Jesko Matthes / 01.12.2017 / 13:55 / Foto: Michael Schilling / 9 / Seite ausdrucken

Neo Loyal

Von Jesko Matthes.

In der Jugend links zu sein und später immer konservativer zu werden, das mag kein Kunststück sein – aber vielleicht ist es das doch: Aus dem strammen Kommunisten Yves Montand wurde der stramme Konservative Yves Montand, aus dem linken Revolutionsbarden Wolf Biermann wurde der von der Linken geschmähte und die Linke schmähende Revolutionsbarde und „Drachentöter“ Wolf Biermann – ich liebe Montand und Biermann, gerade deshalb. Aus dem linken Kabarettisten Wolfgang Neuss – auch den liebe ich – wurde der häufig bekiffte, zahnlose, scharfzüngige Kritiker der Linken, Wolfgang Neuss.

Irgendwann 1984 gab es eine Talkshow, „Leute“ hieß sie, im SFB, heute RBB. Zu Gast waren unter anderen der designierte Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Wolfgang Neuss. Neuss setzte zum Angriff an, nur leider nicht von „links“. Neuss sagte zu von Weizsäcker, nun habe er wohl einen „feinen Job“ in Aussicht. Ein paar Jahre später schlug er „Richie“ vor, die Jenninger-Rede (über die die ganze parlamentarische wie außerparlamentarische Linke nebst ihrer Altnazis – allen anderen voran Walter Jens – in ihr durchschaubar antifaschistisches Delirium gefallen war), „noch einmal schön langsam“ vorzulesen, dann würde sie vielleicht verstanden.

Der designierte Bundespräsident antwortete in der Talkshow: „Mensch, Wolfgang, nun halt doch mal die Klappe.“ So war er: „Neuss Deutschland“. So ist auch das neue Deutschland.

Jan Böhmermann ist kein Idiot. Dass er den Mainstream lange genug bedient hat, wenn auch meist auf eher zweideutige Weise, das scheint ihm jetzt selbst aufzufallen. Ich persönlich neige dazu, ihn nicht allzu wichtig zu nehmen. Mit seinen Scherzchen ist er harmloser als der von mir heimlich verehrte und schmerzlich vermisste Christoph Schlingensief und deutlich weniger subversiv als es Wolfgang Neuss in einem einzigen Satz war.

Auch dass er, Böhmermann, „persönlich enttäuscht“ ist von Angela Merkel, mag man nach deren schnell bereuter Parteinahme im Sinne Erdogans und gegen ihn, Böhmermann, verstehen. Auch, dass er ARD und ZDF in Schutz nimmt. Wenn Angela Merkel ihm Rückendeckung verschafft, oder wenn er zu den „Privaten“ gewechselt hätte, klänge er wohl anders. Soll man das, nach der souveränen Art Harald Schmidts, vom „Unterschichtenfernsehen“ zum „Staatsfernsehen“ zu wechseln, ernst nehmen?

Man kann bei ihm nie ganz sicher sein

Böhmermann ist stilistisch eher ein Erbe des Dada und des Punk. Was Ernst ist und was Scherz, was die Ironie dazwischen, da kann man bei ihm nie ganz sicher sein – gerade weil ihm die Schlagfertigkeit und die Absurdität eines Wolfgang Neuss genauso fehlen wie die gravitätische Theatralik eines Christoph Schlingensief. Neuss und Schlingensief berühren mich. Böhmermann amüsiert mich, mehr auch nicht.

Manchmal tut er mir leid, der Jan Böhmermann. Wenn er sich auf Twitter aufreibt und so bierernst linksgrün daherkommt, dass ich meine, es – nicht ihn – ernst nehmen zu müssen; aber auch, wenn er in einem Musikvideo einen schwulen evangelischen Pfarrer ohne Unterhose unter dem Talar karikiert, und alle meinten, das sei ebenfalls nicht ironisch. Ich finde es zum Totlachen, wie er gleichzeitig die Ewiggestrigen und die Gutmenschen durch den Kakao zieht. Wieder amüsiere ich mich.

Am Ende sieht Böhmermann für mich allerdings immer aus wie einer, der einfach nichts ernst meint, und bei dem folglich Anspruch und Wirklichkeit meilenweit auseinanderklaffen. Ich verstehe, dass er sich ständig missverstanden fühlen will und daraus ein Kabarett macht, das keiner versteht. Nur: Das ist nicht komisch.

Es ist intelligent und harmlos zugleich, harmloser in der Rezeption, als er es vielleicht will; es setzt keine Treffer, und das nervt ihn. Da ist er beleidigt. Weil niemand Neuss und Schlingensief mitliest, weil niemand sie mehr kennt; darum tut mir Jan Böhmermann leid, weil ihm die Unabhängigkeit fehlt. Er beginnt, das zu ahnen, das rechne ich ihm an.

Auch er kann sich entwickeln, siehe oben. Vielleicht sollte er Wolfgang Neuss oder Christoph Schlingensief beherzigen, sich entspannen und endlich einmal weniger doppeldeutig werden. Denn wenn er sich das verkneift, bleibt er nur eins: amüsant und langweilig, wie eh und je.

