Robert von Loewenstern / 04.06.2023 / 06:15 / Foto: RIA Novosti / 52 / Seite ausdrucken

Mit drei Tricks zur Kinderarmut

Es gibt arme Kinder in Deutschland, aber nicht die massenhafte „Kinderarmut“, gegen die die Bundesregierung ihre „Kindergrundsicherung“ plant. Die ist konstruiert, um sie bekämpfen zu können – mit Mitteln, die den armen Kindern nicht helfen.

Kennen Sie Lisa Paus? Nein, ich meine nicht Petra Pau, den altgedienten Pumuckel der Linkspartei. Lisa Paus ist seit einem Jahr Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und demnach zuständig für das Wohlergehen aller Menschen in Deutschland. Beziehungsweise außer alleinstehenden Männern mittleren Alters.

Laut „Stern“ machte sich die Diplom-Volkswirtin als Finanzexpertin „einen Namen“. Falls Sie diesen Namen trotzdem noch nie gehört haben, müssen Sie sich nicht schämen. Paus war nach 14 Jahren unauffälliger Zugehörigkeit zum Deutschen Bundestag selbst unter ihren grünen Parteikollegen kaum bekannt.

Es überrascht daher nicht, dass Lisa Paus als Ministerin zweite Wahl war. Ins Amt kam Paus als Nachfolgerin der fröhlich-unbedarften Quotenkarrieristin Anne Spiegel. Die musste nach nur viereinhalb Monaten und einem legendären Fremdscham-Statement wieder abtreten. Aufgeflogen war, dass sie in ihrem vorherigen Job jämmerlich versagt und dämlich gelogen hatte. Das allein wäre natürlich kein Grund für eine Demission gewesen. Aber Anne Spiegel war eine Ausnahmeerscheinung im politischen Betrieb. Sie konnte nicht einmal so tun, als sei sie zu irgendwas nutze.

„Mehr Kinder aus der Armut holen“

Von Frau Spiegel erbte Frau Paus eine der vordringlichsten gesellschaftlichen Aufgaben unserer Zeit, nämlich die Beseitigung der schrecklichen Kinderarmut in Deutschland. Gemeint ist nicht etwa die Armut an Kindern, sondern die Armut von Kindern. Dass es sich dabei um ein allgemein anerkanntes und besonders wichtiges Problem handelt, signalisiert bereits der Ampel-Koalitionsvertrag. Gleich dreimal findet sich darin das Versprechen, man werde „mehr Kinder aus der Armut holen“.

Nicht nur die Regierungsfraktionen sind sich einig in der Zielsetzung, auch der Rest des Bundestages ist geschlossen dabei. Selbst die AfD, die sich sonst gerne von den „Einheitsparteien“ absetzt und als einzige „echte Opposition“ geriert, zeigt sich „besorgt“ über die „anhaltend hohe Anzahl armer Kinder“ hierzulande.

Nun machen die Jugend- und Familienminister der Bundesländer Druck, wie die „Tagesschau“ vermeldet. Um das Problem Kinderarmut zu lösen, müsse die Regierung endlich die lange diskutierte Kindergrundsicherung einführen, das zentrale sozialpolitische Vorhaben der Ampel-Regierung. Einzig Bayern verweigert sich dem Antrag. Nicht weil man gegen Kinder ist, sondern weil es „einfach noch viel zu lange“ dauere.

