Ahmet Refii Dener, Gastautor / 27.09.2020 / 16:00 / Foto: ARD / 6 / Seite ausdrucken

Wehrdienst im Schnelldurchlauf

Die Geschäfte liefen bombig. Ich zählte das Who’s Who der deutschen Wirtschaft zu meinen Auftraggebern. 1992 und 1993 waren die besten Jahre meines Berufslebens, was die Konstellation der Auftraggeber und Umsätze anging. Irgendwie hatte ich das Gefühl, unbesiegbar zu sein. Ich benötigte für ein Exportgeschäft in die Türkei eine beglaubigte Übersetzung und ging im Dezember 1993 zum türkischen Generalkonsulat in Köln. Ich wartete darauf, dass sie meinen Namen aufriefen. Am Schalter, als ich das Dokument abholen wollte, sagte die Stimme von der anderen Seite der Wand: „Ahmet Bey, ich glaube, wir hatten hier eine Zustellungsurkunde für Sie, warten Sie mal bitte!“

Ich werde sonst schon unruhig, wenn der Briefträger mich nicht erreicht und einen Abholschein für ein Paket oder ein Einschreiben zurücklässt. So reichten für mich auch diese kurzen Minuten, um knallrot zu werden. Was könnte es sein? Dann wurde mir ein bräunlicher Umschlag weitergereicht. „Bitte bestätigen Sie hier den Erhalt!“ Nun galt es zu erfahren, was drinstand. Das Schreiben kam vom türkischen Militär. Der Inhalt war ein Schock: Würde ich bis zum 15. Dezember nicht zum Wehrdienst antreten, würde ich als Fahnenflüchtiger gelten.

Damals konnte man gegen eine Zahlung von 10.000 DM 16 Monate vom 18-monatigen Wehrdienst streichen lassen. Dann musste man „nur“ zwei Monate hin. Ich war gerade voll im Geschäft, alles lief gut, wie sollte ich jetzt zwei Monate weggehen? Was blieb anderes übrig. Es war die letzte Aufforderung, denn ich hatte den Wehrdienst per Attest schon mehrmals verschoben. Mittlerweile muss man gar nicht mehr hin. Man kann sich für viel weniger Geld ganz frei kaufen. Es war bereits der 12. Dezember. Also hatte ich noch knappe drei Tage Zeit. Wie konnte das passieren?

Jetzt war ich doch noch dran!

Es fing schon mit etwa 18 oder 19 Jahren an, dass ich mich als Student bei der Botschaft zurückstellen ließ. Eigentlich habe ich von dort bis heute keinen Bescheid erhalten. Es sind ja gerade mal 40 Jahre vergangen, der kann sicher noch kommen. Als ich mit der Uni fertig war und immer noch nichts gehört hatte, habe ich mich als Arbeitnehmer zurückstellen lassen. Das ging nur, wenn man sich von zwei Ärzten einen Makel bescheinigen ließ, der als ausschlaggebender Grund herhalten könnte. Leider kannte meine Mutter nur Frauenärzte, und so ließ ich meine Bescheinigung von zwei Frauenärzten attestieren. Wie schön, dass darauf kaum jemand achtete.

Sie hätten mich wahlweise sofort einberufen oder aber als Frau freistellen können. Irgendwann muss etwas falsch gelaufen sein auf der türkischen Seite. Jetzt war ich doch noch dran! Ich legte kein typisch türkisches Verhalten an den Tag, als ich mit den Konsulatsangehörigen schimpfte. Ich rege mich eigentlich nie auf, sondern koche nur innerlich und belasse es dabei. Ich musste sofort die 10.000 DM einzahlen und den Beleg bei der zuständigen Stelle im Konsulat vorlegen. Nur dann würden sie mir die Papiere aushändigen, die ich benötigte, um den Dienst in Burdur anzutreten – dort, wo alle Auslandstürken, die diesen Betrag bezahlt hatten, ihren Wehrdienst ableisteten.

