgänge völlig unideologisch mit den Befindlichkeiten und Wünschen von Individuen erklärt werden können und praktisch immer und überall geschehen. Der Historiker Jürgen Osterhammel widmet seinem Werk "Die Verwandlung der Welt" ein ganzes Kapitel (100 Seiten) dem Begriff Frontier und beschreibt dies als globales Phänomen.

Als Frontier können sowohl ein Raum, ein geographisches Gebiet, als auch Personen bezeichnet werden, die sich, beispielsweise in Form von Siedlungskolonisation, in dem Gebiet niederlassen. Dabei eröffnen sie die Räume für weitere Einwanderer, eine Gemeinschaft entsteht, die allerdings immer mehr der gleicht, aus der die Einwanderer kommen.

Waren im 18. und 19. Jahrhundert vor allem nomadische Völker einer Veränderung ihrer Welt durch die Frontiers ausgesetzt, so spielt das heute kaum noch eine Rolle, Nomaden gibt es nicht mehr viele. Dennoch darf die Rolle des ersten Einwanderers, der eigentlich auch ein Frontier ist, bei der Betrachtung von heutigen Migrationsbewegungen nicht vernachlässigt werden. Er ist es, der Räume für die Nachfolgenden öffnet, ihm folgen weitere. So, wie ich meinen Kumpels gefolgt bin.

Heute sind die Räume für die Frontiers nicht mehr die Wildnis, oder was so bezeichnet wurde, sondern Städte, jene Räume des modernen Nomadentums. Auch Jürgen Osterhammel weist auf die Gemeinsamkeit der Räume von Frontiers und Städten hin:

„Menschen strömen in die Stadt und an die Grenze. Beide, Stadt wie Frontier, haben auch auch etwas gemeinsam: Sie sind Wanderungsmagneten des 19. Jahrhunderts. Als die Räume erträumter Möglichkeiten ziehen sie Migranten an wie nichts sonst in der Epoche. Gemeinsam ist der Stadt wie der Grenze die Durchlässigkeit und Formbarkeit der sozialen Verhältnisse.“

An diesem Punkt angekommen, muss ich mich korrigieren. Für mich mögen meine Kumpels oder die Tante wie Frontiers vorgekommen sein, Menschen, die sich in zwei Welten auskannten, sie unterscheiden sich aber sehr von den richtigen Frontiers, da ihnen die Formbarkeit von sozialen Verhältnissen keineswegs ein Anliegen war. Auch uns nicht, im Gegenteil, die Verhältnisse wollten wir keineswegs ändern oder anpassen, nur davon profitieren. Nach nur ganz kurzer Zeit, waren die Einwanderer aus der DDR im Westen bestenfalls noch durch den Dialekt von der einheimischen Bevölkerung zu unterscheiden.

"Auch mir folgten Menschen nach, mein Bruder, meine Schwester..."

Dass ich dennoch an diesem Begriff für die ersten Einwanderer einer Gruppe fest halte, ist der magnetischen Wirkung auf weitere Einwanderer geschuldet. Auch ich entwickelte diese Wirkung, mir folgten ebenso Menschen nach: Mein Bruder, meine Schwester mit ihrer Familie und ein paar Freunde. Sie alle leben nun im Großraum Stuttgart.

Wir allerdings sind, wie die Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem Krieg, in der Bevölkerung aufgegangen und haben keine eigenständige Gemeinschaften mit einem inneren Zusammenhalt gebildet, wie das bei den richtigen Frontiers geschieht, die geradezu auf diesen Zusammenhalt in ihrer Gruppe angewiesen sind, wollen sie nicht die eigene Identität verlieren. Trifft dann diese Frontiergemeinschaft auf eine Gesellschaft, die sich durch eine besondere soziale Formbarkeit auszeichnet, dann steht der Inanspruchnahme des politischen, sozialen und auch des geographischen Raumes nichts mehr im Wege.

„Aus der Sicht derer, auf die sich die Frontier zubewegt,“ schreibt Osterhammel, „ist sie die Speerspitze einer Invasion. Danach wird weniges so sein wie es einmal war.“

Er schreibt dies als Historiker über das 19. Jahrhundert und die damaligen Migrationsbewegungen, aber haben sich die Menschen seither wirklich so grundlegend geändert, dass ihre Bedürfnisse, ihre Antriebe und ihre Wesensart gänzlich anders dargestellt werden müssten? Zumindest was die Magnetwirkung von Frontiers betrifft, so darf ich diese Frage nach meinen eigenen Erfahrungen verneinen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Quentin Quenchers Blog "Glitzerwasser" hier.

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Leserpost (12)
Ralf Reske / 30.11.2017

Guter Ansatz, dürre Schlussfolgerung. Was hier in Europa passiert, ist das planmässige Einsickern in eine rechtstabile, relative pekuniär- abgesicherte Gesellschaft zum Zwecke des Abgreifens. Ich bin heidenfroh, vor Jahren die Chance genutzt zu haben. in der Republik Irland 30.000 qm erworben zu haben und diese Fläche auf einer Insel an meinen Urenkel (3J) überschrieben zu haben. Er wird mir (71) sicherlich dankbar sein. Hoffe ich doch.

Christoph Kaiser / 30.11.2017

Und dann ist da noch die Sprache….......

Martin Lederer / 30.11.2017

Deshalb wollen die osteuropäischen Staaten eben gar keine “Flüchtlinge” aus bestimmten Gegenden haben. Weil dann zwangsläufig immer mehr davon kommen.

Toni Keller / 30.11.2017

Guter Beitrag, aber dennoch stimmt er nicht so ganz. Selbst die Flüchtlinge, nach dem 2. WK bildeten lange ihre eigene Gemeinschaft, Ich weiß nicht wie oft ich mir haben anhören müssen, “Die Heimat, die Heimat, ach die bösen Kommunisten” Aufgehört hat das eigentlich erst mit dem Zusammenbruch des Kommunismus, als man in die geliebte, über alles gelobte Heimat, die man nie und nimmer nur um des schnödens Mammons willen verlassen hat, nein das nicht… als man also in selbige Heimat locker hätte zurückkehren können. Nur dass die damaligen Heimatvertriebenen und Spätaussiedler eine verwandte, ähnliche Kultur mitbrachten, und einfach lange nicht zurück konnten, sorgte dafür, dass sich spätestens die zweite Generation als Deutsche und nicht als Schlesier, Pommern, Siebenbürger Sachsen, verstand.

Dieter Franke / 30.11.2017

Vor mehr als 40 Jahren bereits sprach mein im Schuldienst tätiger Vater angesichts der türkischen Gastarbeiter und ihres Familiennachzuges von einer “stillen Landnahme”. Diese Worte durften aber schon damals nur im engsten privaten Zirkel geäußert werden-zu groß war die Gefahr der Sanktionierung. Was würde er heute angesichts der islamischen Invasion sagen?

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