Alain Pichard, Gastautor / 20.03.2019 / 16:00 / Foto: Tomaschoff / 6 / Seite ausdrucken

Wenn alle steuern, rudert keiner mehr

Meine deutschen Lehrerkollegen erleben das Phänomen vermutlich nachdrücklicher als wir in der Schweiz. Aber auch an Schweizer Schulen, vor allem in sogenannten Brennpunktschulen, gibt es immer wieder Lehrkräfte, die wegen Burnouts kurzfristig aussteigen müssen. In der Schweiz werden dann in sogenannten Feuerwehrübungen Stellvertreter gesucht. Diese kurzfristig einspringenden Nothelfer haben jeweils keine leichte Aufgabe. An dem Oberstufenzentrum in Biel, in welchem ich arbeitete, gab es eine Zeit, da stiegen die Lehrkräfte reihenweise aus. Und von den vielen Stellvertretern blieb mir einer – nennen wir ihn Remo E. (Name geändert) – derart in Erinnerung, dass ich heute noch Kontakt mit ihm pflege. Es handelte sich um einen 32-jährigen Ruder-Athleten und Trainer, der dem einen Drittel ausgebildeter Lehrkräfte angehört, die ihre Stelle jeweils nach zwei Jahren quittieren.

Er erwies sich als Glückstreffer, kam mit unseren Migrantenkids gut aus, führte sie ordentlich zum Ende der offiziellen Schulpflicht und organisierte eine prima Abschlussreise. Kurzum, er überzeugte uns. Wir versuchten ihn zu überreden, bei uns als Klassenlehrkraft einzusteigen. Seine Reaktion war bezaubernd: „Das, lieber Alain, ist für mich nun wirklich keine Option. Dieser Aufwand, diese Belastung, diese Arbeitszeiten und dann dieser Lohn, nein, das kommt für mich nicht in Frage.“ Der Mann brachte es auf den Punkt und fasste in einem Satz das ganze Dilemma der Praxis zusammen. Und das Schlimmste: Ich verstand ihn, denn er hatte Alternativen.

Ich schätze direkte und ehrliche Leute, und so blieben wir in Kontakt. Ein Jahr später erhielt ich eine Mail von ihm. Darin gestand er mir verschämt: „Lieber Alain, ich hoffe, dass unsere freundschaftlichen Beziehungen jetzt nicht in die Brüche gehen. Aber ich muss dir mitteilen, dass ich nächste Woche eine Stelle in der Bieler Schulverwaltung antreten werde.“ Danach hörte ich wieder mehr von ihm, in Form von Papieren, Vorstößen, Evaluationen, Strategiekonzepten: Sei es die Zentralisation der Schulapotheken, die Neuordnung der Kulturveranstaltungen, die Informatik in den Schulbibliotheken, die Entwicklung der Rückmeldungskultur, alles signiert von Remo E. Er ruderte nicht mehr, er half steuern.

Kindergärtnerin? Lieber Integrationsfachfrau!

Remo liegt im Trend. Eine tertiäre Ausbildung stößt massenweise gut ausgebildete Bildungsmänätscher, Entwicklungspsychologen oder Kommunikationsspezialisten aus, und die Arbeitsbedingungen an der Volksschule sorgen weiterhin für einen ungebrochenen Ansturm auf die Stellen in der Bildungsbürokratie. Sie alle wollen steuern und nicht mehr rudern. Als ich meine Stelle in Biel kündigte, meldete sich bei der ersten Ausschreibung niemand, der meinen Job weiterführen wollte. Auf die etwas vorher ausgeschriebene Stelle eines Casemanagers der Berufsberatung in Biel trudelten 50 Bewerbungen ein, die meisten davon aktuelle oder ehemalige Lehrkräfte.

Der oberste Steuerungschef der Stadt Biel, ein gestandener Sozialdemokrat, war ein wahrer Steuerungsfan. Zahlreiche Stellen hatte er geschaffen. Für die sechs neugeschaffenen Schulsozialarbeiter (alle mit einer 50-Prozent-Stelle) schuf er zum Entsetzen der Bieler Schulleiter eine Leitungsfunktion von 40 Prozent, eine Kindergärtnerin wurde Integrationsfachfrau für die Unterstufe, eine Lehrerin Integrationsfachfrau für die Oberstufe. Dazu ließ er ein Kommunikationskonzept, ein Integrationskonzept, ein Früherziehungskonzept, ein Peacekonzept, eine Bildungsstrategie und ein Informatikkonzept ausarbeiten. Pikant und so nebenbei bemerkt: Der gute Sozialdemokrat kniete sich dermaßen in Steuerungsfragen hinein, dass er darob seine eigentliche Aufgabe, die Schulraumplanung, völlig vergaß. Die Folge: In einer Feuerwehrübung mussten Container aufgestellt und Schulraumnotbauten errichtet werden.

