Jesko Matthes / 29.11.2017 / 10:00 / Foto: U.S. Navy / 9 / Seite ausdrucken

Ein asymmetrischer Atomkrieg?

Von Jesko Matthes

Politikstile ändern sich. Das mal offiziöse, mal per Twitter ausgetragene Dauergeplänkel zwischen dem nordkoreanischen Regime Kim Jong Uns und Donald Trump ist schon beinahe Anlass, mich zu entspannen. Gegen die mal brutalen, mal süffisanten Beleidigungen und Bedrohungen der beiden Kontrahenten wirkt die Emser Depesche schon beinahe wie ein Liebesbrief. Sie ist ein Lehrstück. Hier ging es nicht um totale Vernichtung, ein gegenseitiges Todesurteil, nur um die Thronfolge der Hohenzollern.

Bismarck musste den Konflikt nur leicht überspitzen, schon brach beiderseits des Rheins ein nationaler Taumel aus, der sich als Krieg, am Ende als eine tiefe Demütigung Frankreichs und eine der späteren Keimzellen des Ersten und noch des Zweiten Weltkriegs entpuppen sollte. Man demütigte einander gern, allerdings nicht per Twitter. Hitler reaktivierte den Waggon von Compiègne, um den Waffenstillstand der Franzosen persönlich entgegen zu nehmen. Säße heute stattdessen jemand im Propagandaministerium und schriebe Tweets an den Feind und die Volksgenossen? Ich fürchte, ja – aber, Vorsicht: nicht nur.

Es gab und gibt wahrscheinlich heute noch einen französischen Zweig meiner Familie, mütterlicherseits. Pierre Gogny soll ein Arzt in Rouen gewesen sein, wie mein Großvater es in der Altmark war. Verschwägert waren sie über eine meiner Urgroßtanten. Und obwohl oder weil Pierre es gewagt hatte, eine Deutsche zu heiraten, verweigerte sein halbwüchsiger Sohn, zu Besuch bei meinen Großeltern in den späten 1920er Jahren, trotz schwerer Zahnschmerzen einen Termin bei einem deutschen Zahnarzt. Gefragt, warum er lieber Schmerzen leide, antwortete er in leidlichem Deutsch, niemals ginge er zu einem Zahnarzt, der sein Erbfeind sei. Damals und noch gute zwanzig Jahre danach fand die Anekdote niemand komisch, höchstens lächerlich – was nicht dasselbe ist.

Ein asymetrischer thermonuklearer Krieg?

Und so belustige auch ich mich über Kim Jong Un und Donald Trump, nur das Lachen, es bleibt mir wieder im Halse stecken. Es geht nicht um zwei Erbfeinde, die einander Satisfaktion schuldeten und diese mit Degen oder Vorderladern austragen wollten, nachdem sie es mit Schrapnells und Giftgas bereits versucht hätten und erneut mit Panzern und Artillerie, oder die schlicht den Besuch beim gegnerischen Zahnarzt verweigerten. Es geht um den thermonuklearen Krieg, nicht um die kleine Atombombe, Kilotonnen; es geht um die große Wasserstoffbombe, Megatonnen TNT.

Die White-House-Astrologen werden nicht müde, mir dabei Donald Trump als den emotional instabilen Persönlichkeitsgestörten zu präsentieren, dessen leere Drohungen lächerlich, dessen ernstzunehmende Drohungen ohne demokratische oder wenigstens hierarchische Kontrolle katastrophal enden könnten. Das gilt es ernst zu nehmen, gerade weil andere Parteien den Krieg in Syrien oder der Ukraine anstandslos konventionell führen, von – ich bitte den Zynismus zu entschuldigen – gelegentlichen Giftgasangriffen einmal abgesehen. Sie können diese Kriege führen, weil sie wissen, dass sie selbst und ihre Gegner einen Atomschlag nicht fürchten müssen. Sie schrecken vor dem Giftgas des Ersten Weltkriegs nicht zurück, sie führen den Krieg in aller Gelassenheit heiß, gerade weil der Kalte Krieg zu Ende ist.

So auch im Falle Nordkorea – USA? Ein entsetzlicher Gedanke. Der asymmetrische thermonukleare Krieg würde möglich, weil der symmetrische unwahrscheinlich geworden ist. Wer also ist der Hasardeur? Wie auch immer: Es mag berechtigt sein, sich über Donald Trump als Führungsfigur des „Westens“ weniger lustig als vielmehr ernste Sorgen zu machen.