Erfindung, Kampfbegriff, Propagandamittel

Auch die Medien weisen regelmäßig auf das schlimme Übel Kinderarmut hin. So moderierte der Gesprächsleiter einer Phoenix-Runde vor kurzem das Thema an: 

„Drei Millionen arme Kinder gibt es bei uns. Das sind 20 Prozent aller Kinder in Deutschland – ein Armutszeugnis der besonderen Art. Jetzt soll es eine Kindergrundsicherung richten, […] die den höchst komplizierten Zugang zu Geld- und Sachleistungen radikal vereinfacht. So weit besteht Konsens in der Ampel – bei noch mehr Geld für arme Kinder hört aber die Freundschaft unter Koalitionären auf. Es wird heftig gestritten. Streit um Grundsicherung – was hilft gegen Kinderarmut?“

Streit ums Geld für arme Kinder, damit war der Rahmen gesetzt. Ein prima Ausgangspunkt für die folgende Diskussion – mit der klitzekleinen Einschränkung, dass alle genannten Fakten falsch sind. Die drei Millionen, die Kinder, ihre Armut – nichts davon stimmt. Es gibt keine Kinderarmut in Deutschland, nicht in „hoher Anzahl“, schon gar nicht als Massenerscheinung. Kinderarmut als gesellschaftlich relevantes Phänomen in Deutschland ist Erfindung, Kampfbegriff und Propagandamittel. Kinderarmut ist eine Lüge.

Wie kann das sein, wenn doch alle das Gegenteil sagen? Gehen wir’s kurz durch. Zunächst muss man wissen, dass sich der Phoenix-Moderator bei seinen Aussagen auf die Bertelsmann Stiftung bezieht. Das Ziel dieser Einrichtung ist, mit Hilfe von rund 70 Millionen Euro pro Jahr „einen Beitrag zur Gesellschaftsreform zu leisten“. In der Praxis ist die „operative Stiftung“ dafür bekannt, stets dienstbereit die passende Unterfütterung für progressive Narrative aller Art zu liefern.

Nur drei Tricks bis zur „Kinderarmut“

Mit dem notleidenden Nachwuchs beschäftigt sich die Stiftung seit vielen Jahren, zum Beispiel in einem „Factsheet“ von 2020. Das Dokument zeigt mustergültig, wie sich ein Sozialskandal erschaffen lässt. Mit nur drei Tricks wird Kinderarmut herbeigezaubert. Bei der Offenlegung des Simsalabim bezeichnen wir die Bertelsmann Stiftung nachfolgend mit „BS“. Dass dieses Kürzel im angloamerikanischen Sprachraum für „Bullshit“ steht, ist selbstverständlich reiner Zufall.

Trick 1: Aus Jugendlichen werden Kinder. Die BS-Studie mit dem Titel „Kinderarmut in Deutschland“ kommt gleich im ersten Satz zur Sache: „Mehr als jedes fünfte Kind wächst in Deutschland in Armut auf.“ Ein Hammer, gegen den sich der präzisierende zweite Satz versendet, wie Medienprofis gerne sagen: „Das sind 2,8 Mio. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.“

Aha. Es handelt sich also nicht um 2,8 Millionen Kinder, sondern um Kinder und Jugendliche. Kein kleiner Unterschied. In Deutschland sind drei Stufen des Erwachsenwerdens juristisch definiert: Kinder (0 bis 13 Jahre), Jugendliche (14 bis 17) und Heranwachsende (18 bis 20). Wie viele „echte“ Kinder, also unter 14-Jährige, in den 2,8 Millionen angeblich Armen enthalten sind, verrät die BS-Studie an keiner Stelle.

Kinder sind wie Haustiere

Die Gründe für die Verkürzung liegen auf der Hand. Die Assoziation mit Siebenjährigen erzeugt beim Publikum mehr Mitgefühl als der Gedanke an 17-Jährige. Außerdem lässt sich durch Zusammenfassung aller Minderjährigen unter dem empathieträchtigen Begriff „Kinder“ die Anzahl der Betroffenen geschmeidig erhöhen.

Trick 2: Aus Elternarmut wird Kinderarmut. Kinder existieren in Deutschland im Allgemeinen nicht als selbstständige Wirtschaftseinheiten. Sie geben auch keine eigenen Steuererklärungen ab, außer wenn sie etwa als Erben eines Tabakclans frühzeitig zu Reichtum gelangten. Umfangreiche statistische Daten zur finanziellen Lage von Kindern liegen daher nicht vor. Kinder sind wie Haustiere, sie leben bei Leuten. Diese Leute entscheiden, was und wie viel sie den Kindern zukommen lassen – und ob zum Beispiel Kindergeld fürs Kindeswohl verwendet wird.

