Alain Pichard, Gastautor / 24.02.2017 / 06:00 / Foto: Herbert Ponting / 5 / Seite ausdrucken

Die Nöte der Lehrer: Nieten oder Helden des Alltags?

Von Alain Pichard.

Erfahrungen aus der Schweiz, die auch deutschen Lehrern nicht ganz unbekannt sein dürften.

Es geschah während einer Stadtführung in La Chaux de Fonds. Die Führerin mühte sich redlich ab, den Anwesenden die phänomenale Städtestruktur der Uhrenmetropole im Jura zu erklären. Etwa die Hälfte der 20 SchülerInnen hörte interessiert zu oder tat wenigstens so, andere liessen ihre Augen auf die vielen Uhren schweifen, die ihnen anzeigten, dass die Führung noch über eine halbe Stunde dauern sollte. Zwei Mädchen hörten nicht zu, sie redeten miteinander, zwei andere lachten laut, weil sie bemerkten, dass einer ihrer Kollegen plötzlich nicht mehr anwesend war.

Eine von Ihnen griff zum Hörer, um den Vermissten aufzuspüren. Lautes „Aha“, Wegerklärungen, saloppe Sprüche und ein Gekichere waren die Folge. Die Städteführerin musste dies bemerken, fuhr aber tapfer weiter. Der Klassenlehrer blickte zurück, verzog aber keine Miene. Am Schluss sollten die vier Mädchen nach einem freien Ausgang sagen, dass es eine doofe Stadt gewesen sei. Man habe einen Coiffeursalon gesucht, nicht einmal das gäbe es an diesem komischen Ort. Und eine meinte, Stadtführungen interessierten sie eh nicht.

Man könnte dieses Ereignis abbuchen unter dem beliebten Thema der ach so unmotivierten heutigen Schülergeneration. Die Krux ist allerdings, dass es sich bei dieser Gruppe nicht um eine Oberstufenklasse mit einem peinlich berührten Klassenlehrer handelte, sondern um einen Kollegiumsausflug. Die vier SchülerInnen waren allesamt Lehrkräfte, darunter eine Geschichtslehrerin, der Klassenlehrer war der Schulleiter.

Lehrkräfte stehen immer kritisch im öffentlichen Fokus

Es ist bekannt: Die SchulmeisterInnen des Landes können sich ab und zu an Fortbildungsanlässen, Konferenzen oder Seminarien genauso verhalten wie unmotivierte Schulklassen. Sie kommen zu spät in den Kurs, sprechen mit dem Tischnachbarn, fallen einander ins Wort, tippen auf dem Handy herum, korrigieren ihre Schularbeiten, hören nicht zu und stellen Fragen, die vor fünf Minuten bereits beantwortet wurden. Ich mache da übrigens keine Ausnahme, doch davon später.

Die Disziplin hat sich zwar gegenüber früher massiv verbessert, aber wenn die Öffentlichkeit über Schulthemen spricht, stehen die Lehrkräfte immer in einem etwas kritischen Fokus. Es ist ein wenig unser aller Problem, das Problem der Lehrkräfte, die man einerseits bespöttelt, als "faule Säcke" beschimpft, als weltfremde wandelnde Klagesäulen, um sie dann andererseits wieder zu den Helden des Alltags zu machen, zu den unverzichtbaren Trägern jeglicher Bildungsformate und Integrationsbemühungen. Und beide Images wurden hart erarbeitet.

Aktuell haben wir allerdings wieder etwas Oberwasser. Seit der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie in seiner Mega-Studie über die Wirkung von Schule festgestellt hat, dass das Können und die Persönlichkeit der Lehrkräfte ein zentraler Gelingensfaktor ist, stolzieren wir wieder mit breiterer Brust durch die bildungspolitische Landschaft. Das zeigt sich jetzt vor allem bei der Diskussion um den Schweizer Lehrplan 21. Gegner wie Promotoren reisen durch die Bildungslandschaft und erklären allen: „Auf den Lehrer kommt es an!“

Ich war nicht immer ein guter Lehrer

Bei aller Empfänglichkeit für öffentlichen Beifall, dessen Warmbadwirkung sich wohl niemand entziehen kann, beschleichen mich angesichts solch lobender Aussagen immer wieder die altbekannten Zweifel eines Praktikers, der nach 40 Jahren Schuldienst eines weiss: Ich war nicht immer ein guter Lehrer.

