Alain Pichard, Gastautor / 26.11.2018 / 17:00 / Foto: Pixabay / 4 / Seite ausdrucken

Für die deutschen Genossen: Ein Tipp aus der Schweiz 

Es gab einmal eine Zeit, in der ich konsequent links gewählt habe, vor allem auch Leute aus der Sozialdemokratischen Partei. Dies hatte mit meiner Sozialisation zu tun, war aber auch an Personen gebunden, die mich beeindruckten. Einer von ihnen hieß Willy Ritschard. 

Ritschard wurde am 5. Dezember 1973 als Vertreter der SP in den Bundesrat (unsere Landesregierung) gewählt. Von Beruf Heizungsmonteur, war er der erste und bislang (Stand: November 2018) einzige Arbeiter im Bundesrat. Er starb – völlig überraschend – wenige Tage, nachdem er seinen Rücktritt erklärt hatte im Herbst 1983 während einer Wanderung an Herzversagen. 

Er kämpfte für gute Arbeitsbedingungen, gesunde Finanzen, war für Atomkraft und einen starken Staat. Immer wieder überraschte er Freund und Feind mit klugen querdenkerischen Voten. Viele seiner Zitate kann man immer wieder hervorkramen, wie es der Basler SP-Politiker Roland Stark kürzlich in der Basler Zeitung tat. Sie sind zeitlos, auch wenn sich die politischen Verhältnisse geändert und die handelnden Personen gewechselt haben. Folgender Beitrag könnte sich vielleicht auch für die deutschen Genossen als möglicher Wegweiser entpuppen. Lassen wir also den verstorbenen SP-Bundesrat Willy Ritschard sprechen, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre: 

„Wir sind jedenfalls dazu verpflichtet, der Partei immer wieder zu erklären, was wir tun, warum wir es tun, und weshalb es nicht so beschlossen worden ist, wie es die Partei gerne gehabt hätte. Und das Forum, dem wir das erklären sollen, das müssen wir suchen. Parteiveranstaltungen kommen nicht zu uns, wir müssen zu ihnen gehen. So ist unsere Partei: unbequem, manchmal ungerecht, inkonsequent, intolerant, gelegentlich zum Verleiden. Aber unsere Legitimation, in einer Regierung zu sitzen, die haben wir von unserer Partei erhalten. Sie hat uns vorgeschlagen. Und sie hat deshalb auch einige Rechte an uns. Und es soll sich da keiner täuschen.

Er mag noch so populär sein, noch so tüchtig in seinem Departement, er kann tausend Höflinge haben, die immer wieder Ja sagen, zu allem, was er tut; ohne Verankerung in der Partei und nur auf das Wohl anderer Parteien oder Nichtorganisierter angewiesen, hängt jeder von uns in der Luft. Ein Regierungsrat ist so stark, wenn seine Partei stark ist. Ohne eine starke Partei nimmt man auch ihn nicht zum vollen Gewicht.

Demokratie ist halt wirklich eine schwierige Staatsform, besonders für alle jene, die sich an Widerspruch nicht mehr so recht gewöhnen können, weil sie auf einem Thron hocken und fast nur von JA-Sagern umgeben sind.”

(Quelle: Rote Revue, 3/1981)

Foto: Pixabay

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Erik Meinhardt / 26.11.2018

WOW! Auf den Punkt gebracht. Bin seit ca. 15 Jahren nicht mehr Parteimitglied und bei jeder Wahl aufs Neue ratlos.

Wolfgang Bergmann / 26.11.2018

Recht so! Die SPD Führung hat doch keinen Bezug mehr zu ihren Fußvolk. Wolke 7. Die verstehen nicht mal, was der Herr Ritschard damit meint!

Marc Blenk / 26.11.2018

Lieber Herr Pichard, ich habe den Verdacht, dass sich Schweizer Sozialdemokraten der achtziger Jahre von heutigen deutschen Sozialdemokraten denn doch ziemlich unterscheiden. Bei der SPD ist nicht allein die Führung das Problem, sondern die Mehrheit der Mitglieder. Die sind offensichtlich zu einem Kanzlerwahlverein ohne eigenen Kanzler mutiert, der wirklich allles abnickt und zu allem Ja und Amen sagt, was ihre Führung so verzapft. Bei solch einer Mitgliederschaft braucht sich keine Führung zu rechtfertigen.

Martin Stumpp / 26.11.2018

Vielen Dank! Ja besser und kürzer als Willy Ritschard kann man Demokratie nicht auf den Punkt bringen. Nur der Rat wird verhallen, nicht nur bei den Genossen!

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