Die BS-Faktenmacher nehmen daher Statistiken zum Haushaltseinkommen und Daten zum Leistungsbezug nach Sozialgesetzbuch II (vulgo „Hartz IV“, neuerdings „Bürgergeld“) als Grundlage für die Ermittlung des Ausmaßes der vermeintlichen Kinderarmut. Tatsächlich sagen die Zahlen also in erster Linie etwas über die wirtschaftliche Lage der Eltern oder Familien aus, nicht unmittelbar über die Situation der Kinder.

Der eigentliche Clou

Warum man trotzdem von Kinderarmut statt von Eltern- oder Familienarmut spricht, hat ähnliche Gründe wie bei Trick 1: Jeder Gedanke an Hartzer-Dokus bei RTL2 oder an polygame Bedarfsgemeinschaften nahöstlicher Provenienz könnte beim Publikum Gefühle aufkommen lassen, die nicht hilfreich sind.

Trick 3: Aus Armutsgefährdung wird Armut. Möglicherweise empfinden Sie das Wort „Kinderarmut“ trotz der aufgezeigten Widersprüche als zulässige Verkürzung, als erlaubte Zuspitzung im Sinne der guten Sache. „Semantische Debatte“, denken Sie vielleicht, Nachwuchs, der in ärmlichen Verhältnissen lebt, ist nun mal im Regelfall ebenfalls arm. Kann man so sehen. Trick 1 und 2 sind aber nur Vorgeplänkel oder Abrundung der Manipulation, je nach Betrachtungsweise. Der eigentliche Clou ist Trick 3. Das familiäre Umfeld, für das die BS-Studie Armut behauptet, ist nämlich selbst nach den Daten der Bertelsmann Stiftung nicht arm, es ist nur armutsgefährdet.

Zum Verständnis eine Begriffsklärung. Grundsätzlich gibt es zwei Methoden, Armut zu bestimmen, absolut und relativ. Als absolut arm gelten Menschen, die nicht einmal ihre elementarsten wirtschaftlichen und sozialen Bedürfnisse befriedigen können. Nach Definition der Weltbank liegt die Grenze bei einer Verfügungsmasse von 2,15 Dollar pro Tag (umgerechnet auf die Kaufkraft des jeweiligen Landes). Wer weniger hat, ist extrem arm.

Problem für die Armutspropagandisten

In Deutschland und EU-weit ist Armut großzügiger festgelegt, nämlich relativ. Relative Armut bestimmt sich am Einkommen des Einzelnen im Verhältnis zum mittleren Nettoeinkommen der Gesamtheit. Gemeint ist das Median-, nicht das Durchschnittseinkommen. Dabei gibt es zwei Stufen: Wer weniger als 60 Prozent des Netto-Medianeinkommens zur Verfügung hat, gilt als armutsgefährdet. Erst wenn es weniger als 40 Prozent sind, liegt nach offizieller Definition Armut vor.

2021 lag der 60-Prozent-Schwellenwert der Armutsgefährdung laut Statistischem Bundesamt für eine alleinlebende Person in Deutschland bei netto 1.251 Euro im Monat. Für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren waren es 2.627 Euro im Monat.

Tatsächlich in Armut lebte danach ein Single mit weniger als 834 netto monatlich für Wohnung, Heizung, Nahrung, Bildung und sonstige Lebenshaltung. Die vierköpfige Familie galt 2021 mit weniger als 1.751 Euro netto als arm. Problem für Bertelsmann und andere Armutspropagandisten: Solche Fälle gibt es in Deutschland systemisch nicht. Der Grund ist einfach. Sozial- und andere Leistungen für Bedürftige liegen weit über den Armutsgrenzen.

