Alex Feuerherdt (Archiv) / 13.05.2016 / 18:31 / 2 / Seite ausdrucken

Noch ein Gerücht: Ist Jakob Augstein ein Antisemit?

Lohnt es sich überhaupt noch, Jakob Augsteins Auslassungen kritisch zu würdigen? Hat er nicht bereits hinreichend unter Beweis gestellt, dass es gute Gründe dafür gibt, ihn des Antisemitismus und der Vorliebe für einen Sozialismus nationaler Prägung zu zeihen? Doch, das hat er – und trotzdem kann und sollte man jemanden mit seiner publizistischen Verbreitung, seiner ökonomischen Potenz und seinem politischen Einfluss nicht ignorieren.

Wie Augstein Woche für Woche in seiner Kolumne auf »Spiegel Online« sein Weltbild ausmärt, ist deshalb allemal der Rede wert, zumal er, einem stummen Zwang folgend, immer wieder Israel, die Juden, die USA, den Westen als vermeintlich Schuldige für alle Weltenübel ausfindig macht – auch und gerade, wenn es eigentlich gar nicht um sie geht. »Im Zweifel links« soll das sein, wenn man dem Kolumnentitel folgt, wobei Augstein selbst über alle Zweifel erhaben zu sein glaubt und nur Gewissheiten kennt.

Seinen jüngsten Beitrag hat der Publizist und Verleger »Gerüchte über Muslime« genannt – eine Anspielung auf Adorno, der in den »Minima Moralia« formulierte: »Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden.« Da aber »die Muslimfeindlichkeit in Deutschland den Antisemitismus längst als gefährlichsten Rassismus abgelöst« habe, wie Augstein glaubt, müsse es heute heißen: »Die Islamfeindlichkeit ist das Gerücht über den Muslim.«

Bereits hier offenbaren sich Augsteins grobe Defizite, denn der Antisemitismus ist keineswegs nur eine Form des Rassismus, »erst recht nicht bei Adorno und schon gar nicht im Nationalsozialismus«, wie Alexander Nabert in einem sehr lesenswerten Text für den Blog der Wochenzeitung »Jungle World« schreibt. »Die Nationalsozialisten sahen die Juden nicht als eine ›Rasse‹ unter vielen, sondern als ›Gegenrasse, das negative Prinzip als solches‹, wie Adorno mit seinem Kollegen Max Horkheimer in der ›Dialektik der Aufklärung‹ festhielt.«

Vom Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus  

Zwar verweigern sowohl der Rassist als auch der Antisemit den von ihnen definierten Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe an der eigenen Gesellschaft, zwar behauptet der eine wie der andere die Verschiedenwertigkeit von Menschen(gruppen) und die Höherwertigkeit des eigenen nationalen Kollektivs, zwar befürworten beide zur Durchsetzung ihrer Vorstellungen auch unmittelbare Gewalt und werden dabei gegebenenfalls selbst handgreiflich – auf eigene Faust wie auch im Mob.

Doch während der klassische Rassist meistens mit der staatlich organisierten Abschiebung, Versklavung und Kolonisierung seiner Hassobjekte – die er je nachdem für triebhaft, faul, schmutzig, hinterhältig, primitiv oder kriminell hält – ruhig zu stellen ist, geht es dem Antisemiten um nicht weniger als die Auslöschung seiner Feinde, der Juden. Um es mit Adorno und Horkheimer zu sagen: »Die Neger will man dort halten, wo sie hingehören, von den Juden aber soll die Erde gereinigt werden.«

Letztere nämlich hält der Antisemit für das Anti-Volk, das die Völker zersetzt. Er verdächtigt sie, im Verborgenen die Weltherrschaft zu planen, und macht sie für alles Übel dieser Welt verantwortlich: für Globalisierung und Egoismus, für Vereinzelung und die Zerstörung traditioneller sozialer Beziehungen, für die Macht der Banken und die Dominanz des Geldes, für Kosmopolitismus und Krieg. Kurz: Der Rassist konstruiert »Untermenschen«, denen er sich überlegen fühlt und die er dauerhaft aus den Augen geschafft haben und beherrschen will, der Antisemit wiederum sieht in den Juden so unsichtbare wie allgegenwärtige »Übermenschen«, deren von ihm selbst erfundene Allmacht letztlich nur durch eine möglichst vollständige Vernichtung zu brechen ist. Diese Vernichtung begreift er als Erlösung, als Rettung der Welt vor der Zerstörung durch Parasiten. Dass die Allmachtsfantasien, die der Antisemit den Juden unterstellt, seine eigenen sind, verweist auf die Projektionsleistung, die dem Judenhass zugrunde liegt und die Ausdruck einer schweren Persönlichkeitsdeformation ist.

