Gunnar Heinsohn / 06.02.2018 / 06:15 / Foto: Mikhail Evstafiev / 16 / Seite ausdrucken

Das Drama mit den Jungen (1)

Das Deutsche Reich hat 1914 auf 540.000 Quadratkilometern knapp 68 Millionen Einwohner mit einem Durchschnittsalter unter 25 Jahren. 2018 leben in der Bundesrepublik – neben 19 Millionen Bürgern mit Migrationshintergrund – nicht einmal 64 Millionen Altdeutsche, deren Durchschnittsalter 47 Jahre erreicht hat.

Deutschlands Kolonien beherbergten 1914 – auf rund 2,9 Millionen Quadratkilometern – nicht einmal 14 Millionen Menschen. Heute leben in diesen ehemaligen Kolonien 130 Millionen. Von einem Fünftel des einstigen Mutterlandes hat sich die Bevölkerung dort verzehnfacht – es leben dort heute doppelt so viele Menschen wie hierzulande "Altdeutsche".

Als die Sieger von 1918 das Wiener Kaiserreich zersplitterten und die Berliner Kolonien unter sich aufteilten, ahnten sie nicht einmal, dass die Demographie ihnen nach und nach ebenfalls das Schicksal der Zersplitterung bescheren würde.

Global bricht sich ein Separatismus Bahn, der die Nationenzahl zwischen 1914 und heute von 50 auf 193 hochtreibt, während die Weltbevölkerung von 1,7 auf 7,6 Milliarden zulegt. Nur ein verengter Blick aus europäischer Sicht führt zur Lehrbuchüberzeugung, dass nationaler Separatismus erst im neunzehnten Jahrhundert einsetzte und im frühen zwanzigsten seinen mörderischen Gipfel erreiche. Doch schon vorher, von 1492 bis 1914, wächst genug europäisches Personal nach für Eroberungen. Das führt in nie gekanntem Ausmaß zur Abtrennung von Gebieten in der übrigen Welt.

Von gut 50 Millionen auf bald eine halbe Milliarde verzehnfacht sich Europas Bevölkerung. Verluste beim Siegen, Ausmorden und kolonialen Siedeln sowie durch Seuchen und Kriege daheim werden umgehend und verstärkt ausgeglichen, weil die Geburtenkontrolle eisern unterdrückt bleibt.

Um die Entvölkerung – von 80 auf 50 Millionen durch die Pestwellen ab 1348 – umzudrehen, bleibt seit der Hexenbulle 1484 ist Sexualität ohne Strafe nur als ehelicher Fortpflanzungsakt erlaubt. Make love, not babys, die einmal zu Kriegern werden, setzt sich erst rund 500 Jahre später ab den 1960er Jahren durch.Dies, weil in der permanenten Konkurrenz auf den Arbeitsmärkten nur derjenige nach vorne kommt, der beim Qualifizieren und Regenerieren nicht durch Kinderversorgung behindert wird.

Expansion zur Unterbringung des Nachwuchses

Als die Erde gegen 1820 weitgehend aufgeteilt ist und Südamerika eigene Wege sucht, baut sich Druck auf zwischen Europas Bevölkerungsexplosion und seiner Verteilung auf neue Territorien. Mit einem Anstieg von 180 Millionen im Jahre 1800 auf 490 Millionen im Jahre 1915 erreicht die Alte Welt einen ungemein jungen Weltbevölkerungsanteil von 27 Prozent. Der Kriegsindex liegt immer bei 3 bis 4, wobei 3.000 bis 4.000 zornige junge Männer (15-19 Jahre) um die Positionen von 1.000 Alten in Rentennähe (55-59 Jahre) ringen.

Für das Unterbringen des Nachwuchses wollen alle expandieren. Russen unterwerfen in Asien ein Territorium von 15 Millionen Quadratkilometer, während das Reich der Zaren von 35 auf 92 Millionen Bürger zulegt. Großbritannien stürmt von 10 auf 46 Millionen Einwohnern noch rasanter voran und kontrolliert 1918 fast 36 Millionen Quadratkilometer. Mit den USA kontrollieren Angelsachsen ein Drittel der Welt.

40 Millionen Quadratkilometer gehen seit der zweiten Kolumbusreise – 1493 sind Soldaten, Siedler, Priester, Vieh und Saatgut auf den Schiffen – an Lissabon und Madrid, Paris und Den Haag sowie schließlich auch Brüssel, Rom und auch ans Deutsche Reich. Widerstand leistet bis 1918 das Osmanen-Reich. Nur Chinesen, Koreaner und Japaner, die kulturell schon im Mittelalter die Nase vorne haben, werden nicht unterjocht.