Alternative Fakten in der BS-Studie

Die genannte Familie mit zwei Kindern etwa erhält nach Bürgergeldrechner inklusive Miete/Heizkosten (angenommen ca. 900 Euro) und Kindergeld aktuell mindestens 2.468 Euro netto im Monat. Hinzu kommen (neben Beiträgen zur Kranken- und Pflegeversicherung) weitere Leistungen, unter anderem für Bildung und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen (zum Beispiel für persönlichen Schulbedarf, Ausflüge, Klassen­fahrten, Mittags­verpflegung, Lern­förderung), für Mehr­bedarf in besonderen Lebens­situationen (zum Beispiel Schwangerschaft) und punktuelle Unterstüt­zungen (zum Beispiel Anschaffungs­kosten für Ersteinrichtung).

Da der Staat mit seinen Transfers die Armut erfolgreich bekämpft hat, existieren auch keine Statistiken und Schaubilder dazu. Das Problem ist gelöst, es gibt bei uns keine Armut mehr – abgesehen höchstens von Fällen, in denen Menschen die ihnen zustehenden Leistungen nicht in Anspruch nehmen. Selbst Migranten, die nach Ausschöpfen des Rechtswegs vollziehbar ausreisepflichtig sind und trotzdem illegal in Deutschland bleiben, erhalten weiter Zuwendungen nach Sozialgesetzbuch oder Asylbewerberleistungsgesetz – eine der wundersamen Blüten umfassender staatlicher Fürsorge.

Mangels Armut behilft sich die Bertelsmann Stiftung in ihrem „Factsheet“ zur „Kinderarmut“ mit alternativen Fakten. Man nimmt die Zahlen der Armutsgefährdeten und erklärt sie im beigeordneten Text zu Armen. Die Begriffe „Gefährdung“ und „gefährdet“ kommen nur achtmal im 18-seitigen Dokument vor, sechsmal klein in den Schaubildern, zweimal in separat abgesetzten Kästen. Kein einziges Mal erscheinen sie im Haupttext oder gar in einer Überschrift. „Armut“ und „arm“ in diversen Zusammensetzungen (ohne „Gefährdung“ oder „Bedrohung“) hämmert die BS-Studie dagegen dem geneigten Leser über 80-mal ein.

Bertelsmann und die lebenden Toten

Um die Manipulation zu verschleiern, zieht Bertelsmann eine weitere Armutsdefinition heran, die „sozialstaatlich definierte Armutsgrenze“. Danach ist jeder, der Leistungen nach SGB II bezieht, automatisch „arm“. Die absurde Folge dieser Auffassung: Armut wächst statistisch immer weiter an, je umfangreicher der Staat sie durch Transferleistungen bekämpft. Aus diesem Grund handelt es sich hierbei auch nicht um eine gleichberechtigte, „anerkannte Armutsdefinition“, wie die BS-Autoren behaupten. Der einzig bei uns offiziell geltende Armutsbegriff ist die EU-weite 60-40-Berechnung.

Zur Verdeutlichung der Trickserei ein Vergleich: Stellen Sie sich ein Medium vor, das regelmäßig Meldungen bringt wie „Neun Tote bei Raserfahrt in Berlin“. Auch im Artikeltext ist x-mal von den tragischen Todesfällen zu lesen. Nur ein kleingedruckter Zusatz erwähnt, dass die vermeintlich Verblichenen rechtzeitig zur Seite springen konnten. Die neun Berliner waren zwar in Lebensgefahr, blieben aber quicklebendig.

Ungefähr so geht die Bertelsmann Stiftung in ihren Studien zur „Kinderarmut“ vor. Ähnlich wie in der Meldung von den lebenden Toten existiert die behauptete Armut nur als nicht realisierte Bedrohung. Die Manipulation ist offensichtlich, aber sie funktioniert. Medien und Politik folgen dem Verwirrspiel mit den Begriffen und helfen seit vielen Jahren bei der Verbreitung der Fake News. Jeder TV-Talk verwischt den entscheidenden Unterschied zwischen arm und armutsgefährdet.