Ich hatte nur noch einen Tag, um alles zu erledigen. Ein Flugticket für zwei Tage später nach Antalya hatte ich schon geholt. Von dort aus ginge es mit dem Bus die 70 Kilometer nach Burdur. Einen Tag vor der Abreise stand ich vor der Filiale der türkischen Ziraat Bank in Köln. Ich glaube, ohne mich genau erinnern zu können, diese öffnete später als erwartet, also wollte ich den Betrag von einer anderen Bank aus überweisen. Ich schwenkte auf die Bank im Kölner Hauptbahnhof um. Ich kam sofort dran, legte den Zahlschein hin und reichte die 10.000 DM rüber. „Dann macht das 10.500 DM“, sagte der Bankangestellte. „Nein, nur Zehntausend!“, entgegnete ich. Als der Bankangestellte mir sagte, dass die 500 DM eine notwendige Gebühr darstellten, war ich kurz vorm Umkippen.

Die Verwirrung wurde komplett

„Sooo viel?“, fragte nun auch mein Bruder, der mich begleitet hatte. Ich wollte den Betrag wieder zurückhaben. Da sagte der Bankangestellte, dass dieser schon eingebucht wäre und nun nicht mehr zurückgegeben werden könne. Es war zu spät. Ich hob erneut Geld ab und zahlte die Gebühr. Mit dem Zahlschein fuhren wir dann sofort zum Konsulat und wollten die restlichen Formalitäten erledigen. Beim Konsulat, an der zuständigen Stelle angekommen, wartete der nächste Schock. „Sie haben zu viel bezahlt, das kann ich so nicht akzeptieren“, sagte der Beamte dort. Ich stellte die Situation richtig und sagte, dass die 500 DM eine Gebühr darstellten und nicht auf das angegebene Konto geflossen seien.

Jetzt war die Verwirrung komplett. Für den Beamten war ich ein Betrüger oder bestenfalls ein Geisteskranker, denn wer würde so viel Gebühr bezahlen, wenn doch überall sonst nur 10 DM Überweisungsgebühr verlangt wurden? Das Dokument müsste gefälscht sein. Er hielt es wie einen Geldschein gegen das Licht, als hätte der Überweisungsträger Wasserzeichen. Er sagte, dass er die Zahlung nur unter Vorbehalt akzeptieren würde. Wenn das Geld nicht einträfe, müsste ich unter Umständen meine 18 Monate Wehrdienst antreten.

Zurück in meinem Büro, instruierte ich meine Sekretärin, wem sie was sagen sollte, um die zwei Monate zu überbrücken. Schließlich traf ich meine Auftraggeber alle paar Wochen, manchmal sogar nur alle paar Monate. Also könnte ich die Abläufe auch von der Türkei aus überblicken und steuern. Anfangs klappte das auch gut. Ich sagte meiner Sekretärin, dass sie den Anrufern nur sagen solle, dass ich in der Türkei wäre, aber nicht erwähnen sollte, dass ich beim Militär war. Außerdem kannte ich einen Militär-Attaché bei einem der türkischen Konsulate, der für mich einen schnellen Abgang arrangieren konnte. Ich würde mich in Burdur bei der Kaserne anmelden, in voller Militärmontur einen Tag dort verbringen, meinen Pass dort lassen und ihn nach zwei Monaten mit Stempel, dass ich meinen Wehrdienst geleistet hätte, wieder abholen, wie das auch einige Andere taten. Die zwei Monate hätte ich dann gemütlich in Istanbul oder Antalya verbracht und könnte später erzählen, wie schwer es beim Militär gewesen war. (…)

Niemand machte so etwas freiwillig mit

An der Kaserne angekommen, erfuhr ich, dass man sich vom 12. bis zum 15. Dezember anmelden konnte. Ich kam also auf den letzten Drücker dort an, schließlich wollte ich, dank Vitamin B, nur einen Tag bleiben. Jedenfalls freute ich mich auf die zwei Monate in einer anderen Umgebung.

