Am 17. Januar klingelte der Postbote an meiner Haustür und übergab mir ein Schreiben des SPD-Generalsekretärs Lars Klingbeil, dessen Erhalt ich quittieren musste. Wie ich erwartet hatte, ging es um den erneuten Antrag auf Parteiausschluss. Das hatte der Generalsekretär ja schon am 20. Dezember in einer Pressemitteilung verkündet. Beim letzten Ausschlussantrag acht Jahre zuvor war Andrea Nahles Generalsekretärin gewesen. Sie scheiterte damals, und Lars Klingbeil wird es nicht besser ergehen, denn eine politische Partei ist keine Wahrheitskommission, die über den Inhalt eines Sachbuchs und dessen Autor richten kann.
Der erneute Ausschlussantrag zeigt das Ausmaß an Verzweiflung an, das offenbar in der engeren Parteiführung herrscht. In den bundesweiten Umfragen pendelt die SPD seit Monaten zwischen 14 und 15%, etwa gleichauf mit der AfD, und der Termin der Europawahl (26. Mai) rückt immer näher. So niedrig die Werte auch sein mögen, es geht offenbar immer noch tiefer. In der jüngsten Umfrage für Bayern (Institut Forsa) unterbietet die SPD noch ihr einstelliges Ergebnis bei der letzten Landtagswahl und liegt jetzt bei 6%.
Altbundeskanzler Gerhard Schröder versuchte sich vor einigen Tagen als Notbremser und griff die Parteivorsitzende Andrea Nahles öffentlich scharf an. Sie verstehe nichts von Wirtschaft und könne es nicht, selbst ihren Kleidungsstil kritisierte er. Er erfuhr aus der Parteiführung sofortigen Widerspruch. Vor der Europawahl wird Andrea Nahles bestimmt nicht stürzen, aber welche Autorität hat sie noch?
Die SPD entscheidet über soziale Wohltaten
Die ganze Hoffnung der SPD-Führung richtet sich jetzt offenbar darauf, dass sie als Mitglied der großen Koalition in Berlin auf einem großen Geldsack sitzt und jene Ressorts regiert, in denen über soziale Wohltaten entschieden wird, nämlich das Finanzministerium, das Familienministerium und das Sozialministerium.
Im Sozialen sieht die SPD ihre Hauptkompetenz: Ihr Gestaltungsanspruch beschränkt sich zunehmend darauf, finanzielle Wohltaten zu verteilen und vermeintliche Härten zu mildern:
In diesem Geiste wurde bereits in den letzten Jahren die Anhebung der Altergrenze in der Rentenversicherung zurückgedreht und die vorzeitige Verrentung mit 63 Jahren erleichtert.
In diesem Geiste versucht die SPD-Linke, unterstützt von der Parteivorsitzenden Andrea Nahles, seit geraumer Zeit die von Gerhard Schröder 2004 durchgesetzten Reformen am Arbeitmarkt zu verwässern und das Verweilen in der sozialen Hängematte erneut zu erleichtern.
In diesem Geiste hat Sozialminister Hubertus Heil jetzt Vorschläge zur Erhöhung der Grundrente für Geringverdiener vorgelegt, die den Bundeshaushalt jährlich mit fünf bis 15 Mrd. Euro belasten und mehr Ungerechtigkeiten schaffen wird, als sie beseitigt.
Die beitragsfinanzierte Sozialrente ist in Deutschland grundsätzlich nach der Zahl der Beitragsjahre und der Höhe der Beiträge gestaffelt. Dieser Zusammenhang sorgt für Finanzierbarkeit und angesichts der schmerzhaft hohen Beiträge auch für soziale Akzeptanz. Wer nur niedrige Beiträge zahlt oder größere Erwerbslücken hat, erhält ergänzend zum erworbenen Rentenanspruch Leistungen aus der staatlichen Grundsicherung, die sich am Niveau der allgemeine Grundsicherung ausrichten und so bemessen sind, dass Armut vermieden wird.
Minister Heil sitzt am Hebel
Wer Grundsicherung bezieht, muss sich allerdings alle anderweitigen Einkommen anrechnen lassen. Das will Sozialminister Heil aushebeln: Geringverdiener sollen eine nicht durch Beiträge verdiente Rente bekommen, die sie besser stellt als die Grundsicherung und auch nicht mit Betriebsrenten oder anderen Einkommen verrechnet werden muss. Das wird nicht nur extrem teuer, sondern bringt zudem eine Fülle von Inkonsistenzen und neuen Ungerechtigkeiten mit sich. Es ist ungerecht gegenüber jenen Rentnern, die eine höhere eigene Beitragsleistung erbracht haben und eine vergleichbare Rente beziehen. Finanziert werden kann diese Privilegierung zudem nicht aus Sozialbeiträgen, sondern nur vom Steuerzahler.
Das anrechnungsfreie Geschenk widerspricht zudem den Zwängen und Notwendigkeiten, die sich für die Altersversorgung in Deutschland aus der Demographie ergeben, und das führt zurück zur langfristigen Strukturverantwortung der SPD: Die bis Mitte der sechziger Jahre geborenen Babyboomer gehen in wenigen Jahren in Rente. Die dann in das Erwerbsleben nachrückenden Jahrgänge sind weitaus kleiner, so dass ab 2030 ein großer Druck auf die Absenkung des Renteniveaus und die Erhöhung des Steueranteils an der Rente entsteht. In den achtziger und neunziger Jahren hatte es auch in der SPD Bestrebungen gegeben, hierfür Vorsorge zu leisten. Durch die sorglose Politik der letzten Jahre wurde diese Vorsorge in ihr Gegenteil verkehrt.