60 oder 40 – Hauptsache Prozent

Auch die EU wirft die Begriffe munter durcheinander und erzeugt damit einen falschen Eindruck von der tatsächlichen Lage. Andere gehen noch weiter. Die angeblich so faktentreue „Tagesschau“ spart sich die Alibi-Erwähnung von der Gefährdung gleich ganz und verbreitet die Fake News: „Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens in Deutschland zur Verfügung hat.“

So lief es auch in der erwähnten Phoenix-Runde. Professor Michael Eilfort von der Stiftung Marktwirtschaft monierte die „gezinkten Karten bei der Statistik“: „Armutsgefährdet und arm werden einfach zusammenrechnet.“ Ein erregter Ulrich Schneider, langjähriger Chef des Paritätischen Gesamtverbands und Mitglied der Linkspartei, bezichtigte den Wirtschaftswissenschaftler daraufhin der „Ehrabschneidung“ und kündigte „Fakten“ an, „von denen Sie wahrscheinlich wenig Ahnung haben“. Anschließend bestätigte er Eilfort mit der Falschbehauptung: „Armutsgrenze ist das mittlere Einkommen, 60 Prozent drunter.“ Frei nach Andi Möller: 60 oder 40 – Hauptsache Prozent.

So weit, so normal. Wer in der öffentlichen Diskussion gegenhält, wird niedergemacht. 2018 wagte es Jens Spahn, die schlichte Wahrheit auszusprechen: „Hartz IV bedeutet nicht Armut, sondern ist die Antwort unserer Solidargemeinschaft auf Armut.“ Der fällige Shitstorm folgte umgehend – „kaltherzig“, „überheblich“ und „zynisch“ waren noch die freundlicheren Zuschreibungen für den CDU-Mann.

Bertelsmann manipuliert jetzt vorsichtiger

Bei Bertelsmann hat man offenbar selbst erkannt, dass die „Datenblätter“ zu auffällig unseriös sind. Mittlerweile manipuliert man ein bisschen vorsichtiger. Zu den „zwei in der Wissenschaft anerkannten Armutsdefinitionen“ heißt es im diesjährigen „Factsheet“ plötzlich: „Wichtig ist, dass beide Armutsdefinitionen nicht zu dem gleichen Ergebnis von Armut betroffener Personen kommen können.“ 2020 hatte man noch das glatte Gegenteil behauptet: „Wenn man beide gängigen Armutsdefinitionen gemeinsam anwendet, dann ergibt sich folgendes Bild: Mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland wächst in einer Armutslage auf.“

Außerdem spricht die aktuelle BS-Studie nun häufiger von „Kinder- und Jugendarmut“ statt nur von „Kinderarmut“. Geht doch, mag mancher Beobachter meinen – aber den alles entscheidenden Unterschied zwischen Armut und Armutsgefährdung verschleiern die Bertelsdiversen weiterhin. Aus ihrer Sicht nachvollziehbar, denn sonst wäre das komplette alarmistische „Factsheet“ obsolet.

Einige wenige Texte, die die 60-Prozent-Grenze sauber und ausschließlich mit  Armutsgefährdung bezeichnen, gibt es tatsächlich auch, zum Beispiel von der Bundeszentrale für politische Bildung oder dem Statistischen Bundesamt.

Auch „Armutsgefährdung“ ist Irreführung

Nur, genau genommen ist auch die Aussage von der Armutsgefährdung zwar definitionsgemäß korrekt, aber inhaltlich falsch. Eine Gefahr kann schließlich nur bestehen, wenn ihre Realisierung im Bereich des Möglichen liegt. Armutsgefährdung setzt voraus, dass das Schadensereignis Armut eintreten kann. Das ist – zumindest in Deutschland – nach geltender Rechtslage nicht der Fall. Hartz IV respektive Bürgergeld und sonstige Sozialleistungen verhindern erfolgreich, dass Menschen in Armut abrutschen, solange sie die angebotene Unterstützung in Anspruch nehmen.