Warum sagt allerdings dann niemand deutlich, wer Interkontinentalraketen über Japan hinweg schießt und droht, sie auf Guam und die Westküste der USA zu richten? Gewiss, das Sandkastenspiel mit dem Zerwürfnis, der andere habe angefangen, falsch zu spielen oder brutal, wird irgendwann sinnlos. Es ist auch kaum möglich, damit zu drohen, man werde seinen großen Bruder holen. Kim wie Trump sind ihre eigenen großen Brüder, nur Trump muss dennoch damit rechnen, in Moskau oder Peking auf größere Brüder zu treffen, denen Trumps Probleme zuweilen ganz recht sind; ein gefährliches Spiel.

Mal wieder blind auf dem linken Auge

Wenigstens zur Kenntnis nehmen sollte man allerdings und allerorten, dass der eine twittert, während der andere Kernwaffen- und Raketentests durchführt, und jetzt schon Südkorea und Japan vernichten könnte. Wehe, einer aus dem „Westen“ käme auf solche Ideen: „Fuck Chirac!“ tönte es einst auch bei Markus Lanz. Die Blindheit auf dem linken Auge hat eine lange Tradition, die einen Chirac sofort sieht, einen nuklear provozierenden Despoten wie Kim aber übersehen möchte. Merke: Die bösen Atomwaffen sind immer die eigenen. Diesen Irrsinn kenne ich seit den pastoral gesegneten Sitzstreiks in Mutlangen, mit meinen alten Lieblingen: Heinrich Böll, Günter Grass, Helmut Gollwitzer, Walter Jens. Wer also ist der emotional instabile Persönlichkeitsgestörte, der den Weltfrieden bedroht: Leonid Breschnew oder Ronald Reagan, Kim Jong Un oder Donald Trump?

Der gefährlichste Fehlschluss ist dabei nicht der, nur auf Trump zu schauen, sondern der, die beiden, Kim wie Trump, für Idioten zu halten. Der eine ist der dynastische Thronfolger eines stalinistischen Systems in dritter Generation, der eine Erziehung in der Schweiz genossen hat; der andere ist ein Wirtschaftsmagnat mit allen Höhen und Tiefen. Gewiefte Kenner der Macht sind sie beide. Was, wenn sie beide John von Neumann gelesen hätten, oder Berater ihnen zur Seite stünden, die sie gelesen haben? Denn man muss sie lesen, sonst weiß man fast nichts über die Bombe.

Spieltheorie?

Sie, die Politiker und ihre Berater, kennten dann die Chancen und Risiken der Spieltheorie, und sie hätten Beispiele für durchaus bedeutende Denker, die den thermonuklearen Krieg als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln betrachteten.

Und ich beginge einen schweren Fehler, wenn ich mich auf Donald Trump allein konzentrierte und seine Tweets. Sie haben nicht die Brisanz der Emser Depesche, aber nur, weil der Ton inzwischen so rauh geworden ist, dass selbst ein Bismarck oder ein Sitzstreik vor einer US-Kaserne ihn nicht mehr künstlich verschärfen könnte, dass also kaum jemand ihn noch ernst nimmt. Bismarck und selbst Mutlangen musste man ernst nehmen, Kim oder Trump meint man, unter „Getöse“ verbuchen zu können, weil eine Steigerung kaum vorstellbar ist. Das ist der schwerste Fehler. Dennoch: Tweets lassen mich am Ende genauso kalt wie damals die treudeutschen Sitzstreiks der Linken nebst ihrer Altnazis – gerade weil der Horizont der Emser Depesche oder der Sitzstreiks längst hinter uns liegt: Twitter ist angesagt!

Kernwaffentests, die Nordkorea erschüttern, und Raketen, die in den Pazifik fallen, sprechen da allemal die deutlichere, die gefährlichere Sprache. Siehe da: Es sind nicht die Kernwaffen oder die Raketen Donald Trumps. Wer also ist es, den man zuerst isolieren, ächten und bekämpfen muss?

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Hartmut Schilling / 29.11.2017

Danke für die klaren und nachdenlichen Worte. Entscheidend ist dabei der letzte Satz - allerdings: Eine solche (einfache!) Schlußfolgerung im hiesigen Umfeld einer gelenkten linken Staatspresse “unterzubringen”, dürfte schwer bis unmöglich sein. Den noch Klardenkenden sind diese Zusammenhänge ohnehin geläufig.

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