Alain Pichard, Gastautor / 29.05.2021 / 15:00 / Foto: Pixabay / 6 / Seite ausdrucken

Israel: Leben in einem verrückten Land

Ben Heyman Shamit ist 36 Jahre alt. Er ist ein Psychiater und Medikamentenforscher. Seine Frau Shani ist ausgebildete Archäologin. Seine drei Kinder heißen Sinai, Nevo und Rahel. Sein Großvater Heyman Shamir war Bomberpilot der US-amerikanischen Armee im 2. Weltkrieg. Nach der Staatsgründung zog er nach Israel und war maßgeblich am Aufbau der israelischen Luftwaffe beteiligt. Danach zog er wieder in die USA. Seine Eltern gründeten ein erfolgreiches Unternehmen im ICT-Bereich. Ben, ein brillanter Wissenschaftler, erhielt eine Berufung für ein Forschungsprojekt in Cambridge. Er zog mit seinen noch nicht schulpflichtigen Kindern nach London und erlebte dort eine wunderbare Zeit, wie er immer betonte. Auch an der renommierten Eliteuniversität schien man von seinen Fähigkeiten überzeugt und bot ihm eine längerfristige Anstellung an. Das Angebot war verlockend, das Gehalt anständig und die Karriereaussicht bestechend.

Das Problem: Seine damalige Tochter Sinai kam ins Kindergartenalter. Ohne viel zu überlegen, meldeten ihre Eltern sie beim naheliegenden Kindergarten ihres Wohnorts an. Die zuständige Kindergartenbehörde aber machte sich Sorgen. Es gäbe eine judenfeindliche Stimmung im Quartier, und sie könnten die Sicherheit des Mädchens nicht gewährleisten. Sie empfahlen dem Paar einen anderen Kindergarten, der etwas weiter entfernt war, wo aber die Stimmung „normal“ sei. Infrage wäre auch einer der jüdischen Kindergärten gekommen. Eine circa 40-minütige Fahrt dorthin führte sie zu einem unscheinbaren Gebäude, das mit einer hohen Mauer und einem Stacheldraht umzäunt war und von einem bewaffneten Polizisten bewacht wurde.

Das reichte. 2015 zogen Ben und Shani wieder nach Israel, kauften sich eine Wohnung in Netanya, und Ben machte sich daran, seine Forschungsarbeiten in Israel weiterzuführen. Allerdings war Ben immer noch dienstpflichtig, und so wurde er kurz nach seiner Rückkehr zu einer längeren Reservistenübung der israelischen Armee eingezogen. Mit dem Hinweis auf seine noch nicht abgeschlossenen Arbeiten ersuchte er um eine Freistellung. Man beruhigte ihn mit den Worten, dass er seinen Dienst auf dem Golan absolvieren könne. Als Arzt hätte er dort mit Sicherheit eine ruhige Kugel und könne ohne Probleme an seiner Arbeit schreiben. Skeptisch, wie die Israelis nun mal gegenüber ihrem Staat und dem Leben sind, ging er auf dieses Angebot ein und reiste in Militäruniform mit seiner Einheit auf den Golan.

Arabische „Straßenblockierer“ in Israel

Der Golan wurde während des 6-Tage-Kriegs 1967 von den Israelis erobert und 1981 annektiert. Die höchste Erhebung ist im Norden der Hermon mit 2.814 Metern, wo im Winter so viel Schnee liegt, dass bei der israelischen Siedlung Newe Atiw ein Skigebiet eingerichtet werden konnte – das einzige in den von Israel beherrschten Regionen. Bei Bens Ankunft fiel auf dem Golan weitaus mehr Schnee als üblich, und es war bitterkalt. Der Bunker war nur notdürftig beheizt, und die Arbeit an seinem Projekt wurde durch Warmhalteübungen immer wieder unterbrochen.

Doch damit nicht genug. Der damals auf dem Höhepunkt stehende syrische Bürgerkrieg machte Ben einen weiteren Strich durch die Rechnung. Im Süden Syriens fielen marodierende Truppen jedweder Partei übereinander her und taten das, was in Bürgerkriegen üblich ist. Sie mordeten, plünderten und vergewaltigten. Leidtragende waren immer wieder die Zivilisten. In einem Geheimabkommen mit syrischen Lokalverantwortlichen erklärte sich der Staat Israel bereit, verletzte Zivilisten auf syrischem Gebiet abzuholen, sie nach Israel zu bringen, um sie dort medizinisch zu versorgen und heimlich wieder zurückzubringen.

Natürlich wurde Ben, als ausgebildeter Arzt, mit dieser Geheimaktion beauftragt und durfte seine Forschungsarbeiten ein weiteres Mal beiseitelegen. In Nacht und Nebel fuhren die Israelischen Konvois zu den Sammelstellen, luden die teilweise schwerverletzten Frauen und Kinder ein und brachten sie in das nächstgelegene Armeespital auf israelischem Territorium. Diese nicht ungefährlichen Aktionen verliefen immer reibungslos. Auf einer seiner letzten Fahrten aber fielen Schüsse. Die Fahrzeuge wurden gestoppt, die begleitenden Soldaten in Zivil gingen in Stellung. Das Merkwürdige: Dieser Überfall passierte auf israelischem, also auf vermeintlich sicherem Gebiet. Die bewaffneten „Straßenblockierer“ waren israelische Araber, genauer Drusen! Sie verlangten, dass die Fahrzeuge wieder zurück nach Syrien fahren und ihre Insassen dort wieder hinbringen sollten, wo sie hingehörten.