Auch die Armutsgefährdung ist daher Fantasiegebilde, Augenwischerei, Irreführung – eine Bedrohung, die in Wahrheit bei uns nicht existiert. Um auf den Vergleich mit dem Berliner Amokpiloten zurückzukommen: Wenn sich zwischen Passanten und City-Racer eine stabile Mauer befand, verloren die Fußgänger weder ihr Leben, noch waren sie überhaupt in Lebensgefahr.

Trotz all dem wird die Mär von den schrecklich vielen Armen in Deutschland Jahr für Jahr weitergetragen. „Arm“ klingt und wirkt besser als „einkommensschwach“, „sozialschwach“ oder „schlechter gestellt“. Arm ist absolut, duldet keinen Widerspruch und erstickt die Diskussion. Wer Armen nichts geben will, hat kein Herz, kein Mitgefühl, ist Vertreter der „sozialen Kälte“. Die Steigerung von Armut ist Kinderarmut. Höher geht es kaum auf der Tränendrüsenskala. Mehr als notleidende Kinder rührt Deutsche höchstens irgendwas mit Tieren.

Das Problem ist nicht Kinderarmut, sondern Bürokratie

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Bei der finanziellen Unterstützung im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen liegt durchaus einiges im Argen. Das Dickicht einzelner Sozialleistungen und die amtlichen Hürden beim Zugang sind reale Probleme. Falls Sie nicht wissen, was ich meine, schauen Sie gerne § 6a Bundeskindergeldgesetz an und erraten, wer wann warum Anspruch auf „Kinderzuschlag“ hat (auch genannt „Kinderzulage“ oder „Kindergeldzulage“).

Verschlankung und Vereinfachung in diesem Bereich sind also lobenswerte Vorhaben. Nur, dabei handelt es sich um die überfällige Bekämpfung des unaufhörlich wachsenden Monsters Bürokratie und nicht um Linderung von „Kinderarmut“. Ähnliches gilt für die Erhöhung der Leistungen, die Grüne und Sozialdemokraten mit der Einführung einer „Kindergrundsicherung“ ebenfalls fordern. Zusätzliches Geld für die Bedarfsgemeinschaft geht an die Erwachsenen. Ob es tatsächlich dem Nachwuchs zukommt, ist nicht sichergestellt.

Wer Kindern und Jugendlichen aus sozialschwachen Familien zuverlässig etwas Gutes tun will, sorgt für frühe (und verpflichtende) Sprachförderung, ausreichend Ganztagsbetreuung, kostenloses Kita- und Schulessen, bessere Lehranstalten und Lehrmittel. Undifferenziert mehr Geld in die Familien hineinzupumpen, ist nicht die Lösung.

Erfundene Lösung für ein erfundenes Problem

Mit dem Begriff „Kindergrundsicherung“ sind wir bei einem weiteren Trickbetrug aus dem Portfolio politischer Nepper, Schlepper, Bauernfänger. Die Benamung suggeriert, dass Kinder bisher nicht sozialstaatlich abgesichert sind. Das ist natürlich Quatsch. Die Grundsicherung in Deutschland besteht aus Bürgergeld (für Erwerbsfähige) und Sozialhilfe (für Arbeitsunfähige und Alte). Kinder sind – wie alle anderen Personen einer Bedarfsgemeinschaft – von dieser Grundsicherung umfasst. Die behauptete Regelungslücke existiert also nicht.

Was bleibt nach all dem? Ganz einfach: Die „Kindergrundsicherung“ zur Beseitigung der „Kinderarmut“ ist eine erfundene Lösung für ein erfundenes Problem. Nun fragen Sie sich vielleicht, warum in der Politik und ihrem Dunstkreis Schaffende Probleme behaupten, die es nicht gibt. Schließlich haben wir hierzulande mehr als genug reale Aufgaben, die es zu erfüllen gilt.