In der Kaserne waren gerade 400 Auslandstürken zusammengekommen. Das ist recht wenig gewesen und hatte folgenden Grund: Letztmalig würde man zwei Monate Wehrdienst ableisten müssen. Danach wurde die Wehrpflicht für diejenigen, die sich aus dem Ausland freikauften, auf einen Monat herabgesetzt werden. Inklusive Urlaub für den Soldaten wären das gerade mal 23 Tage gewesen. Klar, dass nur die da waren, die es, wie ich, aus irgendwelchen Gründen nicht vermeiden konnten. Niemand machte so etwas freiwillig mit. Obwohl es vielleicht auch genug Leute gab, die Krieg spielen wollten und darauf scharf waren, hier zu sein. Im Türkischen sagt man „Vatan borcu“, das heißt so viel wie „die Schuld am Staat begleichen“. Dem Staat schuldete ich eigentlich nichts, zumal dieser mir, außer im Wege zu stehen, auch nichts gab.

Die Stiefel waren wie aus Holz. Sie gaben überhaupt nicht nach. Als einer sagte, die würden weich werden, wenn man reinpinkelt, taten das manche Soldaten auch. Deshalb wunderte es mich dann später zu Zeiten von Erdoğan nicht mehr, als einige, weil der Prophet das wohl auch tat, Kamelurin tranken und im Krankenhaus landeten. Am Abend würde ich, wie mit dem Attaché vereinbart, die Fliege machen. Es wurde dunkler und die Spannung stieg. Wann würde mich jemand rufen und entlassen? Zuvor hielt der Kommandant eine Rede vor versammelter Mannschaft. „Der Freund des Türken ist nur der Türke“, sagte er. Ich wollte ihn mal in dem Glauben lassen, denn eigentlich hätte es heißen müssen: „Wenn zwei Türken zusammenkommen, stechen sie sich zumindest die Augen aus“.

Das mag krass klingen, aber die Türken vertrauen sich untereinander überhaupt nicht. Darauf ist das System aufgebaut und das ist einer der Gründe, warum das Land nicht weiterkommt oder nicht weiterkommen kann. Wo kein Vertrauen ist, kann nichts funktionieren. Das geht so weit, dass man vor dem Bankschalter steht und irgendetwas erledigen möchte und die Bankangestellte fordert: „Bringen Sie bitte eine beglaubigte Kopie von Ihrem Personalausweis oder eine Unterschriftsbeglaubigung.“ Eine sehr absurde Situation. Ich und mein Personalausweis sind anwesend, aber dennoch muss ich erst zum Notar.

„Du musst die zwei Monate hier bleiben“

Der Kommandant sprach ungefähr 20 Minuten. Ich überstand die Zeit, indem ich, wie es meine Art ist, die Menschen um mich herum beobachtete. Ich stellte mir vor, woher sie kamen, was sie beruflich machen würden. Dann trat ein Anderer auf das Podest und sagte, die 400 Männer sollten einen Sprecher unter sich wählen. Es wurde eine Wahlurne aufgestellt. Es gab so kleine Gruppierungen, in denen sich zwei bis vier der Männer vom zivilen Leben her kannten, sodass ich dachte, wer 20 Stimmen auf sich vereinigt, wird sicher Sprecher der Truppe werden. Am Ende aber schaffte es einer, 85 Stimmen auf sich zu vereinen und wurde unser Sprecher. Wenn auch nicht mein Sprecher, denn diese Idioten (liebevoll gemeint) hatten mich gewählt.

Einer der Offiziere fragte mich noch, wie ich es geschafft hätte, in fünf Stunden mit so vielen in Kontakt zu treten, dass sie mich wählten, wo doch alle 400 zur Wahl gestanden hätten. Dabei hatte ich mich völlig normal verhalten. Ich bin nun mal redselig. „Ich bin ein Geschichtenerzähler, anscheinend reichte die Zeit aus, um so viele zu erreichen“, sagte ich. Danach fragte man, ob ein Elektro-Ingenieur unter uns wäre. Vier bis fünf Männer meldeten sich. Einer von denen durfte also um 22 Uhr die Lichter ausschalten. Danach wurde nach einem Programmierer unter uns gefragt. Nur einer meldete sich, und zwar kein geringerer als einer der Chefprogrammierer der damaligen Nixdorf AG. Das Unternehmen war damals, bis zur Auflösung in den 90ern, einer der bedeutendsten und innovativsten Computerhersteller der Welt.