„Bist du verrückt? Die würden uns umbringen!“

Zu den Drusen ist zu sagen, dass sie zu den israeltreuesten Arabern gehörten. Viele von ihnen dienen als Offiziere in der israelischen Armee und gelten als loyale und vorzügliche Soldaten. Sie befürchteten, dass mit dieser humanitären Aktion regimefreundliche Syrer israelische Hilfe erhalten würden, um dann wieder im Bürgerkrieg eingesetzt zu werden.

Eine eilends herbeigerufene israelische Armeepatrouille verhandelte mit den Drusen, klärte sie über den wahren Gehalt der Aktion auf, und der Konvoi konnte weiterfahren. „We live in a crazy country“, sagte Ben lachend, als er uns diese unglaubliche Geschichte erzählte.

Auf meine besorgten SMS, wie es ihm unter dem Raketenhagel der Hamas erginge, meinte er: „Unsere Bunker sind immer noch sicherer als die Kindergärten von London.“ Und: „Vielleicht müsste man beim nächsten Lockdown, an den sich meine Landsleute eh nicht hielten, ebenfalls die Sirenen heulen lassen. Dann wäre der Strand schneller geleert.“ Den sprichwörtlichen jüdischen Humor hat dieser Mann immerhin nicht verloren. Ben hat noch nie den Likud oder Netanyahu gewählt. Wie übrigens 75 Prozent der Wahlberechtigten von Tel Aviv. Auf meine Frage, ob Israel den Golan zurückgeben solle, meinte er: „Bist du verrückt? Die würden uns umbringen!“

Er arbeitet inzwischen wieder im Spital und in einer Praxis, zusammen mit vielen arabischen Kolleginnen und Kollegen.

Foto: Pixabay

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Hans-Peter Dollhopf / 29.05.2021

Wann wird eigentlich die Hamas endlich wegen des CO2-Ausstoßes ihrer Raketen, diesem fliegenden Giftmüll, verboten werden???

Hans-Peter Dollhopf / 29.05.2021

Ben kauft sich also eine Wohnung in Netanya, hat aber noch nicht Netanyahu gewählt. Hu hu! Na, wenigstens hat er jetzt auch mal Israel gedient, hat da ja doch noch eine Gemeinsamkeit mit diesem anderen Ben, dem Ben-Jamin. Such is life, wenn auch nicht ganz wirklich freiwillig.

sybille eden / 29.05.2021

Das er noch nie den Likud und Netanyahu gewählt hat, zeigt mir das er ein weltfremder Träumer ist. Er sieht lieber gern zu,wie Israel von Innen und Aussen zerstört wird.  Solche gewissenlosen Juden braucht das Land eigentlich nicht ! ( Wenn er nicht einmal in der Lage ist, die Konsequenz aus seiner Londoner Erfahrung zu ziehen.) Einfach nur traurig.

Johannes Schuster / 29.05.2021

Zum Thema Treppenwitze der Militärgeschichte hätte ich auch noch einen ausgegraben: Womit flog die israelische Luftwaffe 1948 ? Mit Avia S-199 oder den Deutschen besser bekannt unter Messerschmitt Bf 109. Jawohl, Israel wurde Mitteln aus der Nazi - Produktion verteidigt. Bei der Avia S-199 war alles Nazi, vom Triebwerk bis zum Propeller. Daß man später den Staat mit Mitteln aus der eigenen Versklavtheit erhält, das ist eine dieser mir imponierenden Irrsinnigkeiten von Geschichte. Bei den Israelis ist es so, daß die Bewältigung der Shoa mitunter dazu führt, daß sie sehr deutsche Marotten annehmen können. Leider kann man das umgekehrt nicht sagen und die Einfalt bleibt eine deutsche Domäne - auch im Militär. Daß die Israelis im Sechstagekrieg vor den Panzer IV aus deutscher Produktion auf der Seite Syriens gegenüberstanden ist auch so ein zynischer Restschlag des toten Fischs in der Salzlauge. Der Schrott der Wehrmacht liegt heute noch auf dem Golan herum. Um diese Widersprüche zu leben muß man verrückt sein, aber wenn man verrückt ist ist man mitunter kein entgleister Wagon.

Harald Unger / 29.05.2021

Was man in Westeuropa nicht weiß, da angeblich viel zu ‘kompliziert’, daß der Golan immer jüdisches Land war und nie, bis zur Aufteilung der britischen und französischen Mandate im Nachgang der Konferenz von Sanremo, zu Syrien gehörte. Syrien hat diesen Landgewinn jedoch dazu genutzt, den Golan als Abschussrampe auf Israel zu nutzen - und damit seinen erst erworbenen Anspruch verwirkt. - - - Die humanitäre Hilfe Israels in Syrien und Jordanien, wurde natürlich jahrelang dazu genutzt, Israel zu beschuldigen, mit Al-Nusra und ihren zahlreichen Fraktionen, gemeinsame Sache zu machen. Jedes einmal in die Welt gesetzte Gerücht über Israel hat natürlich sogleich die Eigenschaft, zur ewigen Wahrheit zu mutieren. So, wie die Zeitgenossen in Merkels Herrschaftsgebiet, die unter einem nie abklingenden Phantomschmerz leiden, über die lächerlich winzigen Reparationen, die Deutschland, in Form von Waren/Gütern, im Luxemburger Abkommen, an Israel leistete.

Ernst Dinkel / 29.05.2021

„Unsere Bunker sind immer noch sicherer als die Kindergärten von London.“ Da kann man bald den Namen mancher deutschen Stadt hinzufügen. Erschütternd und beschämend!

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