Dritte Söhne der europäischen Eliten regieren, die Kühnsten ihrer Unterschichten helfen beim Herrschen. In der Tötungs- und Sterbebereitschaft gegen Kolonisierte und imperiale Gegner fühlen sie sich als gemeinsame Nation. Unruhen im Mutterland dämpft man durch neue Eroberungen, wo die Aktivsten als Farmer oder alsbald freie Sträflinge eingesetzt werden. Tausende von Stammes-Gemeinschaften, Khane, Emire oder Sultane sowie Inka- oder Azteken-Fürsten verlieren dabei ihre Gebiete. Doch ihr Klagen über Sezessionen ohne Ende wird bestenfalls als Wehklagen der Besiegten vernommen.

Die Alte Welt ist längst Geschichte

Noch im 18. Jahrhundert trifft es mit der Aufteilung von Polen-Litauen das zweitgrößte Reich Europas. Größer wird dabei auch das Habsburger Imperium. Da seine Bevölkerung von gut 20 Millionenim Jahr 1800 bis zum Jahr 1914 auf 53 Millionen springt, treibt es unaufhaltsam in seinen separatistischen Untergang. Der slawische Nachwuchs fordert unerwartet die Positionen der Ungarn und Deutschen, die nicht einmal mehr genügend Ämter für die eigene Jugend haben. Die banale Konkurrenz um Pfründen wird als Verteidigung nationaler Ehren deklariert. Doch neben dem tödlichen Weg zu eigenen Staatsapparaten gibt es den schlichten Umzug nach Wien. Hunderttausende bleiben dort auch nach 1918 und ersetzen eine tschechische durch eine österreichische Karriere.

Demografisch ähnelt Imperial-Europa dem heutigen Afrika, das seit 1950 von 230 Millionen auf 1,25 Milliarden zulegte. Seiner Armut entgeht das Abendland ab 1500 durch die historisch neue Kombination hoher Geburtenzahlen mit den zinsgetriebenen Innovationen der Eigentumswirtschaft. Waffen kommen von Unternehmern, die immer effektiveres Gerät auf die Märkte schicken. Das entscheidet den Kampf gegen Steinzeit-Regionen, die mit nur zwei bis drei Kindern pro Frau keine Verluste absorbieren können.

Nach dem Verbrennen von 24 Millionen Jünglingen zwischen 1914 und 1945, dem Fall der Kinderzahlen von 5 auf 1,5, dem Anstieg des Durchschnittsalters von 20 auf 42 Jahre ist die Alte Welt Geschichte. Weil aber ihre Ethnien immer noch viel können, müssen sie sich gegen Vergreisung gegenseitig kannibalisieren. Man schwächt den Nachbarn nicht mehr durch Invasionsarmeen, sondern durch Abwerben seiner Talente.

18 Millionen Genozid-Tote seit 1970

Während im K.u.k.-Raum die Minderheiten sich aber „nur“ um 50 Prozent stärker vermehren als ihre „Herrenvölker“, geht es in den Kolonien seit 1945 um das Drei- bis Vierfache schneller voran. Uganda etwa schafft – neben monströsen Massakern – seit 1945 eine gute Verzehnfachung von 4 auf 43 Millionen. Extreme Opfer fallen erst nach dem Sieg über die „Weißen“ an, weil fünf oder zehn Rebellen um nur eine frei gewordene Pfründe kämpfen müssen, wodurch die Revolutionen ihre Brüder fressen.

Mit rund 18 Millionen Kriegs- und Genozid-Toten seit 1970 bleibt Afrika allerdings maßvoll gegenüber den Megatötungen durch Kommunisten, Nationalsozialisten und Weltschlachten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dass die neuen 1,2 Milliarden Afrikaner bis 2050 – mit den bisher schlechtesten Schülern und wenigsten Patenten – sich damit begnügen, ist bei einem Kriegsindex zwischen 3 und 8 heute sowie immer noch 2 bis 6 um 2050 eher unwahrscheinlich.

Im zweiten Teil morgen geht es um alten und neuen Separatismus.

Demografische Daten in diesem Beitrag stammen unter anderem aus:

http://www.populstat.info/; 
http://www.tacitus.nu/historical-atlas/population/centraleurope.htm; https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_population_in_1800; http://www.actite.eu/en/la-mia-europa/leuropa-in-rapporto-al-mondo-gli-abitanti/; https://www.reddit.com/r/MapPorn/comments/6lgvdm/median_age_by_continent_6460x3455/; 
https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_largest_empires; https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1723/umfrage/weltbevoelkerung-nach-kontinenten/.

Gunnar Heinsohn (*1943) lehrt Kriegsdemografie am NATO Defense College in Rom.

 

Teil 2

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Leserpost (16)
Bettina Rosenberger / 06.02.2018

Dazu ein Welt-Artikel aus dem Jahre 2004: Vorsicht - ganz viele junge Männer. Herr Heinsohn hatte das ganze schon viel früher durchblickt….