Er sollte es am Ende von uns allen am besten erwischt haben, denn der Kommandant war befreundet mit dem Geschäftsführer des Getränkeherstellers Royal Crown Cola. Das war damals, nach den bekannten Cola-Marken, die Nr. 3 in der Türkei. Er durfte immer draußen unterwegs sein, für diese Firma programmieren und die Freiheit genießen. Der Kommandant rief schließlich mich noch zu sich. Die Spannung kannte keine Grenzen, in mir brodelte es. So etwas wie Urlaub kannte ich nicht, aber jetzt würde ich zwei Monate am Stück in der Türkei verbringen. „Mein Junge, du bist zum Sprecher gewählt worden, ich kann dich leider nicht vorzeitig entlassen. Du musst die zwei Monate hier bleiben.“

Ich war schockiert, denn ich hatte die Variante, dass ich doch zwei Monate lang meinen Wehrdienst ableisten musste, nicht eingeplant.

30 Jahre alten Staub aus den Matratzen ausklopfen

Am zweiten Tag bei minus acht Grad Kälte keimte Hoffnung auf. Der Kommandant sagte, dass man für uns einen Monatsplan gemacht hätte, denn an diesem Tag würde im staatlichen Amtsblatt verkündet werden, dass der Militärdienst auf einen Monat herabgesetzt werden würde. Am Abend standen wir vor dem einzigen Fernseher, an einem der vier bis fünf Kohleöfen im Speisesaal und schauten gespannt die Nachrichten. Doch nichts passierte! Also ab ins Bett. Ich glaube, es waren die zwei Monate in meinem Leben, in denen ich mich auf mein Bett nicht freuen konnte. Die Betten waren voller Staub, sodass ich dem Kommandanten am dritten Tag vorschlug, diese zu säubern. Natürlich habe ich mein Anliegen so verpackt übermittelt, dass er sofort zusagte: „Die Kompanie möchte die Betten rausholen und klopfen, mein Kommandant.“

Das taten wir auch, nur konnte ich nicht verhindern, dass ich seitdem eine Stauballergie habe. Wir trugen alle Matratzen raus und schlugen darauf ein, sodass man aus 100 Kilometern Entfernung glauben konnte, dass Burdur brannte. Eine einzige Staubwolke verbreitete sich über uns. Ich glaube, dass wir erst aufhörten zu klopfen, als wir nicht mehr konnten. Es ist nicht einfach, 30 Jahre alten Staub aus den Matratzen auszuklopfen. Oben drauf kam noch der Spruch des Kommandanten: „Seid froh, überhaupt Matratzen zu haben, wir haben damals auf Stroh schlafen müssen.“ Ich könnte ein ganzes Buch über meine Militärzeit schreiben. Es war besonders grausam, weil es so unnötig war. Die meisten von uns wurden krank. Ich bekam sogar eine Lungenentzündung.

Als ich ins Lazarett ging und hoffte, für einige Tage ein Attest zu bekommen, wusste der Arzt es besser. Ich müsste Kreide geschluckt haben, damit ich Fieber bekomme. Dennoch gab er mir Aspirin. Ich kam mir vor, als ob ich brannte und musste wohl konstant 39 Grad Fieber gehabt haben. Ich bekam einige Tage Büro-Arbeit verordnet. Es war eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Ich musste die Befehle, die man in der Kompanie im Jahr 1982 gegeben hatte, noch einmal ins Reine schreiben. Satte zehn Jahre später. Die reinste Beschäftigungstherapie. Da wir uns gegenseitig ansteckten, war die ganze Kompanie irgendwann zu einem Lazarett geworden. Um der Kälte zu trotzen, hatten wir unter unseren Hemden einen Haufen Tageszeitungen. Die Heizung funktionierte nicht, denn die Rohre waren gefroren. Mit der Toilette und der Dusche war auch nichts anzufangen.