Rassifizierung des Klassenstandpunkts 

Augstein wäre aber nicht Augstein, wenn er nicht auch noch selbst seine These, der Antisemitismus sei verglichen mit der Feindschaft gegen Muslime eine Quantité négligeable, widerlegen würde. Der Aufhänger für seinen neuesten Text ist die Bürgermeisterwahl in London, die der Labour-Kandidat Sadiq Khan gewonnen hat. Augstein gibt den Klassenkämpfer, wenn er hervorhebt, dass Khan ein »muslimischer Busfahrersohn« ist und sich »gegen einen Milliardärssohn durchgesetzt« hat, »der Goldsmith heißt«.

Gleichzeitig deutet er mit dieser Formulierung das altbekannte Stereotyp vom mächtigen reichen Juden mehr als nur an, denn natürlich weiß Augstein ganz genau, was die Leser assoziieren, wenn jemand »Goldsmith heißt« und einer vermögenden Familie angehört (ein Hinweis, der zudem verdeutlichen soll, dass er in seinem Leben niemals schuften musste wie das Arbeiterkind Khan). Der Klassenstandpunkt wird hier also gewissermaßen rassifiziert.

Damit nicht genug: Zur Verbreitung der Islamfeindlichkeit hat Augstein zufolge nicht zuletzt Khans Gegenkandidat beigetragen. Denn Zac Goldsmith habe Khan »in die Nähe von Antisemiten« gerückt, um die Wahl zu gewinnen – wie man das halt so macht, wenn man »aus einer jüdischen Familie stammt«, was Augstein gewiss nicht ohne Hintergedanken nun auch explizit erwähnt und nicht mehr nur raunt wie zu Beginn seiner Kolumne.

So hätten die Konservativen »ein schmutziges Spiel mit den Rassismen« gespielt. Etwas zugespitzt heißt das also: Ein Muslim aus ärmlichem proletarischen Hause ist nun Bürgermeister in London, obwohl ein stinkreicher rassistischer Jude, dem in seinem Leben alles in den Schoß gelegt wurde, das mit sinistren Tricks zu verhindern versucht hat. Wieder einmal ist Augstein in seinem Element und pflegt seine Obsession, die er gar nicht erst chiffriert, sondern lediglich antirassistisch und vulgärsozialistisch grundiert.

Nur am Rande sei erwähnt, dass Hitler für ihn bloß ein »großer Verführer« ist – ein glatter Freispruch für dessen breite Gefolgschaft, die bekanntlich keineswegs erst verführt werden musste –, dem er die Hörner abschlägt, um sie stattdessen Thilo Sarrazin aufzusetzen, wie Alexander Nabert richtig bemerkt. Nabert und Tilman Tarach weisen zudem zu Recht darauf hin, dass Augstein selbst vor der Manipulation von Zitaten seiner politischen Gegner nicht zurückschreckt.

Sadiq Khan hat derweil gezeigt, dass er im Gegensatz zu Augstein begriffen hat, dass der Antisemitismus keine zu vernachlässigende Petitesse ist: In einem Interview kritisierte er seinen eigenen Parteivorsitzenden dafür, den Judenhass in der Labour Party nicht klar benannt zu haben. Jakob Augstein, dem Ken Livingstone unter den deutschen Publizisten, würde so etwas vermutlich nie einfallen.

Zuerst erschienen auf https://www.fischundfleisch.com/ 

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Rudolf Gottfried / 13.05.2016

„Sadiq Khan hat derweil gezeigt, dass er im Gegensatz zu Augstein begriffen hat, dass der Antisemitismus keine zu vernachlässigende Petitesse ist“ Das hatte der gute Herr Khan erst dann so richtig „begriffen“, als es fast schon zu spät war, nämlich als Ken Livingstone aus der Partei flog. Bis dahin war er mit diesem und anderen antisemitisch konditionierten Labour-Politikern noch richtige dicke befreundet. Also ziemlich genau bis zwei Wochen vor der Wahl. Khan ist ein klassischer Wendehals, der es famous versteht zur richtigen Zeit am richtigen Ort das Richtige zu sagen. So tauchte er bis mindestens 2009 regelmäßig im Dunstkreis radikaler Islamisten auf und pathologische Israelhasser wie z.B. Ken Loach gehören bis heute zu seinem engesten Freundeskreis. Die Zeit wird somit erweisen, wie ernst es ihm wirklich ist mit der Bekämpfung des gerade unter britischen Muslimen enorm grassierenden Antisemitismus.

Julia Streich / 13.05.2016

Großartig, Herr Feuerherdt! Ich führe mir die Augstein-Kolumne von Zeit zu Zeit als Gymnastikübung zu Gemüte (Kopf-Hals-Gymnastik), und gerade der benannte Kolumnenbeitrag ist mir kürzlich unter die Augen gekommen. Schon beim ersten Lesen fiel mir auf, dass er gleich im ersten Absatz den Namen des Unterlegenen bei der Wahl so pseudo-bedeutungsschwanger erwähnt. In diesem Sinne: Danke! Für die erste, mir aufgefallene, deutliche Erwähnung des offensichtlichen Grundes!

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