Es gab und gibt auch bei mir Phasen, in denen ich nachlasse. Ich spreche da nicht von unvermeidlichen Fehlern, sondern von persönlichen Krisen, zu viel Politik oder phasenweiser Überforderung. Und wer John Hattie genau liest, der kann sich nicht auf die Formel verlassen: „Es kommt auf den Lehrer an“. Nein, er sagt, es kommt auf die Qualität seines Unterrichts an. Die hat zwar  durchaus mit der Persönlichkeit zu tun, aber auch mit Fleiss, Professionalität, Hingabe und – nicht zu unterschätzen – Erfahrung.  

Der Lehrerberuf ist anspruchsvoll. Neben dem Unterricht kommen da nämlich noch einige wichtige Dinge dazu: Klassenführung, Elterngespräche, Zusammenarbeit mit den Behörden, Umgang mit Absentismus, Umgang mit Multikulturalität, Umgang mit Facebook und I-Phone, Vorbereitungen von Schulreisen, Skilagern und Landschulwochen, durchstehen eines 24-Stunden-Betriebs, Coaching bei der Berufswahl, Planen von Betriebsbesichtigungen, Begründen von Selektionsentscheiden, Klassenkonferenzen, Kenntnisse im  Schulrecht, Führen eines Klassenkontos, Organisation von Schulanlässen, persönliche Beziehungsarbeit, Umgang mit schwierigen SchülerInnen, Ordnung und Sauberkeit des Klassenzimmers, Kollegiumszusammenarbeit, und noch vieles mehr..

Dazu sollen die Lehrpersonen, offen, optimistisch, belastbar, innovativ und vor allem gerecht sein. Jeder, der einmal in die Schule gegangen ist, weiss, dass es "den Lehrer" oder "die Lehrerin" ohnehin nicht gibt, genauso wenig wie "den Schüler". Es gibt miserable und schlechte Lehrpersonen und es gibt hervorragende und gute Lehrkräfte, und dazwischen eine grosse Mitte, genau wie bei den Schülern.

Ein sehr guter Lehrer ist übrigens fast unbezahlbar

Ein sehr guter Lehrer ist übrigens fast unbezahlbar. Er ersetzt  teure Fachinstitutionen, Psychologen, Case Manager, Sozial- und Jugendarbeiter und entlastet Arbeitslosenprogramme. Um das fragile Können der Lehrkräfte zu stützen, haben wir gewisse Korrektive. Da wären einmal die Schulleitungen, die allerdings nicht nur verwalten sondern auch eine Ahnung von Pädagogik haben sollen. Und - das ist wichtig -heute ist es möglich, sich von konstant schlechten Lehrpersonen zu trennen.

Für die Lehrkräfte aber immer noch der verlässlichste Anzeiger für ihr berufliches Können sind die Rückmeldungen ihrer Schülerinnen und Schüler. Diese können in der Regel sehr genau abschätzen, wer da vor ihnen steht. Und auch Hattie weist nach, dass Rückmeldungen sowohl für die Lehrer wie auch für die Schüler zentral sind. Ich führe zum Beispiel regelmässig Klassenkonferenzen durch, in denen die Schülerinnen und Schüler mir sagen können, wenn sie etwas stört.

An meiner letzten Sitzung wurde ich zum Beispiel kritisiert, dass ich die Proben viel zu lange bei mir behalte, schnell "hässig" (wütend, böse, sauer) werde, und irgendwie manchmal abwesend sei. Als ich meiner Frau etwas zerknirscht diese Rückmeldungen gezeigt hatte, meinte sie erbarmungslos: "Die haben völlig Recht, das beobachte ich hier zu Hause genauso." Eine Folge davon, dass ich in meiner unterrichtsfreien Zeit im Stadtrat sitze und solche Artikel schreibe? Nun, denn, ich kandidierte nicht mehr für den Stadtrat und investiere wieder mehr Zeit für die Unterrichtsvorbereitung. Denn eines ist klar: Auch als Lehrer mit 40 Jahren Schulerfahrung, muss der Unterricht immer noch gründlich vorbereitet werden, wenn er nicht monoton sondern eben gut sein soll.