Seit dem Beginn des Geburtenknicks Ende der sechziger Jahre sind 50 Jahre vergangen. In dieser Zeit stellte die SPD 20 Jahre lang den Bundeskanzler und 30 Jahre lang den für die Renten zuständigen Minister. Sie tat in ihren Ämtern wenig bis nichts gegen den Geburtenrückgang und verdrängt mittlerweile die Problematik stärker denn je.
Stattdessen assistierte sie bei der Öffnung der Grenzen für die Masseneinwanderung von wenig Qualifizierten und hat bis heute kein Konzept dagegen. Das merken viele Bürger und haben auch deshalb der SPD, die früher als Schutzmacht der kleinen Leute galt, ihr Vertrauen entzogen. Dieses Vertrauen lässt sich nicht durch unsystematische und sozial ungerechte Geldgeschenke auf Kosten der Steuerzahler zurück erwerben, und berechtigte Kritik kann man nicht dadurch mundtot machen, dass man Querdenker wie mich aus der Partei ausschließt.
Zuerst erschienen in der Zürcher Weltwoche

Nur mal angenommen, die SPD käme tatsächlich auf die Intensivstation. Da läge sie dann, angeschlossen an lebenserhaltende Maschinen und allerlei technische Gerätschaften, vermutlich im Koma. Weil sie nicht aufwacht, liegt sie da jahrelang, schließlich vergessen, in irgendeinem Zimmer. Nicht richtig am Leben, aber eben auch noch nicht vollständig tot. Bis 2038. Dann kommt eine windstille Winternacht, und wegen der fortgeschrittenen Auszehrung der Sozialsysteme reicht der Notstrom leider nicht für alle Patienten...
@ Bernd Simonis - Sie haben Recht, kurzfristig steigen die SPD-Stimmen wegen dieser Wohltaten. Die Leute freut besonders, dass die Grundrentenansprüche nicht überprüft werden sollen, wenn ich mich so umhöre. Fazit: Hier teilt sich die Mittelschicht, denn es gibt sicher auch viele Mittelschichtsfrauen insbesondere, die m i t Überprüfung keine Grundsicherung bekämen, o h ne aber schon. - Und auch derenMänner rechnen sich gerne zu den Gewinnnern... Bleibt noch die Sache mit der Rechnung und mit der Gerechtigkeit. - Und damit die Antwort auf die Frage, wer diese Wohltaten bezahlt? - Die fällt sicher auch in das von Ihnen beschriftete Körbchen, wo die Mittelschichtler als Hauptzahler drin sind mit der langen Leitung... - Insgesamt atmen die mit der langenLeitung auf, weil Heil den Eindruck erweckt, er habe etwas getan. Hat er auch, er hat staatliche Zuwendung und Wirtschaftsleistung des Einzelnen weiter entkoppelt. Die SPD hat keinen Bock mehr auf Leistungsgesellschaft wie es aussieht. 16 000 Kids studieren derzeit Gender-Wissenschaften = Umverteilungsargumentations- und Agitations - und Manipulations"wissenschaften".., Andrea Nahles ist auch da vorneweg. Die Linke ist nicht mehr progressiv, objektiv gesehen, sondern zunehmend regressiv (cf. Dave Rubins Slogan über die Gender- und Multikulti-Linke: "The Regressive Left!").
Wenn in absehbarer Zeit die Konjunktur hier im Land so richtig abstürzt (Stichwort Autoindustrie), dann wird es richtig lustig. Früher hatte man das Instrument der Zinssenkung zur Stimulation der Nachfrage, das fällt durch den 0-Zins natürlich weg, also was tun?
Das machen die doch nur aus Verzweiflung und nicht aus Überzeugung. Ich bin gespannt, wenn wenn die SPD das "Mach das Licht aus-Gesetz" ins Gesetzgebungsverfahren bringt.
Die SPD versucht es jetzt nach dem Motto "wenns scheiße ist, streu Glitter drauf!". Ich habe den Eindruck, dass auf Krampf versucht wird, den Wähler solange zu beruhigen, bis die SPD geförderten Massenzuwanderer an die Wahlurnen dürfen. Seit Jahrzehnten wurde von der SPD keine familienfreundliche Politik gemacht. Stattdessen wurde den Frauen permanent Emanzipationsgeschwafel in den Kopf gesetz, aber die daraus resultierenden Folgen durften die Frauen dann alleine ausbaden. Alleinerziehende Frauen gehören nicht umsonst zu den Ärmsten der Armen in Deutschland. Solange die SPD nicht ihre Migrationspolitk komplett ablegt, wird sie weiter gen 10% taumeln. Selber Schuld!
Sehr geehrter Herr Sarrazin, immer schön weiter so. Ihrem ersten Buch kann man höchstens vorwerfen, dass Ihre Zeitachsen viel zu lang angesetzt waren. So wird es mit den anderen Büchern auch sein. Zahlen und Physik werden nicht falsch, weil unsere Presse laut aufschreit und die Nazikeule schwingt. MfG Nico Schmidt
Sehr geehrter Herr Sarrazin, nach all Ihren Büchern, Artikeln, Aussagen fällt es mir zunehmend schwerer, (Ich denke es geht vielen so) zu Verstehen weshalb Sie sich so krampfhaft an die SPD klammern. Haben Sie sich oder der SPD etwas zu beweisen? Die analytische Beobachtungsgabe aus Ihren Büchern und Artikeln fehlt mir, bei Ihnen, in Bezug auf diese Versager-Partei vollkommen. Es wäre interessant von Ihnen einen Artikel zu lesen in dem Sie Ihren Lesern, mit der von Ihnen gewohnten Schärfe, einen inneren Zustandsbericht bezüglich SPD beschreiben. Ich würde das als Verständnisbereicherung sehr begrüßen. Freundliche Grüße Erich Haug