Ich, der ich mit den höchsten Reinheitsstandards aufgewachsen war, konnte erst nach zehn Tagen wieder duschen. Wir bekamen an den Wochenenden notgedrungen Ausgang und wurden mit Bussen nach Antalya verfrachtet. Mit fünfzig Prozent Soldatenermäßigung konnten wir uns in Fünf-Sterne-Hotels einquartieren. Von Minusgraden in die plus 20 Grad von Antalya zu kommen, war natürlich toll, nur ich blieb mit meiner noch unerkannten Lungenentzündung im Zimmer. Um zu schwitzen, stellte ich die Klimaanlage auf 30 Grad hoch, dennoch war ich bestimmt um einiges heißer. Ich wärmte mich auf, als hätte ich einen Wärmespeicher, der für die ganze Woche reichen würde. Nachts dann, dank der zusätzlichen Hitze über die Klimaanlage, war mein Fieber am Anschlag. Mir war klar, dass das fatale Folgen für mich haben könnte, würde ich es nicht rechtzeitig zum Arzt schaffen. Sofort nahm ich eine kalte Dusche, rief ein Taxi und wurde ins städtische Krankenhaus gefahren. Ich wurde abgehört, es wurde da und dort geklopft und dann stellte der Arzt die Diagnose: „Ich glaube, Sie haben eine schwere Lungenentzündung.“ Die Spritze, die ich verpasst bekam, half mir sehr. Mein Fieber sank rapide.

Ich glaube, die meiste Zeit marschierten wir im Schnee

Jede Rückfahrt zur Kaserne war eine Qual. Wir deckten uns mit reichlich Zeitungen als Futter gegen die Kälte ein. Dabei stellte ich fest, dass die Sabah, das heutige Propagandablatt des Herrn Erdoğan, am besten wärmt. Scheinbar reiben sich die Fake-Nachrichten so aneinander, dass sie Hitze erzeugen. An den Abenden schauten wir gespannt die Nachrichten. Wo blieb diese verdammte Nachricht zum Wehrdienst? Würden wir einen Monat ableisten müssen oder zwei? Es half nichts, der erste Monat war rum, aber es gab nichts Neues an der Wehrdienstfront. Am 24. Tag erfuhren wir, dass wir doch die kompletten zwei Monate dort bleiben müssten. Auch die, die wegen der Kriegsspiele und vor lauter Türkenstolz da waren, waren geknickt.

Übrigens haben wir nicht einmal eine echte Waffe in die Hand nehmen dürfen. Ab und an schoben wir vor uralten Panzern, denen die Ketten fehlten, mit Gewehren, die nicht mehr als eine bessere Attrappe abgaben, Wache. Nachts, als wir wegen der abgeschlossenen Toiletten aufs freie Feld mussten, fragte man uns in der Dunkelheit nach der Parole. Als ob wir den Panzern ohne Motor und Ketten etwas antun könnten. „Ich scheiße mir in die Hose, was für eine Parole?“, fragten wir jedes Mal. Ich denke, das war genau die richtige Parole, denn wir wurden durchgelassen. Ebenso praktisch wie ekelhaft war die Tatsache, dass wir in den Schlafräumen in voller Montur ins Bett gingen. Da die Heizungen in den zwei Monaten nicht einmal funktionierten, waren die Schlafräume trotz Furz und Eigenwärme nicht mehr als etwa 8 bis 13 Grad warm. Die Stiefel durften nicht mit in den Schlafsaal genommen werden. Diese standen vor der Tür und wurden von einem von uns jeweils für eine Stunde bewacht.

Ich glaube, die meiste Zeit marschierten wir im Schnee. Schlimmer waren die dran, die wegen der vielen Blasen an den Füßen mit Latschen marschierten. So nass, wie deren Socken waren, hätten sie auch barfuß marschieren können.