Er ist in dem Stadium vor der Unabhängigkeit. Dass er sich von Merkel, der ARD und dem ZDF geistig so abhängig macht, obwohl er zugibt, dass das Fernsehen bald ein Medium von gestern sein könnte, das ist sein Problem. Der richtige Witz über das alles ist ihm noch nicht eingefallen, nur das indifferent Schwankende, das Loyale und das bisschen Fremdeln. Das ist nicht genug, um zwischen den Stühlen zu sitzen, und es heißt: Neo Loyal. Ich denke, das weiß er.

Noch einmal zum Nachlesen und hier noch ein Beitrag von Alexander Wendt zu Böhmermann.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Belo Zibé / 02.12.2017

Vielleicht spricht es für Böhmermann, dass schon die Berichterstattung über seine Produkte eine Überdosis darstellt.Und wie viele andere, die meinen das Gewissen der Nation,oder zumindest deren Hofnarr zu sein,bleibt nichts als ein weiterer loyaler Komedo im zwangsfinanzierten Antlitz der ÖR übrig .

Wulfrad Schmid / 02.12.2017

Der Typ ist weder intelligent noch amüsant, er ist ein dummdreister primitiver Schwätzer, ein Hetzer gegen alle, die anders denken, den man am besten einfach ignoriert.

Peter swoboda / 02.12.2017

Der Text beschreibt Böhmermann sehr gut. Ihm fehlt die Radikalität der Unabhängigkeit. Den alten Kaffee der Konsensmeinung immer wieder, wenn auch amüsant, aufzukochen ist berechnend und harmlos. Er ist der Mario Barth des Feuilletons.

Volker Kleinophorst / 01.12.2017

Der gänzliche unwitzige Böhmermann in einem Text mit Neuss, näher ist er dem Humor nicht gekommen.

Pierre Gross / 01.12.2017

Am meisten wundert mich an Marke und Produkt Böhmermann, dass alle Welt (...also die “deutsche”) ihm abnimmt, dass er ein Kunstschaffender sei - mit sämtlichen, unmfassenden Freiheiten des Wortes und der Taten, die solch ein Metier anscheinend bietet. Er ist ein grotesker loser - besondere Intelligenz spreche ich ihm, mit Verlaub, ab - nicht jedoch einen gewaltigen Instinkt für das Sensationelle. Und sei dies auch noch so dämlich. Verzeihung dafür.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Jesko Matthes / 08.03.2019 / 16:00 / 11

Katzen sind wie Kanzlerinnen

Tiere dürfen bei mir alles. Wohlgemerkt bin ich ein bereits leidlich alter, kinderloser weißer Mann. Mithin gehöre ich zum Gefährlichsten, was Deutschland derzeit zu bieten…/ mehr

Jesko Matthes / 07.03.2019 / 16:00 / 19

Das Schweigen der EU-Wahlkämpfer

Ich muss gestehen: Ich freue mich auf die Europa-Wahl. Wahlen sind das Fest des Souveräns. Ich wundere mich um so mehr, dass es im längst…/ mehr

Jesko Matthes / 19.12.2018 / 06:00 / 20

Einmal kalte Spahn-Platte, bitte!

Wissen Sie, was die Eustachische Trompete ist? Sie ist ein hässliches, unsichtbares Röhrchen aus ein bisschen Knochen und Schleimhaut und befindet sich irgendwo im Dunkeln…/ mehr

Jesko Matthes / 04.12.2018 / 11:00 / 12

CDU: Endlich ist der Kandidaten-Schaulauf vorbei

Als ob es auf die Namen ankäme, die Gesichter, so tingelten die drei Kandidaten um den CDU-Vorsitz durch die Lande und präsentierten sich vor Mitgliedern, die…/ mehr

Jesko Matthes / 24.11.2018 / 15:00 / 9

Her mit den sozialen Konstrukten!

Ich möchte eine Lanze brechen für eine Vorstellung, die um sich greift, und von der gern behauptet wird, sie sei falsch. Es handelt sich um…/ mehr

Jesko Matthes / 18.11.2018 / 10:00 / 20

Mein Vorschlag zur deutschen Spaltung

Zugegeben, ich habe in den letzten Wochen und Monaten meine Probleme, irgendetwas Politisches auch nur ansatzweise zu artikulieren, ich werde einfach ständig unterbrochen. Von meinen…/ mehr

Jesko Matthes / 27.09.2018 / 11:00 / 25

Angela Merkel wird vergoldet

Die "Victoria" kann sich Angela Merkel in ihrem Dienstfahrzeug täglich ansehen. Sie steht auf der 1864 bis 1873 errichteten "Siegessäule" im Berliner Tiergarten. Einst befand…/ mehr

Jesko Matthes / 14.09.2018 / 15:00 / 15

„Das ist staatszersetzend.”

Es war eine der Nachrichten am Freitagmorgen. „Bundesinnenminister Seehofer bezeichnet Verhalten der AfD als staatszersetzend“ titelte beispielsweise die Welt und schrieb weiter: „Bundesinnenminister Horst Seehofer…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com