Solche Erkenntnisse kosten auch nicht viel. Sie erfordern etwas Mut (von beiden Seiten), Kritikfähigkeit und ein wenig Unterrichtszeit. Natürlich gibt es auch bei Rückmeldungen Qualitätsunterschiede. Als ich als ganz junger Lehrer mit einer ziemlich schwierigen Klasse einmal mit dem Bus zur Schlittschuhbahn gefahren bin, erwies sich ein rüstiger Senior, der per Zufall im Bus sass, als genauer Beobachter. Die Busfahrt war ein Desaster. Die Schüler tanzten mir und den anderen Passagieren auf der Nase herum. Ich schämte mich in Grund und Boden. Der betagte Rentner diskutierte indes im Bus vorne intensiv mit einer meiner Schülerinnen. Als wir endlich aus dem Bus gestiegen waren, kam die Schülerin grinsend zu mir und sagte: „Ich soll euch einen Gruss von dem alten Mann ausrichten. Er sagte, Ihr seid eine Niete!“

Alain Pichard ist Grünliberaler Stadtrat in Biel /Schweiz und seit 40 Jahren Lehrer in sozialen Brennpunktschulen.

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Leserpost (5)
Sven Schillings / 24.02.2017

Lassen wir diesen faden und wenig interessanten Artikel unter dem positiven Aspekt, daß auf der Achse Vielfalt zugelassen wird, ablegen. Die Bezeichnung “grünliberal” läßt einen schon beim Lesen zucken und schmerzt, wenn die gewünschte Bedeutung als Erkenntnis in der Großhirnrinde reift. Grün und liberal liegen diametral auseinander, ähnlich wie linksintellektuell. Während grüne Ideologie den einzelnen Menschen maßregelt, ihm sagt, was er essen, trinken und lassen soll, natürlich immer gut gemeint, hat Liberalismus die Freiheit des Einzelnen als Ziel.

ANAID Dijoke / 24.02.2017

Es gibt eben Menschen,die nicht zum Lehrer taugen.Urteile meiner 14jährigen Tpchter über ihre Lehrer kann ich durchweg zustimmen.Die blicken das ganz gut!Wo die die Sau rauslassen können,merken die genau.Wobei Lehrkräfte,die sich nicht durchsetzen können,durchweg verachtet werden und ganz einfach Opfer sind.Lehrer können durchaus mal so richtig durch die Klasse brüllen,solange sie gerecht sind,und ihren Stoff für vermitteln können.Der größte Aufreger meiner Tochter ist zur Zeit ihre Klassenlehrerin,die Mathe unterrichtet und ihrer Meinung nach zu blöde ist,den Stoff zu vermitteln.Eine Vertreterin beherrscht dies dagegen hervorragend.So sind eben die Unterschiede.Und nicht immer sind an Zuständen in Klassenzimmer die Schüler schuld!

Claudia Benigni / 24.02.2017

Will ich Menschen Inhalte vermitteln, kann praktische Methodik sehr viel positive Energie in diese Prozesse einbringen. Wären die heutigen Lehrer auf diesem Gebiet kompetenter, wüssten sie, ihre eigene inhaltliche Position gefestigt zu vertreten, wäre es ihnen auch möglich, Respekt aufzubauen. Ohne Respekt und die eigene Bereitschaft, sich vom anderen etwas sagen zu lassen, Neues anzunehmen und umzusetzen, kommt man im Leben nicht weit. Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Leider noch immer nicht. Da hat sich in den letzten Jahrzehnten nichts geändert. Viele Lehrer sind in ihrer Persönlichkeit schwach, zu emotional und konzentrieren zu sich vor allem darauf, harmonische Beziehungen zu ihren Schülern aufzubauen. Sie haben oft keine Ahnung von den Prozessen der Gruppendynamik. So wird das nichts. Sieht man übrigens schon zur Genüge in den Volksschulen.

Helmut Driesel / 24.02.2017

Ein erfahrener Schweizer Lehrer, bloß noch etwas grünliberal hinter den Ohren… Für mich wirft das eine Frage auf, die mir hier beim Lesen schon öfter in den Sinn gekommen ist (u.a. bei Maxeiner): Warum sollen Menschen nicht ein Recht darauf haben, dass ihnen manche Themen, Nachrichten oder sogar Sensationen einfach schnurzpiepegal sein dürfen?

Clemens Hofmeister / 24.02.2017

Brennpunktschulen wird es solange geben, solange die Schüler kein Interesse haben, von dort wegzukommen. Grüne Lehrer,  die sich etwas darauf einbilden, dorten Schwerarbeit zu leisten, sind Teil des Problemes und nicht der Lösung. Sorry!

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