Die letzten drei Tage wurden noch unerträglicher. Es wurde nicht wärmer, und in die Freiheit wurden wir der Reihe nach chronologisch unseres Eintreffens in der Kaserne entlassen. Wer sich am 12. Dezember gemeldet hatte, durfte am 12. Februar gehen. Ich war als letzter eingetroffen und die Strafe war, dass ich zu den letzten 30 gehörte, die entlassen wurden. Aber dann war es vorbei. Mit vier Freunden nahm ich mir ein Taxi in das 70 Kilometer entfernte Antalya. Am Flughafen waren wir wieder unter Menschen und in der Zivilisation angekommen.

„So kann man sich also interessant machen“

Was mir die Militärdienstzeit gebracht hat? Ich habe dort viele Menschenstudien gemacht. Ich hatte eine Clique von zwölf Personen. Wir verstanden uns auf Anhieb. Wie sich später herausstellen sollte, kamen sieben davon gar nicht aus dem Ausland, sondern waren Söhne wohlhabender Familien aus der Türkei, die auch in der Türkei lebten. Die restlichen vier kamen aus den USA, Australien und Südafrika. Hier zeigte sich abermals, dass die meisten Türkeistämmigen aus Deutschland sich nur untereinander gut verstanden und kompatibel waren. Sie waren auch ein Paradebeispiel für Sparsamkeit. Aus Furcht, sie könnten in der Freizeit Geld ausgeben, blieben die meisten sogar in der Kaserne, während wir an den Wochenenden in Antalya waren. Einige der Deutschen waren mit ihren eigenen Autos gekommen. Der Parkplatz war von der Kaserne aus gut sichtbar, so nutzten sie jede freie Minute und ließen die Motoren der stehenden Fahrzeuge heulen.

Eine schöne Begebenheit gab es noch am Flughafen. Es war ein recht kalter Winter. Während wir in Antalya bei circa 20 Grad nichts davon spürten, konnten die Flugzeuge in Istanbul wegen Schnee und Eis nur unregelmäßig landen. Viele Flüge wurden gecancelt. Ich hatte fünf bis sechs Stunden Verspätung, aber das war mir egal. Ich war frei. Ich setzte mich im Flughafen Antalya an die Bar und bestellte mir ein Efes-Bier. Neben mich setzte sich eine Sängerin, aber nicht irgendeine Sängerin, sondern die zu der Zeit berühmteste Sängerin der Türkei. Sie bestellte Whisky. Und davon so viele, dass ich bei den 155 cm Körpergröße annehmen musste, dass sie jeden Moment überlaufen würde. Aber sie hatte wohl Übung darin.

Ich denke, während sie da an der Bar saß, dürfte sie so an die hundert Menschen umarmt und geküsst haben und umgekehrt. Die Fluggäste tuschelten hinter ihrem Rücken: „Ist das nicht die Sängerin?“ Wenn sie vor ihr standen, fragten sie: „Sind Sie es?“ Und sie sagte nur: „Ja, ich bin es!“ Schon ging der schwachsinnige Small Talk los. Viele Maschinen mussten zeitgleich abgeflogen sein, denn auf einmal herrschte Ruhe. Wir saßen fast Schulter an Schulter. Plötzlich fragte sie: „Kennen Sie mich?“ Ich reagierte umgehend: „Klar, kenne ich Sie. Warum fragen Sie?“ „Weil Sie die einzige Person sind, die mich nicht sieht.“ Im Nachhinein dachte ich mir: „So kann man sich also interessant machen.“ „Mir ist das alles zu unangenehm. Ich hätte mit Ihnen bis zum Abflug sicher kein einziges Wort gewechselt, wenn Sie nicht angefangen hätten.“ Danach waren es noch sehr angenehme drei Stunden bis zum Abflug. Sie ist heute noch einer der Top-Stars der türkischen Musikszene. Immer, wenn ich ihren Namen sehe, muss ich an eine leere Whisky-Flasche denken.

