Alexander Wendt / 01.11.2017 / 16:50 / 9 / Seite ausdrucken

Die Kanzlerin und die Glaubensüberzeugungen

An quasi Staatsfeiertagen wie dem gestrigen ist es unmöglich, von Repräsentanten etwas anderes zu hören als einen besonders säuerlichen Sulz aus politischer Korrektheit, Denkfaulheit und Bildungsferne. Angela Merkel sagte in Wittenberg:

„Wer die Vielfalt bejaht, muss Toleranz üben - das ist die historische Erfahrung unseres Kontinents. Mühevoll wurde gelernt, dass die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben in Europa die Toleranz ist.“

Selbst wenn Glaubensüberzeugungen den eigenen Ansichten widersprächen, gelte es anzuerkennen, dass sie „für andere von zentraler Bedeutung sind“.

Nein, die historische Erfahrung unseres Kontinents – die allerdings von immer mehr Bewohnern nicht geteilt wird – lautet vielmehr: Wer eine zivile Gesellschaft haben will, muss die Religion einhegen und Grenzen der Toleranz definieren, gerade gegenüber religiösen Eiferern, die ihre Agenda der gesamten Gesellschaft aufzwingen wollen.

Entscheidend ist eben nicht, ob Glaubenssätze "für andere von zentraler Bedeutung sind" (das sind sie beispielsweise für Salafisten mit Sicherheit), sondern, ob sie sich mit einer Gesellschaft freier Individuen vertragen. Genau das bedeutet nämlich "Vielfalt" tatsächlich: Individualität. Die kann nur gedeihen, wenn es Leute nicht zu bunt treiben, die meinen, ein Kollektiv müsse bei Drohung mit empfindlichen Übeln dies und jenes glauben, ob religiös oder weltlich.

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Engelbert Gartner / 02.11.2017

Wie soll das funktionieren?  Toleranz gegenüber Toleranzlosen ist das Ende der Toleranz .

Andreas Rochow / 01.11.2017

Wir sind plötzlich (wieder) in eine Situation geraten, in der es sich lohnt, über die kulturstiftende Wirkung der Religion(en) grundlegend nachzudenken. Statt unter der Parole “Freiheit für alle Religionen” völlig undifferenziert die eigene Kultur in rasantem Tempo auf- und preiszugeben, sollten wir dringend überprüfen, ob es sich dabei nicht um eine fatale Mißinterpretation des Grundgesetzes handelt. Es muss verhindert werden, dass in dieser Frage Muslime und zur Unterwerfung neigende christliche Kirchenfürsten weiterhin die Deutungshoheit für sich beanspruchen und den Begriff der Toleranz als Forderung zur Unterwerfung umdeuten.

Georg Dobler / 01.11.2017

Wird Frau Dr. Merkel die von ihr eingeforderte Toleranz auch gegenüber der einen der anderen Oppositionspartei ausüben wen sie denn die Vielheit bejaht?

Werner Kieser / 01.11.2017

Toleranz gegenüber Intoleranz? Da stimmt doch etwas nicht.

Detlef Dechant / 01.11.2017

Zu Religion fallen mir immer Sätze des Dalai Lama ein, die er in einem Gespräch mit Franz Alt äußerte: “Ethik ist wichtiger als Religion. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften enthalten ein Gewaltpotenzial. Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten.”

Dirk Jungnickel / 01.11.2017

Mir ist nicht klar was damit gemeint ist,  Religion “einhegen” zu müssen, wenn man eine “zivile Gesellschaft” haben möchte, die auch der Definition bedürfte. Die Grenzen der Toleranz sind vor allem gegenüber i d e o l o g i s c h e n Eiferern zu ziehen; nicht zu vergessen sind Religionen, die - wie der Islam - alle Kriterien einer Ideologie erfüllen. Es sollte bitte nicht der Fehler gemacht werden, Religion a priori mit Ideologie gleich zu setzen.

P.Hoffmann / 01.11.2017

Empfehlenswert zu diesemThema ist das Buch von E.Flaig: “Die Niederlage der politischen Vernunft”. E.Flaig sagt sinngemäss: Die gegenwärtige Leitmoral der Alltoleranz wird zum höchsten Wert erhoben. Aber Alltoleranz ist überhaupt kein Wert, denn wer alles duldet, dem ist nichts etwas Wert. Der braucht nichts zu opfern. Alltoleranz ist der “Wert” derer, die es ablehnen, Werte zu haben.. Denn Werte haben heißt für sie (die Werte) Opfer bringen oder bereit sein, Opfer zu bringen, denn Werte sind teuer.

Frank Holdergrün / 01.11.2017

Mehrfache Kameraschwenks über die Zuhörer gestern Abend zeigten friedlich Schlummernde. Man würde ihnen wünschen, wenigstens diese Analyse von Herrn Wendt nachzulesen, damit sie hellwach werden. Die Redenschreiber von Merkel zeigen deutlich, wo die Schwachstellen eines brüchigen Konzeptes liegen, das die Chefin mit treuem, hohem Augenaufschlag abliest wie eine Abiturientin ohne jegliche Lebenserfahrung. Aber Gott sei Dank werden immer mehr hell-hörig. Danke, Herr Wendt.

Sepp Kneip / 01.11.2017

Merkel weiß doch überhaupt nicht was Toleranz ist. Für sie ist Relativismus Toleranz. Für sie ist Beliebigkeit Toleranz. Für sie ist ihre Sicht der Dinge Toleranz. Alternativlos. Und so jemand will den Menschen erklären, was Toleranz ist? In der DDR und in der SED gab es keine Toleranz. Woher soll sie daher wissen, was Toleranz ist.  Merkel ist ein Chamäleon. Und ein Chamäleon kennt keine Toleranz. Es versteckt sich hinter seiner Tarnfarbe, um dann mit seiner langen Fangzunge zuzuschlaqen. Toleranzlos und erbarmungslos. Sie werden staunen und sagen, aber das stimmt doch nicht und ich werde Ihnen sagen, doch das stimmt - aber nur zum Teil. Es stimmt, soweit es den schon länger hier lebenden Bürger betrifft. Es stimmt in der Tat nicht, was die von ihr in Massen hereingeholten Flüchtlinge betrifft. Bei diesen ist ihre Toleranz grenzenlos, ohne von diesen Toleranz einzufordern. Zum Schaden der schon länger hier Lebenden. Wahnsinn, aber dieser Wahnsinn hat Methode.

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