Die Gründe sind schnell erklärt. Erstens, Erfolgsbilanz. Je dramatischer das Problem, desto glorreicher dessen Lösung. Was auch immer die Grüne Paus unter dem Label „Kindergrundsicherung“ als Gesetz durchbringt – am Ende wird die Ampel-Regierung auf ihrer Habenseite verbuchen, die „Kinderarmut“ erfolgreich bekämpft zu haben. Ruhm und Ehre für diese sozialpolitische Glanztat sind gesichert.

Wer vom Hämmern lebt, braucht immer neue Nägel

Zweitens, Arbeitserleichterung. Scheinprobleme sind einfacher zu lösen als echte. Denken Sie an die rot-rot-grüne Berliner Landesregierung, die 2017 als erste Amtshandlung zusätzliche „Toiletten für alle Geschlechter“ einführte. Schon war ein Premiumproblem beseitigt. Kein Bedürfnisverspürendes nässt sich mehr ein, weil es an der Frage verzweifelt, ob Damen- oder Herrenklo die korrekte Wahl für die persönliche Entschlackung ist.

Drittens, Ablenkung. Echte Probleme benennen heißt Fehler eingestehen. Die rot-grüne Bildungspolitik der vergangenen Jahrzehnte mit kapitalen Missgriffen von „Schreiben nach Hören“ bis „Inklusion“, die katastrophale Migrations- und Integrationspolitik mit der enormen Zunahme sprachinkompetenter, sozial auffälliger und gewaltaffiner Kinder, der bauliche Zustand der Schulen, der technische Rückstand bei Lehrmitteln und Lehrern – all das sind reale Probleme im Gegensatz zur herbeigeredeten Kinderarmut. Mit der lässt sich aber trefflich vom eigenen Versagen ablenken.

Viertens, Existenzsicherung. Die Progressiven leiden unter Problemverlust. Wer nur einen Hammer hat, sieht überall Nägel, lautet eine amerikanische Weisheit. Zu ergänzen ist, wer vom Hämmern lebt, benötigt immer neue Nägel, die es einzuschlagen gilt. Auf den politischen Betrieb übertragen: Der Antirassismus braucht den Rassismus, die Antifa den Faschismus, die Gleichstellungsbeauftragte die Diskriminierung, der Inklusionsverfechter die Ausgeschlossenen, die Diversity-Botschafterin den Konformitätszwang, der Minderheitenvertreter die Unterdrückung.

Die Linken haben gewonnen

Das Problem mit diesen Problemen: Die politische Linke hat auf gesellschaftspolitischem Feld gewonnen. Praktisch alle grundlegenden Missstände sind beseitigt, nicht wenige meinen, es sei längst zu viel des Guten. Wir leben in einer der gerechtesten und fürsorglichsten Gesellschaften, die es je auf Erden gab. Schön – außer für die institutionalisierten Krieger gegen Not und Elend. Der 1967 ausgerufene Marsch durch die Institutionen ist vollbracht, in Politik, Vereinen, Stiftungen, Universitäten, öffentlich-rechtlichen Anstalten, sonstigen staatlich gefütterten „NGOs“ und sogar in der Privatwirtschaft hängen mittlerweile zigtausende Jobs am fortdauernden Einsatz gegen das Unfaire und Unsoziale.

Für die, die vom steten gesellschaftlichen Fortschritt gut und gerne leben, gilt: Je mehr echte und vermeintliche Probleme gelöst sind, desto größer ist der Bedarf an neuen und am Fortbestand der alten. Ein Klassiker ist zum Beispiel die Mär, Frauen erhielten für gleiche Arbeit um die 20 Prozent weniger Lohn als Männer. Tatsächlich beträgt der „bereinigte Gender Pay Gap“ nach offizieller Statistik nur rund sieben, bei präziserer Berechnung nicht einmal vier Prozent. Dabei sei „davon auszugehen, dass keine statistisch signifikante Entgeltlücke verbleiben würde, wenn alle Einflussfaktoren der Entlohnung berücksichtigt werden könnten“.