Fast wäre ein weiterer Kaltstart nötig geworden

In Istanbul angekommen, ging ich am nächsten Tag sofort zum Arzt und ließ ein Check-Up machen. Die gerade abgeklungene Lungenentzündung konnte man auf den Röntgenbildern sehen. Zum Glück habe ich in meinem Leben noch nie geraucht. Der Arzt sagte, dass ich als Raucher mit geminderter Lungenleistung die Lungenentzündung sicher anders erfahren hätte.

In Deutschland freute ich mich schon auf mein Büro. Ich glaubte, mit dem Wehrdienst das größte Hindernis, das man mir hätte in den Weg stellen können, hinter mir gelassen zu haben. Aber meine Sekretärin hatte mir eine Hiobsbotschaft mitzuteilen. Warum sie es getan hatte, wusste sie nicht, aber einem meiner Beratungskunden sagte sie im Gespräch: „Ihnen kann ich es ja sagen, Herr Dener ist beim Militär.“ Durch diesen einen Satz verlor ich meinen besten Zahler und nicht genug damit, da er auf Empfehlung bei mir gelandet war, gingen weitere drei Kunden mit ihm. Zwei von ihnen hatten auch schon ihre Anwälte aufs Feld geschickt. Nur weil sie zufrieden waren mit meiner Arbeit und ich erklären konnte, dass sie durch meine Abwesenheit in den betreffenden Projekten keinen Schaden genommen hätten, ging es weiter. Fast wäre ein weiterer Kaltstart nötig geworden.

Dies ist ein Auszug aus Ahmet Refii Deners neuem Buch „Kaltstart X – Wie oft kann man im Leben bei Null anfangen?“ – ein Buch zum Staunen.“ Hier bestellbar.

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Wie ich wegen einer Wette die Türkei verlassen musste

Der Mann, den sie den Adapter nannten

 

Dr. Ahmet Refii Dener (Dipl.-Kfm.) ist Unternehmensberater, Wirtschaftsexperte und Türkei-Analyst. Nach über 30 Jahren der erfolgreichen Tätigkeit für deutsche Unternehmen in der Türkei, wobei er die letzten 10 Jahren seinen Lebensmittelpunkt in der Türkei hatte, stieg er 2017 zum Dissidenten auf und ist wieder nach Deutschland zurückgekehrt und berät Unternehmen, Medien und Behörden in allen Fragen rund um die Türkei, aber auch bei sonstigen unternehmerischen Themen. Neben seinem Erfolgsblog www.go2tr.de, schreibt er in verschiedenen Medien und ist Kolumnist des Tagesspiegels. Eine gute Portion Humor und Ironie gehören bei ihm immer dazu.

Foto: ARD

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A.Lisboa / 27.09.2020

Ich wollte hier vieles zum Thema schreiben, habs dann aber wieder gelöscht…es hat ja eh keinen Sinn, weil nur byzantinisches Geschwätz rauskommt. Ich komme eben aus Portugal zurück, da kann man noch das alte Europa sehen, D ist ja längst ein unansehnliches Shithole wie die Levante. Erste muslimische Pioniere sind leider auch dort bereits auskundschaftend zu sehen. Die Eroberer teilen den Kuchen bereits unter sich auf, nur eine Seite merkt nichts davon, unsere. Europa hat fertig!

Martin Wessner / 27.09.2020

Schöne Geschichte, unterhaltsam und anregend erzählt. Danke dafür.

Matthias Schneider / 27.09.2020

Das sind schöne Geschichten. Sie erinnern mich an jene von Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossara und Kara Ben Nemsi.

Sirius Bellt / 27.09.2020

Sehr gut geschrieben. Danke Herr Dener.

Peter Oberem / 27.09.2020

Ist die Achse jetzt von Herrn Dener übernommen?

Peter Ackermann / 27.09.2020

Bescheidenheit ist nicht so Ihr‘s, Hr. Dener, oder?

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