Mike Loewe / 06.02.2018

Diese historische Analyse aus der Vogelperspektive ist zwar interessant und gut, ich finde es aber ungeschickt, schon im ersten Satz die Bundesrepublik mit dem Deutschen Reich und seinen Kolonien zu vergleichen oder zu konterkarieren, als ob es keine anderen historischen Momente gab. Man muss seinen Gegnern ja nicht unbedingt jedes Klischee frei Haus liefern.

Marcel Seiler / 06.02.2018

Im Gegensatz zu einigen Lesern hier fand ich die Zahlen nicht störend, im Gegenteil: erhellend. – Natürlich hat Leser Volker Sauer Recht: nur eine sichere Grenze kann uns hier schützen. Zusätzlich brauchen wir eine Kultur- und Gesellschaftspolitik, die die Vorherrschaft der wissenschaftlichen, aufgeklärten, säkularen europäischen Kultur in unserem Land und in Europa sicherstellt, auch gegenüber Kulturen, die sich selbst als von Gott gestiftet und daher mit überlegenem Recht ausgestattet wähnen.

Martin Landvoigt / 06.02.2018

Offene Fragen zu stellen, wie Udo Schreck, ist in der Tat eine wesentliche Leistung. Denn immer zu tun, als wüsste man alles, ist dem Erkenntnisprozess nicht dienlich. Dennoch kann man sich an Interpretationen versuchen. Heinsohns Kriegsindex baut auf der Überlegung auf, dass sich Volkswirtschaften nicht so dynamisch entwickeln wie die Population. Unter der Annahme, dass die Anzahl der Jobs (Pfründe) nur wenig verändert, ist die Konkurrenz der Jungen um die frei werdenden Positionen der Ruheständler ein kritischer Faktor: Denn finden die Jungen keinen Platz in der Gesellschaft, werden sie mit Ihrer Energie irgend etwas anfangen wollen. Ob das nun Marodieren oder Kriminalität, Auswandern oder Kriege betrifft. Ein frappierend einfaches Modell, dass vor allem dadurch verschleiert wird, dass es von Ideologie überlagert wird. Die vorgeblichen Gründe der Aggressivität sind aber letztlich nicht die Ursache, sondern nur Ausdruck tiefer liegenden objektiver Ursachen, die sich Bahn brechen. Man kann Heinsohns Ansatz kritisieren, dass er eine weitgehend statische Gesellschaft unterstellt, die einen demographischen Austausch mit Folgegenerationen als Gegenmodell zum Krieg vereinfacht. Die gesellschaftliche Dynamik, der technisch wissenschaftliche Fortschritt, trägt auf vielfältige weise bei: Zum einen verbreitert er die Lebensgrundlagen und schafft mehr Jobs, die eben jenen demographischen Druck auffangen kann, zumindest teilweise. Zum Anderen erhöht der medizinische Fortschritt den Druck durch erhöhte Lebenserwartung. Ich meine, das Konzept ist tatsächlich wertvoll, denn im Besonderen in stark wachsenden Gesellschaften hält die Wirtschaftsentwicklung nicht mit und baut enormes Aggressionspotential auf, dass viele aktuelle Entwicklungen besser verstehen lässt.

H.Roth / 06.02.2018

Während meiner Schulzeit (80-er Jahre) schaute man - ausser auf das drohenden Waldsterben - noch mit Schrecken auf die Bevölkerungsentwicklung in Indien und China. Das sind heute die Länder, mit dem größten Wirtschaftswachstum weltweit. Nun, das haben diese Länder durch eine rigorose Politik gut in den Griff bekommen. Von den Ländern in Afrika wünscht man sich ebenso, dass sie “erwachsen ” werden, und im Interesse ihrer Bevölkerung agieren. Das Hauptproblem ist doch gerade die Perspektivlosigkeit der jungen Menschen, die sie zum Abwandern von einem im Grunde ressourcenreichen Kontinent drängt. Ich verstehe auch nicht, dass pauschal das Bevölkerungswachstum als Kriegsursache herangezogen wird. Krieg gibt es schon seit “Kain seinen Bruder Abel totschlug” und die Erde weit weniger bevölkert /ausgebeutet war. Da spielt doch sehr entscheidend die prägende Kultur eine Rolle. Es ist doch auffällig, dass vor allem junge Männer aus islamisch geprägten Ländern Afrikas “flüchten”. Ich wage zu behaupten, dass ihr Interesse, nach Europa zu kommen, nicht allein materiell begründet ist, sondern sie verstehen sich ebenso als “Missionare” ihrer Ideologie. Und auch die Boko Haram führen den Krieg in ihrem Land doch nicht, weil sie um Ressourcen streiten, sondern, weil sie das Land konsequent islamisieren möchten.

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