Die staatlichen Bildungsinstitutionen, Erziehungsdirektionen (in Deutschland Kultusministerien), die Schulinspektorate, Schulkommissionen, die regionalen (städtischen) Bildungsverwaltungen oder die ständig wachsenden Weiterbildungs- und Beratungsinstitutionen – sie alle wollen steuern. Die Folge: Von Volksschule bis Fachhochschule und Universität laufen unendliche Reformrunden für Pensen, Bewertungen, Evaluationen, Mediationen, für Förderung und Einebnung gleichzeitig. Das Bildungswesen in der Schweiz ist heute komplett übersteuert.

Übersteuerung führt zu Machtkämpfen, Konfusionen und Pfründen, letztlich zu einem gigantischen Ressourcenklau. Wenn all die Mediatoren, Evaluatoren, Sonderförderer und Lehrplanflicker wieder unterrichten würden, wäre auch der bei uns grassierende Lehrermangel behoben. Und wenn es mein Freund Remo E. täte, wäre auch die Qualität gut, was man nicht bei allen sagen kann. Vor einiger Zeit erhielt ich übrigens eine hoffnungsfrohe Nachricht: Remo kündigte seine Stelle in der Bieler Schulverwaltung. Er will wieder mehr rudern – leider nicht in der Schule, sondern auf dem Bielersee.

Foto: Tomaschoff

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Leserpost

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Jochen Brühl / 20.03.2019

Sehr lustiger Beitrag. Der Unterschied zwischen der Schweiz und Deutschland ist aber immer noch der, dass die Schweiz Westmedien auch unter den etablierten Medien hat und keine Schulpflicht zur Anwesenheit in Verwahranstalten, in die man in Deutschland sein Kind auch dann zwangsweise schicken muss, wenn es um seine körperliche Unversehrtheit fürchten muss. Meine Tochter hatte einmal in einem Anfall geistiger Verwirrtheit anklingen lassen, auf Lehramt zu studieren. Dann hätte sie in Deutschland sicherlich eine Jobgarantie, um die kaputte Gesellschaft zu therapieren. Dazu wird es meiner Einschätzung aber nicht kommen, selbst wenn ich dafür dauerhaft für sie Unterhalt zahlen muss. Ich habe nicht ein Kind großgezogen, dass es mir dann zur Rettung der bunten Gesellschaft vom Hochhaus springt.

Leo Hohensee / 20.03.2019

Scheinbar hat Ihr Freund Remo “noch” keine Möglichkeit gehabt spezielle Gutachten zu beauftragen?! MacKinzey, oder so, hätten sicher “den ganzen Betrieb” auf den Kopf gestellt (für horrendes Honorar / deren Geschäftsmodell). Meine Meinung: ist erst einmal eine Stelle / Position geschaffen, werden die entsprechenden Positionsinhaber Zuständigkeiten neu schaffen und dann “Unterwerfung einfordern” - koste es was es wolle! Wertschaffende Beteiligung an der Entwicklung dieser Gesellschaft geht g a a a nz anders!

Michael Lorenz / 20.03.2019

Sorry - aber der genannte Freund ist wirklich eine Ausnahme. Wenn hingegen tatsächlich die überbezahlten grünen Sesselfurzer aus der Bildungsverwaltung eines Tages vor Schülern ständen, gäbe es eine mittelschwere Katastrophe!

Jörg Themlitz / 20.03.2019

Tja, im Großen wie im Kleinen. Bei der demnächst anstehenden Krise werden die Privatunternehmen das Fett ausschwitzen, welches die Fleißigen bei der Arbeit behindert und den Faulen und Abzockern eine Rundumversorgung angedeihen lässt. Nur was passiert mit den vielen Steuerern in den Ämtern? Vielleicht schaffen es die roten und grünen Sozialisten uns selbigen zu bringen. Dann wird alles gut und es gibt wenig Arbeit mit viel Geld. “...schmiern uns Butterstullen, legen Schinken drauf Fingerdick, jucheissa es lebe die Repoblik”, Fief La Repoblike, Liederjan

Martin Wolff / 20.03.2019

Und das kann man auf viele Berufe mit ähnlicher Problemlage übertragen: Polizisten, Staatsanwälte, Aerzte in der Notaufnahme, Lokalpolitiker….. Ich sehe keine Besserung kommen.

Wolfgang Kaufmann / 20.03.2019

Keine Abkürzung ist uns zu weit. Und keine Gremienarbeit zu aufwändig, um den Unterricht vielleicht einen Tick effizienter zu machen. Das ist die berühmte Vereinsmeierei der Deutschen, nur in rotgrün statt in spießig. – Gut dass wir darüber geredet haben…

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