Trotzdem bestritt die SPD 2017 mit der Legende von der Riesen-Lohnlücke einen Bundestagswahlkampf. Und jedes Jahr im März wird zur Erinnerung an die schlimme Ungerechtigkeit gegenüber Frauen der „Equal Pay Day“ ausgerufen – bezahlt, Verzeihung, „unterstützt“ wird das edle Unterfangen, Sie ahnen es, vom Paus-Ministerium.

Wie geht es weiter, fragen Sie? Nun, während der Krieg gegen die Kinderarmut noch läuft, steht die Lösung eines weiteren sozialen Megaproblems an. Frau Paus wird die Gesetzesnovelle zur „Selbstbestimmung“ durchs Parlament bringen und im Namen der Gleichberechtigung neue Sonderrechte einführen. Dann dürfen Transidente endlich per einfacher Mitteilung ans Standesamt im Jahrestakt das „Geschlecht wechseln“. Dafür dürfen Sie mit einem saftigen Bußgeld rechnen, wenn Sie im Einzelfall darüber reden. Es lebe der Fortschritt. Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

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Leserpost

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George Samsonis / 04.06.2023

“Armut” im Narrativ des LinksGrünen Dtl. ist einzig und allein eine aussagelose statistische Zahl. Meine Frau und ich haben - zugegeben - ein gutes Einkommen. Wenn Bernard Arnault, Elon Musk, Jeff Bezos und Bill Gates in unseren Ort ziehen würden, wären wir aber auf einen Schlag richtig arm - also so rein statistisch ;-)). Allen christlichen Achgut.com-Lesern einen gesegneten Sonntag, allen anderen einen schönen Sonntag. P.S. Als alter Hegelianer glaube ich immer noch daran, dass das Bewusstsein das Sein bestimmt und nicht, wie Karl Marx behauptet, das Sein das Bewusstsein.

gerhard giesemann / 04.06.2023

Problem: Je mehr Geld es gibt für Kinder, desto mehr Zuzug von Hyperfertilen. Die finden das ganz toll. Also: Erst Schotten dicht und dann Kindergeld. Wie sagte mal jemand? Sozialstaat und offene Grenzen für alle geht in die Pleite. Garantiert. Denn der Nachschub ist unerschöpflich, dank Kinderehen und Hyperfertilie bei bestimmten Eroberern. Die können nichts anderes als Kindermachen, geht ganz leicht. Und die Kartoffeln sollen es selbst bezahlen - so wie die Kartoffel aus Amerika die Europäer seinerzeit derart gut genährt hat, dass sie allein demographisch die beiden Amerikas übernehmen konnten. Wollen wir das nunmehr auch mit uns machen lassen? Der Unterschied zu damals ist: Heute sind es acht! Milliarden, damals, so um 1800, gerade mal eine, um 1900 zwei.  Im Jahre 2000 sechs. Respekt, oder?

A.Schröder / 04.06.2023

Dank des starken Geburtenrückgangs deutscher Kinder geht die Kinderarmut deutlich zurück. Weniger vollgeschissene Windeln heben weiterhin die Ökobilanz. Ein politischer Erfolg der Einheitsparteien* in Deutschland. Der gebährfähige Wähler hat das Signal verstanden.                                                            *CDU, SPD, FDP, Linke und Grüne

Ulrich Viebahn / 04.06.2023

Hr. Löwenstern, Sie zerlegen ein Machwerk der ‘b s’-Stiftung, und können es auch noch so formulieren, daß man es wieder und wieder gerne liest. Danke auch für die eingestreuten Vermutungen über die Motive der Bürokraten.

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